aus Süddeutsche.de, 18. 4. 2012
Zwei Teelöffel mehr Grips
Etliche Gene sind an der Ausbildung unserer Intelligenz
beteiligt und die Umwelt spielt auch noch eine Rolle. Doch nun haben
Wissenschaftler das bisher stärkste Intelligenz-Gen gefunden. Es macht
Menschen um 1,3 IQ-Punkte schlauer.
Ein Intelligenz-Gen ist gefunden worden. Das kraftvollste
seiner Art. Die Nachricht lässt staunen und weckt sogleich
Befürchtungen: Wird es bald eine neue Selektion im Mutterleib geben, um
möglichst intelligente Kinder zu bekommen? Doch Aufregung ist völlig
unnötig. Denn das neu entdeckte Intelligenz-Gen hat zwar einen so großen
Einfluss auf das geistige Leistungsvermögen seines Besitzers wie kein
Gen zuvor (Nature Genetics, online).
Doch ob man die richtige Variante von dieser Erbanlage hat oder
die falsche, das macht gerade mal einen Unterschied von 1,3 Punkten im
Intelligenzquotienten (IQ) aus. Ein IQ von 100 Punkten ist Durchschnitt,
alles zwischen 85 und 115 gilt als normal.
Der Fund des neuen Intelligenz-Gens belege nur noch einmal,
dass es zwar erbliche Faktoren gibt, die sich auf die geistige
Leistungsfähigkeit eines Menschen auswirken, kommentiert der
Neuropsychologe Steven Pinker von der Harvard-Universität. Aber er zeige
auch, dass Intelligenz offenbar auf einer großen Zahl von Genen mit
jeweils kleinem Effekt beruht und nicht auf wenigen Genen mit
durchschlagendem Effekt. Womöglich spielten Hunderte Erbfaktoren
eine Rolle.
Die kognitive Leistungsfähigkeit hänge zu einem hohen
Prozentsatz vom genetischen Erbe ab, sagt auch der Psychologe Ian Deary
von der University of Edinburgh. So viel sei inzwischen sicher, die Umwelt spiele eine vergleichsweise untergeordnete Rolle.
Doch dass es ein Mastergen für Intelligenz gibt, schließt auch
Deary aus: Seit Jahren suchten Forscher nun danach, doch bislang hätten
sie kaum Gene beschrieben, die überhaupt nennenswerten Einfluss auf die
Intelligenz gesunder Individuen hätten.
So waren auch enorme Anstrengungen nötig, um die Mutation mit
der 1,3-Punkte-Verstärkung zu finden. 207 Wissenschaftler aus zwölf
Ländern haben sich dafür unter der Führung von Paul Thompson von der
University of California in Los Angeles zusammengetan. Sie nahmen
DNA-Proben von mehr als 20.000 Menschen und führten mit diesen eine
sogenannte Genomweite Analyse durch: Pro Person untersuchten sie mit
Hilfe eines DNA-Chips, der kaum größer ist als die Speicherkarte in
einem Fotoapparat, eine Million Genabschnitte auf einmal. Außerdem
schoben sie ihre Probanden noch in einen Kernspintomographen, um ihnen
ins Gehirn zu blicken.
Dabei fanden sie zunächst einen auffälligen Zusammenhang
zwischen der Größe des Gehirns und einem Gen namens HMGA2. Dieses Gen
ist ein alter Bekannter. Vor Jahren schon zeigte sich, dass es die
Körpergröße von Menschen beeinflusst. Doch nun erkannte das Konsortium
der 207 Forscher: Wenn im HMGA2 eines Menschen eine einzige Base
ausgetauscht ist, nämlich Thymin (T) gegen Cytosin (C), dann ist sein
Gehirn um rund 0,6 Prozent größer, also um neun Kubikzentimeter. "C ist
der gute Buchstabe", sagte Studienleiter Thompson dem Magazin New Scientist. "Er bedeutet einen Gewinn von etwa zwei Teelöffeln."
Die Forscher wollten mehr über HMGA2 wissen - und suchten bei
1642 Zwillingen aus Australien weiter. Diese hatten im Rahmen einer
Studie schon einmal an einem IQ-Test
teilgenommen, dessen Ergebnis nun mit den HMGA2-Mutationen verglichen
werden konnte. Dabei zeigte sich jener Zuwachs von 1,3 IQ-Punkten für
die C-Mutation.
Ein größeres Gehirn soll mehr Intelligenz bedeuten? Solche
Überlegungen wurden jahrelang vor allem belächelt. Als skurril gelten
inzwischen die Ambitionen des Hirnforschers
Oskar Vogt, der Mitte der 1920er-Jahre das Gehirn Lenins auf der Suche
nach Belegen für die Genialität des Sowjetführers zerschnitt. Lag Vogt
also doch nicht falsch?
"Das Interessante an unserem Befund ist tatsächlich, dass hier
ein Gen, das mit dem IQ assoziiert ist, direkt mit der Größe des Gehirns
korreliert werden konnte", sagt der Psychiater Hans-Jörgen Grabe von
der Universität Greifswald, einer der 207 Wissenschaftler.
Es sei gewiss ein Trugschluss, dass ein großes Gehirn generell
für Intelligenz stehe: "Wenn man nur ein großes Gehirn hat, sagt das
noch nichts über die Qualität der neuronalen Verschaltungen aus", so
Grabe. Dennoch sei es plausibel, dass sich Intelligenz in Strukturen
widerspiegele. Die Gene bestimmten schließlich auch alle Formgebung
im Körper.