Das geheuchelte Familienglück
Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.
Von
Melanie Mühl
Alle sind glücklich. Denn wir haben ein
neues gesellschaftliches Ideal gefunden: die Patchworkfamilie. Das Wort
klingt nach Sommerferienlager, und die Fotostrecken in den Zeitschriften
zeigen fröhliche Menschen, die sicher im Leben stehen und jedes Problem
lösen, bevor es überhaupt da ist. Ihr Motto lautet Leichtigkeit. Die
Menschen heißen Demi Moore, Heidi Klum oder Boris Becker, sie heißen
Christian und Bettina Wulff. Sie wohnen in Hollywood oder im Schloss
Bellevue. Sie rufen uns winkend entgegen: Patchworkfamilien sind super!
„Wir können das Leben nicht einfach wieder dort
aufnehmen, wo wir es einmal fallengelassen haben“, schrieb die
Schriftstellerin Marion Titze einmal in einem wunderbaren Text in der
Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. In diesem Satz verbirgt sich die
einfache Wahrheit, dass unser Handeln immer Folgen hat. Die Folgen
können harmlos sein oder katastrophal. Sicher ist, dass irgendjemand
immer den Preis dafür zahlen muss.
In
unserer Unverbindlichkeitswelt ist das ein hässlicher Gedanke. Zu ihren
Spielregeln gehört, dass wir unser Leben auch mal fortspülen lassen
können wie eine Lehmhütte vom Regen. Denn wir glauben, dass uns Besseres
zusteht – ein besserer Beruf oder eine bessere Wohnung, ein Partner,
der uns besser erkennt, versteht, unterstützt. Die Liebe darf im
bonbonbunten Patchworkidyll nicht Prosa, sie muss Poesie sein und die
Familie so unbeschwert wie ein Geburtstagsfest. Bis dass der Tod uns
scheidet, hört sich schon lange nicht mehr wie ein Versprechen. Es ist
eine Drohung.
Sie sollten es sich nicht so leicht machen
Im Grunde betrachten wir unser Leben, als handele
es sich um ein Wirtschaftsunternehmen. Das Ziel ist, es ständig zu
optimieren. Die wichtigste Frage lautet: Wo setze ich am besten an?
Dafür gibt es ein Wort, es heißt Selbstverwirklichungsmanie. Mit Kindern
wird das System um uns herum allerdings komplexer, und die
McKinsey-Idee funktioniert nicht mehr so gut.
Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das
beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen.
Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig
geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder. Dass sie stärker zu
Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden. Sie
haben Probleme, Nähe aufzubauen und Menschen zu vertrauen. Sie wissen
nicht, wie sich Familie anfühlt, sie haben es nie gespürt. Eine
Scheidung ist eine Selbstverständlichkeit und kein Schicksalsschlag
mehr. Für ein Kind ist sie eine Tragödie. Dass heißt nicht, dass
Menschen, deren Liebe tot ist, die einander bekriegen, der Kinder
zuliebe zusammen bleiben sollten. Es heißt nur, dass sie es sich nicht
so leicht machen sollten. Jede dritte Ehe wird geschieden, und selten
werden kritischen Fragen gestellt. Stattdessen klopft man einander
aufmunternd auf die Schulter. Den Kindern verschreiben die Ärzte
notfalls Therapien und Medikamente, die den Serotoninspiegel ins
Gleichgewicht bringen, damit sie konzentrierter lernen können.
Scheidungskinder mussten früher nach Scheidungskindern suchen
Die siebziger und achtziger Jahre, in denen sich
die geschiedenen Väter aus dem Staub gemacht und am anderen Ende
Deutschlands eine neue Existenz aufgebaut haben, sind vorbei. Das war
die Generation der Weihnachts- und Geburtstagsväter, die ungern
Unterhalt zahlten und nicht zum Abschlussball ihrer Kinder anreisten.
Damals mussten Scheidungskinder in der Schule nach anderen
Scheidungskindern suchen. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass
sie nebeneinandersitzen.
Die Väter sind heute anders. Auch für sie gibt es
ein Wort, sie heißen „die neuen Väter“. Sie nehmen Elternzeit, wickeln
ihr Baby und wissen, wo sie den Tortenheber finden. Nach einer Trennung
verstehen sie sich weiterhin gut mit ihren Exfrauen. Jeder darf
mitentscheiden, ob der Nachwuchs dem Gymnasium gewachsen ist oder nicht,
und Wochenenden und Urlaube mit ihm verbringen. Dabei lernen die Kinder
die neuen Partner und deren Kinder kennen. Viele Bindungen sind
wertvoller als wenige, sagen Psychologen. Die quality time zählt. Am
Ende haben wir uns eine Infrastruktur des guten Gewissens
zusammengebastelt und uns selbst betrogen. Denn schon bei der nächsten
Generation fällt diese Konstruktion in sich zusammen.
„Ein beschissenes Spiel“
Die Behauptung, es gebe auch gute Scheidungen, ist
absurd. Wer das glaubt, sollte das Buch „Kind sein zwischen zwei Welten:
Was im Inneren von Scheidungskindern vorgeht“ der Sozialforscherin
Elizabeth Marquardt lesen. An der grundsätzlichen Haltung, die wir
unseren Kindern mit einer Scheidung vermitteln, hat sich seit den
siebziger und achtziger Jahren nichts verändert. Scheidungskinder
wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. In jedem
Augenblick kann alles auf den Kopf gestellt werden. Das ist ein Schock.
Mit ihm verlieren sie ihr Urvertrauen. Die Behaustheit bekommt einen
Riss, der sich nicht kitten lässt, weshalb sich ein Teil von ihnen immer
einsam fühlen wird. Vielleicht ist das die tiefste Wunde, die die
Erfahrung des frühen Verlassenwerdens hinterlässt.
In dem großartigen Film „Der Tintenfisch und der
Wal“ von Noah Baumbach gibt es eine Szene, in der die Berkmans ihren
Söhnen Walt und Frank mitteilen, dass sie sich trennen. Eigentlich werde
sich gar nicht viel ändern, sagen sie, nur würden sie eben in Zukunft
die eine Hälfte der Woche bei der Mutter und die andere beim Vater
verbringen. Weil die Woche sieben und nicht acht Tage hat, greift die
Donnerstagsregelung, die besagt, dass der Vater die Kinder dienstags,
mittwochs, samstags und jeden zweiten Donnerstag sieht. Den Rest der
Zeit hat die Mutter sie für sich. Später trifft Walt einen Freund,
dessen Eltern ebenfalls geschieden sind, so dass er zwischen ihnen
pendelt. Er weiß schon, was Walt und Frank erwartet: „Das gemeinsame
Sorgerecht ist ein beschissenes Spiel“, sagt er.
Das gemeinsame Sorgerecht ist wertvoll. Die
kürzlich gefällte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass das
Sorgerecht bei unverheirateten Eltern in Zukunft nicht automatisch der
Mutter zugesprochen wird, ist es auch. Traurig ist, dass es so weit
kommen musste.
In der Familie hinterfragt man sich, stellt sich aber nicht in Frage
Bevor wir in naher Zukunft über die Familie wie
über einen Kassettenrecorder reden, ein putziges Relikt aus ferner Zeit,
erinnern wir uns einmal kurz daran, was Familie bedeutet. Familie heißt
Heimat. Das ist ihre Idealvorstellung. Sie ist der geschützte Ort, an
dem wir von Eltern und Geschwistern umgeben in das Leben hineinwachsen
und unsere Individualität entwickeln. Wir beobachten, wie die Beziehung
unserer Eltern funktioniert, und spiegeln uns in ihnen. Dabei wundern
wir uns zwar, wie der Vater es mit der Mutter aushalten kann und
umgekehrt. Gleichzeitig sehen wir, dass sie es miteinander aushalten,
trotz allem. Ihr Streit gefährdet nicht die Fundamente. Klar will man
oft fortlaufen, weil alles eng ist, auf klaustrophobische Weise
bedrückend. So ist das mit fast allen Dingen, die einen in unmittelbarer
Nähe umgeben, mal liebt man sie, mal hasst man sie.
Im besten Fall ist die Familie eine Trutzburg,
wehrhaft nach außen, verschworen nach innen. Als Erwachsene können wir
uns dorthin flüchten und Trost suchen oder Erinnerungen finden, je
nachdem. Sie steht für Sicherheit, Geborgenheit und Solidarität. Man
hinterfragt den anderen, aber man stellt ihn nicht in Frage. Sie ist ein
Ganzes, während die Patchworkfamilie in lauter Teile zerfällt, die zwar
irgendwie miteinander verbunden sind, aber so lose, dass die
Verbindungen gefährlich leicht reißen. Niemand bestreitet, dass man sein
Glück auch in einer Patchworkfamilie finden kann. Sie ist nur nicht von
vornherein die beste Lösung.
Dann kommen alle an einem Ort zusammen
Die Frage, ob die Mutter sympathisch ist oder
unsympathisch, stellt sich einem Kind nicht. Die Frage, wie es sich mit
der neuen Freundin des Vaters verhält, stellt sich einem Patchworkkind
schon. Die Patchworkfamilie zwingt die Kinder dazu, ihre Gefühle
permanent einem Zeitplan zu unterwerfen. Das tut die Familie nicht. Wer
seinen Vater nur jedes dritte Wochenende in München sieht, darf sich
nicht dienstags wünschen, mit ihm ins Kino zu gehen und ihm mittwochs
einen Gutenachtkuss zu geben. Er muss warten. In seinem Buch „Die Liebe
der Väter“ schreibt Thomas Hettche: „Tatsächlich haben mich Frauen, die
ohne ihren Vater aufgewachsen sind, immer am meisten beeindruckt, sind
sie doch oft auf eine klare Weise rational, der man anmerkt, dass sie
sich die Rationalität ihrer Väter selbst haben erfinden müssen.“ Zur
Nüchternheit, zur Gefühlsrationalität sind sie viel zu früh erzogen
worden.
Es dauert eine Zeit, bis sich in einer Familie
Rituale durchsetzen. Irgendwann sind bestimmte Dinge einfach so. An
Weihnachten gibt es immer Schnitzel, und an den Ästen des Baums hängen
Strohsterne. Einmal im Jahr trifft man sich zum Grünkohlessen. Dann
kommen alle an einem Ort zusammen, dann sitzen mehrere Generationen
beieinander, und nebenbei besichtigt man seine eigene Geschichte und
verklärt die Kindheit. Erzählt man einem Patchworkkind davon, denkt es
vielleicht an französische Filme über Großfamilienfeiern. Sonst denkt es
an nichts. Man erfährt sich in einer Familie als Teil eines
Koordinatensystems aus Eltern und Großeltern, Geschwistern und Enkeln,
Onkeln und Tanten, Neffen und Nichten. Man sitzt zwischen all diesen
Menschen und denkt vielleicht daran, wie es in zehn Jahren sein wird
oder in zwanzig oder in dreißig. Das ist kein schlechter Gedanke.

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