Samstag, 28. April 2012

Leviathan fletscht die Zähne.

aus FAZ.NET, 28. 4. 2012

Alle Kinder müssen in die Kita  



...Kraft sagte der F.A.S., die SPD sei sich mit der CDU bisher darin einig gewesen, dass Bildung in der Kita beginnen müsse. „Dann müssen wir auch sicherstellen, dass alle Kinder da sind.“ Es sei „vollkommen unsinnig“, eine „Prämie“ dafür zu zahlen, dass Kinder öffentlicher Betreuung der Kita fernblieben. „Es würde auch keiner auf die Idee kommen, jemandem einen Bonus zu zahlen, der nicht ins Museum geht.“ Überdies würde sich jeder Kitaplatz volkswirtschaftlich lohnen, weil Mütter dann erwerbstätig sein und Steuern und Sozialleistungen zahlen könnten, anstatt Transferleistungen zu beziehen.
Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, befürwortete es gegenüber der F.A.S., eine allgemeine „Kitapflicht sachlich zu diskutieren“. Die Herausforderungen an Erziehung seien heutzutage anders als vor vierzig Jahren. Allerdings sei für eine Diskussion über die Kitapflicht noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Zunächst müssten Kitaplätze geschaffen werden, zumal da sich bei einer Verpflichtung die Frage der Finanzierung stellen würde. „Eine durchgehend kostenfreie Kita ohne soziale Staffelung der Kosten fände ich falsch“, sagte Özdemir. Das Betreuungsgeld dagegen gleiche einer Prämie für Abiturienten, die nicht auf die Uni gehen.

Norbert Bischoff (SPD), Minister für Arbeit und Soziales von Sachsen-Anhalt, sprach sich für eine Kindergartenpflicht aus. Auch sie sei eine Frage des Geldes, sagte er der F.A.S.. „Wenn der Bund sich beteiligen würde, fände ich es gut, das letzte Jahr vor der Schule verpflichtend zu machen, eventuell auch die beiden Jahre davor“, sagte Bischoff. Diese Kindergartenpflicht müsse dann der Schulpflicht entsprechend gestaltet sein. Eine Parallele zur Kitapflicht in der DDR sieht Bischoff nicht. „Bei der Kitapflicht ging es in der DDR um Indoktrinierung, hier geht es um frühkindliche Bildung.“ Die Bildung beginne ab dem zweiten Lebensmonat, dies habe die Hirnforschung festgestellt. Man müsse in diesen Fragen allerdings die Eltern einbinden, nach dem Vorbild von Frankreich oder Skandinavien. „Dann wird Deutschland auch wieder ein kinderfreundlicheres Land.“

Mittwoch, 25. April 2012

ADHS ist ein Mittel zur Diskriminierung von Jungen.


aus scinexx

ADHS wird zu häufig diagnostiziert

Urteil wird anhand von Faustregeln statt mithilfe gültiger Diagnosekriterien gefällt  

Was Experten und die Öffentlichkeit schon lange vermuten, haben Forscher nun erstmals auch mit aussagekräftigen Daten belegt: ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-störung, wird zu häufig diagnostiziert. Psychotherapeuten und Psychiater für Kinder und Jugendliche fällen ihr Urteil offensichtlich eher anhand von Faustregeln, statt sich eng an die gültigen Diagnosekriterien zu halten. Insbesondere bei Jungen stellen sie deutlich mehr Fehl- diagnosen als bei Mädchen.

Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie über die Professor Silvia Schneider und Professor Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) sowie Dr. Katrin Bruchmüller von der Universität Basel jetzt im „Journal of Consulting and Clinical Psychology“ und in der Fachzeitschrift „Psychotherapeut“ berichten.

Leon hat ADHS, Lea nicht

Befragt haben die Forscher insgesamt 1.000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater bundesweit. 473 nahmen an der Befragung teil. Sie erhielten je eine von vier unterschiedlichen Fallgeschichten, sollten eine Diagnose stellen und eine Therapie vorschlagen. In drei der vier Fälle lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung diagnostizierbar.

Da die Wissenschaftler auch noch das Geschlecht der „Patienten“ variierten, wurden insgesamt acht verschiedene Fälle beurteilt. Daraus ergab sich bei je zwei gleichen Fallgeschichten ein deutlicher Unterschied: Leon hat ADHS, Lea nicht.

Männlich und auffällig: der „Prototyp“ macht’s

Viele Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater gehen dabei offensichtlich eher heuristisch vor und entscheiden nach prototypischen Symptomen, so die Wissenschaftler. Der Prototyp ist männlich und zeigt Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration oder Impulsivität. Die Nennung dieser Symptome löst bei den Diagnostikern nach Angaben der Forscher in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus.

Treten diese Symptome bei einem Jungen auf bekommt er die Diagnose ADHS, die identischen Symptome bei einem Mädchen führen jedoch zu keiner ADHS-Diagnose. Es spielt zudem eine Rolle, wer die Diagnose stellt: Mann oder Frau. Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche.

Inflationäre Diagnosen, mehr Medikamente, höhere Tagesdosen

Fast schon inflationär hieß es in den vergangenen Jahrzehnten bei den „Zappelphilipps“ und schwierigen Kindern: Diagnose ADHS. Zwischen 1989 und 2001 stieg die Anzahl den Forschern zufolge in der klinischen Praxis um unglaubliche 381 Prozent. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich in einem vergleichbaren Zeitraum von 1993 bis 2003 verneunfacht – beispielsweise für das leistungssteigernde Mittel Methylphenidat.

In Deutschland berichtet etwa die Techniker Krankenkasse für ihre Versicherten der Altersgruppe sechs bis 18 Jahre einen Anstieg der Methylphenidat-Verschreibungen um 30 Prozent in der Zeit von 2006 bis 2010. In diesen Jahren haben sich auch die Tagesdosierungen im Schnitt um zehn Prozent erhöht.

Bemerkenswertes Forschungsdefizit

Nimmt man nur diese Zahlen, so ergibt sich ein erhebliches Forschungsdefizit. „Dem großen öffentlichen Interesse steht eine bemerkenswert geringe Basis an empirischen Studien zu diesem Thema gegenüber“, so Schneider und Bruchmüller. Gab es in den 1970er und 1980er Jahren einen „gewissen Aufschwung“ in der Untersuchung von Häufigkeit und Ursachen von Fehldiagnosen, beachtet die Forschung dies seitdem kaum noch.

Die aktuelle Studie zeigt: Um eine falsche Diagnose bei ADHS und eine vorschnelle Behandlung zu verhindern, ist es entscheidend, sich nicht auf seine Intuition zu verlassen, sondern sich klar an den festgelegten Kriterien zu orientieren. Das gelingt am besten mit Hilfe von standardisierten Befragungsinstrumenten, zum Beispiel diagnostischen Interviews. (Psychotherapeut 2012, DOI:10.1007/s00278-011-0883-7)

(Ruhr-Universität Bochum, 02.04.2012 - DLO) 
 
Nota.

Dass physiologisch männliche Therapeuten so viel schneller bereit sind, ADHS (fehl-) zu diagnostizieren, zeigt an, wie wenig mit der Parole "mehr Männer in die Erziehung" getan wäre. Es geht um die mentale Feminisierung des ganzen pädagogischen Feldes - in der sich pp. männliche Pädagogen um so mehr hervortun, als sie sich ihrer Herkunft schämen.
J.E. 

Dienstag, 24. April 2012

Schatzsucher.

 
aus Die Presse, Wien, 20. 4. 2012
 
Hirnforscher fordert Umdenken bei Lehrern

Als Lehrer geeignet seien nicht die, die Kindern "nur was beibringen wollen", sagt Neurobiologe Gerald Hüther. Er entwickelt den Masterlehrgang "Potenzialentfaltungscoach". 

"Wir haben uns geirrt", sagt der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther. Nicht Gene entscheiden bei Kindern über Intelligenz, Dummheit oder Faulheit - sondern welche Möglichkeiten aus dem "riesigen Überschuss an Vernetzungsoptionen im Gehirn" durch Erwachsene bedient werden. "Jedes Kind ist im Grunde genommen hochbegabt", sagt der Hirnforscher von der Uni Göttingen, "jedes auf seine Weise talentiert. Und die einzigen, die blöd sind, sind wir (die Erwachsenen, Anm.)." Damit Lehrer von Wissensvermittlern zu "Schatzsuchern" werden, lanciert Hüther in Deutschland nun den Masterlehrgang "Potenzialentfaltungscoach", den er auch Pädagogischen Hochschulen (PH) in Österreich anbieten will.

Hüther will die modernen Erkenntnisse der Hirnforschung in die Bildungssysteme hineintragen, "damit sich dort jene Veränderungen umsetzen lassen, die eigentlich notwendig sind, damit unsere heranwachsende Generation die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern kann". In der Pädagogen-Ausbildung seien diese Erkenntnisse noch nicht angekommen. "Der Lehrer sieht sich nach wie vor wie im vorigen Jahrhundert als Wissensvermittler - das ist das Bild, das an Pädagogischen Hochschulen propagiert wird", so Hüther. "Es braucht eine andere Einstellung der Lehrer zu sich selbst, zu ihrer Rolle, den Schülern und Eltern." Zu Lehrern würden sich jene eignen, "die gerne Kinder inspirieren und ermutigen und nicht die, die ihnen nur was beibringen wollen". 

Schwerpunkt in Österreich bei Ausbildung 

In Österreich wird bei der geplanten neuen Lehrerausbildung daher ein "Schwerpunkt auf Lernen und Hirnforschung" gelegt, wie Andreas Schnider, Leiter des Entwicklungsrats für die neue Lehrer-Ausbildung, betont. "Wir führen derzeit unterschiedlichste Gespräche mit Persönlichkeiten, die wir uns mit an Bord vorstellen könnten", so Schnider. Hüther ist einer dieser Wissenschafter, deren Expertise u.a. zur Entwicklung möglicher neuer Weiterbildungsangebote an PH herangezogen wird. Ob beim geplanten offiziellen Start des Masterlehrgangs "Potenzialentfaltungscoach" 2013 in Deutschland auch österreichische Hochschulen mitmachen, könne man noch nicht sagen. "In diesem Stadium sind wir noch nicht", so Schnider, "das kann sich alles in unterschiedlicher Art und Weise entwickeln."

Hüther fordert jedenfalls ein generelles Umdenken. Jedes Kind werde mit denselben Begabungen wie Neugier, Offenheit, Gestaltungslust, Empathie- und Begeisterungsfähigkeit und zusätzlichen individuellen Talenten geboren. Nur unter den richtigen Voraussetzungen können sich diese auch entfalten. "Im Hirn entstehen nur dann stabile Netzwerke und formen sich zeitlebens heraus, wenn die emotionalen Zentren mit aktiviert werden", so Hüther. "Das heißt: Es muss unter die Haut gehen, sonst passiert nichts im Hirn." Eben weil sich kleine Kinder an vielem begeistern, lernen sie viel. Und es müsse nicht Naturgesetz sein, dass "Kinder innerhalb der ersten paar Grundschuljahre all das verlieren, was sie da an Schatz mit auf die Welt gebracht haben". 

Lehrer als Schatzsucher 

Die Voraussetzungen, die ein Lehrer mitbringen muss, "bestehen darin, dass er eine Art Schatzsucher ist, der mit dem Schüler auf Augenhöhe in Kontakt tritt und versucht herauszufinden, was der braucht und kann, und wo das Herz bei dem höherschlägt", so Hüther. Aufnahmetests für angehende Lehrer hält er nicht für sinnvoll, denn "das, worauf es ankommt, ist nicht zu messen". Stattdessen forderte er für Lehrer ein "Probejahr" etwa als Hilfskraft an einer Schule noch vor der Ausbildung, ähnlich dem "sozialen Jahr" in Deutschland. 

Dabei kristallisiere sich schnell heraus, ob eine Person dem gewachsen ist. Denn neben der Qualifikation, Kinder für Dinge zu begeistern, die ihnen bisher bedeutungslos erschienen sind, müssten Lehrer auch "einen zusammengewürfelten Haufen zu einem leistungsorientierten Team umformen können". "Niemand kann alleine über sich hinauswachsen, man braucht dazu immer die anderen", so Hüther. "Das Hirn ist viel stärker durch soziale Erfahrungen geprägt und geformt als wir das bisher für möglich gehalten haben." Im Idealfall hat man dann "eine ganze Klasse, die etwa herausfinden will, warum Shakespeare 'Macbeth' geschrieben hat". Wissen, das sich Kinder gegenseitig aneignen, "wird auch nicht mehr vergessen".(APA)









Samstag, 21. April 2012

Schule schadet.

aus Der Standard, Wien, 16. 4. 2012

"Schule produziert lustlose Pflichterfüller"

Gerald Hüther über versaute Mathe-Karrieren - und was es braucht, dass Kinder nur ein Fünftel der Zeit in der Schule sein müssen

Interview von Karin Riss
STANDARD: Sie sagen, um nachhaltig zu lernen, braucht das Hirn vor allem Begeisterung. Aber kann Lernen ohne Druck überhaupt funktionieren?

Gerald Hüther: Die Hirnforschung kann inzwischen zeigen, dass sich im Hirn nur dann etwas ändert, wenn es unter die Haut geht. Das Hirn ist kein Muskel, den man trainieren kann, indem man viel übt. Im Hirn passiert immer erst dann etwas, wenn derjenige, der lernt, das für sich selbst als wichtig beurteilt. Denn nur dann lässt man sich davon berühren, dann gehen die emotionalen Zentren an. Und immer dann, wenn im Hirn diese emotionalen Zentren aktiviert werden, wird eine Art Dünger ausgeschüttet. Der düngt gewissermaßen das Dahinterliegende, was man im Zustand der Begeisterung an Netzwerken aktiviert hat. Und das führt dazu, dass man immer das, was man mit Begeisterung lernt, auch so gut behält. 


Warum lernen kleine Kinder so viel und leicht?

So ein kleiner Dreijähriger hat ja am Tag 50 bis 100 Begeisterungsstürme, wo dann jedes Mal diese Gießkanne der Begeisterung im Hirn angeht und wo das alles gedüngt wird. So, und dann schicken wir die Kinder in die Schule. Da stimmt doch irgendetwas nicht, wenn dann an dem Ort, wo eigentlich diese Begeisterung genutzt werden sollte, das Wichtigste verlorengeht, was die Verankerung dieser neuen Erfahrung im Hirn erst ermöglicht. Da sind wir mit unserem Schulsystem offenbar auf einem Irrweg gelandet. 



zum Thema 

Wie kann Schule in Hinkunft denn gelingen?

Es gibt bereits einige dieser anderen Schulen. Schulen, wo den Schülern etwas geboten wird, was sie verzaubert. Und das findet eben nicht statt, wenn man anfängt, Kinder zu unterrichten und ihnen etwas beibringen zu wollen. Es ist ein großes Missverständnis, zu denken, indem man dem anderen sagt, wie er's machen soll, könne man bei ihm im Hirn irgendeine Veränderung auslösen. So geht das nicht. Das geht nur, wenn der andere sich davon berühren lässt. Wenn er das toll findet. Dann will er's wissen. Und wenn er's wissen will, dann lernt er's auch. Es würde auch reichen, wenn die Kinder nur ein Fünftel der Zeit zur Schule gingen, wenn in dieser Zeit wirklich etwas passieren würde.

 

Was sagen denn Noten über einen Schüler aus?

Gute Noten haben diejenigen, die sich am besten an die Systemanforderungen anpassen können. Die machen die Matura mit 1,0, aber die haben das Entscheidende eigentlich verloren, nämlich die Leidenschaft. Die geht natürlich weg, wenn ich etwa in der fünften Klasse als Bub anfange, mich für Schmetterlinge zu interessieren, aber ich muss das in mir selbst unterdrücken, weil in der Zeit, in der ich mich mit den Schmetterlingen befasse, kann ich ja nicht Deutsch und Mathe machen. So produziert unser Schulsystem auch in den oberen Bereichen, wo die Besten scheinbar herausgelesen werden, junge Menschen, die zwar gut funktionieren, aber, böse gesagt: Das sind dann leidenschaftslos gewordene Pflichterfüller. Und die kann eine Wirtschaft in Österreich auch nicht mehr gebrauchen.



Stattdessen braucht es Schulen als Orte der Potenzialentfaltung. Wie geht das?

Eine ganze Klasse müsste zu einem Team werden, das unbedingt wissen will, wie die Fotosynthese funktioniert. Oder warum Shakespeare Macbeth geschrieben hat. Und dann ahnen Sie schon, dass die Kinder ungefähr zwei Wochen brauchen werden, um das alles herauszufinden. Aber das hätten sie sich alles selbst erarbeitet. Und das würden sie dann auch nicht wieder vergessen. Von außen kann man das Wissen dann nicht einflößen, da ist es sogar fast störend, wenn einer kommt und die Fotosyn- these oder Shakespeares Schreibmotive erläutert. Jede Erklärung, die man Kindern gibt, hindert sie daran, die Frage zu stellen und es selbst herauszufinden.



Es hängt an der Person des Lehrers?

Die Lehrer tun mir leid. Die sind ja einmal losgezogen und wollten Unterstützer werden von Kindern bei Lernprozessen. Wenn die das nur noch mit Mühe aushalten, dann liegt das eben auch daran, dass sie derzeit kaum eigene Gestaltungsspielräume haben. Im Grunde genommen geht es den Lehrern fast so wie den Schülern. Und dann kann es eben sehr leicht passieren, dass man als Lehrer aufgibt, dass man den Mut verliert. Dann ist man keiner mehr, der einlädt, dann ist man einer, der sich nur mehr selbst rettet und versucht, durchzuhalten, bis die Rente kommt. Das ist natürlich eine Katastrophe. Es hat ja noch gar keiner unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerechnet, was das später einmal alles kostet, wenn ein einzelner, mutlos gewordener Mathematiklehrer es fertigbringt, jedes Jahr zwanzig Schülern die Lust an Mathe zu versauen. Denn dann haben die ja meistens nicht nur die Lust an Mathe verloren, sondern auch an den Naturwissenschaften. Das heißt, da ist auf einmal etwas kaputtgegangen, was möglicherweise die gesamte Karriere und Entwicklung eines Kindes belastet. Und wenn man diese Kosten alle zusammenrechnet, könnte herauskommen, dass es besser wäre, diesen betreffenden Lehrer bei vollen Bezügen nach Hause zu schicken, als ihn noch einen Tag länger diesen Schaden stiften zu lassen.

GERALD HÜTHER (61)
ist Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität in Göttingen. Das gesamte, auf Video aufgezeichnete Interview wird auch am 21. und 22. April beim Bildungsfrühling in Perchtoldsdorf gezeigt. 

Mittwoch, 18. April 2012

Und wiedermal: Intelligenz.



aus Süddeutsche.de, 18. 4. 2012


Zwei Teelöffel mehr Grips 

Etliche Gene sind an der Ausbildung unserer Intelligenz beteiligt und die Umwelt spielt auch noch eine Rolle. Doch nun haben Wissenschaftler das bisher stärkste Intelligenz-Gen gefunden. Es macht Menschen um 1,3 IQ-Punkte schlauer.


Ein Intelligenz-Gen ist gefunden worden. Das kraftvollste seiner Art. Die Nachricht lässt staunen und weckt sogleich Befürchtungen: Wird es bald eine neue Selektion im Mutterleib geben, um möglichst intelligente Kinder zu bekommen? Doch Aufregung ist völlig unnötig. Denn das neu entdeckte Intelligenz-Gen hat zwar einen so großen Einfluss auf das geistige Leistungsvermögen seines Besitzers wie kein Gen zuvor (Nature Genetics, online).

Doch ob man die richtige Variante von dieser Erbanlage hat oder die falsche, das macht gerade mal einen Unterschied von 1,3 Punkten im Intelligenzquotienten (IQ) aus. Ein IQ von 100 Punkten ist Durchschnitt, alles zwischen 85 und 115 gilt als normal.

Der Fund des neuen Intelligenz-Gens belege nur noch einmal, dass es zwar erbliche Faktoren gibt, die sich auf die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen auswirken, kommentiert der Neuropsychologe Steven Pinker von der Harvard-Universität. Aber er zeige auch, dass Intelligenz offenbar auf einer großen Zahl von Genen mit jeweils kleinem Effekt beruht und nicht auf wenigen Genen mit durchschlagendem Effekt. Womöglich spielten Hunderte Erbfaktoren eine Rolle.

Die kognitive Leistungsfähigkeit hänge zu einem hohen Prozentsatz vom genetischen Erbe ab, sagt auch der Psychologe Ian Deary von der University of Edinburgh. So viel sei inzwischen sicher, die Umwelt spiele eine vergleichsweise untergeordnete Rolle.

Doch dass es ein Mastergen für Intelligenz gibt, schließt auch Deary aus: Seit Jahren suchten Forscher nun danach, doch bislang hätten sie kaum Gene beschrieben, die überhaupt nennenswerten Einfluss auf die Intelligenz gesunder Individuen hätten.

So waren auch enorme Anstrengungen nötig, um die Mutation mit der 1,3-Punkte-Verstärkung zu finden. 207 Wissenschaftler aus zwölf Ländern haben sich dafür unter der Führung von Paul Thompson von der University of California in Los Angeles zusammengetan. Sie nahmen DNA-Proben von mehr als 20.000 Menschen und führten mit diesen eine sogenannte Genomweite Analyse durch: Pro Person untersuchten sie mit Hilfe eines DNA-Chips, der kaum größer ist als die Speicherkarte in einem Fotoapparat, eine Million Genabschnitte auf einmal. Außerdem schoben sie ihre Probanden noch in einen Kernspintomographen, um ihnen ins Gehirn zu blicken.

Dabei fanden sie zunächst einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Größe des Gehirns und einem Gen namens HMGA2. Dieses Gen ist ein alter Bekannter. Vor Jahren schon zeigte sich, dass es die Körpergröße von Menschen beeinflusst. Doch nun erkannte das Konsortium der 207 Forscher: Wenn im HMGA2 eines Menschen eine einzige Base ausgetauscht ist, nämlich Thymin (T) gegen Cytosin (C), dann ist sein Gehirn um rund 0,6 Prozent größer, also um neun Kubikzentimeter. "C ist der gute Buchstabe", sagte Studienleiter Thompson dem Magazin New Scientist. "Er bedeutet einen Gewinn von etwa zwei Teelöffeln."

Die Forscher wollten mehr über HMGA2 wissen - und suchten bei 1642 Zwillingen aus Australien weiter. Diese hatten im Rahmen einer Studie schon einmal an einem IQ-Test teilgenommen, dessen Ergebnis nun mit den HMGA2-Mutationen verglichen werden konnte. Dabei zeigte sich jener Zuwachs von 1,3 IQ-Punkten für die C-Mutation.

Ein größeres Gehirn soll mehr Intelligenz bedeuten? Solche Überlegungen wurden jahrelang vor allem belächelt. Als skurril gelten inzwischen die Ambitionen des Hirnforschers Oskar Vogt, der Mitte der 1920er-Jahre das Gehirn Lenins auf der Suche nach Belegen für die Genialität des Sowjetführers zerschnitt. Lag Vogt also doch nicht falsch?

"Das Interessante an unserem Befund ist tatsächlich, dass hier ein Gen, das mit dem IQ assoziiert ist, direkt mit der Größe des Gehirns korreliert werden konnte", sagt der Psychiater Hans-Jörgen Grabe von der Universität Greifswald, einer der 207 Wissenschaftler.

Es sei gewiss ein Trugschluss, dass ein großes Gehirn generell für Intelligenz stehe: "Wenn man nur ein großes Gehirn hat, sagt das noch nichts über die Qualität der neuronalen Verschaltungen aus", so Grabe. Dennoch sei es plausibel, dass sich Intelligenz in Strukturen widerspiegele. Die Gene bestimmten schließlich auch alle Formgebung im Körper.

Sonntag, 15. April 2012

Ein Krieg der Knöpfe für erwachsne Arschlöcher.

aus FAZ, 11. 4. 2012

Ziemlich beste Feinde


Schade, Kinder: Christophe Barratiers Neuverfilmung des Filmklassikers „Krieg der Knöpfe“ jubelt den Jüngsten leider nur einen autoritären Mythos unter. Der Film ist ein Täuschungs-manöver gehüllt in schöne Bilder.
 
Von Bert Rebhandl
 
„Es lebe die Freiheit!“ Mit diesem Ruf klettert in Yves Roberts Klassiker „Krieg der Knöpfe“ (1962) der kindliche Held Lebrac aus der Krone einer eben gefällten Eiche. Er ging mit dem Baum zu Boden, blieb dabei zwar unverletzt, aber mit seinem Exil in den Wäldern ist es nun vorbei. Er muss ins Internat, die großen Schlachten, die er mit den Buben von Longeverne gegen die „Arschlöcher“ aus Velrans geschlagen hat, sind aber immerhin in die Geschichte eingegangen.


Zu Recht, denn „Krieg der Knöpfe“ erzählte eben von mehr als nur Kinderprügeleien. Ein filmisches Traktat über die „Pflichten der Bürger“ und über die Republik war das, vorgetragen zur Halbzeit der „dreißig glorreichen Jahre“, während deren Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg modern wurde und die Dörfer, Felder und Wälder zunehmend geringer achtete, in denen der „Krieg der Knöpfe“ stattfand. Der Fall der Eiche (aus der Möbel gemacht werden sollten) war ein starkes Epochensignal, wie auch der Freeze Frame, mit dem Yves Robert seinen Film damals beendete, drei Jahre nach François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“, auf den hier selbstbewusst angespielt wurde. Doch die höheren Weihen der „Nouvelle Vague“ wurden Robert nie zuteil. Er machte später zum Beispiel „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ und begab sich so auf eigene Popularitätswege.

 

„Der neue Krieg der Knöpfe“


Fünfzig Jahre später entstanden in Frankreich nahezu zur gleichen Zeit zwei Remakes vom „Krieg der Knöpfe“, aber nur eines davon kommt in Deutschland jetzt ins Kino. Es ist nicht die traditionalistischere Variante von Yann Samuell, der vor allem den Zeitpunkt der Handlung beibehielt, sondern eine markante Überarbeitung von Christophe Barratier, die aus gutem Grund im Original den Titel „Der neue Krieg der Knöpfe“ trägt. Das wesentlich Neue an dieser Adaption ist, dass die Geschichte historisch vorverlegt wurde, und zwar in das Jahr 1944 im besetzten Frankreich, in eine Zeit, in der montags die Schule mit einer Ergebenheitadresse an den Maréchal Pétain beginnt. Dienstags aber schon nicht mehr, „man soll es nicht übertreiben“. Mit dieser beiläufigen Episode ist der Ton für dieses Remake gesetzt, denn der Nostalgiker Barratier („Die Kinder des Monsieur Mathieu“) nützt die Möglichkeiten der Vorlage (der zugrunde liegende Roman von Louis Pergaud erschien schon 1912) für einen neuen republikanischen Mythos, der im Frankreich des 21.Jahrhunderts nur anachronistisch erscheinen kann und wohl auch soll.


Die Auseinandersetzungen zwischen den Kindern aus Longeverne und Velrans sind hier im Grunde nur Vorwand für einen Konflikt unter den Großen. Dass die Bewohner von Velrans „alles Kollaborateure“ seien, plappern zwar auch die Kleinen nach, gehört haben müssen sie das aber wohl von den Eltern. Was bei Robert noch als im besten Sinne naive Errichtung einer Republik durchgehen konnte („wir sind jetzt Eigentümer“, rufen die Kinder vor ihrer Hütte im Wald), wird bei Barratier zu einem Gründungsakt für eine Republik, mit der die Kinder gar nichts zu tun haben. Ihm geht es um ein Frankreich, das in seiner Gesamtheit gegen die Besatzer aus Deutschland war (nur ein Trottel namens Brochard hält es mit den Nazis) und das hier vor der idyllischen Landschaft der Auvergne eine neue „France profonde“ ergibt. Dazu gehört, dass Laetitia Casta (die Falbala aus „Asterix und Obelix gegen Cäsar“!) eine Bürgerin spielt, die ein jüdisches Mädchen versteckt; dazu gehört, dass der Vater des Helden Lebrac, bei Robert ein jähzorniger Schläger, ein wichtiges Mitglied der Résistance ist (und von Kad Merad gespielt wird - eine geschichtspolitisch opportunistischere Rollenbesetzung ist schwer denkbar).

 

Schöne Bilder, autoritärer Staat


Alles das, was bei Robert „von unten“ gedacht wurde (dass Kinder versuchsweise „Staaten“ spielen), wird bei Barratier „von oben“ in ideologische Dienste genommen. In beiden Filmen ist die Figur des dicklichen Jungen Bacaillé diejenige, an der sich die Politik des Films entscheidet. Auch Robert lässt hier einen offenen Rest an Ambivalenz bestehen, der sich in viele Richtungen auflösen lässt. Klassengegensätze spielen dabei ebenso eine Rolle wie Sündenbock-mechanismen, der „Monarchist“ Bacaillé wird auf jeden Fall Opfer eines Gewaltausbruchs, der sich nicht einfach in die Logik der allegorischen Auseinandersetzung integrieren lässt.


Die ganze Unverschämtheit, mit der Barratier vorgeht, wird hingegen in der Szene deutlich, in der er Bacaillés Schicksal interpretiert: Die Kinder treiben ihn als „dreckigen Verräter“ durch das Dorf, sie nehmen damit unwissentlich Szenen vorweg, mit denen Frankreich nach dem Krieg Rache an den Kollaborateuren nahm. Kanonisch wurde eine Fotografie von Robert Capa aus Chartres 1944, die Barratier hier indirekt aufgreift, die er den Kindern gewissermaßen unterjubelt. Die Freiheit, auf die dieser „neue Krieg der Knöpfe“ hinausläuft, beruht auf einem Täuschungsmanöver: Die Kinder kämpfen nicht mehr für sich, sie kämpfen für einen Staat, von dem sie nichts wissen sollen. Es ist der alte, autoritäre Staat, der sich in schöne Bilder hüllt.


Nota.

Habent fata sua libelli et pelliculae; nicht nur Bücher haben ihre Geschichte, sondern auch Filme - und in diesem Fall sowohl als auch. Als 1962 Yves Roberts Krieg der Knöpfe in die deutschen Kinos kam, monierte die in Hamburg erscheinende und notorisch mit dem Ersten Deutschen Friedensstaat verbandelte Andere Zeitung, der Regisseur habe die hochpolitische Romanvorlage von Louis Pergaud zu einer harmlosen Schulhofkeilerei infantilisiert - denn dort habe die ewige Feindschaft zwischen Longeverne und Velrans zum Hintergrund, dass das eine Dorf katholisch und das andere... protestantisch ist! 

Regisseur Barratier kehrt gewissermaßen zur Vorlage zurück und setzt noch einen fetten patriotischen Akzent obendrauf (freilich mit dem wirklichkeitsnahen Eingeständnis, dass nicht nur das ganze Nachbardorf kollaboriert, sondern auch die restistente Kinderrepublik ihren Verräter hat). Und doch war es Yves Robert, der damals die Spreu vom Weizen getrennt hat - indem er die staatsbürgerkundliche Erwachsenenparabel in ein Hohelied der Kindergesellschaft umgedichtet hat.
J. E.

Montag, 9. April 2012

Neues zur Legasthenie.

aus scinexx

Symbol-Test verrät Legasthenie schon im Vorschulalter 

Defizite in der visuellen Aufmerksamkeit zeigen spätere Probleme mit dem Lesen an  

Ob ein Kind eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, lässt sich schon im Kindergarten erkennen. Denn bereits vor der Einschulung haben solche Kinder Schwierigkeiten mit Aufgaben, die eine hohe visuelle Aufmerksamkeit erfordern. Das haben italienische Forscher in Tests herausgefunden. Die betroffenen Kinder können ein zuvor kurz gesehenes Muster schlecht von anderen, ähnlichen unterscheiden. Auch Suchspiele, bei denen sie beispielsweise alle Herzen in einer großen Symbolpalette finden und herausstreichen müssen, fallen ihnen schwerer. Kinder mit diesen Problemen hatten in der Schule später auch Probleme mit dem Lesenlernen. Dieses Ergebnis belege, dass die Fähigkeit zur visuellen Aufmerksamkeit bereits im Vorhinein anzeige, ob ein Kind später Schwierigkeiten beim Lesenlernen haben werde oder nicht, berichten die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

Bisher hatte man vor allem Schwierigkeiten im Hören und Verstehen von Sprache als Hauptproblem bei der Legasthenie angesehen. Überraschenderweise seien die Defizite in der visuellen Aufmerksamkeit aber sehr viel deutlichere Vorzeichen für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. "Das ist eine radikale Wende gegenüber dem bisher Bekannten", sagt Studienleiter Andrea Facoetti von der Universität von Padua. Denn es zeige, dass die Legasthenie auf Störungen in mehreren Bereichen der Wahrnehmung und Verarbeitung von Signalen beruhe.

Nach Ansicht der Forscher könnte die neue Erkenntnis auch die Behandlung von Kindern mit Legasthenie verbessern helfen - einer Störung, von der rund zehn Prozent aller Kinder betroffen seien. So könnten diese Kinder durch einfache visuelle Tests zukünftig früher und leichter erkannt werden. "Jüngste Studien haben zudem gezeigt, dass spezielle Förderprogramme vor dem Lesenlernen die späteren Leseprobleme der Kinder mildern können", sagt Facoetti. Übungen zur visuellen Aufmerksamkeit könnte bereits im Vorschulalter begonnen werden, um diesen Kindern gezielt zu helfen. Bermerkenswert sei auch, dass bestimmte Action-Computerspiele die visuelle Aufmerksamkeit von Kindern trainieren, wie Studien gezeigt hätten.

Entwicklung von 96 Vorschulkindern verfolgt

Für ihre Studie hatten die Forscher die Entwicklung von 96 Vorschulkindern bis zur zweiten Klasse verfolgt. Jedes Jahr absolvierten die Kinder dabei mehrere Tests zum Gedächtnis und
dem Sprachverständnis, um ihren Entiwcklungsstand zu überprüfen. Mit Tests zur Fähigkeit, Laute bestimmten Wörtern zuzuordnen und zwei Tests zur visuellen Aufmerksamkeit suchten die Forscher gezielt nach Vorzeichen für die Legasthenie.

Im ersten Test erhielten die Kinder ein Blatt mit mehreren Reihen von Symbolen. Darin sollten sie alle Symbole eines Typs - beispielsweise Herzen - durchstreichen. "In diesem Test machten die Kinder, die später Probleme mit dem Lesen hatten, bereits im Vorschulalter doppelt so viele Fehler wie die Kinder ohne Leseschwäche", berichten Facoetti und seine Kollegen.

Im zweiten Test zeigten die Forscher den Kindern jeweils für sehr kurze Zeit verschiedene Tafeln, auf nur einer davon war eine schräg nach rechts oder links geneigte Ellipse zu sehen. Anschließend sahen die Kinder eine Tafel mit vier verschiedenen, in unterschiedliche Richtungen geneigten Ellipsen, aus der sie die zuvor gesehenen heraussuchen sollten. Auch in diesem Test schnitten die 14 Vorschulkinder schlechter ab, die später in der Schule Probleme mit dem Lesen bekamen. (doi: 10.1016/j.cub.2012.03.013)

(Current Biology / Cell Press, 10.04.2012 - NPO)

Montag, 2. April 2012

ADHS ist ein Mittel zur Diskriminierung von Jungen.


aus scinexx


ADHS wird zu häufig diagnostiziert

Urteil wird anhand von Faustregeln statt mithilfe gültiger Diagnosekriterien gefällt  

Was Experten und die Öffentlichkeit schon lange vermuten, haben Forscher nun erstmals auch mit aussagekräftigen Daten belegt: ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, wird zu häufig diagnostiziert. Psychotherapeuten und Psychiater für Kinder und Jugendliche fällen ihr Urteil offensichtlich eher anhand von Faustregeln, statt sich eng an die gültigen Diagnosekriterien zu halten. Insbesondere bei Jungen stellen sie deutlich mehr Fehldiagnosen als bei Mädchen.

Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie über die Professor Silvia Schneider und Professor Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) sowie Dr. Katrin Bruchmüller von der Universität Basel jetzt im „Journal of Consulting and Clinical Psychology“ und in der Fachzeitschrift „Psychotherapeut“ berichten.

Leon hat ADHS, Lea nicht

Befragt haben die Forscher insgesamt 1.000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater bundesweit. 473 nahmen an der Befragung teil. Sie erhielten je eine von vier unterschiedlichen Fallgeschichten, sollten eine Diagnose stellen und eine Therapie vorschlagen. In drei der vier Fälle lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung diagnostizierbar.

Da die Wissenschaftler auch noch das Geschlecht der „Patienten“ variierten, wurden insgesamt acht verschiedene Fälle beurteilt. Daraus ergab sich bei je zwei gleichen Fallgeschichten ein deutlicher Unterschied: Leon hat ADHS, Lea nicht.

Männlich und auffällig: der „Prototyp“ macht’s

Viele Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater gehen dabei offensichtlich eher heuristisch vor und entscheiden nach prototypischen Symptomen, so die Wissenschaftler. Der Prototyp ist männlich und zeigt Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration oder Impulsivität. Die Nennung dieser Symptome löst bei den Diagnostikern nach Angaben der Forscher in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus.

Treten diese Symptome bei einem Jungen auf bekommt er die Diagnose ADHS, die identischen Symptome bei einem Mädchen führen jedoch zu keiner ADHS-Diagnose. Es spielt zudem eine Rolle, wer die Diagnose stellt: Mann oder Frau. Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche.

Inflationäre Diagnosen, mehr Medikamente, höhere Tagesdosen

Fast schon inflationär hieß es in den vergangenen Jahrzehnten bei den „Zappelphilipps“ und schwierigen Kindern: Diagnose ADHS. Zwischen 1989 und 2001 stieg die Anzahl den Forschern zufolge in der klinischen Praxis um unglaubliche 381 Prozent. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich in einem vergleichbaren Zeitraum von 1993 bis 2003 verneunfacht – beispielsweise für das leistungssteigernde Mittel Methylphenidat.

In Deutschland berichtet etwa die Techniker Krankenkasse für ihre Versicherten der Altersgruppe sechs bis 18 Jahre einen Anstieg der Methylphenidat-Verschreibungen um 30 Prozent in der Zeit von 2006 bis 2010. In diesen Jahren haben sich auch die Tagesdosierungen im Schnitt um zehn Prozent erhöht.

Bemerkenswertes Forschungsdefizit

Nimmt man nur diese Zahlen, so ergibt sich ein erhebliches Forschungsdefizit. „Dem großen öffentlichen Interesse steht eine bemerkenswert geringe Basis an empirischen Studien zu diesem Thema gegenüber“, so Schneider und Bruchmüller. Gab es in den 1970er und 1980er Jahren einen „gewissen Aufschwung“ in der Untersuchung von Häufigkeit und Ursachen von Fehldiagnosen, beachtet die Forschung dies seitdem kaum noch.

Die aktuelle Studie zeigt: Um eine falsche Diagnose bei ADHS und eine vorschnelle Behandlung zu verhindern, ist es entscheidend, sich nicht auf seine Intuition zu verlassen, sondern sich klar an den festgelegten Kriterien zu orientieren. Das gelingt am besten mit Hilfe von standardisierten Befragungsinstrumenten, zum Beispiel diagnostischen Interviews. (Psychotherapeut 2012, DOI:10.1007/s00278-011-0883-7)

(Ruhr-Universität Bochum, 02.04.2012 - DLO) 


Nota.

Dass männliche Therapeuten viel schneller bereit sind, ADHS (fehl-) zu diagnostizieren, zeigt an, wie wenig mit der Parole "mehr Männer in die Erziehung" getan wäre. Es geht um die mentale Feminisierung des ganzen pädagogischen Feldes - in der sich pp. männliche Pädagogen um so mehr hervortun, als sie sich ihrer Herkunft schämen.
J.E.