Dienstag, 20. März 2012

Haben sie schon immer geprügelt?

aus FAZ, 21. 3. 2012


Geprügelte Römerkinder – eine Spurensuche



Noch einmal Saures für die 1950er- und 1960er-Jahre, damit auch ja niemand vergißt, daß die Bundesrepublik erst durch 1968 und Willy Brandt zu einem menschlichen Land geworden ist! Einmal durchgesetzte Narrative können gnadenlos sein und dulden weder Zweifel noch Einreden: Eine ganze Generation wurde durch Schläge traumatisiert und bedarf nun der Therapie. Die Journalistin Ingrid Müller-Münch läßt sich schon im Titel ihres vielbesprochenen Buches eindeutig vernehmen: Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen (Klett-Cotta 2012). Und natürlich darf das unkaputtbare Schwarze Loch der deutschen Geschichte nicht fehlen: die emotionale Armut einer Eltern-Generation, die in der NS-Zeit aufgewachsen und selbst mit Schlägen gefügig gemacht worden war - wie notwendig war da die Auflehnung der Kinder, die unter anderem zu den großen antiautoritären Experimenten der 68er führte!

Mit solchen Verallgemeinerungen und Legendenbildungen muß ich mich zum Glück als Althistoriker nicht befassen. Sie lösen aber einen Reflex aus: Wie war das eigentlich in Rom?

Da fällt einem zunächst wohl die patria potestas ein, die unbeschränkte, erst mit dem Tod des Vaters endende Gewalt über alle Hausangehörigen. Sie schloß selbstverständlich die Züchtigung der Kinder (verbera) ein (vgl. Dion. Hal. ant. 2,26). Lin Foxhalls Artikel „child abuse" im Cambridge Dictionary of Classical Civilization (2006) erinnert an die Historizität von Normen und den gesamtgesellschaftlichen Rahmen: „In the setting of a more violent society, harsh corporal punishment was regularly meted out by parents and teachers. Greek fathers were certainly expected to be authoritarian, and the Roman father, in his role as paterfamilias, had the power of life and death over his children. What they deemed good discipline might often be considered abuse by modern standards."

In einem solchen Kontext sind humane Einzelstimmen wertvoll, weil sie den Horizont des immerhin Denk- und Sagbaren als weitgespannt erweisen und zugleich bei aller Dezenz einen tiefen Einblick in die verbreitete Praxis geben. Aufschlußreich ist in diesem Sinne Quintilian (Institutio Oratoria 1,3,14-17, Übers.: H. Rahn):

„Daß aber die Schüler beim Lernen geprügelt werden, wie sehr es auch üblich ist und auch die Billigung des Chrysipp hat, möchte ich keineswegs, erstens, weil es häßlich und sklavenmäßig ist und jedenfalls ein Unrecht - was sich ja, wenn man ein anderes Alter einsetzt, von selbst versteht; zweitens, weil jemand, der so niedriger Gesinnung ist, daß Vorwürfe ihn nicht bessern, sich auch gegen Schläge verhärten wird wie die allerschlechtesten Skla­ven; schließlich, weil diese Züchtigung gar nicht nötig sein wird, wenn eine ständige Aufsicht die Studien überwacht. Heut­zutage scheint man gewöhnlich die Nachlässigkeit des Pädagogen­personals dadurch zu verbessern, daß man die Knaben nicht zwingt, zu tun, was recht ist, sondern sie straft, weil sie es nicht getan ha­ben. Und endlich - wenn man den Kleinen mit Schlägen zwingt, was soll man mit dem Großen machen, dem man damit nicht mehr Angst machen darf und der doch viel mehr lernen muß? Hin­zu kommt, daß aus Schmerz oder Angst den Geprügelten oft häßliche Dinge passieren, die man nicht aussprechen mag und über die sie sich dann schämen; diese Scham bricht und lähmt den Mut und treibt sogar dazu, aus Verdruß das Licht des Tages zu scheuen. Wenn gar bei der Auswahl der Aufseher und Lehrer auf deren Moral zu wenig geachtet wurde, schäme ich mich fast zu sagen, zu welchen Schandtaten solche Verbrecher ihr Prügelrecht mißbrauchen und wozu manchmal auch ändern die Angst unserer armen Kinder Gelegenheit bietet. Ich will mich hier­bei nicht aufhalten: was ich andeute, ist schon zu viel. Deshalb mag es genügen, so viel gesagt zu haben: gegen die schwache und schutzlos dem Unrecht ausgelieferte Jugend darf niemandem zu große Freiheit eingeräumt werden."

Ergiebig ist auch De clementia aus der Feder Senecas. Hier ist der Kontext zu beachten: Von der Milde ist ein Fürstenspiegel, ein Traktat also über einen guten Herrscher, gerichtet an den aktuellen. Das Idealbild sollte den Kaiser - es ist der junge Nero - als Vorbild in die richtige Richtung lenken; der lobende Autor reklamiert - das ist die Pointe der Gattung - durch das Lob für sich, die Maßstäbe definieren zu können. Als Strategie drängt sich dabei die Parallele zu einem guten Vater auf, zu guten Eltern, die über eine Bandbreite von Erziehungsmitteln verfügen: Das dem Kaiser angemessene Tun ist, „was das Tun guter Eltern ist, die ihre Kindern bisweilen schmeichelnd, bisweilen drohend schelten, manchmal auch mit Schlägen zu ermahnen pflegen" (1,14,1, Übers. K. Büchner).

Die väterliche Gewalt über Leben und Tod ist nur noch ein Skelett im Schrank (1,15,1): „Tricho, einen römischen Ritter, hat in unserer Zeit, weil er seinen Sohn mit Peitschenhieben getötet hatte, das Volk auf dem Forum mit Griffeln durchbohrt. Nur mit Mühe hat die Autorität des Kaisers ihn den feindseligen Händen sowohl der Väter wie der Söhne entrissen."

Das Interesse des Autors ist 1,16,2f. mit Händen zugreifen: „Für große Herrschaftsverhältnisse wollen wir aus kleineren das Beispiel holen. Es gibt nicht eine ein­zige Art des Herrschens: es herrscht der Princeps über seine Bürger, der Vater über seine Kinder, der Lehrer über die Lernenden, der General oder Hauptmann über die Soldaten. Wird der nicht als der schlechte­ste Vater erscheinen, der die Kinder mit ständigen Schlägen auch aus den geringfügigsten Gründen züch­tigt? Welcher von beiden Lehrern ist der freien Studien würdiger: wer seine Schüler martern wird, wenn ihr Gedächtnis etwas nicht behalten hat oder wenn das Auge, zu wenig behend, beim Lesen hängenblieb, oder wer lieber durch Ermahnungen und Respekt verbessern und lehren will? Nimm einen harten General und Hauptmann: er wird Fahnenflüchtige machen, denen man doch verzeiht. Ist es etwa billig, daß über einen Menschen drückender und härter geherrscht wird, als man stummen Tieren befiehlt?"

Die schlichte Praxis in der Schule scheint in vielen Stellen auf. Horaz spricht von einer frühen Dichterlektüre (Briefe 2,1,69-71): „Keineswegs hege für Livius (Andronicus) ich Groll, will die Verse nicht tilgen, / die mir als Knaben - ich weiß es wie heut - mit dem Rohrstock Orbilius eingebleut hat." Der prügelnde Schulmeister Orbilius war offenbar eine bekannte Gestalt; „eine durch Mißgeschick verbitterte Natur", wie im Kommentar von Kießling/Heinze zu lesen ist. Der spätantike Dichter rät im Protrepticus ad nepotem (24ff.), sich von den Schlägen nicht den Schneid abkaufen zu lassen: tu quoque ne metuas, quamvis schola verbere multo / increpet et truculenta senex gerat ora magister: /  degeneres animos timor arguit. / at tibi consta / intrepidus, nec te clamor plagaeque sonantes / nec matutinis agitet formido sub horis. Das Instrumentarium der Züchtigungsinstrumente ist reichhaltig (ebd.): quod sceptrum vibrat ferulae, quod multa supellex / virgea, quod fallax scuticam praetexit aluta, / quod fervent trepido subsellia vestra tumultu, (...). Schläge auf die Hand bekommen - das konnte für „die Schule besuchen" stehen; vgl. Iuvenal 1,15: et nos ergo manum ferulae subduximus (Otto, Sprichwörter S. 138 Nr. 658).

Ich bin für jeden weiteren Hinweis auf einschlägige Belege dankbar!

Christian Laes, Childbeating in Antiquity: Some Reconsiderations, in: Katariina Mustakallio u.a. (eds.), Hoping for Continuity. Childhood, Education and Death in Antiquity and the Middle Ages (Acta Instituti Romani Finlandiae, 33). Rom 2005, S. 75-89.
Antike und Abendland

Kopfbild: Rekonstruktion eines Wandgemäldes aus Herkulaneum, aus: Hugo Blümner, Die römischen Privataltertümer, München 1911, S. 317.
Veröffentlicht 20. März 2012, 09:24 

Sonntag, 18. März 2012

Ich ganz wichtig - die Volksseuche der Egozentrik.

aus Die Presse, Wien, 18. 3. 2012


"Ständige Beschäftigung wirkt auf Kinder wie eine Droge"

Die Psychologin Helle Jensen rät Müttern und Vätern, sich zurückzulehnen und doch einmal dem Nachwuchs die Führung zu überlassen. 

von Doris Kraus 

Sie haben mit Kindern in dänischen Schulen Meditationsübungen gemacht, um ihre Empathie zu fördern. Hat das funktioniert? 

Helle Jensen: Wir begannen mit Kindern ab dem Alter von sechs Jahren. Unsere Erfahrung ist, dass die Kinder diese Übungen mögen. Sie mögen die Stille in der Klasse. Sie machen Atemübungen oder verabreichen einander eine Schultermassage. Schon nach drei Minuten Atemübungen gibt es in der Klasse eine sehr gute und ruhige Arbeitsatmosphäre. Die Kinder wenden diese Techniken auch außerhalb der Schule an, zum Beispiel, wenn sie ein sehr wichtiges Fußballspiel haben. Sie wollen gewinnen und die Atemübungen helfen ihnen, zu fokussieren. Oder zur Entspannung, wenn sie nicht schlafen können. 

Sie geben den Kindern also einen Raum, in dem nichts anderes passiert. Warum ist das notwendig?

Weil andauernd etwas passiert. Kinder sind heute immer unter Aufsicht. In der Schule, dann im Hort.Sie sind die ganze Zeit mit anderen Kindern zusammen, sie werden die ganze Zeit stimuliert. Daraus entstehen viele Konflikte. Es gibt ständig Angebote, Fußball, Ballett. Es gibt aber kaum mehr Orte, wo sie ohne Erwachsene sein können. Sie stehen ständig unter Beobachtung. Ihre Aufmerksamkeit ist immer nach außen gerichtet, selten nach innen. Das macht die Kinder unrund. Wenn sie den Kontakt zu sich selbst verlieren, verlieren sie aber auch die Fähigkeit zur Empathie und das Gefühl für Solidarität.

Kinder haben zu wenig im Herzen und zu viel im Kopf.* Heißt das, wir stecken in einer Empathie-Krise?

Das könnte man so sagen. Wir als Eltern versuchen, perfekt zu sein. Dadurch sind wir aber oft nicht in Kontakt mit unseren Kindern. Und deshalb wissen die Kinder oft nicht, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf andere hat.

Was tut ein Kind, dem es an Empathie fehlt?

Das sind die sogenannten egozentrischen Kinder, für die es nur „ich, ich, ich“ gibt. Diese Kinder sind die ganze Zeit „on“: „Hör mir zu!“ – „Schau mich an!“ Das sind Kinder, die nur für das wahrgenommen werden, was sie tun, aber nicht für das, was sie sind. Wenn diese Kinder zornig oder traurig sind, können die Eltern meist nicht sehr gut damit umgehen. Eltern mögen so etwas ja normalerweise nicht besonders. Viele Eltern können nicht zeigen, dass so etwas auch zum Leben dazugehört. Daher lernen diese Kinder, diese Seite zu verdrängen, und verlieren den Kontakt zu sich selbst. Sie fühlen sich nur wohl, wenn sie über etwas sagen können: „Da bin ich gut.“ Das sind dann auch die Kinder, die anderen keinen Raum zugestehen können. Werden sie dafür kritisiert, schaukeln sie sich nur umso mehr auf. In Wahrheit versuchen diese Kinder oft, große Unsicherheit zu überspielen.

Was können die Eltern tun?

Sie können sich Zeit nehmen. Und versuchen, einfach normale Menschen zu sein, nicht perfekt. Die im Lauf eines Tages schon einmal dumme Dinge sagen, dafür aber die Verantwortung übernehmen. Wichtig ist es auch, einen Gang zurückzuschalten. Gemeinsam nichts tun, einige Minuten einfach herumliegen.

Ihre Bücher werden meist von berufstätigen Eltern gelesen, die daran gewöhnt sind, das meiste aus zu wenig Zeit herauszuholen. Wenn sie in diesen kleinen gemeinsamen Zeitfenstern ihren Kindern nichts bieten, haben sie oft ein schlechtes Gewissen.

Gute Eltern müssen ihren Kindern nicht dauernd etwas bieten. Viel besser wäre es, einfach zusammen zu sein. Wenn sich die Eltern ein bisschen entspannen, können auch die Kinder hin und wieder den Weg zeigen. Am Anfang wollen die Kinder ja gar nicht so viel Aktivität. Aber irgendwann werden sie süchtig danach. Ständige Beschäftigung wirkt wie eine Droge. Und die Kinder vergessen, was es heißt, sich selbst zu beschäftigen. Oder in der Natur zu sein. Wir sprechen ja mittlerweile von einem „Natur-Defizit-Syndrom“.

Die super besorgten, rundum aufmerksamen „Helikopter-Eltern“ kennen wir schon, in Dänemark kommen jetzt die „Curling-Eltern“ dazu. Was ist das?

Sie räumen ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg. Sie wollen ihren Kindern jede Form von Schmerz ersparen. Wenn man aber keine Erfahrung mit Leiden hat, dann ist es wirklich dramatisch, wenn man es später zum ersten Mal erfährt. Die Eltern können überhaupt nicht mit dem Schmerz ihrer Kinder umgehen. Und sie wollen jede Form von Konflikt vermeiden. Das ist total falsch. Die Kinder lernen durch die Beziehung zu ihren Eltern. Das heißt, dass die Eltern auch Widerstand bieten müssen, etwas Verlässliches darstellen. Und nicht wie beim Curling: gebückt und ständig von einer Seite auf die andere wackelnd. Kinder müssen wissen: Was denkt meine Mutter? Was mag mein Vater, was mag er nicht?

Haben diese Eltern, die ihren Kindern jeden Schmerz ersparen wollen, zu viel Empathie? 

Vielleicht. Vielleicht haben sie aber auch nur ein Problem zu unterscheiden: Was bin ich, und was ist mein Kind? Empathie ist das eine, meine Gefühle in ein Kind zu projizieren, ist etwas anderes.

Sind Mädchen empathischer als Buben?

Sie drücken sich anders aus. Sie spielen auch anders. Die Mädchen reden sehr viel darüber, wer mit wem spielt. Das kann so lange dauern, dass sie dann oft gar nicht mehr zum Spielen kommen. Die Buben sind anders, sie lassen jeden mitspielen, sagen dann aber: „Du kannst der Hund sein.“ Buben sind in ihrem Spiel sehr auf klare Hierarchien orientiert. Das ist aber nicht so sehr Empathie als eine unterschiedliche Form der Interaktion. 

Helle Jensen Geboren 1954
Psychologin Jensen arbeitete als Konfliktberaterin am „Kempler-Institut“ in Dänemark und Norwegen.
Familientherapeutin Sie ist auch als Vortragende und Seminarleiterin in der Organisation „familylab“ tätig, die Jesper Juul zur Elternfortbildung gegründet hat.
Autorin In Deutschland und Österreich wurde sie als Mitautorin Juuls bekannt, mit dem sie unter anderem „Vom Gehorsam zur Verantwortung. Für eine neue Erziehungskultur“ schrieb. Darin arbeiten die beiden den tief greifenden Beziehungskonflikt zwischen Erwachsenen und Kindern auf. Ihre Antwort: Kinder wollen lernen, wollen kooperieren – allerdings nur, wenn im respektvollen Umgang ihre persönliche Integrität und Individualität anerkannt werden.


Nota I.

Ein bisschen banal, was? Friedrich Schlegel hat zu seiner Zeit aber darauf hingewiesen, dass man die Binsenwahrheiten immer wieder mal aussprechn muss, weil sonst in Vergessenheit gerät, dass sie doch auch Wahrbheiten sind.

*Nota II.
Im Übrigen würde ich raten, das letzthins so beliebte Wort Empathie recht sparsam zu gebrauchen. Es ist in den seltensten Fällen klar, was gemeint ist - das emotiven Mitfühlen und Einfühlen, das, nach alter und bewährter Ausdrucksweise, aus dem Herzen kommt; oder die Fähigkeit zum intellektiven Stellen- und Perspektivenwechsel, zu dem nur der Kopf verhelfen kann. Beide eignen sich in ganz unterschiedlichem Maß dazu, von außen - vom Andern - induziert zu werden.
J.E.

Mittwoch, 14. März 2012

Mir san mir.

Pressemitteilung

 
23. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) an der Uni Osnabrück
 
 
Dr. Oliver Schmidt
Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Osnabrück

 
 
14.03.2012 16:47
 
»Die Erziehungswissenschaft ist in den gesellschaftspolitischen Fokus gerückt – und die vielfältigen Veranstaltungen hier sind ein Beleg dafür, dass sie sich dieser Verantwortung mit viel Offensivgeist, aber auch Verantwortungsbewusstsein stellt.« Dieses Fazit des 23. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zog der DGfE-Vorsitzende Prof. Dr. Werner Thole zum Tagungs-Abschluss am 14. März an der Universität Osnabrück.

Thole betonte: »Als drittgrößte universitäre Disziplin, aber noch mehr durch die wachsende Beachtung von Bildung und Erziehung möchte die DGfE künftig verstärkt Position beziehen und damit gesellschaftliche Entwicklungen mitgestalten.« Vor allem jedoch werde sie sich dafür einsetzen, dass die Akteurinnen und Akteure insbesondere in der frühkindlichen Bildung und in der Erwachsenenbildung auch das leisten können, was gesellschaftspolitisch dringend notwendig ist. »Professionell ausgebildet, aber prekär beschäftigt: Das kann nicht die Zukunft der Pädagoginnen und Pädagogen sein.« Thole zufolge biete der jetzt neu gewählte Vorstand der DGfE für die Kommunikation dieser Anliegen aufgrund des Renommes seiner Mitglieder alle Voraussetzungen. ...

Dienstag, 13. März 2012

Erziehungwissenschaft? Spiegel-Fechterei.

Pressemitteilung

 

institution logo 23. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissen- schaft (DGfE) an der Uni Osnabrück


Dr. Oliver Schmidt
Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Osnabrück



12.03.2012 15:03

Der 23. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) hat heute (12. März) begonnen. Unter dem Leitwort »Erziehungswissenschaftliche Grenzgänge« werden drei Tage lang an der Universität Osnabrück rund 1.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen von 140 Veranstaltungen diskutieren.

Die Bedeutung von Bildung und Erziehung als »Schlüssel zum beruflichen Aufstieg sowie zur sozialen Teilhabe«, hob Dr. Christine Hawighorst, Chefin der Niedersächsischen Staatskanzlei, hervor: »Sie sichern unseren Wohlstand und ermöglichen gesellschaftlichen Fortschritt.« Von prominenter Seite begrüßten auch der Osnabrücker Oberbürgermeister Boris Pistorius sowie Prof. Dr. Martina Blasberg-Kuhnke, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Universität Osnabrück die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Dass der Aspekt der Erziehung im politischen Diskurs zum weitaus stärker berücksichtigt werden müsse, forderte der renommierte Sozialphilosoph Prof. Dr. Axel Honneth in seinem Festvortrag zum Kongressauftakt: »Es gibt daher in Zeiten, in denen allerorten von wachsender politischer Apathie gesprochen und sogar die Gefahr einer ,Postdemokratie´ an die Wand gemalt wird, keinen, aber auch keinen Grund, nicht die von Kant, Durkheim und Dewey begründete Tradition einer demokratischen Erziehung noch einmal wiederzubeleben und die öffentliche Schule als das zentrale Organ der ständigen Selbsterneuerung von Demokratien zu begreifen.« Und im Rahmen einer Podiumsdiskussion hob der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Prof. Dr. Vernor Munoz Villalobos, hervor: Das deutsche Bildungssystem müsse durchlässiger werden und sich an den Bedürfnissen von Kindern mit vielfältigsten sozialen Hintergründen orientieren: »Jeder Mensch hat nicht nur ein Recht auf Bildung, sondern auch auf eine ihm angemessene, qualitativ hochwertige Bildung.«


Laut Prof. Dr. Werner Thole von der Universität Kassel, Vorsitzender der DGfE, ist es das zentrale Ziel des Kongresses, eine Positionsbestimmung vorzunehmen: Thole zufolge habe die Erziehungswissenschaft an Bedeutung auch deshalb gewonnen, weil sie Befunde anderer Disziplinen wahrnehme. Besorgnis- erregend sei laut Thole jedoch ihre infrastrukturelle Situation: Der von der DGfE aktuell veröffentlichte »Datenreport 2012« belege etwa, dass die Erziehungswissenschaft von 1995 bis 2010 fast ein Fünftel ihrer Professorenstellen eingebüßt habe – bei steigenden Studierendenzahlen. Das Themenspektrum des Kongresses reicht nach Auskunft von Prof. Dr. Hans-Rüdiger Müller von der Universität Osnabrück, DGfE-Vorstandsmitglied und Kongressverantwortlicher, von der frühkindlichen Bildung bis hin zu Rahmenbedingungen »lebenslangen Lernens«. Im Fokus stehen dabei Müller zufolge die Strukturveränderungen in den vielfältigen pädagogischen Tätigkeitsfeldern, die es erforderlich machten, »Grenzgängen« zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik nachzugehen.


Als Beispiel für eine zentrale Teildisziplin der Erziehungswissenschaft nahm DGfE-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Tina Hascher von der Universität Salzburg die Lehrerausbildung in den Blick: Hier habe in den letzten Jahren zum einen ein »sehr zu begrüßender« Qualitätssprung bei der Professionalisierung der Akteurinnen und Akteure stattgefunden, andererseits werde diese Entwicklung durch zu wenig fundierte Quereinsteiger-Programme sowie eine schwierige Einstellungssituation für Absolventinnen und Absolventen konterkariert. Ein weiteres Thema des erziehungswissenschaftlichen Diskurses griff Prof. Dr. Sabine Reh, DGfE Vorstandsmitglied und an der Technischen Universität Berlin tätig, auf: »Die empirische Bildungsforschung hat im Rahmen der Erziehungswissenschaft einen sehr großen Bedeutungszuwachs erfahren. Das ist sehr begrüßenswert; gleichzeitig müssen wir aber dafür Sorge tragen, dass einerseits hier nicht nur ein methodischer Zugang zählt und andererseits auch andere Forschungsansätze, historische und theoretisch-systematische, ebenfalls weiterentwickelt werden und hieraus Gespräche innerhalb der Erziehungswissenschaft entstehen.« Bei der Eröffnungsveranstaltung wurde der renommierte Ernst-Christian-Trapp-Preis an Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Helmut Fend verliehen. Der Trapp-Preis zeichnet wissenschaftliche Leistungen im Fach Erziehungswissenschaft aus. Frühere Preisträgerinnen und Preisträger sind unter anderem Prof. Dr. Christa Berg, Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Klafki und Prof. em. Dr. Dres. h.c. Hans Thiersch.


Weitere Informationen für die Redaktionen:
Dr. Sabine Bohne, 23. Kongress der DGfE 2012 – Geschäftsstelle
Universität Osnabrück, Institut für Erziehungswissenschaft
Telefon: +49 541 969 4284, Fax: +49 541 969 6201
E-Mail: sbohne@uni-osnabrueck.de
http://www.dgfe2012.de



Nota. 

Diese Zusammenfassung wurde im Auftrag der Veranstalter selbst verfasst. Finden Sie eine Stelle darin, wo von Kindern oder auch nur von Schülern die Rede ist?  Die Erziehungswissenschaft handelt von sich selbst - sie ist die Standesideologie der pädagogischen Zunft.
J.E. 

Montag, 12. März 2012

Zu große Jugend ist noch keine Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung.

aus scinexx

Früh eingeschulte Kinder erhalten oft fälschlich ADHS-Diagnose 

Unreiferes Verhalten wird als krankhaft interpretiert  

Bei früh eingeschulten Kindern wird besonders häufig ADHS diagnostiziert und behandelt. Ihr im Verhältnis zu ihren älteren Klassenkameraden unreiferes Verhalten wird dabei irrtümlich als krankhafte Aufmerksamkeitsstörung interpretiert. Das haben kanadische Forscher in einer Studie mit fast einer Million Grundschulkindern herausgefunden. Besonders hoch sei das Risiko für Fehldiagnose und falsche Behandlung bei Kindern, die kurz vor dem Stichtag für das Einschulungsalter Geburtstag hatten. Sie seien typischerweise die jüngsten und unreifsten ihrer Klasse, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Canadian Medical Association Journal“.

„Unsere Analysen bestätigen die Befürchtungen, dass die normale Spannbreite des Verhaltens von Kindern zunehmend medikalisiert wird“, sagt Erstautor Richard Morrow von der University of British Columbia in Vancouver. Jüngere Kinder einer Klasse würden aufgrund ihres alterstypischen Verhaltens häufig falsch etikettiert und behandelt. Die Studie zeigte, dass solche Kinder um 39 Prozent wahrscheinlicher mit ADHS diagnostiziert und sogar zu 48 Prozent eher mit Medikamenten behandelt werden.

Forscher warnen vor den Folgen einer vorschnellen Diagnose

Angesichts dieser Zahlen warnen die Forscher davor, Kinder unnötig den potenziellen Schäden und Langzeitfolgen einer Fehldiagnose und medikamentösen Behandlung auszusetzen. Denn Mittel gegen ADHS wie beispielsweise Methylphenidat können sich negativ auf den Appetit, das Wachstum und den Schlaf der Kinder auswirken. Auch das Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei erhöht, sagen die Wissenschaftler. Außerdem würden Eltern und Lehrer sich gegenüber ADHS-Kindern häufig anders verhalten. Das wiederum könnte zu psychischen Folgen wie einem schlechten Selbstwertgefühl bei den Kindern führen.

„Diese Studie wirft Fragen für Ärzte, Lehrer und Eltern auf, wir müssen uns fragen, was sich ändern muss“, sagt die Psychiaterin Jane Garland, Mitautorin der Studie von der University of British Columbia. Man müsse zukünftig stärker auf das relative Alter der Kinder achten und auch mehr ihr Verhalten außerhalb der Schule für die Einschulungstests in Betracht ziehen.

Fast eine Million Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren untersucht

Für ihre Studie hatten die Forscher Daten von 937.943 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren ausgewertet und den gesundheitlichen Werdegang dieser Kinder über elf Jahre hinweg verfolgt. Alle Kinder wurden in der kanadischen Provinz British Columbia eingeschult, wo der Stichtag für die Einschulung am 31. Dezember liegt. Kinder, die kurz vor diesem Datum Geburtstag haben, dürfen im Folgejahr in die erste Klasse gehen, Kinder, die erst Anfang Januar geboren sind, müssen ein Jahr warten. In Deutschland ist der Stichtag je nach Bundesland verschieden, liegt aber bei den meisten im Sommer.

Der Effekt des relativen Alters auf die ADHS-Diagnosen sei in der gesamten Studienzeit und bei Kindern aller untersuchten Altersklassen zu beobachten gewesen, sagen die Forscher. Immer seien die im Dezember geborenen Kinder stärker betroffen gewesen als die im Januar geborenen und daher später eingeschulten. Das gelte sowohl für Mädchen als auch für Jungen, obwohl Jungen insgesamt bis zu drei Mal häufiger mit der Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert und entsprechend behandelt werden.

Warum sind Jungen stärker betroffen?

Warum Jungen stärker betroffen sind, ist noch nicht eindeutig geklärt. Vermutungen einiger Forscher nach könnte dies aber an der leicht unterschiedlichen Ausprägung der Symptome bei beiden Geschlechtern liegen: Jungen mit ADHS werden oft durch Hyperaktivität und impulsives Verhalten auffällig, bei Mädchen äußert sich die Aufmerksamkeitsstörung häufiger durch Verträumtheit und Unkonzentriertheit - und wird daher möglicherweise seltener erkannt. (Canadian Medical Association Journal, 2012; doi:10.1503/cmaj.111619)

(Canadian Medical Association Journal / dapd, 07.03.2012 - NPO)

Sonntag, 11. März 2012

Weitere Bolognisierung der Universitäten...



Ausnahmsweise mal etwas über das Universitätsstudium:


aus Der Standard, Wien, 10. 3. 2012

Rolf Schulmeister

"Das Prüfungssystem muss weg"

Interview von Fabian Kretschmer, UniStandard
  • Artikelbild
    Rolf Schulmeister

Der durchschnittliche Bachelorstudent hat eine 23-Stunden-Uni-Woche, erhob Rolf Schulmeister - Lernaufwand und Erfolg hätten wenig Zusammenhang

Ein Semester lang ließ Pädagoge Rolf Schulmeister Studenten ihren Alltag notieren. Was er in dieser "Zeitlast-Studie" herausfand, überraschte Lehrende wie Studierende gleichermaßen: In das vermeintlich stressige Bachelor-Studium investierten die Studenten durchschnittlich nur 23 Stunden pro Woche, wobei zwischen Studienerfolg und erbrachter Lerndauer der Studenten kaum eine Korrelation bestand.

UniStandard: Zur Zeit Ihrer Studie, waren in Deutschland heftige Studentenproteste gegen Bologna im Gange. Die Studenten fühlten sich vom Bachelorsystem überfordert.

Schulmeister: Wir sind damals mit den Studenten mitmarschiert. Für uns war klar, dass wenn man fast das gesamte Diplomstudium in ein sechssemestriges Bachelorstudium presst, es zu hohen Abbruchquoten kommen würde. Das ist dann auch eingetreten: 2000 hatten wir einen Durchschnitt von 21 Prozent Studienabbrechern, jetzt liegen wir wieder bei 27.

Die Studie zeigte auf, dass dies nicht an der Zeitbelastung der Studenten liegt. Nur 23 Stunden pro Woche verbrachten sie im Schnitt mit ihrem Studium.

Am Anfang hatten wir an sechs Universitäten Stichproben untersucht, da wurde noch gezweifelt. Mittlerweile haben sich die Ergebnisse an 25 Unis wiederholt.

Erstaunlich auch, dass es beim Zeitaufwand fürs Studium kaum Unterschiede zwischen Studierenden der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften gab.

Ein Unterschied ist, dass die Ingenieure zu den Vorlesungen oft gar nicht hingehen. Aufgrund der "Aufgabenkultur" haben die Naturwissenschafter während der Vorlesungszeit dennoch einen hohen Workload, aber nach den Prüfungen passiert da nichts mehr. Sozialwissenschafter hingegen schreiben auch nachher noch an Arbeiten, daher gleicht sich das aus.

Die Studenten, die am besten abgeschnitten haben, wandten oft am wenigsten Zeit für ihr Studium auf. Viellerner schnitten häufig schlecht ab. Was zeichnet den erfolgreichen Lerner aus?

Sie nehmen die Prüfung nicht als Bedrohung wahr und haben eine höhere Zuversicht. Die Problemlerner hingegen haben grundsätzlich Angst vor Prüfungen, meist schon Monate davor. Viele neigen zur Ablenkung: Wenn sie lernen wollen, holen sie sich erst mal einen Kaffee oder schauen auf Facebook. Diese Studenten kommen in eine Lehrorganisation, wo sie acht bis zehn Veranstaltungen pro Woche haben. Bei einer solchen Themenkonkurrenz weiß der Student gar nicht, für welche Veranstaltung er arbeiten soll. Vielleicht pickt er sich eine raus und schiebt die anderen weiter.

Um alle Lerntypen besser zu integrieren, fordern Sie daher eine Umstellung der Lehrpläne: Das ganze Semester soll thematisch geblockt werden. Ein entsprechendes Pilotprojekt findet zurzeit an der FH St. Pölten statt.

Wir nehmen die Module jeweils nacheinander durch. Der Student kann sich vier Wochen voll auf ein Thema konzentrieren. Für das Selbststudium wird täglich eine Aufgabe gegeben, auf die sofort eine Rückmeldung erfolgt. Man bildet so Schritt für Schritt eine neue Handlungskompetenzerwartung. Das hilft auch gegen Bulimie-Lernen, denn wenn jeden Tag mehrmals die gleichen Inhalte gelernt werden, geht das ins Langzeitgedächtnis über. Der Rhythmus ist stets Informationsinput, Anwendung und Rückmeldung. Dieser Dreischritt fehlt in einer normalen Vorlesung. Die Lernzeit der Studenten hat sich in unseren Pilotprojekten drastisch erhöht, teilweise auf mehr als zehn Stunden pro Woche. Auch die Professoren waren viel zufriedener mit den Studenten.

Haben Sie weitere Reformwünsche für Bologna?

Das Prüfungssystem muss weg. Wir müssten ein Selbststudium einrichten, das mit Punkten belohnt wird. Alle so erbrachten Teilleistungen sollten zusammen als Prüfung zählen. Auf diese Weise reduzieren wir die Angst zu versagen, da man die Leistung über die Zeit erbringt. Und Angst und Motivation bedingen sich: Wenn die Angst sinkt, steigt die Motivation.

ROLF SCHULMEISTER (68) leitet das Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Universität Hamburg. Der studierte Germanist forscht seit 2009 im Rahmen der "Zeitlast-Studie" zum Arbeitsaufwand von Bachelorstudenten.


Nota. 

Zuversicht und Versagensangst wirken also auch bei jungen Erwachsenen noch als Selffulfilling prophecy. Was soll man da erst von Schulkindern erwarten?

Aber an eine Entschulung der Schulen ist gar nicht gedacht. Nicht einmal  das Universitätsstudium  will Rolf Schulmeister entschulen. Er will nur die Prüfungen durch tägliche Hausaufgaben ersetzen. Vielleicht erleichtert das die Studenten mit Prüfungsangst. Aber es verschult die Universität und verschülert die Studenten umso mehr. Um es ihnen leichter zu machen, versteht sich... Na ja, um den Output der Universitäten zu steigern, den die Wirtschaft wünscht.
J. E.



Freitag, 9. März 2012

Die Fairness wächst mit dem Hirn.

aus scinexx

Unreifes Hirn lässt Kinder unfair handeln 

Zentrum für die Kontrolle egoistischer Impulse ist noch nicht voll ausgebildet  

Wenn Kinder nicht fair miteinander teilen, liegt das nicht unbedingt an mangelnder Einsicht: Denn die Gehirnregion, die eigennützige Impulse unterdrückt und faires Handeln steuert, ist bei Grundschulkindern noch nicht voll entwickelt. Das haben Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften festgestellt.

Das egoistische Verhalten der Kinder beruhe daher nicht auf mangelndem Wissen um falsch oder richtig. Ihr Gehirn sei schlicht noch nicht weit genug entwickelt, um der Versuchung zu egoistischem Handeln zu widerstehen. Das berichten die Forscher im Fachmagazin „Neuron“. Diese Erkenntnis könnte ihrer Ansicht nach dabei helfen, bisherige pädagogische Strategien zur Förderung sozialen Verhaltens von Kindern entsprechend anzupassen und zu optimieren.

Das Teilen spielt in jeder sozialen Gemeinschaft eine wichtige, aber auch konfliktträchtige Rolle: Verhält sich jemand zu egoistisch, möchte kein anderer mehr mit ihm teilen. Verhält er sich zu uneigennützig, geht er möglicherweise selbst leer aus. Daher sind in einer solchen Situation strategisches Denken und ein Gefühl für Fairness gefragt. Wann und wie Kinder dieses faire Teilen lernen, war bisher aber weitgehend ungeklärt.

Teilen von Pokerchips als Test

Die Forscher testeten mit Hilfe von zwei spielerischen Experimenten, wie sich 174 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren beim Teilen verhalten. Die Kinder erhielten dafür Pokerchips, die sie später gegen Geschenke eintauschen konnten. Zunächst aber wurden sie gebeten, die Chips mit einem anderen, ihnen unbekannten Kind zu teilen.

In der ersten Spielvariante, dem Diktatorspiel, hatten die Kinder freie Hand dabei, wie viele Chips sie abgaben oder behielten. Im zweiten Spiel, dem Ultimatumspiel, konnte das Empfänger-Kind eine zu unfaire Teilung auch ablehnen. Geschah dies, gingen beide Seiten allerdings leer aus. „Uns interessierte, ob die Kinder fairer teilen würden, wenn ihr Gegenüber das Angebot ablehnen konnte“, sagt Erstautor Nikolaus Steinbeis. Denn dies deute auf eine strategische Überlegung beim Teilen hin.

Fähigkeit zu strategischem Handeln wächst mit dem Alter

In den Experimenten zeigten sich große Unterschiede zwischen den Altersgruppen, wie die Forscher berichten: Die älteren Kinder unterbreiteten beim Ultimatumspiel fairere Angebote als beim Diktatorspiel - und handelten damit strategisch. Die jüngeren Kinder machten dagegen zwischen den beiden Spielvarianten kaum einen Unterschied. Das zeige, dass die Fähigkeit zu fairem, strategischem Handeln erst mit dem Alter wachse, sagen die Forscher.

Diese Entwicklung habe aber nichts mit der Intelligenz oder einem fehlenden Verständnis von Fairness zu tun. „Obwohl die Gerechtigkeitsnormen der jüngeren Kinder mit denen der älteren vergleichbar waren, fiel es ihnen schwerer, auch danach zu handeln“, schreiben Steinbeis und seine Kollegen.

Kontrollierende Hirnregion bei jüngeren Kindern weniger aktiv

Bei einer ergänzenden Untersuchung im Magnetresonanztomografen zeigten sich auch Unterschiede in der Hirnaktivität: Je älter die Kinder waren, desto stärker war bei ihnen ein Hirnareal seitlich hinter der Stirn aktiv, der sogenannte laterale präfrontale Kortex. Dieser Hirnbereich ist unter anderem für die Steuerung überlegten Verhaltens und die Kontrolle von Impulsen verantwortlich.

„Der präfrontale Kortex ist bekannt dafür, sich erst spät in der Entwicklung voll auszubilden und funktionell zu vernetzen“, sagt Steinbeis. Dass Kinder selbst dann nicht fair teilen, wenn es strategisch klug wäre, erkläre sich demnach aus der späten Reifung der Gehirnregion, die für Impulskontrolle wichtig sei. (Neuron, 2012; doi: 10.1016/j.neuron.2011.12.027)

(Neuron / dapd, 09.03.2012 - DLO)

"Flow": Von Computerspielen können wir viel lernen.

Pressemitteilung

 
Von Computerspielen lernen
Tagung über Flow und Computerspielerlebnisse 
am 9. und 10. März

Isa Lange
Pressestelle
Stiftung Universität Hildesheim



„Von Computerspielen können wir viel lernen“, unterstreicht Medienwissenschaftler Dr. Mathias Mertens, Universität Hildesheim.06.03.2012 14:14
 
„Flow beschreibt ein psychologisches Phänomen der optimalen Erfahrung, wenn man in einer Tätigkeit im Fluss, weder unter- noch überfordert ist“, erklärt Anne-Kristin Langner.
„Flow beschreibt ein psychologisches Phänomen der 
optimalen Erfahrung, wenn man in einer Tätigkeit im
Fluss, weder unter- noch überfordert ist“, 
 erklärt Anne-Kristin Langner.


„Von Computerspielen können wir viel lernen“, unterstreicht
Medienwissenschaftler Dr. Mathias Mertens,
Universität Hildesheim.



Am 9. und 10. März steht das Phänomen „Flow" im Fokus der interdisziplinären Tagung „flow aus spielen“ des Instituts für Medien und Theater der Universität Hildesheim. Ziel ist es, das Konzept des Flow greifbar und übertragbar zu machen – für die Medien- und Kulturwissen- schaften sowie für Wirtschaft und Gesellschaft. Der Gegenstand Computerspiel ist dabei das zentrale Beispiel.

„Computerspiele sind ein Kulturphänomen. Es gibt zahlreiche Menschen, die sie spielen, man kann sie nicht wegdenken. Was Computerspiele als kulturelle Leistung bedeuten – sie schaffen Erlebnisstrukturen –, wird häufig vernachlässigt“, erklärt Privatdozent Dr. Mathias Mertens, der eine Vertretung der Professur für Medienästhetik am Institut für Medien und Theater innehat. Bislang beschränke sich die Auseinandersetzung mit Computerspielen in vielen Fällen auf die Gefahrenpotentiale des Mediums. Aber: Was sind und was schaffen Computerspiele? Der Gegenstand ist vielfältig, ausdifferenziert, so Mertens, der vor zehn Jahren sein erstes Seminar an der Universität Hildesheim über Computerspiel- theorie angeboten hat. Zu seinen Lehr- und Forschungsschwerpunkten zählt die Computerspielästhetik. 

„Die gemeinsame Ebene des Diskurses über Computerspiele ist das Spielerlebnis“, unterstreicht der Medienwissenschaftler. „Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen können sich austauschen, zum Beispiel über die banale Frage: Warum macht es Spaß, Computer zu spielen? Dabei wird nicht das Spiel definiert, sondern der Spieler und die Situationen des Spielens.“

Dieses Spielerlebnis hat viel mit dem Flow-Konzept zu tun und rückt in den Mittelpunkt einer Tagung des Instituts für Medien und Theater der Universität Hildesheim. Gemeinsam mit Anne-Kristin Langner hat Mathias Mertens die interdisziplinäre Tagung „flow aus spielen“ konzipiert, die am 9. und 10. März beim Kooperationspartner Phaeno in Wolfsburg ausgerichtet wird.

Ziel der Tagung ist es, das Konzept des Flow greifbar, übertragbar und diskutierbar zu machen – für die Medien- und Kulturwissenschaften sowie für Wirtschaft und Gesellschaft. Der Gegenstand Computerspiel ist dabei das zentrale Beispiel.

Neben der Beschäftigung mit Erlebnisstrukturen in Computerspielen stehen auf dem Tagungsprogramm Vorträge aus unterschiedlichen Disziplinen. „Wir zeigen auf, dass das Flow-Konzept und die Betrachtung von Computerspielen anschlussfähig an alle Diskurse sind“, unterstreicht Mertens.

„Flow beschreibt ein psychologisches Phänomen der optimalen Erfahrung, wenn man in einer Tätigkeit im Fluss, weder unter- noch überfordert ist und sich dadurch die eigenen Fähigkeiten steigern“, erklärt Anne-Kristin Langner. Sie hat in Hildesheim Internationales Informationsmanagement studiert, promoviert derzeit über Quizshows im interkulturellen Vergleich und beschäftigt sich mit Medienrezeptions- forschung und Game Studies. Der Begriff „Flow“ stammt ursprünglich aus der Psychologie und kommt im Bereich der Mitarbeitermotivation zum Einsatz. In den Medien- und Kulturwissenschaften ist Flow noch ein peripheres Phänomen, sagt Langner.

Die Tagung ist öffentlich und wird am Freitag, 9. März, um 11:00 Uhr im Phaeno in Wolfsburg eröffnet. Den Auftakt machen Andreas Lange vom Computerspielmuseum Bern („Flow in einem technik- und kulturhistorischen Kontext“, 11:30 Uhr) und Prof. Dr. Christina Bermeitinger („Flow in meiner Psychologie“, 12:15 Uhr). Doktoranden und Kulturwissenschaftsstudierende nähern sich dem Flow-Phänomen in mehreren Essays (15:00 bis 18:30 Uhr). Am Freitagabend diskutieren ab 18:30 Uhr Mathias Mertens, Anne-Kristin Langner und Constantin Gillies mit der Öffentlichkeit über das Flow-Phänomen in Computerspielen. Die Tagung endet am Samstag um 18:00 Uhr.

Organisiert wird die Tagung von Studierenden und Mitarbeitern der Universität Hildesheim. Kooperationspartner sind das phaeno in Wolfsburg und das Computer-spielemuseum in Berlin. Ein Tagungsband erscheint im blumenkamp-Verlag.

Mittwoch, 7. März 2012

Preußisch und protestantisch.

Pressemitteilung

Luther macht Schule
 

Sebastian Hollstein
Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle  
Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz von der Universität Jena beschäftigte sich mit den Schulschriften Martin Luthers.
Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz von der Universität Jena 
beschäftigte sich mit den Schulschriften Martin Luthers.

Das Cover des neuen Buches.
Institut für Bildung und Kultur der Universität Jena legt Band zur Protestantischen Bildung vor

Näher am Volk wollten Martin Luther und seine Anhänger sein, als sie vor fast 500 Jahren eine Reformbewegung anführten, die die christliche Kirche tiefgreifend verändern sollte. Die Vertreter der Institution Kirche sollten sich nicht durch eine weltlich geschaffene Hierarchie über ihre Glaubensbrüder stellen. Jeder sollte das Wort Gottes lesen und verstehen können. Grundlegend dafür war auch das Verständnis der Protestanten von Schule.

Doch kann man mit den damaligen Vorstellungen von Schule und der Verantwortung ihr gegenüber heute noch etwas anfangen oder sind sie nur für Historiker von Interesse? In einem neu erschienen Band erörtert Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz aus dem Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena diese Frage. Gemeinsam mit seinem Wiener Kollegen Prof. Dr. Henning Schluß widmete er sich den Schulschriften Luthers, um die Ausgangspunkte der protestantischen Bildungsgeschichte zu rekonstruieren. „Zum einen sind die Informationen dazu natürlich historisch von Bedeutung“, erklärt Koerrenz. „Zum anderen kann man daraus aber auch wichtige Bezüge zum heutigen Verhältnis von Religion, Bildung und Kultur im protestantischen Glauben ableiten.“

Luthers Ansatz etwa, dass für jedermann der Text der Bibel zugänglich sein soll, birgt in sich die Notwendigkeit, auch die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Der Reformator sah die Bildungspflicht nicht nur in der Familie, wie zu seiner Zeit üblich, sondern auch in der Schule. „Es ist ein im protestantischen Glauben wurzelnder Auftrag, danach zu fragen, warum und wie Schule* als Teil der allgemeinen Kulturentwicklung und Kulturbewahrung gestaltet werden soll“, sagt Koerrenz. „Dabei geht es nicht nur darum, zu vermittelnde Inhalte zu diskutieren, sondern auch die Struktur der Einrichtung als solches.“ Diese Punkte führten zur ausgeprägten Beschäftigung mit Pädagogik in der Geschichte des Protestantismus.

Luthers Schulideen stehen hier auch exemplarisch dafür, ob und wie sich ein Protestant verantwortlich gegenüber seinem Umfeld bzw. der Öffentlichkeit sieht.

Das 2010 gegründete Landesgraduiertenkolleg „Protestantische Bildungstraditionen in Mitteldeutschland“ sucht genau auf solche Fragen Antworten. Mit dem vorliegenden Buch ist erstmals auch der Festvortrag von Henning Schluß anlässlich der Gründung des Kollegs veröffentlicht.

Bibliographische Angaben:
Ralf Koerrenz / Henning Schluß: Reformatorische Ausgangspunkte protestantischer Bildung. Orientierungen an Martin Luther, Verlag IKS Garamond, Jena 2011, 71 Seiten, Preis: 8,90 Euro, ISBN 978-3-941854-63-5

Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz
Institut für Bildung und Kultur der Universität Jena
Am Planetarium 4, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945331
E-Mail: s8kora[at]uni-jena.de

*Nota.

Ob wohl die Gepflogenheit, Schule wie einen Eigennamen ohne Artikel zu gebrauchen - wie sonst nur G. selbst und... Kirche - ebenfalls auf Luther zurückgeht? Das würde mir einiges verständlich machen.
J.E.

Donnerstag, 1. März 2012

Wieviel Vater braucht ein Kind?

aus NZZ, 20. 2. 2012




«Unser System fördert die traditionelle Rollenverteilung»
 
Der «Männerpolitiker» Markus Theunert über die Bedeutung des Vaters in der Erziehung


Herr Theunert, wie viel Vater braucht das Kind?

Es gibt keine Antwort, die für alle Kinder gilt. Was man positiv formulieren kann, ist, dass jedes Kind alltagsnahe väterliche wie auch mütterliche Präsenz braucht. Weil der Normalfall immer noch der 100 Prozent berufstätige Vater ist, besteht tendenziell ein Mangel an Väterlichkeit oder an Vätern.

Kann man das quantifizieren?

Das Engagement der Väter im familiären Bereich ist nachweisbar gestiegen. Bei Vätern mit Kindern zwischen 0 und 6 Jahren war in den letzten zehn Jahren laut Schweizerischer Arbeitskräfte-Erhebung eine Zunahme der Gesamtarbeitszeit von 65 auf 73 Stunden pro Woche zu verzeichnen, welche dem familiären Bereich zugutekommt. Die jungen Männern engagieren sich also verstärkt zu Hause, reduzieren aber ihre Erwerbsarbeit kaum, sondern engagieren sich auf Kosten ihrer Eigenzeit.

Heisst das also, dass der Mann, der sich kaum an Haushalt und Familie beteiligt, ein verblassender Mythos ist?

Das heisst zweierlei. Die Kinder haben tagsüber nach wie vor wenig vom Vater. Alltägliche Erlebnisse wie Einkauf oder Kochen erleben sie kaum mit ihm. Gleichzeitig erbringen die Väter den Tatbeweis, dass das väterliche Engagement mehr als ein Lippenbekenntnis ist. Das verdient Wertschätzung.

Bedeutet das erhöhten Stress für Väter?

73 Stunden, das ist eine namhafte Belastung, die langfristig weder Gesundheit noch Partnerschaft zuträglich ist. Es ist offensichtlich: Auch Männer haben ein Vereinbarkeitsproblem. Die Partnerinnen dieser Männer arbeiten aber auch ähnlich viel, einfach im umgekehrten Verhältnis: weniger bezahlte Arbeit und dafür mehr Haus- und Familienarbeit. Ein «faules Geschlecht» gibt es nicht.

Gibt es einen Unterschied beim «Vaterbedarf» zwischen Buben und Mädchen?

Eine klare Antwort ist schwierig, weil es so unterschiedliche Buben und Mädchen gibt. Man kann aber Tendenzen nennen: Der Vater hat ein Stück weit eine andere Funktion für einen Buben und ein Mädchen, aufgrund der Tatsache, dass es das gegen- oder gleichgeschlechtliche Elternteil ist. Für den Buben ist der Vater wichtig als Identifikationsfigur. Es ist sicher hilfreich, wenn er sieht, dass der Vater in allen Lebensbereichen seinen Mann steht. Er kann dabei lernen, dass es genau so männlich ist, einen Gratin zu backen, wie das Auto zu waschen oder am Morgen in Anzug und Krawatte ins Büro zu gehen. Mädchen brauchen den Vater als gegengeschlechtliche Bezugsperson.

Sind Väter unternehmungslustiger?

Väter pflegen teilweise andere Aktivitäten als Mütter. Sie gehen mehr raus, machen mehr körperliche Sachen, rangeln und raufen öfter mit den Kindern, lesen ihnen aber weniger vor.

Was macht den guten Vater aus?

Dass er da ist. Dass er eine vertrauensvolle Bezugsperson ist, die für das Kind spürbar in der Lage ist, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, was nicht heissen muss, dass er diesen sofort nachkommt. Das gilt aber genauso auch für Mütter. Erfahrungsräume, welche die Väter besonders gut eröffnen können, sind Schritte in die Welt hinaus: handfeste Sachen entdecken, Bäche stauen, den Veloschlauch flicken. Das sind Dinge, die eher Väter den Kindern erklären.

Viele Kinder wachsen ohne Vater auf, was fehlt diesen Kindern?

Zuerst einmal: Es geht primär um alltagsnahe männliche Bezugspersonen, nicht unbedingt um biologische Vaterschaft. Kinder, die keine männliche Bezugsperson haben, sammeln weniger Erfahrungen im Umgang mit einem Mann. Das führt schon zu gewissen Einschränkungen im Erfahrungsraum, zumal auch im Kindergarten fast ausschliesslich und in der Primarschule grossmehrheitlich die erwachsenen Bezugspersonen weiblich sind. Eine alleinerziehende Mutter oder ein lesbisches Paar, das Kinder erzieht, sind meines Erachtens gefordert, ihrem Nachwuchs den regelmässigen Kontakt zu einem männlichen «Reibungspartner» zu verschaffen. Umgekehrt gilt das natürlich auch, wobei alleinerziehende Männer selten sind.

Wie viel Kind braucht denn ein Vater?

Mehr als die Strukturen erlauben. Unser System fördert die traditionelle Rollenteilung. Die Mutter steigt bei der Geburt während 14 Wochen aus dem Job aus, und der Vater bekommt zur Geburt einen Tag frei, bevor das Erwerbsleben weitergeht. Die fehlende Väterzeit ist staatlich begünstigte Entfremdung von der Haus- und Familiensphäre. Der Vater hat keinen strukturellen Anreiz, sich seine Art von «Bevatern» zu erarbeiten, sich einen Platz zu suchen im familiären System, eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Kind zu entwickeln. Das erschwert die Erfahrung, dass sein Umgang vielleicht anders, aber gleichwertig ist, wie der Umgang der Mutter mit dem Kind. Die Rahmenbedingungen fördern die Ernährerfalle.

Was verstehen Sie darunter?

Erwerbsbeteiligung und Lohnentwicklung laufen lange parallel. Mit der Familiengründung kommt der Bruch: Der Mann steigert sein Arbeitspensum eher noch, die Frau reduziert - und holt diesen Rückstand im Laufe ihrer ganzen Erwerbsbiografie nicht mehr auf. Mit jedem Jahr macht es für die Familie ökonomisch weniger Sinn, wenn der Mann zugunsten der Familie die Erwerbsarbeit reduziert. Die Politik schaut weitgehend tatenlos zu. Punkto Väterpolitik ist die Schweiz ein Entwicklungsland.

Warum?

Das ist vielschichtig. Ein zentraler Punkt ist, dass bei uns die ganze Familienthematik stark individualisiert, als Herausforderung jedes einzelnen Paares betrachtet wird. Persönliche Freiheit in Ehren, aber da wird uns Sand in die Augen gestreut. Die fehlende Väterzeit und die bescheidene 14-wöchige Mutterschaftsversicherung sind auch im internationalen Vergleich einfach penibel. Das Ausblenden dieser strukturellen Korsette führt dazu, dass die Väter das Anstossen an den eigenen Ansprüchen als Scheitern und nicht als Ungerechtigkeit empfinden. So fehlt auch die Basis für eine politische Väterbewegung.
Interview: ark./jok.

Markus Theunert ist Präsident des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.