Familienmagazine
Die Eltern wollen nur noch überleben
Erschöpft, verzweifelt: Magazine für Eltern zeugen von dem
Kraftakt, Kinder zu haben. Mittlerweile sind klagende Titelstories
Programm. Besonders radikal geht „Brigitte Mom“ zur Sache.
Von
Christina Hucklenbroich
Das Segment der Elternzeitschriften steht
traditionell unter Druck. Die Geburtenraten steigen im einen oder
anderen Jahr verhalten, bewegen sich aber durchgängig auf niedrigem
Niveau. Und die Konkurrenz durch Gratisblätter und das Internet ist
groß. Als Hauptproblem sehen Branchenkenner allerdings das begrenzte und
wenig veränderbare Themenspektrum an. Töpfchentraining und
Kinderhotels, Abstillen und künstliche Befruchtung, Grenzensetzen und
die besten Tragesäcke - tatsächlich kann man sich da wenig Variation
denken zwischen 1982 und 2012.
Kein Wunder, dass neue Trends gleich von allen
Magazinen aufgegriffen werden. Ein Thema allerdings wird seit Monaten
beinahe zwanghaft dekliniert - und zwar immer wieder von neuem, als ob
es sich nicht verbrauche. Alle springen auf den Zug auf, vom
traditionsreichen Marktführer „Eltern“ bis zum Newcomer „Nido“, von den
Ablegern der Etablierten wie „Eltern Family“ bis zu den kleineren
Themenmagazinen wie „Lob“, das sich nur an berufstätige Eltern richtet:
Es ist das Jammern über einen kaum noch zu bewältigenden Alltag,
Überforderung, Erschöpfung und Stress; daneben die wütende Trauer um das
entspannte Leben als Dinks („Double income no kids“-Pärchen), das man
für immer verloren hat. Die Kinder werden hier von ihren Eltern nicht
mehr, wie in der öffentlichen Debatte oft suggeriert, als ehrgeiziges
Projekt gesehen, sondern als eine Art Naturkatastrophe, die ins Leben
einbricht und den Alltag unerträglich macht. Beklagt wird vor allem der
Wegfall aller Rückzugsmöglichkeiten für die Eltern nach der Geburt eines
Kindes. Es ist Journalismus für Mütter und Väter, die im Chaos nur noch
ihre Ruhe wollen - und sich entlastet fühlen sollen, weil endlich
jemand diesen Wunsch offen thematisiert.
„Wie glücklich machen Kinder?“
Im
vergangenen Jahr gab es erste Ansätze, kleine Kolumnen, kurze Passagen
in Editorials, die sich dem Frust der Eltern darüber, Eltern zu sein,
annahmen. Dann schaffte es der Eltern-Stress auf die Titel, auf den von
„Nido“ zum Beispiel. Das Magazin für urban lebende Mittdreißiger mit
Kleinkind erscheint seit 2009 bei Gruner+Jahr; etwa 50000 Exemplare
werden pro Monat verkauft. „Es ist ein relativ neues Phänomen, offen zu
sagen, dass Kinder nicht nur toll, sondern auch anstrengend sein
können“, sagt Vera Schroeder, stellvertretende Chefredakteurin von
„Nido“. „Auszusprechen, dass ein Kind auch anstrengend sein kann, ist
nicht mehr gesellschaftlich tabuisiert. Man kann da durchaus von einem
Trend sprechen, was auch viele Blogs zeigen, in denen Mütter sich Luft
machen, und auch Bücher mit der Perspektive ,Ich sag ’s jetzt mal
ehrlich‘.“ Die Zeitschrift „Nido“ verfolgt ein Unisexkonzept, mit
Erfolg: Gekauft wird das Magazin zu achtzig Prozent von Frauen, in 65
Prozent der Fälle liest der Partner mit, ergaben Marktanalysen.
In den stetig wachsenden Bemühungen um die
Gleichberechtigung sieht Vera Schroeder auch eine Ursache für die
schlechte Stimmung, der sich die Elternmagazine widmen: „Die Eltern
merken, wo überall die Vereinbarung von Beruf und Familie noch nicht
funktioniert. Das trägt zur Unzufriedenheit bei.“ Zudem würden die
Menschen heute später Mutter oder Vater: „Man hat deshalb schon vorher
ein komplettes, oft erfülltes Leben gehabt und merkt auch bei all dem
Glück, das Kinder bedeuten, dass man auf ein paar Dinge jetzt verzichten
muss.“
Das
Magazin „Nido“ setze zwar den Schwerpunkt darauf, Elternschaft positiv
zu schildern. Dennoch sei man nicht darum herumgekommen, die allgemeine
Stimmung aufzugreifen, zunächst mit der Rubrik „Locker machen“, die bis
Anfang des Jahres regelmäßig erschien, schließlich mit einer Titelstory
im April: „Wie glücklich machen Kinder?“ Der Artikel erstreckt sich über
neun Seiten; unter anderem beschreibt hier eine Mutter dreier fast
erwachsener Teenager, wie sie durch die leere Wohnung streift, während
die selbständig gewordenen Kinder ausgeflogen sind, und versucht, ein
Gefühl von Melancholie in sich aufzuspüren. Doch der Versuch misslingt:
In ihr macht sich nur Erleichterung darüber breit, endlich wieder frei
zu sein.
Ein Ächzen und Stöhnen
Dass Eltern es
schwer haben, darf in keinem Blatt fehlen. Selbst das Magazin „Family“
(Auflage 56000 Stück), das aus dem christlichen Medienhaus
SCM-Bundesverlag stammt und das Konzept „Familie“ ohne Wenn und Aber
befürwortet, widmete sich in seiner Januar/Februar-Ausgabe dem Thema
Stress. Der Artikel „Endlich Stille!“ konzentriert sich auf Praxistipps
für die Leser, wie sie im durchgetakteten Familienalltag Zeit abzweigen
können für ein Gespräch mit Gott - etwa indem man sich die Losungen der
Herrnhuter Brüdergemeinde aufs Handy lädt oder beim Stillen eine
Hörbibel nutzt. Doch selbst hier gibt die Autorin mit einem erschöpften
Seufzen zu: „Ich habe die überwiegende Zeit meines Mutter-Daseins damit
gehadert, dass ich an meine Stille- und Gebetsgewohnheiten aus meiner
langjährigen Singlezeit nicht mehr anknüpfen kann.“
Ihre Tochter stellt sie vor als „Frederike, drei
Jahre, endlich im Kindergarten“. Ein Stoßseufzer, zugleich eine
Kapitulation: Die Eltern wollen nur noch überleben, sonst nichts. Sogar
Hochglanzmagazine wie „Mum“ und „Luna“, die sich dem Konsum verschreiben
und sich damit beschäftigen, wie Eltern „gutgelaunt und superfashy mit
Babybauch und Baby durch den Winter kommen“, lassen sich anstecken und
fragen im Editorial, ob man sich wirklich ein zweites Kind zumuten will,
wenn das erste gerade aus dem Gröbsten raus ist: „Will man das, was man
sich hart erarbeitet hat, wieder zugunsten eines Säuglings aufgeben
oder nicht?“ („Mum“). Es ist ein Ächzen und Stöhnen, ein Jammern und
Klagen.
Erziehungstipps Fehlanzeige
Radikaler als
„Brigitte Mom“ aber greift niemand diese Stimmung auf. Reisereportagen
heißen hier „Einer heult immer“ und die Redaktionsleiterin beschreibt
den für sie perfekten Urlaub so: Sie bringt die Kinder in die Kita,
lässt sie vom Vater abholen und taucht drei Tage lang in der eigenen
Stadt ab, wo sie sich ein Hotelzimmer nimmt, in den „alten
Lieblingscafés“ sitzt und mal richtig ausschläft. „Brigitte Mom“, wie
„Balance“ und „Woman“ ein Ableger der Frauenzeitschrift „Brigitte“, war
im vergangenen Herbst zunächst als „one-shot“ einmalig erschienen.
Nachdem innerhalb weniger Wochen 70000 Exemplare verkauft waren,
entschied man bei Gruner+Jahr, das Magazin solle regelmäßig erscheinen;
Anfang Mai kam die zweite Ausgabe heraus. In der Titelgeschichte geht es
um „die geheimen Muttergefühle“ - das sind dem Artikel zufolge
„Langeweile, Hass, Erschöpfung, Verzweiflung, Aggression, Widerwillen,
Hysterie, Neid, Überdruss“.
Ein ganzes Magazin lässt sich offenbar mit dem
Trend bestreiten, Stress und Überforderung offen zu thematisieren.
Erziehungstipps oder Reportagen über Einzelschicksale - etwa ein Leben
mit behindertem Kind - fehlen. In einer Pressemitteilung des Verlags
heißt es, man wolle in „Brigitte Mom“ auch künftig auf solche
„problemorientierten Ratgeber“ vollständig verzichten. Statt
individuelle Schwierigkeiten von Kindern - Schulversagen, Ängste,
Krankheiten - in den Blick zu nehmen, wie es Elternmagazine traditionell
taten, ist jetzt das bloße Vorhandensein von Familie das Problem.
Offenbar kann man mit diesem Konzept große Gruppen von Lesern ins Boot
holen: Die Startauflage von „Brigitte Mom“ liegt bei 165000 Exemplaren.
Belastung als Trend
Einzig „Eltern“, mit
einer monatlich verkauften Auflage von fast 300000 Stück Marktführer und
zugleich das älteste Magazin (1966 erstmals erschienen), hat bisher
verhalten auf den Trend reagiert. „Wir wollen Eltern nicht gleich auf
dem Titel zeigen, wie schwierig ihr Leben ist“, sagt Chefredakteurin
Marie-Luise Lewicki. „Das ist ja auch immer eine Frage des
Blickwinkels.“ Die meisten neuen Magazine, etwa „Nido“ und „Brigitte
Mom“, richteten sich an Menschen in Großstädten. „Dort muss man sehr
viel mehr Geld erwirtschaften, um überhaupt wohnen zu können, die Wege
sind länger - alles Stressfaktoren für Eltern. Viele unserer Leser leben
auf dem Land und fühlen sich sicherer und weniger gestresst. Dass es
nur anstrengend ist, Eltern zu sein, ist eher ein Großstadtthema.“
Dennoch sei für die „Eltern“-Redaktion klar, dass
sich Eltern heute deutlich belasteter fühlen als noch vor zehn Jahren,
was auch die regelmäßigen Forsa-Umfragen im Auftrag des Magazins
ergeben. Bei „Eltern“ sehe man aber noch genug andere Themen, die im
Trend liegen - derzeit ziehe vor allem der Themenbereich
„Lebenskonzepte“ Leser an. „Dabei geht es nicht um arbeiten gehen oder
nicht - da ist die Power raus, die meisten Frauen gehen ohnehin nach
einem Jahr wieder arbeiten“, sagt Marie-Luise Lewicki. Eltern
interessierten sich eher für Fragen wie „Vegetarisch essen von Anfang
an“, „Impfen oder nicht“ oder „Aufs Land ziehen oder nicht“, und auch
das Thema „Glaube“ komme wieder. Ganz verschließen will man sich aber
dem Trend, die Belastung thematisch in den Vordergrund zu stellen, auch
nicht: Im September startet „Eltern“ eine sechsteilige Serie, in der es
nur um Alltagsbewältigung und „Work-Life-Balance“ geht. Hier soll
diskutiert werden, wie Eltern es sich in unterschiedlichen Bereichen
ihres Lebens - etwa beim Essen oder Wohnen - wenigstens ein bisschen
leichter machen können.