In Erziehungsdingen lässt sich bekanntlich besonders schwer einschätzen, welche Vorschläge die rückschrittlichen und welche die fortschrittlichen sind. Key fordert die Gesamtschule bis zum fünfzehnten Lebensjahr, um die Klassenunterschiede abzumildern; hierin steht sie dem heutigen linken Flügel der Gesellschaft nahe. Wenn sie sich aber entschieden gegen Kinderkrippen und Kindergärten ausspricht, weil von diesen "Fabriken" nur Schlimmes kommen könne, und selbst mit dem Elementarunterricht am liebsten die Familie betrauen würde, dürfte sie auf Zustimmung eher bei den Befürwortern des Betreuungsgeldes aus dem rechten Lager stoßen.

Sie nimmt als Sozialprophetin eine Zukunft vorweg, in der es keine Dienstboten mehr gibt, denn die Technik wird den Haushalt kolossal vereinfachen - aber da der beträchtliche Rest dann erst recht an der Gattin und Mutter hängen bleibt, sollte man ihr Erwerbsarbeit außerhalb des Hauses möglichst ersparen. So ähnlich sieht das die Mehrheit der CSU auch.

Die Debatten, die Key damals frisch anstieß, haben sich wenig verändert bis auf den heutigen Tag fortgesetzt. Key wirft der Frauenbewegung vor, dass ihr Ziel, den Frauen dieselben Rechte und Tätigkeiten wie den Männern zu öffnen, egoistisch gedacht sei, denn so gerate das Kind aus dem Blick und damit der eigentliche Daseinszweck weiblichen Lebens.

 

Privilegierte Minderheit


Keys Buch wird vom enthusiastischen Gefühl der Mission getragen. Dass sie sich dabei in Widersprüche verwickelt, liegt im Wesen ihres Gegenstands. Man kann ihn nicht anrühren, ohne sofort das Geflecht der ganzen Gesellschaft in Schwingungen zu versetzen. Sie will das Kind als Individuum akzeptiert, ja verehrt wissen - aber es handelt sich ihr dabei immer um "das" Kind, im unguten generischen Singular, und nicht um die Kinder, wie sie jetzt gerade leben.

Und obwohl sie das Ganze im Auge hat, lässt sich doch absehen, dass nur eine privilegierte Minderheit sich den geforderten Aufwand wird leisten können: Das Ideal von Aufbruch und Befreiung tendiert dazu, sich elitär längs vorhandener Strukturen zu realisieren. Mit allen pädagogischen Autoren teilt sie die flaue Zwischenlage des Vermittlers, der weder in der Theorie noch in der Praxis eigentlich zu Hause ist; sie "träumt" von der Schule der Zukunft - doch wie dies alles umzusetzen sei und wer dafür aufkommen soll, dazu äußert sie sich wenig.

Ihr steht die Entwicklung der Menschheit überhaupt vor Augen; diese soll durch züchterische Maßnahmen gehoben werden. Ihr erstes Kapitel nennt sie "Das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen". Ein Kind, noch ungeboren oder gar ungezeugt, kann natürlich niemals im Ernst eine solche Wahl ausüben; und Key meint denn auch, unter dem Deckmantel dieser menschenfreundlichen Formulierung, etwas ganz Anderes.

 

Psychisch und physisch optimierte Exemplare


Nur solchen Exemplaren soll die Fortpflanzung zugestanden werden, die in jeder Hinsicht, psychisch und physisch, optimiert sind; ausdrücklich beruft sie sich auf Nietzsches Übermensch und Darwins "survival of the fittest". Sie dringt auf Scheidung unglücklicher Ehen, sie verlangt die positive Einstellung zu einer ganzheitlich gedachten Sexualität, und mit all dem rennt sie heute offene Türen ein. Doch ebenso will sie unverblümt die Eugenik, die Sterilisierung und Beseitigung lebensunwerten Lebens, auch und gerade bei den Kindern.

Man staunt über die Rasanz des Umschlags. Die älteren Pädagogen haben ein Kind vielleicht geschlagen; aber sie ließen nie einen Zweifel, dass es dieses Kind und kein anderes war, das sie im Sinn hatten und in einem bestimmten Sinn leiten wollten. Key aber, die es zu schonen vorgibt, will es als Mittel zu etwas ganz Anderem benutzen.

Man hat ihr jüngst nachzuweisen versucht, dass sie Rassistin und Antisemitin gewesen sei. In der Tat hat ihr Denken eine Schlagseite in diese Richtung. Doch wie so vieles, das um 1900 angebrütet wurde und erst Jahrzehnte später auskroch, bietet es sich in jener Inkubationszeit noch in vergleichsweise harmloser Form dar. Wenn sie von "Rasse" spricht, meint sie keine bestimmte, sondern die Menschheit überhaupt. Mit Achtung spricht sie vom Alten Testament und der Ethik des Judentums - an dem sie die strengen rassenhygienischen Vorschriften rühmt.

Was das Jahrhundert, das sie für eines des Kindes hielt, dann tatsächlich für eines werden sollte, darüber blieb sie in gnädiger Unwissenheit, nicht zuletzt, weil sie 1926 starb, Bürgerin eines Staates, der die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht als Donnerschlag, sondern bloß als ein Wetterleuchten erlebte. Aber dass sie gerade ihre besonderen Schutzbefohlenen so leichten Sinns an eine totale Idee preisgab: das sollte man ihr schon verübeln.