aus FAZ.NET, 12. 1. 2012
Das sind Wunden, die hat man
Wiederholen Scheidungskinder als Erwachsene die Fehler ihrer
Eltern? Wissenschaftler sprechen sogar davon, das Scheidungsrisiko sei
vererbbar. Betroffene suchen Wege zwischen Beziehungsphobie und Nähe.
Ursprünglich wollte sie keine Kinder,
allein schon, um ihnen das eigene Schicksal zu ersparen. Sie dachte, als
sie jünger war, dass sie ohnehin nie im Leben eine langfristige
Beziehung führen würde. Sie war schließlich ein Scheidungskind. Ihr
Vater zog aus, weil er eine neue Freundin hatte; sie war damals zwölf
und litt unter dem Gefühl, verlassen worden zu sein. Mit Anfang dreißig
heiratete sie dann doch. Zum ersten Mal war sie einem Mann begegnet, bei
dem sie sicher war, es könnte gutgehen, auf Dauer. „Ich hätte nie die
Kinder gekriegt, wenn ich nicht so viel Vertrauen in seine
Zuverlässigkeit gehabt hätte“, sagt Britta Dankwerth*. In guten wie in
schlechten Zeiten: Sie nahm das sehr ernst. Heute ist ihre Tochter drei,
der Sohn sieben Jahre alt. Ihr Mann ist im Sommer ausgezogen. Die
Scheidung läuft.
Scheidungskinder
haben als Erwachsene ein größeres Risiko, dass ihre eigenen Ehen auch
geschieden werden. Seit den siebziger Jahren belegt eine Reihe von
Untersuchungen zunächst aus Amerika die Existenz einer, wie
Sozialwissenschaftler es formulieren, „sozialen Vererbung“ oder
„Transmission“ von Scheidung. Für Deutschland ist dieser Befund erst
2009 neu untermauert worden. Die Soziologin Sonja Schulz hat Daten des
Deutschen Jugendinstituts ausgewertet, und siehe da: Nach zwanzig Jahren
waren noch achtzig Prozent der Personen verheiratet, die bei ihren
Eltern aufgewachsen waren. Bei Kindern Alleinerziehender waren es
siebzig Prozent. Bei Kindern aus Patchworkfamilien hielten nur sechzig
Prozent der Ehen.
„Woran liegt das? Und ist das meine Schuld?“ Britta
Dankwerth denkt viel darüber nach, warum ausgerechnet ihre Ehe
gescheitert ist. Sie ahnt, dass ihr Mann das Familiendasein irgendwie
uncool fand. Sie weiß, dass beide über Kinder und Alltag ihre Beziehung
als Paar vernachlässigt haben. Manchmal grübelt sie, ob sie ihn zu der
Trennung getrieben hat. Zwar hat sie alles versucht, um das Ende zu
verhindern, Paartherapie inklusive. Sie hat ihn angefleht: „Mach das
nicht! Tu’s den Kindern nicht an. Du weißt doch gar nicht, wie
schrecklich das ist!“
Andererseits hat sie es kommen sehen. Auch wenn gar
keine andere Frau im Spiel war: Dass der Familienvater sich davonmacht
mit einer Jüngeren - diese Bedrohung schien ihr immer realistisch; das
hatte sie erlebt. „Ich hatte dadurch schon so ein Problem mit
Vertrauen“, sagt sie, „ich war immer misstrauisch.“ Deshalb weigerte sie
sich, ihren Job aufzugeben und mit den Kindern zu Hause zu bleiben,
obwohl ihr Mann sich das gewünscht hätte. Sie hat ihm damals ins Gesicht
gesagt: „Irgendwann wirst du mich sitzenlassen, und dann bin ich darauf
angewiesen.“ Bloß nicht so enden wie die eigene Mutter. Während ihr
Vater nach der Scheidung ein schickes Leben führte, hatten Frau und
Kinder kaum genug zu essen.
Mängel in der Sozialisation
Sucht man nach
Erklärungen für die Weitergabe des Scheidungsrisikos von einer
Generation zur nächsten, bleiben die Antworten der Wissenschaft
unbefriedigend. Reichen Scheidungskinder leichtfertiger die Scheidung
ein? Gehen sie weniger verbindliche Beziehungen ein? Investieren sie
weniger? Fehlen ihnen Vorbilder? Kompetenzen zur Konfliktlösung? Welche
Rolle spielen der Stress daheim, ein etwaiger finanzieller Abstieg und
die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen?
Auch Fred Berger von der Universität Zürich konnte
in der Längsschnittuntersuchung „LifE“ bei fünfunddreißigjährigen
Deutschen abermals nachweisen: Nach zwölf Jahren Ehe hatten
Scheidungskinder eine erhöhte Scheidungswahrscheinlichkeit von 60
Prozent. Ein Zusammenhang besteht laut Studie mit dem Befund, dass die
Betroffenen früher als ihre Altersgenossen sexuelle Beziehungen
aufnehmen. Berger schließt daraus auf Mängel in der Sozialisation. Aber
er sagt auch: „Da ist noch vieles zu erklären. Studien, die die ganze
Komplexität abbilden können, gibt es meines Wissens nicht.“
Susanne Recher* lebt in einer Kleinstadt in
Süddeutschland. Sie ist Sozialwissenschaftlerin, Anfang 40 und in
zweiter Ehe verheiratet; ihre Tochter ist erwachsen. „Erst nach der
Trennung ist mir klargeworden, dass ich in meiner Beziehung ein Muster
wiederholt habe, das meine Mutter auch hatte“, sagt sie. Mit Anfang
zwanzig verliebte sie sich - wie die Mutter - in einen attraktiven,
charismatischen Mann. Der Märchenprinz jedoch war ihr intellektuell nie
gewachsen - ähnlich wie die Mutter (Hauptschulabschluss) dem Vater
(Akademiker). Später stellte sich außerdem heraus, dass Rechers Ex so
wenig in der Lage war, den Kontakt zur Tochter zu halten, wie einst ihr
eigener Vater. Das, sagt Recher, habe sie traurig gemacht.
Unter der Trennung ihrer Eltern hingegen hat sie
nicht gelitten. Sie war damals zwei Jahre alt. „Ich hatte immer das
Gefühl, dass uns nichts fehlt“, sagt sie rückblickend. Aber ein
Rollenmodell, wie eine glückliche Familie aussieht und funktioniert -
das gab es nicht. Als Susanne Recher also schwanger wurde, ungewollt,
räumte sie jeden Zweifel beiseite und orientierte sich an einem von
Äußerlichkeiten geprägten Familienidyll. Auf den Fotos aus jener Zeit
sieht sie älter aus als heute, die Tochter muss regelmäßig darüber
lachen: brave Blusen, überall Blümchen und Wallelocken anstelle des
frechen Kurzhaarschnitts.
Es dauerte eine Weile, bis Recher merkte: „Ich habe
mich da in was reingewünscht.“ Sie ließ die Krabbelgruppe sausen und
setzte ihr Studium fort. Schließlich wurde ihr klar, wie wenig der
Märchenprinz zu ihr und ihrem Leben passte. Die Trennung schreckte sie
nicht, „eher im Gegenteil“, sagt sie: Sie wusste ja, wie gut das geht.
Dass ihr Mann sie aber betrog und ihre Freundinnen abschleppte - davor
verschloss sie bis zuletzt beide Augen. Was nicht sein darf, kann nicht
sein.
Trennungskinder können unterschiedliche Wege einschlagen
„Ich
kenne etliche Fälle, wo die Scheidungskinder von gestern als
Scheidungseltern von heute es keinen Deut anders machen, als sie es
damals bei ihren Eltern erlitten haben. Das ist Psychologie.“ Der
Scheidungsexperte Uwe Jopt, emeritierter Professor der Universität
Bielefeld, arbeitet nach wie vor als Sachverständiger vor Gericht. Er
ist überzeugt: Wie Kinder die elterliche Trennung erleben, hat
nachhaltigen Einfluss darauf, wie sie als Erwachsene selbst mit
Paarkonflikten umgehen. Wobei nicht die Trennung an sich entscheidend
sei, sondern die Spannungen in der Zeit danach.
Trotzdem warnt Jopt vor linearen
Schlussfolgerungen. Ein Trennungskind, das die Erfahrung der Eltern
nicht wiederholen will, könne unterschiedliche Wege einschlagen. Von
„Ich heirate nie“ über „Ich heirate erst, wenn ich mir ganz sicher bin“
bis hin zu „Wenn es nichts wird, gehe ich mit meinen Kindern ganz anders
um“. Wobei selbst der schönste Vorsatz keine Garantie beinhalte, es am
Ende besser zu machen. „Zwangsläufigkeiten gibt es nirgendwo im Leben“,
sagt Jopt.
Auch Psychotherapeuten kennen keine
allgemeingültigen Mechanismen, wie die elterliche Trennung sich auf
spätere Beziehungen auswirkt. Einerseits, heißt es gern, sind
Bindungserfahrungen immer prägend. Andererseits kommt es in jedem
Einzelfall auf das Verhältnis zwischen belastenden Faktoren und
Bewältigungsangeboten an. Die maßgebliche Untersuchung zur psychischen
Gesundheit von Jugendlichen in Deutschland besagt, dass eine Scheidung
das Risiko für Auffälligkeiten erhöht - schlimmer allerdings wirkt sich
familiärer Dauerzoff aus. Und wenn Vater und Mutter auch nach der
Scheidung an einem Strang ziehen und das Kind nicht zwischen die Fronten
gerät, glauben Scheidungsforscher, dass die Trennung schon wenige Jahre
später keine Belastung mehr sein muss. Womöglich birgt sie sogar
Chancen.
Da ist zum Beispiel die Mittzwanzigerin, die
beschlossen hat, ihre erste große Liebe zu verlassen, und den
geschiedenen Eltern für die Erkenntnis dankbar ist: „Ich kann das auch
beenden. Ich übernehme Verantwortung für mich. Das tut weh. Aber das
kann auch etwas Befreiendes haben.“
Da ist die Mittdreißigerin, die glaubt, dass sie
bei der Partnerwahl ein gutes Händchen hatte, weil sie mit dem
abschreckenden Beispiel eines unfähigen Vaters groß geworden war, der
schon vor der elterlichen Scheidung permanent abwesend war: „Für mich
war immer klar, das kann nur funktionieren, wenn man einen Mann hat, der
Verantwortung übernimmt.“
Und da ist die zweifache Mutter, Trennungskind,
deren Partnerschaft sich in zwanzig Jahren trotz verschiedener Krisen
als stabil erwiesen hat: „Ich habe früh Kinder bekommen aus dem Wunsch,
wieder sehr schnell eine heile, ganze Familie zu haben“, sagt sie.
Wichtige Erfahrungen im Freundschaftskreis
Auch
eine Studie der Universität München ergab, dass Jugendliche häufiger
Liebesbeziehungen führen, wenn die Ehe ihrer Eltern zerbrochen ist. „Wir
vermuten, dass Scheidungskinder infolge von Disharmonie zu Hause eher
Halt in eigenen romantischen Beziehungen suchen als
Nicht-Scheidungskinder“, sagt Psychologin Eva-Verena Wendt.
Was die Qualität dieser frühen Partnerschaften
betrifft, stellten die Forscher allerdings keine Unterschiede fest. Sie
wiesen nach, dass schädliche Beziehungs- und Konfliktstile in einem
gewissen Rahmen tatsächlich von einer Generation zur nächsten
weitergegeben werden. Wo Aggression im Elternhaus auf der Tagesordnung
standen, neigen auch die Kinder später zu solchen Formen der
Auseinandersetzung. Darüber hinaus jedoch gibt es andere prägende
Einflüsse: Freundschaften zum Beispiel, in denen sich Jugendliche
ausprobieren.
Fortsetzung auf der folgenden Seite Die ersten
eigenen Experimente in Sachen Liebe. Wendt sagt: „Wenn es im Elternhaus
sehr disharmonisch und unglücklich zugeht, hat man im Freundschaftskreis
eine Chance, Erfahrungen zu machen, die das Ganze abpuffern.“
Anja Reiter* würde in einer Statistik über das
Scheidungsrisiko von Scheidungskindern überhaupt nicht auftauchen. Sie
ist nicht verheiratet. Sie hat keine Kinder. Und viele, viele Jahre war
da nicht einmal eine feste Beziehung. Affären vielleicht, das ja. Aber
entweder verliebte sie sich in Männer, die nichts Ernsthaftes von ihr
wollten. Oder sie stellte fest, dass ihr Interesse erlahmte. Anja Reiter
ist eine vielseitige Frau, hübsch, schlau, grundsätzlich lebensfroh.
Dann war sie Ende dreißig, und wieder einmal drohte eine Beziehung in
die Binsen zu gehen, bevor sie richtig angefangen hatte. „Da habe ich
gedacht: Jetzt reicht’s. Irgendwas stimmt doch bei mir nicht.“
Reiter begann eine Therapie. „Ich habe ein Jahr
lang einmal die Woche ganz viel geheult.“ Fünf Jahre war sie alt, als
ihre Eltern sich aus heiterem Himmel trennten. Auch anschließend gab es
keine Dramen. Die Eltern blieben einander freundschaftlich verbunden,
Regelungen, die die Kinder betrafen, waren unkompliziert. Anja Reiter
und ihre Mutter zogen häufig um, es gab Wohngemeinschaften, Phasen bei
der Oma, schließlich einen neuen Stiefvater. Das Mädchen passte sich an.
„Meine Mutter ist davon ausgegangen, dass bei mir alles okay ist, weil
ich nicht geweint habe“, sagt Reiter heute. Und: „Die haben uns nicht
getröstet.“
Inzwischen ist sie sich bewusst, wie groß die
Sehnsucht nach ihrem Vater war. Und dass sie mit ihrem Mangel an
Vertrauen selbst die nettesten Typen in den Wahnsinn getrieben hat. „Das
sind Wunden, die hat man“, hat ihr Therapeut gesagt. Wenn sie heute der
Katzenjammer überfällt, kann sie ihrem Partner davon erzählen. Der hält
das aus. Beiden ist schließlich klar: Es hat nichts mit ihm zu tun. Sie
sagt: „Jetzt im Moment haben wir eine ganz gute Beziehung.“
Das Problem mit den Daten
Befunde über die
Weitergabe des Scheidungsrisikos haben einen Haken. „Das sind
historische Daten“, sagt Sonja Schulz: Selbst die vergleichsweise neuen
Analysen der Soziologin erfassen nur Personen, deren Eltern sich
spätestens in den achtziger Jahren haben scheiden lassen. Damals waren
die Scheidungsraten schon stark gestiegen. Aber was ist seitdem nicht
alles passiert? Es wäre unzulässig, aus den Erfahrungen der
Scheidungskinder von einst unmittelbar darauf zu schließen, wie Kinder
heute die Scheidung erleben. Und wer die Scheidungsgeneration der
Gegenwart untersucht, weiß deshalb noch lange nichts über deren
Beziehungsleben in zwanzig, dreißig Jahren. Eine amerikanische Studie
deutet darauf hin, dass sich der Transmissionseffekt abschwächt.
Britta Dankwerth war bei einer Trennungsberatung.
Sie achtet darauf, dass die Modalitäten der Scheidung beim Anwalt und
nicht vor den Kindern ausgehandelt werden. Wenn die Schwiegereltern sie
bei einer zufälligen Begegnung ignorieren, versucht sie, sich vor den
Kindern nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie das kränkt. Und wenn die
lieben Kleinen verkünden, dass sie jetzt zum Papa ziehen, weil sie
gerade mit ihnen geschimpft hat, sagt sie mit größtmöglicher
Gelassenheit: „Gut, dann zieht eben zum Papa.“ Inzwischen ist sie
erleichtert, dass das Elend der letzten gemeinsamen Monate ein Ende hat.
Auch die Kinder würden merken, dass es zu Hause wieder entspannter sei.
„Ich glaube, wir waren vielleicht einfach zu verschieden“, sagt
Dankwerth - wie ihre Eltern auch. Das Vermächtnis der elterlichen
Scheidung sieht sie heute so: „Wenn ich’s schon nicht verhindern konnte,
versuche ich wenigstens, dass es den Kindern möglichst wenig Schmerzen
macht.“
Nota.
[kommt noch!]