Dienstag, 24. Januar 2012

Neues vom Legastheniker.

aus scinexx

Gehirn von legasthenischen Kindern tickt anders 

Unterschiede in der neuronalen Aktivität könnten Früherkennung verbessern 

Kinder mit Legasthenie haben bereits vor dem Beginn des Lesenlernens veränderte Gehirnfunktionen. Zwei Gehirnareale, in denen unter anderem gehörte Worte verarbeitet werden, sind bei diesen Kindern weniger aktiv als normal. Das zeigt, dass diese Veränderungen nicht erst durch die Probleme beim Lesenlernen entstünden, wie zuvor teilweise angenommen. Stattdessen deute alles daraufhin, dass sich die Unterschiede im Verhalten und in der Verarbeitung von Sprache bei diesen Kindern bereits in den ersten Lebensjahren entwickelten.

Möglicherweise seien sie sogar angeboren, berichten US-amerikanische Forscherinnen im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Diese Erkenntnis könne dabei helfen, betroffene Kinder früher als bisher zu erkennen und gezielt zu fördern.

Neuronales Netzwerk gestört

Unter der auch als Legasthenie bezeichneten Lese-Rechtschreibschwäche leiden rund fünf bis 17 Prozent aller Kinder. Sie haben Schwierigkeiten, gesprochene Wörter korrekt zu erkennen und lernen nur schwer fehlerfrei zu lesen und schreiben. Oft tritt die Legasthenie in Familien gehäuft auf. Man wisse, dass bei legasthenischen Kindern meist ein neuronales Netzwerk in der hinteren linken Gehirnhälfte gestört sei, sagen die Forscherinnen. Dieses Netzwerk sei entscheidend am Lesen und an verwandten Fähigkeiten wie dem Verstehen von Wörtern beteiligt.

„Bisher war aber unklar, ob diese charakteristische Unterfunktion schon vor Beginn des Lesenlernens existiert, oder ob sie erst als Folge der Leseprobleme entsteht“, schreiben Nora Maria Raschle von der Harvard Medical School in Boston und ihre Kolleginnen. Jetzt habe sich gezeigt, dass diese Gehirnveränderungen bei familiär vorbelasteten Kindern bereits mit fünf Jahren, vor Beginn des Lesenlernens, nachweisbar seien.

Legasthenie bald früher diagnostizierbar?

Nach Ansicht der Forscher liefern die neuen Erkenntnisse erste Ansatzpunkte, wie man die Legasthenie bei Kindern zukünftig früher als bisher diagnostizieren könnte. „Die frühe Identifizierung der Leseschwäche bietet eine Chance, um früh mit Fördermaßnahmen zu beginnen“, sagen die Forscher. Dann ließen sich die Fehlfunktionen im Gehirn vermutlich noch ausgleichen und man könne so den Kindern später schwerwiegende psychologische und soziale Probleme ersparen.

Kinder vor dem Lesenlernen untersucht

Für ihre Studie hatten die Forscher die Gehirnaktivität von 36 fünf bis sechsjährigen Kindern untersucht, die noch nicht mit dem Lesenlernen begonnen hatten. Eine Hälfte der Kinder stammte aus Familien, in denen es bereits mehrere Legastheniker gab, die andere nicht. Alle Kinder schnitten in Tests ihrer Intelligenz und ihrer sprachlichen Fähigkeiten etwa gleich gut ab.

Die Forscher spielten den Kindern jeweils ein Paar ähnlich klingender Wörter vor. Die Kinder sollten anschließend entscheiden, ob beide Wörter mit einem ähnlichen Laut begannen oder nicht. Während des Versuchs maßen die Wissenschaftler die Gehirnaktivität der Kinder mittels funktioneller Resonanztomografie (fMRT). Dieses Verfahren erlaubt es, besonders gut durchblutete und damit auch besonders aktive Gehirnareale sichtbar zu machen.

Hirnscans weitere Erkenntnis

Die Hirnscans lieferten noch eine weitere Erkenntnis: Eine später bei Legasthenikern typischerweise überaktive Region im Vorderhirn reagierte bei allen Kindern noch normal. Das deute daraufhin, dass dieser Gehirnbereich erst beim Lesenlernen damit beginne, die Defizite in den Leseschaltkreisen von Legasthenikern teilweise auszugleichen, meinen die Forscher. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2012; doi: 10.1073/pnas.1107721109)

Proceedings of the National Academy of Sciences / dapd, 24.01.2012 - NPO) 


Nota.

Ausspähen, kontrollieren?

Aber nein, niemand hat eine solche Absicht. Doch um böse Absichten geht es leider nicht. Es geht um die Chance, mit Früherkennung ein paar Mark dazu zu verdienen. Und ist eine solche Chance einmal da, meiner Treu, dann wird sie genutzt!

So entsteht der Überwachungsstaat "ganz von allein" - das heißt, aus rein privaten Motiven...

J.E.

Samstag, 21. Januar 2012

Durchschnitt und Mittelmaß.

aus Der Standard,Wien, 21. 1. 2012 

Vom Punk zum Professor

 

"Der Durchschnitt ist das Konzept der Politik


Markus Hengstschläger über Freaks und Peaks, Talente mit vier Fünfern und das eine Prozent, in dem er nicht Durchschnitt ist  
 
Interview: Lisa Nimmervoll  

Standard: Ihr neues Buch heißt "Die Durchschnittsfalle" . Wer macht uns denn durchschnittlich? 

Hengstschläger: Einerseits jene, die die Bequemlichkeit, durchschnittlich zu sein, allem anderen vorziehen. Das ist auch ein Vorwurf an uns alle. Es gibt offensichtlich nichts Schöneres, als sich in die Phalanx der Gleichen einzureihen. Das ist das Todesurteil eines Landes. Fortschritt hängt nur von Peaks und Freaks ab. Der Durchschnitt hat noch nie etwas Besonderes geleistet. Andererseits: Zurzeit ist der Durchschnitt das Konzept der österreichischen Politik. 

Ein Beispiel bitte.

20 Kinder sollen sich im Turnsaal so aufstellen, dass irgendwer den Ball fängt. Der Ball kommt von irgendwo. Wir wissen nicht, woher und wann. Uneingeschränkter Zufall vorausgesetzt - ein klassisches Zukunftsproblem. Die österreichische Politik macht Folgendes: Sie gründet eine Expertengruppe, die gründet eine Subgruppe, die sich nur mit einer Frage beschäftigt: Statistik, Umfragen, Analysen, Durchschnitte erheben. Woher ist der Ball bisher durchschnittlich gekommen? Angenommen, obwohl zufällig: Zehnmal kam er von links unten, zehnmal von rechts oben. Der Durchschnitt ist in der Mitte. Von dort ist der Ball noch nie gekommen, aber die Politik rät den 20 Kindern: Stellt euch bitte alle dort auf, wo der Ball durchschnittlich herkommt. Der Ball kommt, und es muss uns klar sein, die fangen ihn nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist ausgesprochen gering. Die einzig richtige Antwort wäre: Damit die Kinder die größte Wahrscheinlichkeit haben, dass irgendwer den Ball fängt, muss sich jedes Kind woanders hinstellen.

Sie sagen: "Bildungsferne Schichten müssen zur Bildung geführt werden - kompromisslos."

Ja, aber nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern weil da viele individuelle Talente drin sind. Ich diskutiere im Buch, was Talent überhaupt ist, was daran eventuell genetisch ist und wie man ein Talent entdecken kann. Die Genetik sagt: Individualität ist unser höchstes Gut. Individualität als das einzige zielführende System, sich auf Fragen der Zukunft vorzubereiten, ist jahrmillionenlang geprüft. Am besten gefällt mir das Beispiel eines deutschen Zoologen, der fragt: Wieso gibt es tausende Schnecken? Weil irgendeine immer überleben wird. Wenn alle gleich wären und die Umwelt ändert sich nur ein bisschen, kann das alle bedrohen. Die Evolution sagt: Wenn ganz viele Verschiedene im System sind, ist immer einer unter uns, der eine Antwort auf Fragen der Zukunft gibt. Das heißt auch: Migration ist Teil der Evolution.

Wie groß ist denn die "Schuld" unserer Gene daran, ob wir nur durchschnittliche Zeitgenossen sind oder herausragende?

Genetisch startet jeder individuell, jeder ist anders, und dann muss man sich in diesem Land von Anfang an gegen Gleichmacherei wehren. Mein Erfolgskonzept: Besondere, individuelle (vielleicht auch genetische) Leistungsvoraussetzungen durch harte Arbeit entdecken und durch harte Arbeit in eine besondere Leistung, also Erfolg, umsetzen.

Sie verwenden oft "harte Arbeit" , aber auch "Üben, üben, üben" oder "Fleiß" . Welche Rolle spielt "harte Arbeit" im Kampf gegen die Durchschnittlichkeit?

Erfolg kommt nur durch harte Arbeit. Aber es gibt auch individuelle Startvoraussetzungen. Wenn wir Elina Garanèa in der Staatsoper singen hören, dann sagt der Österreicher: Wahnsinn, was für ein Talent! Der Irrtum ist nur, das Talent hören wir nicht. Wir hören die besondere Leistung, den Erfolg. Der ist entstanden durch auch biologische Leistungsvoraussetzungen und harte Arbeit. Wenn niemand das Talent von Elina Garanèa entdeckt und ihr die Motivation vermittelt, das durch harte Arbeit umzusetzen, wird nie eine Operndiva draus. Ohne "Üben, üben, üben" geht überhaupt nichts. Aber es gilt auch: Durch "Üben, üben, üben" erreichen nicht alle das Gleiche.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für das Schulsystem?

Wir orientieren uns am Durchschnitt, statt die Talente zu suchen und zu fördern. Ein Kind ist den ganzen Tag auf dem Fußballplatz, lernt nichts, kommt mit einem Zeugnis nach Hause, sagen wir vereinfacht: vier Nicht genügend, ein Sehr gut. Was sagen in diesem Land die Eltern, die Lehrer, die Bildungspolitiker zu dem Kind? Da, wo du das Sehr gut hast, machst du nichts mehr, da bist du eh schon durch. Und da, wo du die vier Nicht genügend hast, wirst du ab sofort Nachhilfe kriegen und büffeln. Vollkommen irrsinnig. Das Ergebnis ist: Das Kind beschäftigt sich monatelang mit den vier Nicht genügend und wird dort Durchschnitt. Und es vernachlässigt das Fach, in dem es Sehr gut war, und ist dort dann auch Durchschnitt.

Ist das Abdichten nach unten, wo das Kind schlecht ist, nicht auch wichtig?

Klar, es gibt einen Standard, unter dem brauchen wir nicht verhandeln. Die Lösung des Beispiels: Wo das Kind vier Nicht genügend hat, muss es so viel können, dass man sagt: Das ist verwendbar. Viel wichtiger aber ist, dass ein Kind mit vier Nicht genügend und einem Sehr gut als ein Talent bezeichnet wird. Denn warum macht der, wenn er nie was gelernt hat, ein Sehr gut? Diesem Kind muss man sagen: Du hast da besondere Leistungsvoraussetzungen, mit dem Fach solltest du dich ab sofort rund um die Uhr beschäftigen: Das ist dein E=mc2. Das ist dein Humankapital, das wir brauchen in diesem Land, das wird dein individueller Beitrag sein. Jeder leistet einen anderen.

Ist das ein Plädoyer für oder gegen eine gemeinsame Schule, die auf Individualität abstellt?

Mir ist das völlig egal, wie man es nennt. Es geht um das Ziel. Ich will in meinem Hörsaal nicht den Durchschnitt steigern. Ich will seit 20 Jahren Talente finden. Nur der, der den alten Weg verlässt, kann einen neuen gehen. Das will in Österreich aber niemand: Keiner will die Kinder, die als Abweichler gelten, keiner will die in seiner Firma, geschweige denn an der Uni oder in den Schulen, weil jeder sagt: Das ist mühsam. Jeder konzentriert sich darauf, dass der Durchschnitt o. k. ist. Dann scheinen alle zufrieden.

Sie sind Mitglied des Forschungsrats. Bedeutet Ihre Forderung nach "Peaks und Freaks" , nur noch die Freaks auf den Peaks, also die, die schon Erfolg dokumentiert haben, finanziell fördern?

Nicht unbedingt, aber Gießkannenprinzip ist auch eine evolutive Sackgasse. Damit werden die Guten schlechter, weil sie zu wenig haben, und die Schlechten werden vielleicht ein bissl besser, weil sie unbegründet Geld bekommen, das ihnen nicht zusteht - und am Ende sind alle Durchschnitt.

Was ist denn an Ihnen durchschnittlich?

Österreich wertet Talente - ein Riesenirrtum und sinnlos. Ein Talent kann man deswegen nicht werten, weil wir die Frage der Zukunft nicht kennen, also nicht wissen, was wir brauchen. Ich brauche Individualität, das ist das Einzige, was ich weiß. Das heißt: Ich bin wahrscheinlich in 99 Prozent der Dinge unter dem Durchschnitt. Das Ziel muss sein, dass jeder irgendetwas gut kann und nicht vieles mittelmäßig - und bereit ist, daran hart zu arbeiten. Niemand ist also wirklich Durchschnitt - es gibt so viele Eliten wie Individuen - und ich arbeite hart.

MARKUS HENGSTSCHLÄGER war mit 16 Punk, mit 24 Doktor der Genetik, mit 35 Professor für Medizinische Genetik an der Medizin-Uni Wien, mit 40 Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik und mit 42 Mitglied des Forschungsrates und wissenschaftlicher Leiter des Thinktanks Academia Superior. "Die Durchschnittsfalle. Gene - Talente - Chancen" (Ecowin Verlag), 188 Seiten, 21,90 Euro


Nota.

Bedenklich ist immer, wenn einer mit "der Evolution" - oder "der Natur" - argumentiert. 'Die Evolution' trifft keine Wahl nach Wertgesichtspunkten, sondern geht blind ihren Weg von Anspassung und Auslese. Wir aber können eine Wahl treffen, und daher müssen wir es. Wir könnten ja entscheiden, zu bleiben, wie wir sind, und hoffen, dass wir dann schon durch unsere große Masse überleben werden - wenigstens eine zufällige Handvoll. 

Wir können aber auch entscheiden: Das interessiert uns gar nicht. Sondern wir wollen uns verbessern. Und zwar nach Wert-Maßstäben. 

J.E.

Freitag, 20. Januar 2012

Peaks und Freaks, oder Die Durchschnittsfalle.

aus Die Presse, Wien, 20. 1. 2012

Bildung: Hengstschläger warnt vor der Durchschnittsfalle

Das durchschnittsorientierte Schulsystem sei talentefeindlich, schreibt der Genetiker in seinem neuen Buch. Es brauche das Gegenteil: nämlich Peaks und Freaks.


Entweder man hat es – oder man hat es nicht, das Talent: Das ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit, sagt der Genetiker Markus Hengstschläger. In seinem neuen Buch warnt er vor der „Durchschnittsfalle“. Und sagt gleich dazu: Das eigentliche Problem liegt nicht bei den Genen – sondern im Bildungssystem. Denn: Dieses nehme nur Maß am Durchschnitt. Außergewöhnliche Stärken würden nicht nur häufig nicht gefördert, sondern oft sogar als störend empfunden. 

Wer sich mit dem Durchschnitt zufrieden gibt, verschleudert das größte Kapital für die Zukunft unseres Planeten, schreibt Hengstschläger: das Humankapital. Das bemesse sich nämlich nicht am Durchschnitt, sondern an den (unterschiedlichen) Spitzen. Ein System, in dem alle Teile möglichst nah an einem gemeinsamen Durchschnitt sind, ist für die Zukunft in keinerlei Weise gerüstet. Es braucht Varianz – was Hengstschläger auch anhand der Genetik argumentiert: Denn auch in der Natur überleben jene Spezies am ehesten, die auf Individualismus setzt: So ist immer zumindest ein Teil der Lebewesen gerüstet für bisher unbekannte Herausforderungen der Zukunft. Sich am Durchschnitt orientieren, das könne doch nur jemand, der dumm genug* wäre zu glauben, dass er schon heute weiß, was morgen auf uns zukommt, so Hengstschläger. 

Schule verschleudert Talente 

Vor allem mit der Schule geht Hengstschläger hart ins Gericht: Der Fokus liege zu stark auf den Schwächen, nicht auf den Stärken und Talenten der Schüler. In der Schule würden Schüler dazu angehalten, dort am meisten zu lernen, wo sie die schlechtesten Noten haben, um sich wieder in den Durchschnitt einzureihen. Und das, kritisiert Hengstschläger, gehe auf Kosten jener Zeit, die das Kind mit den Stärken verbringen könnte. Konsequenz: Die Schüler werden nicht nur im zuvor vernachlässigten Fach Durchschnitt, sondern auch in jenen Bereichen, in denen sie eigentlich gute Leistungen hätten. So würden Talente verloren gehen.

Klar sei aber: Auch bildungsferne Schichten müssten zur Bildung geführt werden. Nicht aber, um den Durchschnitt zu heben, sondern, um mehr Talente entdecken und fördern zu können. Denn im großen und ganzen brauche man – um in einer ungewissen Zukunft bestehen zu können – Peaks und Freaks: Spitzenleistungen und größtmögliche Individualität. In der "Presse" warnte der Genetiker schon im Vorjahr vor der Durchschnittsfalle - und verknüpft seine Überlegungen mit dem Bereich Forschung, Innovation und Wirtschaft.



aus Die Presse, Wien, 21. 6. 2011


Hengstschläger: "Wir sind in einer Durchschnittsfalle"


Der Genetiker Markus Hengstschläger erklärt im Interview, warum ein guter Durchschnitt keine Antwort auf Fragen der Zukunft sein kann, und kritisiert das, was viele Unternehmen heute unter Innovation verstehen.


von Bernadette Bayrhammer

Die Presse: Ich möchte mit Ihnen heute gerne über Innovation und Bildung sprechen ...

Markus Hengstschläger: Wir sind zurzeit in Österreich und weit über die Grenzen hinaus in einer Durchschnittsfalle angelangt. Wir wollen primär den Durchschnitt heben. Das ist aber für die Bewältigung der Aufgaben, die auf uns zukommen, zu wenig.

Was genau bedeutet das für den Bereich der Innovation?

Der derzeitige Ansatz scheint der zu sein, dass wir ein bestehendes Produkt billiger herstellen wollen, breiter anwendbar oder länger haltbar machen wollen, im Vertrauen darauf, dass das, was wir haben, so schlecht ja gar nicht ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass das überhaupt keine Lösung ist und auch nicht innovativ. Dafür kann ich Ihnen ein Beispiel aus meinem Fach geben.

Was kann man denn aus der Genetik für den Bereich der Innovation ableiten?

Gut beschreiben lässt sich das anhand der Hydra, eines zentimetergroßen Polypen, der sich sowohl sexuell als auch asexuell fortpflanzen kann. Wenn die Hydra in einer Pfütze schwimmt und sich fortpflanzen will, braucht sie im Prinzip keinen Zweiten. Sie kann sehr effizient ein genetisch identes Tierchen schaffen. Und wenn die Pfütze leer ist, also der Markt der Zukunft unerschlossen, und ich ein Produkt habe, von dem ich glaube, dass es gut ist: Warum sollte ich es dann nicht möglichst effizient reproduzieren?

So läuft es Ihrer Meinung nach derzeit in der Wirtschaft ab?

Das ist es, was zur Zeit alle machen. Eine Firma wird oft als umso innovativer eingestuft, je mehr von ihrem einen Produkt sie auf dem Markt hat. Aber innovativ kann man nicht sein, indem man den alten Weg schneller geht – auch, wenn sich viele damit zufrieden zu geben scheinen.

Innovation aus Ihrer Sicht wäre etwas ganz anderes.

Ja. Denn das löst nur die Probleme der Gegenwart. Wenn es in der Pfütze um zwei, drei Grad wärmer wird oder der pH-Wert steigt und das erste Tierchen das nicht aushält, werden alle sterben, weil sie ja genetische Kopien sind. Das wäre der Durchschnittsansatz. Damit haben wir auf Veränderungen der Umwelt in der Zukunft keine Antworten.

Und der andere Ansatz?

Der ist, dass zwei Tierchen sich sexuell fortpflanzen und dadurch Nachkommen entstehen, die nicht identisch sind, sondern individuell. Zuerst scheint das riskant, es könnten ja welche dabei sein, die keine Vorteile bringen. Denn die Innovation bewährt sich ja erst im Wechselspiel mit der Umwelt, in der Biologie wie in der Wirtschaft. Aber wenn es jetzt wärmer wird oder der pH-Wert steigt, werden einige dabei sein, die etwas können, was die anderen nicht können: überleben. Individualität ist das höchste Gut der Innovation.

Man muss dabei aber auch Sackgassen in Kauf nehmen.

Man nimmt sogar viele Sackgassen in Kauf. Aber das müssen wir uns leisten. Denn die Gefahr, dass keiner von uns eine Antwort hat und dadurch alle aussterben, ist zu groß.

Haben Sie da ein Beispiel abseits der Biologie?

Sie können das auf die Finanzkrise umlegen. Da haben sehr viele das Gleiche gemacht. Und in einer geänderten Umwelt war das, was vorher hochinnovativ war – Immobilieninvestment etwa –, plötzlich vom Aussterben bedroht. Wir können uns nicht auf den Durchschnitt verlassen, nicht in der Innovation und nicht in der Bildung.

Ein Gegenstück zum Durchschnitt wäre die Elite – ein Begriff, mit dem man sich in Österreich schwer tut.

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. Natürlich ist es wichtig, den Schnitt zu heben, aber es ist noch wichtiger, dass es Besonderheiten gibt.

Wie geht das zusammen? Für viele sind Elitenförderung und Hebung des Durchschnitts ein Widerspruch.

Beides muss gleichzeitig existieren. Vor allem bei bildungsfernen Schichten müssen wir uns viel Arbeit antun, sonst gehen uns unglaublich viele Talente verloren. Es wäre fatal zu sagen, wir kümmern uns nur um die Elite, weil man ja nicht weiß, was die Elite von morgen ist, wenn wir die Fragen von morgen nicht kennen. Gleichzeitig müssen wir Spitzen fordern und fördern, sodass die nächste Generation das in Frage stellen kann, was bisher existiert.

Wie sehr sehen Sie, dass das derzeit im Bildungssystem passiert?

Österreich läuft Gefahr, sich mit dem Durchschnitt zufriedenzugeben. Aber das Humankapital, von dem ich glaube, dass wir ein enormes haben, misst man nicht, indem man den Durchschnitt bestimmt. Es ist wichtig, dass wir nicht abfallen, aber viel wichtiger ist mir als Wissenschaftler, dass alles getan wird, um die Spitzen zu entdecken und zu fördern.

Kann man das in Zeiten einer Massenuniversität, der oft Mittelmäßigkeit vorgeworfen wird?

Dass einmal alle einen Zugang haben – die Guten, die Schlechten, die Talentierteren und die weniger Talentierten –, ist grundsätzlich nicht schlecht. Ich plädiere für einen breiten Zugang und dafür, dann möglichst schnell für jedes Fach spezifische Talente zu suchen.

Passiert das derzeit in Österreich?

Nicht unbedingt. Schon in der Schule haben wir ein System, wo wir bei unserem Gegenüber das finden, was er nicht kann. Und dann sagen wir: „Mit dem wirst du dich ab sofort umso mehr beschäftigen.“ Wir brauchen aber ein treffsicheres System, um herauszufinden, was jeder besonders gut kann.

Zurück zur Innovation: Dauert es in Österreich zu lange, bis Wissen aus den Unis hinausdiffundiert?

Traditionell haben wir damit in Österreich ein mentales Problem. Wenn ein Forscher Spin-offs gründet, sich dafür interessiert, seine Entdeckungen in Patente umzusetzen, oder gar Firmenteilhaber ist, sieht man ihn oft schief an. Ich sehe das überhaupt nicht so. Die Wirtschaft will es so, und die Uni will es so. Aber es gibt immer noch diesen schalen Beigeschmack.

Es braucht mehr Durchlässigkeit?

Ja, wobei auch die Wirtschaft der Forschung einen Schritt entgegenkommen muss. Die stellen sich eine Zusammenarbeit oft so vor, dass sie ein fixfertiges Produkt bekommen oder ansagen können, was sie wollen. Das kann sich ein Forscher nicht nur nicht gefallen lassen, das kann er auch gar nicht machen.

Muss sich die Wirtschaft mehr auf die akademische Welt einlassen?

Es braucht mehr Verständnis dafür, wie akademische Forschung funktioniert. Die Leute fragen sich: Wo ist der Druck, was ist, wenn da nichts rauskommt? Aber in der Wissenschaft ist das halt einmal so. Für die Wirtschaft ist das schwer zu akzeptieren.


Zur Person

Markus Hengstschläger (43) ist das österreichische Aushängeschild der Humangenetik. Der gebürtige Linzer leitet seit 2005 das Institut für Medizinische Genetik an der Wiener Med-Uni. Eine seiner größten Leistungen war die Entdeckung von Stammzellen im Fruchtwasser, ein anderes Thema ist die Erforschung der Erbkrankheit Tuberkulöse Sklerose.
 

Seit dem Vorjahr ist Hengstschläger Mitglied des Rates für Forschung und Technologieentwicklung. Der verheiratete Vater zweier Kinder sorgt auch mit populärwissenschaftlichen Publikationen („Endlich unendlich“) für Aufsehen.


aus derStandard.at, 20. 1. 2012  

Genetiker: Orientierung am Durchschnitt ist talentfeindliches Schulsystem  

Markus Hengstschläger regt in neuem Buch "Die Durchschnitts-Falle" zur vermehrten Talente-Förderung an

Wien - Der Durchschnitt ist die größte Gefahr für eine erfolgreiche Zukunft - und ein "durchschnittsorientiertes System" nicht für Herausforderungen gerüstet. Diese Sichtweise vertritt der österreichische Genetiker Markus Hengstschläger in seinem soeben erschienenen, neuen Buch "Die Durchschnitts-Falle", in dem er auch mit dem österreichischen Schulsystem hart ins Gericht geht. Der Fokus liege zu stark auf den Schwächen, nicht auf den Stärken und Talenten der Schüler. Bildungsferne Schichten müssten zur Bildung geführt werden, "nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern um mehr Talente entdecken und fördern zu können". 

"Peaks und Freaks" statt der "durchschnittlichen Allround-Könner" fordert der Professor für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien, wenn es um die Beantwortung noch ungelöster Fragen in unserer Gesellschaft geht. Politik, Bildungssystem und Eltern würden hingegen "ständig den Ratschlag geben, sich doch dem Durchschnitt anzupassen". Es sei heute wenig beliebt, aus der Masse herauszuragen und gegen den Strom zu schwimmen - dabei basiere genau darauf die Evolution. "Wir brauchen 'Abweichler' wie Albert Einstein, wir benötigen 'Auffaller' wie Sigmund Freud", konstatiert Hengstschläger. Stattdessen zähle am Ende der Schule, dass alle das Gleiche können. 

Im Unterricht würden Talente und Stärken verschwendet, indem Schüler dazu angehalten werden, "dort am meisten zu lernen, wo sie die schlechtesten Noten haben, um sich auf Kosten jener Zeit, die sie mit ihren Stärken hätten verbringen können, doch rasch wieder im Durchschnitt einzureihen". Das Ergebnis: Ein "durchschnittliches, unauffälliges, angepasstes Kind", das sowohl in seinen schlechten Fächern als auch in dem nun vernachlässigten Fach, in dem es die ausgezeichnete Note hatte, zum Durchschnitt wird. 

Talente selbst seien schwer messbar - der Erfolg, der sich aus der "Wechselwirkung aus Genetik und Umwelt" ergibt, jedoch nicht. "Wir begehen gerade den fatalen Fehler zu glauben, nicht jeder Mensch habe Talente und nicht jedes Talent sei wertvoll", meint Hengstschläger. "Mit diesen beiden Irrtümern muss aufgeräumt werden."









Buch-Tipp

Markus Hengstschläger: "Die Durchschnitts-Falle"

Ecowin Verlag

188 Seiten
21,90 Euro
ISBN 978-3-7110-0022-4


Nota.

Da die öffentliche Schule unvermeidlich eine Massenanstalt ist, hat sie immer den Durchschnitt als ihre Richtschnur genommen und wird es weiter tun.

Das ist der entscheidende systemische Grund, warum die Jungen von der Schule gegenüber den Mädchen schon immer benachteiligt worden sind: Auf der männlichen Seite sind aus stammesgeschichtlichen Gründen die Begabungen viel weiter gestreut als auf der weiblichen. Besonders starke und besonders schwache Schüler, Peaks und Freaks, sind typischerweise männlich. 

Und auch in diesem Punkt hat M. Hengsschläger Recht: Gemessen wird 'stark' und 'schwach' an den Erfordernissen des Status quo - wenn nicht gar an den Gewohnheiten von vorgestern. Aber was morgen erforderlich sein wird, kann die Massenanstalt Schule ja wohl nicht vorhersehen, oder?

Na ja, ahnen (*da hat Hengstschläger Unrecht) kann man es schon. Aber dazu bräuchte es Vorstellungskraft...

J.E,

Mittwoch, 18. Januar 2012

Jugendliche Belohnungsgier.

aus scinexx

Jugendliche: Gehirn stärker auf Belohnung programmiert 

Areal für die Bildung von Gewohnheiten reagiert anders als bei Erwachsenen  

Bei Jugendlichen reagiert eine für Entscheidungen und die Bildung von Gewohnheiten zuständige Gehirnregion anders als bei Erwachsenen. Sie ist immer dann besonders aktiv, wenn eine Belohnung oder ein Gefühl der Befriedigung erwartet wird. Das schließen US-amerikanische Forscher aus Versuchen mit Ratten.

Bei halbwüchsigen Tieren feuerten Nervenzellen im sogenannten dorsalen Striatum in diesen Situationen deutlich stärker und langanhaltender als bei Erwachsenen. Das sei bei menschlichen Jugendlichen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit genauso, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Drang nach Belohnung prägt Gewohnheiten stärker

„Unsere Studie demonstriert, dass bei Jugendlichen genau die Gehirnregion extrem belohnungsorientiert ist, in der Gewohnheiten gebildet werden“, schreiben David Sturman und Bita Moghaddam von der University of Pittsburgh. Bei Erwachsenen ebbe die Aktivität in dieser Gehirnregion sehr viel schneller ab.

Das könnte auch erklären, warum gerade Jugendliche besonders anfällig für Süchte seien, meinen die Forscher. Möglicherweise präge der Drang nach Belohnung ihre Entscheidungen und Gewohnheiten stärker. Unter Belohnung verstehen die Forscher dabei alles, was das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert und so ein Glücksgefühl und tiefe Befriedigung auslöst. Auch die erhöhte Anfälligkeit von Jugendlichen für psychische Störungen könnte auf die festgestellten neuronalen Unterschiede zurückzuführen sein.

Fundamentale Unterschiede

Nach Ansicht der Wissenschaftler deuten ihre Ergebnisse auf fundamentale Unterschiede zwischen dem Gehirn von Erwachsenen und Jugendlichen hin. Dass Hormone und Botenstoffe die emotionalen und mentalen Reaktionen in der Pubertät verändern, war bereits zuvor bekannt. Jetzt zeige sich aber, dass einige Gehirnbereiche auch anders arbeiteten und möglicherweise anders verschaltet seien, konstatieren die Wissenschaftler.

Das dorsale Striatum sei aber nur eine von vielen miteinander wechselwirkenden Regionen, die zusammen das Verhalten und die Anfälligkeiten im Teenageralter prägten, sagen Sturman und Moghaddam. Ob ähnliche Unterschiede auch in anderen Hirnteilen existierten und wie sie zusammenwirkten, müsse weiter untersucht werden.

Blick ins Gehirn zwischen Aufgabe und Belohnung

Für ihre Studie hatten die Forscher erwachsene und halbwüchsige Ratten darauf trainiert, auf ein Zeichen hin ihren Kopf durch eine Öffnung zu stecken. Dort erhielten sie dann zur Belohnung ein Futterstück. Zuvor waren den Ratten Elektroden ins Gehirn eingesetzt worden. Über diese konnten die Wissenschaftler die Aktivität zweier Gehirnareale, des dorsalen Striatum und des Nucleus accumbens, während dieser Aufgabe beobachten.

Der Nucleus accumbens gilt als entscheidendes Zentrum des Belohnungssystems, in ihm sitzen Botenstoff-Rezeptoren, die das Glücksgefühl erzeugen. Das dorsale Striatum ist dagegen vor allem an Entscheidungen beteiligt, es beeinflusst Handlungen und Gewohnheiten, die auf ein Ziel oder die Befriedigung von Bedürfnissen hin ausgerichtet sind.

Die Aktivität im Nucleus accumbens unterschied sich zwischen den Ratten nicht, wie die Forscher berichten. Deutliche Unterschiede habe es aber im dorsalen Striatum gegeben. Bei den halbwüchsigen Ratten feuerten mehr Nervenzellen vom Startsignal bis zum Fressen des Futters. Bei den Erwachsenen waren weniger Neuronen aktiv. Diese beruhigten sich zudem bereits bevor das Futter in den Trog fiel und damit für die Ratten erreichbar war. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2012; doi: 10.1073/pnas.1114137109)

(Proceedings of the National Academy of Sciences / dapd, 18.01.2012 - NPO)

Nota.

Ehrlich gesagt - ich würde erst einmal wissen wollen, ob beim Menschen dieselben Resultaten anfallen. Wir unterscheiden uns doch ziemlich von Ratten. Und nicht nur von unsern nächsten Verwandten unter den Affen, sondern sogar von unsern Onkeln und Tanten aus dem Neandertal unterscheiden wir uns ganz besonders ausgerechnet durch unsere spezifisch menschliche Sorte von Kindheit und Jugend...
J.E.

Sonntag, 15. Januar 2012

Papa kann nicht, wie er wollte.


aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. 1. 2012

In der Arbeitsfalle


Die Mehrheit der Väter hätte gern mehr Zeit für die Familie - und arbeitet stattdessen noch mehr. Wer ist schuld an der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit?
 
Hätte der Berater-Vater mehr Zeit, er würde sich zum Geburtstag seines Sohnes eine Abenteuer-Rallye ausdenken, die so verzwickt wäre, dass die Lösung des letzten Rätsels zum Aha-Erlebnis für alle würde. Er würde die Nachbarskinder zum Kino einladen, so wie damals, als sie fürs Wohnzimmer einen Beamer besorgt, Popcorn gemacht und Eintrittskarten gedruckt haben. Der Berater-Vater ist einer, der seiner Tochter morgens beim Anziehen hilft und abends die Gutenachtgeschichte vorliest, samstags kutschiert er den Sohn zum Schlagzeugunterricht. Aber er sorgt sich, wie das werden soll, wenn der Große älter wird und in der Schule mehr Unterstützung braucht. „Wenn ich genauso weitermache, werde ich mich da nicht viel einbringen können“, sagt der Berater-Vater. Es klingt betrübt.

Der Berater-Vater hat einen Sohn (8), eine Tochter (4), eine Frau, ein Eigenheim am Stadtrand und eine Fünfzigstundenwoche. Im Schnitt. Manchmal arbeitet er erheblich mehr. Die Frau hat gekämpft wie eine Löwin und bei ihrer Werbeagentur eine Teilzeitstelle herausgeholt. Jetzt managt sie wochentags allein den Shuttle vom Kindergarten zum Kindersport, Termine beim Kinderarzt, Kinderfreunde, Kinderkummer, Kinderwäsche, Kinderessen. Käme ein Sozialforscher und fragte, ob er lieber weniger arbeiten würde und mehr Zeit für seine Kinder hätte, der Berater-Vater müsste nicht lange nachdenken: „Klar“, sagt er. „Das sagen ja alle.“

 

Auch Männer haben ein Vereinbarkeitsproblem


Tatsächlich bekunden 60 Prozent der Väter in Deutschland, sie würden gern ihre Arbeitszeit reduzieren; so steht es im Familienreport des Bundesfamilienministeriums, der in dieser Woche veröffentlicht worden ist. Jeder dritte Vater arbeitet real mehr als 40, jeder vierte sogar 50 Wochenstunden und mehr. Jeder zweite aber wünscht sich eine Wochenarbeitszeit von 36 bis 40 Stunden, jeder fünfte hält 30 bis 35 Stunden für ideal. De facto dümpelt die Teilzeitquote bei Männern seit Jahren fast unverändert bei sechs Prozent. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat im Dezember eine Analyse veröffentlicht, derzufolge Väter deutlich länger arbeiten als kinderlose Männer - ihr gesamtes Erwerbsleben über.




„Verbale Aufgeschlossenheit bei relativer Verhaltensstarre“, attestierte der Soziologe Ulrich Beck den Vätern 1990. Selbst bekennende Väter, legt dieses Bonmot seither nahe, könnten bequeme, inkonsequente Drückeberger sein, die sich abends lieber im Büro verzetteln als dem quengelnden Nachwuchs die Zähne zu putzen. Sozialwissenschaftler sehen das inzwischen anders. Schon 2004 stellte eine Studie im Titel fest: „Auch Männer haben ein Vereinbarkeitsproblem.“

 

Kinder als Traditionalisierungsfalle


Der Berater-Vater ist keiner, der inhaltlich in seiner Arbeit aufgeht. Gäben ihm Sozialforscher sehr viel Geld, anstatt nach seiner Arbeitszeit zu fragen - er hinge seinen Job an den nächsten Nagel. Bevor die Kinder kamen, hatte er immer „diese Fluchtoption im Kopf“: eine Auszeit nehmen, von der Hand in den Mund leben, noch einmal studieren. Jetzt sagt er: „Es muss laufen.“ Und: „Verdienstausfall ist nicht drin.“ Und: „Das ist schon ein Druck.“ Manchmal fühlt er sich wie der Dukatenesel der Familie. Cash. Cash. Cash. Man muss schließlich sein Häuschen abzahlen, den Sommerurlaub finanzieren, und ein Familien-Auto braucht es ja auch. Der Berater-Vater sagt: „Das hält einen davon ab, einen Nine-to-Five-Job anzunehmen, der das Lohnniveau senkt.“

Die deutsche Gesellschaft hat sich verändert. Das Leben junger Männer und Frauen verläuft heute zunehmend parallel. Nach Ausbildung und Berufseinstieg verfügen immer mehr junge Paare über gleichwertige Jobs und ein beinahe identisches Einkommen. Dann geht die Schere auseinander, und ein paar Jahre später unterscheidet sich die Gesellschaft heute nur noch bedingt von einem Fünfzigerjahre-Deutschland, in dem der Mann arbeiten ging und die Frau die Herdhoheit innehatte. „Wir haben ein teilmodernisiertes Ernährermodell“, sagt Stefan Reuyß von SowiTra, dem Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer in Berlin. Der Standard heutiger Arbeitsteilung und Geschlechterrollen: Der Mann arbeitet Vollzeit. Die Frau arbeitet Teilzeit und kümmert sich um die Familie. Reuyß sagt: „Die größte Traditionalisierungsfalle ist Kind 1. Und die allergrößte ist Kind 2.“

 

„Die Kinder merken, es gibt einen Papa“


Wie es dazu kommt, dass Paare Entscheidungen treffen, nach denen ihr Leben anders aussieht, als sie sich das vorgestellt hatten, untersucht Daniela Grunow schon seit Jahren. Die Soziologin von der Universität Amsterdam lässt keinen Zweifel daran, dass die jungen Männer von heute tatsächlich „neue Väter“ sein wollen: Zeit mit ihren Kindern verbringen, eine liebevolle Beziehung aufbauen und lernen, was es für die Erziehung und Versorgung braucht - das trauen die Männer sich zu. Die Partnerinnen ihnen auch. Wenn aber das erste Kind geboren werde, sagt Grunow, wenn Familien eher mehr Geld bräuchten als weniger, breche ein Einkommen weg, so dass die Rolle des Ernährers „wie automatisch“ auf die Männer übergehe. „Das ist ein Prozess, der schwer umzukehren ist, wenn er einmal begonnen hat.“

Der Mann, der den Verdienstverlust zu kompensieren sucht, arbeitet mehr. Er engagiert sich stärker im Beruf, fühlt sich verantwortlicher, macht Karriere und erhöht sein Einkommen auf diese Weise so, dass seine Frau, erst recht wenn sie länger zu Hause bleibt, wohl nie mehr denselben Lebensstandard erwirtschaften kann. Gleichzeitig erarbeitet sich die Frau daheim einen Kompetenzvorsprung, der schwer einzuholen ist. „Eine junge Mutter weiß ja nicht automatisch, was zu tun ist, wenn ein Kind schreit“, sagt Grunow. Aber wenn sie länger mit dem Baby zu Hause bleibt, weiß sie es bald besser als ihr Mann. Und vieles andere auch.

Der Berater-Vater nimmt sich heraus, mindestens drei Tage die Woche zu Hause zu arbeiten. Er hat zaghaft damit angefangen, und als niemand protestierte, seine Abwesenheit ausgebaut. In der IT-Branche finden die meisten Konferenzen ohnehin am Telefon statt. Er sagt: „Man ist schon mehr da. Ich glaube, das ist für die Kinder ein anderes Gefühl. Die merken, es gibt einen Papa.“ In Notfällen, wenn seine Frau partout nicht aus der Agentur wegkommt, kann er die Kleine aus dem Kindergarten abholen. Nach dem Abendessen setzt er sich dann wieder an den Rechner. Niemand verdonnert ihn dazu. Sein Vorgesetzter hat sogar einmal behauptet, er fände einen Feierabend schon am Nachmittag in Ordnung - solange das Ergebnis stimme.

 

Ein vollwertiger Mann arbeitet Vollzeit


Aber daheim am Schreibtisch sitzt der Berater-Vater eher länger als im Büro: „Der eigene Anspruch und das eigene Qualitätsdenken treibt einen.“ Das Kundengespräch am nächsten Morgen will vorbereitet, die Excel-Tabelle fertig sein. Nie würde der Berater-Vater es wagen, so wie seine Frau, die Löwin, sich gegen E-Mails und Anrufe jenseits der offiziellen Arbeitszeit zu verwahren. Der Berater-Vater weiß: Nur solange der Kunde zufrieden ist, nur solange er mindestens den bisherigen Umsatz erwirtschaftet, wahrt er sich einen Ruf, der ihm Freiräume wie das Home-Office sichert. Und den Bonus am Jahresende dazu.

Tatsächlich sind für Männer die Hürden besonders groß, ihre Arbeitszeitwünsche durchzusetzen. Erste Studien über Väter in Elternzeit belegen zwar, dass die Sorge der Männer vor einem Karriereknick größer ist als die reale Gefahr - aber ein Risiko besteht durchaus. Christina Klenner, Ökonomin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans-Böckler-Stiftung, sagt: „Es gibt einen erwiesenen Zusammenhang zwischen überlangen Arbeitszeiten und Aufstiegswahrscheinlichkeit. Das ist Ausdruck einer männlich geprägten Arbeitskultur, nach der ,mann‘ abends keine familiären Verpflichtungen hat.“ Und es gibt, wie Klenner es nennt, eine „betriebliche Vollzeitkultur“, die mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft ist. Ein vollwertiger Mann arbeitet Vollzeit. Der Rest sind Weicheier.

Erste Fortschritte sind, wenn überhaupt, dem demographischen Druck zu verdanken. Gerade in Branchen wie dem Maschinenbau oder bei Ingenieuren, wo Nachwuchskräfte heiß umkämpft sind, entdecken selbst mittelständische Betriebe allmählich das Schlagwort „flexible Arbeitszeit“, um damit ihre Attraktivität zu steigern. Im Idealfall handeln Firmenleitung und Mitarbeiter eine für den Einzelnen maßgeschneiderte Regelung aus, die auch Fragen der Erreichbarkeit und Anwesenheit enthält. „Wir kennen eine ganze Reihe von Unternehmen, die genau das in den letzten Jahren erprobt und gelernt haben“, sagt Sofie Geisel, Leiterin des vom Familienministerium eingerichteten Netzwerkbüros „Erfolgsfaktor Familie“.

 

Man muss ja an die Zukunft denken


Aber noch immer, da reicht ein Blick in den neuen Familienreport, gibt es in jedem fünften Unternehmen keinen einzigen Teilzeitarbeitsplatz. Während Sozialwissenschaftler herausgefunden haben, dass Paare dann am zufriedensten sind, egal, ob mit oder ohne Kinder, wenn sie gemeinsam auf eine Wochenarbeitszeit von 60 bis 70 Stunden kommen - möglichst gleichmäßig verteilt.

Der Berater-Vater sagt leise: „Ich blicke mit Neid auf andere Väter.“ Er selbst hat beschlossen, sich wieder häufiger in der Firma blicken zu lassen. Hier ein Schwätzchen, da der Flurfunk, den eigenen Charme spielen lassen und zwischendrin eine zufällige Begegnung mit dem Chef, aus der sich vielleicht ein neuer Auftrag entwickelt. Man muss ja an die Zukunft denken. Dem „Männerstolz“ hilft es auch. Nur die Kinder, die wird der Berater-Vater dann weniger sehen. „Mir tut das weh“, sagt er.
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat am Donnerstag in einer Rede in Berlin gesagt: 

„Ich wünsche mir, dass Unternehmen im Jahr 2020 keinen Vorteil mehr haben, wenn sie einen Mann befördern - weil sie davon ausgehen, dass auch der Mann, wenn er Vater wird, seinen Arbeitstakt an den Rhythmus des Familienlebens anpasst.“ Väter mit Fünfzigstundenwoche wissen, wie realistisch solche Träume sind, solange niemand die Rahmenbedingungen ändert. Wünschen können viele. Familienpolitik könnte mehr.

Samstag, 14. Januar 2012

Scheidungswaisen.

Vater mit Kindaus FAZ.NET, 12. 1. 2012

Das sind Wunden, die hat man 

Wiederholen Scheidungskinder als Erwachsene die Fehler ihrer Eltern? Wissenschaftler sprechen sogar davon, das Scheidungsrisiko sei vererbbar. Betroffene suchen Wege zwischen Beziehungsphobie und Nähe.


Ursprünglich wollte sie keine Kinder, allein schon, um ihnen das eigene Schicksal zu ersparen. Sie dachte, als sie jünger war, dass sie ohnehin nie im Leben eine langfristige Beziehung führen würde. Sie war schließlich ein Scheidungskind. Ihr Vater zog aus, weil er eine neue Freundin hatte; sie war damals zwölf und litt unter dem Gefühl, verlassen worden zu sein. Mit Anfang dreißig heiratete sie dann doch. Zum ersten Mal war sie einem Mann begegnet, bei dem sie sicher war, es könnte gutgehen, auf Dauer. „Ich hätte nie die Kinder gekriegt, wenn ich nicht so viel Vertrauen in seine Zuverlässigkeit gehabt hätte“, sagt Britta Dankwerth*. In guten wie in schlechten Zeiten: Sie nahm das sehr ernst. Heute ist ihre Tochter drei, der Sohn sieben Jahre alt. Ihr Mann ist im Sommer ausgezogen. Die Scheidung läuft.

Scheidungskinder haben als Erwachsene ein größeres Risiko, dass ihre eigenen Ehen auch geschieden werden. Seit den siebziger Jahren belegt eine Reihe von Untersuchungen zunächst aus Amerika die Existenz einer, wie Sozialwissenschaftler es formulieren, „sozialen Vererbung“ oder „Transmission“ von Scheidung. Für Deutschland ist dieser Befund erst 2009 neu untermauert worden. Die Soziologin Sonja Schulz hat Daten des Deutschen Jugendinstituts ausgewertet, und siehe da: Nach zwanzig Jahren waren noch achtzig Prozent der Personen verheiratet, die bei ihren Eltern aufgewachsen waren. Bei Kindern Alleinerziehender waren es siebzig Prozent. Bei Kindern aus Patchworkfamilien hielten nur sechzig Prozent der Ehen.

„Woran liegt das? Und ist das meine Schuld?“ Britta Dankwerth denkt viel darüber nach, warum ausgerechnet ihre Ehe gescheitert ist. Sie ahnt, dass ihr Mann das Familiendasein irgendwie uncool fand. Sie weiß, dass beide über Kinder und Alltag ihre Beziehung als Paar vernachlässigt haben. Manchmal grübelt sie, ob sie ihn zu der Trennung getrieben hat. Zwar hat sie alles versucht, um das Ende zu verhindern, Paartherapie inklusive. Sie hat ihn angefleht: „Mach das nicht! Tu’s den Kindern nicht an. Du weißt doch gar nicht, wie schrecklich das ist!“

Andererseits hat sie es kommen sehen. Auch wenn gar keine andere Frau im Spiel war: Dass der Familienvater sich davonmacht mit einer Jüngeren - diese Bedrohung schien ihr immer realistisch; das hatte sie erlebt. „Ich hatte dadurch schon so ein Problem mit Vertrauen“, sagt sie, „ich war immer misstrauisch.“ Deshalb weigerte sie sich, ihren Job aufzugeben und mit den Kindern zu Hause zu bleiben, obwohl ihr Mann sich das gewünscht hätte. Sie hat ihm damals ins Gesicht gesagt: „Irgendwann wirst du mich sitzenlassen, und dann bin ich darauf angewiesen.“ Bloß nicht so enden wie die eigene Mutter. Während ihr Vater nach der Scheidung ein schickes Leben führte, hatten Frau und Kinder kaum genug zu essen.

 

Mängel in der Sozialisation


Sucht man nach Erklärungen für die Weitergabe des Scheidungsrisikos von einer Generation zur nächsten, bleiben die Antworten der Wissenschaft unbefriedigend. Reichen Scheidungskinder leichtfertiger die Scheidung ein? Gehen sie weniger verbindliche Beziehungen ein? Investieren sie weniger? Fehlen ihnen Vorbilder? Kompetenzen zur Konfliktlösung? Welche Rolle spielen der Stress daheim, ein etwaiger finanzieller Abstieg und die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen?
Auch Fred Berger von der Universität Zürich konnte in der Längsschnittuntersuchung „LifE“ bei fünfunddreißigjährigen Deutschen abermals nachweisen: Nach zwölf Jahren Ehe hatten Scheidungskinder eine erhöhte Scheidungswahrscheinlichkeit von 60 Prozent. Ein Zusammenhang besteht laut Studie mit dem Befund, dass die Betroffenen früher als ihre Altersgenossen sexuelle Beziehungen aufnehmen. Berger schließt daraus auf Mängel in der Sozialisation. Aber er sagt auch: „Da ist noch vieles zu erklären. Studien, die die ganze Komplexität abbilden können, gibt es meines Wissens nicht.“

Susanne Recher* lebt in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Sie ist Sozialwissenschaftlerin, Anfang 40 und in zweiter Ehe verheiratet; ihre Tochter ist erwachsen. „Erst nach der Trennung ist mir klargeworden, dass ich in meiner Beziehung ein Muster wiederholt habe, das meine Mutter auch hatte“, sagt sie. Mit Anfang zwanzig verliebte sie sich - wie die Mutter - in einen attraktiven, charismatischen Mann. Der Märchenprinz jedoch war ihr intellektuell nie gewachsen - ähnlich wie die Mutter (Hauptschulabschluss) dem Vater (Akademiker). Später stellte sich außerdem heraus, dass Rechers Ex so wenig in der Lage war, den Kontakt zur Tochter zu halten, wie einst ihr eigener Vater. Das, sagt Recher, habe sie traurig gemacht.

Unter der Trennung ihrer Eltern hingegen hat sie nicht gelitten. Sie war damals zwei Jahre alt. „Ich hatte immer das Gefühl, dass uns nichts fehlt“, sagt sie rückblickend. Aber ein Rollenmodell, wie eine glückliche Familie aussieht und funktioniert - das gab es nicht. Als Susanne Recher also schwanger wurde, ungewollt, räumte sie jeden Zweifel beiseite und orientierte sich an einem von Äußerlichkeiten geprägten Familienidyll. Auf den Fotos aus jener Zeit sieht sie älter aus als heute, die Tochter muss regelmäßig darüber lachen: brave Blusen, überall Blümchen und Wallelocken anstelle des frechen Kurzhaarschnitts.

Es dauerte eine Weile, bis Recher merkte: „Ich habe mich da in was reingewünscht.“ Sie ließ die Krabbelgruppe sausen und setzte ihr Studium fort. Schließlich wurde ihr klar, wie wenig der Märchenprinz zu ihr und ihrem Leben passte. Die Trennung schreckte sie nicht, „eher im Gegenteil“, sagt sie: Sie wusste ja, wie gut das geht. Dass ihr Mann sie aber betrog und ihre Freundinnen abschleppte - davor verschloss sie bis zuletzt beide Augen. Was nicht sein darf, kann nicht sein.

 

Trennungskinder können unterschiedliche Wege einschlagen


„Ich kenne etliche Fälle, wo die Scheidungskinder von gestern als Scheidungseltern von heute es keinen Deut anders machen, als sie es damals bei ihren Eltern erlitten haben. Das ist Psychologie.“ Der Scheidungsexperte Uwe Jopt, emeritierter Professor der Universität Bielefeld, arbeitet nach wie vor als Sachverständiger vor Gericht. Er ist überzeugt: Wie Kinder die elterliche Trennung erleben, hat nachhaltigen Einfluss darauf, wie sie als Erwachsene selbst mit Paarkonflikten umgehen. Wobei nicht die Trennung an sich entscheidend sei, sondern die Spannungen in der Zeit danach.

Trotzdem warnt Jopt vor linearen Schlussfolgerungen. Ein Trennungskind, das die Erfahrung der Eltern nicht wiederholen will, könne unterschiedliche Wege einschlagen. Von „Ich heirate nie“ über „Ich heirate erst, wenn ich mir ganz sicher bin“ bis hin zu „Wenn es nichts wird, gehe ich mit meinen Kindern ganz anders um“. Wobei selbst der schönste Vorsatz keine Garantie beinhalte, es am Ende besser zu machen. „Zwangsläufigkeiten gibt es nirgendwo im Leben“, sagt Jopt.

Auch Psychotherapeuten kennen keine allgemeingültigen Mechanismen, wie die elterliche Trennung sich auf spätere Beziehungen auswirkt. Einerseits, heißt es gern, sind Bindungserfahrungen immer prägend. Andererseits kommt es in jedem Einzelfall auf das Verhältnis zwischen belastenden Faktoren und Bewältigungsangeboten an. Die maßgebliche Untersuchung zur psychischen Gesundheit von Jugendlichen in Deutschland besagt, dass eine Scheidung das Risiko für Auffälligkeiten erhöht - schlimmer allerdings wirkt sich familiärer Dauerzoff aus. Und wenn Vater und Mutter auch nach der Scheidung an einem Strang ziehen und das Kind nicht zwischen die Fronten gerät, glauben Scheidungsforscher, dass die Trennung schon wenige Jahre später keine Belastung mehr sein muss. Womöglich birgt sie sogar Chancen.

Da ist zum Beispiel die Mittzwanzigerin, die beschlossen hat, ihre erste große Liebe zu verlassen, und den geschiedenen Eltern für die Erkenntnis dankbar ist: „Ich kann das auch beenden. Ich übernehme Verantwortung für mich. Das tut weh. Aber das kann auch etwas Befreiendes haben.“

Da ist die Mittdreißigerin, die glaubt, dass sie bei der Partnerwahl ein gutes Händchen hatte, weil sie mit dem abschreckenden Beispiel eines unfähigen Vaters groß geworden war, der schon vor der elterlichen Scheidung permanent abwesend war: „Für mich war immer klar, das kann nur funktionieren, wenn man einen Mann hat, der Verantwortung übernimmt.“

Und da ist die zweifache Mutter, Trennungskind, deren Partnerschaft sich in zwanzig Jahren trotz verschiedener Krisen als stabil erwiesen hat: „Ich habe früh Kinder bekommen aus dem Wunsch, wieder sehr schnell eine heile, ganze Familie zu haben“, sagt sie.

 

Wichtige Erfahrungen im Freundschaftskreis


Auch eine Studie der Universität München ergab, dass Jugendliche häufiger Liebesbeziehungen führen, wenn die Ehe ihrer Eltern zerbrochen ist. „Wir vermuten, dass Scheidungskinder infolge von Disharmonie zu Hause eher Halt in eigenen romantischen Beziehungen suchen als Nicht-Scheidungskinder“, sagt Psychologin Eva-Verena Wendt.

Was die Qualität dieser frühen Partnerschaften betrifft, stellten die Forscher allerdings keine Unterschiede fest. Sie wiesen nach, dass schädliche Beziehungs- und Konfliktstile in einem gewissen Rahmen tatsächlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Wo Aggression im Elternhaus auf der Tagesordnung standen, neigen auch die Kinder später zu solchen Formen der Auseinandersetzung. Darüber hinaus jedoch gibt es andere prägende Einflüsse: Freundschaften zum Beispiel, in denen sich Jugendliche ausprobieren.

Fortsetzung auf der folgenden Seite Die ersten eigenen Experimente in Sachen Liebe. Wendt sagt: „Wenn es im Elternhaus sehr disharmonisch und unglücklich zugeht, hat man im Freundschaftskreis eine Chance, Erfahrungen zu machen, die das Ganze abpuffern.“

Anja Reiter* würde in einer Statistik über das Scheidungsrisiko von Scheidungskindern überhaupt nicht auftauchen. Sie ist nicht verheiratet. Sie hat keine Kinder. Und viele, viele Jahre war da nicht einmal eine feste Beziehung. Affären vielleicht, das ja. Aber entweder verliebte sie sich in Männer, die nichts Ernsthaftes von ihr wollten. Oder sie stellte fest, dass ihr Interesse erlahmte. Anja Reiter ist eine vielseitige Frau, hübsch, schlau, grundsätzlich lebensfroh. Dann war sie Ende dreißig, und wieder einmal drohte eine Beziehung in die Binsen zu gehen, bevor sie richtig angefangen hatte. „Da habe ich gedacht: Jetzt reicht’s. Irgendwas stimmt doch bei mir nicht.“

Reiter begann eine Therapie. „Ich habe ein Jahr lang einmal die Woche ganz viel geheult.“ Fünf Jahre war sie alt, als ihre Eltern sich aus heiterem Himmel trennten. Auch anschließend gab es keine Dramen. Die Eltern blieben einander freundschaftlich verbunden, Regelungen, die die Kinder betrafen, waren unkompliziert. Anja Reiter und ihre Mutter zogen häufig um, es gab Wohngemeinschaften, Phasen bei der Oma, schließlich einen neuen Stiefvater. Das Mädchen passte sich an. „Meine Mutter ist davon ausgegangen, dass bei mir alles okay ist, weil ich nicht geweint habe“, sagt Reiter heute. Und: „Die haben uns nicht getröstet.“

Inzwischen ist sie sich bewusst, wie groß die Sehnsucht nach ihrem Vater war. Und dass sie mit ihrem Mangel an Vertrauen selbst die nettesten Typen in den Wahnsinn getrieben hat. „Das sind Wunden, die hat man“, hat ihr Therapeut gesagt. Wenn sie heute der Katzenjammer überfällt, kann sie ihrem Partner davon erzählen. Der hält das aus. Beiden ist schließlich klar: Es hat nichts mit ihm zu tun. Sie sagt: „Jetzt im Moment haben wir eine ganz gute Beziehung.“

 

Das Problem mit den Daten


Befunde über die Weitergabe des Scheidungsrisikos haben einen Haken. „Das sind historische Daten“, sagt Sonja Schulz: Selbst die vergleichsweise neuen Analysen der Soziologin erfassen nur Personen, deren Eltern sich spätestens in den achtziger Jahren haben scheiden lassen. Damals waren die Scheidungsraten schon stark gestiegen. Aber was ist seitdem nicht alles passiert? Es wäre unzulässig, aus den Erfahrungen der Scheidungskinder von einst unmittelbar darauf zu schließen, wie Kinder heute die Scheidung erleben. Und wer die Scheidungsgeneration der Gegenwart untersucht, weiß deshalb noch lange nichts über deren Beziehungsleben in zwanzig, dreißig Jahren. Eine amerikanische Studie deutet darauf hin, dass sich der Transmissionseffekt abschwächt.

Britta Dankwerth war bei einer Trennungsberatung. Sie achtet darauf, dass die Modalitäten der Scheidung beim Anwalt und nicht vor den Kindern ausgehandelt werden. Wenn die Schwiegereltern sie bei einer zufälligen Begegnung ignorieren, versucht sie, sich vor den Kindern nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie das kränkt. Und wenn die lieben Kleinen verkünden, dass sie jetzt zum Papa ziehen, weil sie gerade mit ihnen geschimpft hat, sagt sie mit größtmöglicher Gelassenheit: „Gut, dann zieht eben zum Papa.“ Inzwischen ist sie erleichtert, dass das Elend der letzten gemeinsamen Monate ein Ende hat. Auch die Kinder würden merken, dass es zu Hause wieder entspannter sei. „Ich glaube, wir waren vielleicht einfach zu verschieden“, sagt Dankwerth - wie ihre Eltern auch. Das Vermächtnis der elterlichen Scheidung sieht sie heute so: „Wenn ich’s schon nicht verhindern konnte, versuche ich wenigstens, dass es den Kindern möglichst wenig Schmerzen macht.“

Nota.

[kommt noch!]