aus NZZ, 24. 5. 2012
von Christoph Egger · Bill Murray ist wieder dabei, natürlich, zum sechsten Mal, während der Kameramann, Robert Yeoman, sogar schon seit dem Erstling, «Bottle Rocket» (1996), mit von der Partie ist. Altvertraute andere Mitwirkende wie Owen Wilson oder Anjelica Huston fehlen diesmal. Neu zur Truppe hinzugestossen sind dafür Bruce Willis, Frances McDormand, Tilda Swinton, Harvey Keitel oder Edward Norton. So wie der 1969 geborene Wes Anderson so etwas wie eine lockere filmische Familie um sich herum aufgebaut hat, drehen sich auch seine Filme auffallend oft um Familienbeziehungen. Und zwar solche von «dysfunktionalen» Familien, wie die Lieblingsvokabel der Filmkritik bei «schwierigen» Familienverhältnissen lautet.
Die überforderten Erwachsenen
Wie bereits in «The Royal Tenenbaums» (2001), dieser Groteske um frustrierte Wunderkinder, wie in «The Life Aquatic with Steve Zissou» (2004), einem in geradezu Mélièsschen Unterwasserkulissen angesiedelten schrägen Vater-Sohn-Konflikt, wie in «The Darjeeling Limited» (2007), der nicht ganz konfliktfreien Bahnfahrt dreier Brüder durch Nordindien zu ihrer auf Sinnsuche befindlichen Mutter, und wie selbst im köstlichen Animationsfilm «Fantastic Mr. Fox» (2009) mit dem familienpflichtvergessenen Vater Fuchs ist auch in «Moonrise Kingdom» das Familienleben nicht einfach. Die zwölfjährige Suzy Bishop (Kara Hayward) hat jedenfalls beschlossen, ihm den Rücken zu kehren, dies mit dem gleichaltrigen Sam (Jared Gilman), den sie darum beneidet, eine Waise zu sein.
Von Suzys Geschwistern bekommen wir kaum etwas zu sehen und leider auch nicht sehr viel mehr von ihren Eltern, Bill Murrays schlappem Mr. Bishop und Frances McDormands abgekämpfter Laura Bishop, die ihre Sippschaft im weitläufigen Haus am Meer per Megafon zum Essen zu rufen pflegt und daneben eine keusche Liebschaft zu Bruce Willis' Captain Sharp, dem traurigen Inselpolizisten. Vielversprechend kündigt sich der Auftritt von Tilda Swintons in elegantes Blau gehüllter, äusserst resoluter Dame vom Sozialamt an, der jedoch nur unwesentlich länger währt als derjenige von Harvey Keitels martialischem Obersten Pfadfinder, Commander Pierce, der eben noch Scout Master Ward (Edward Norton) zusammengestaucht hat und bald schon selber als triefend nasses Häufchen Elend gerettet werden muss.
Mit andern Worten: Die Erwachsenen sind hier die Statisten. Das Jahr ist, wie der an immer wieder neuen Stellen in der Landschaft auftauchende Erzähler (Bob Balaban) sagt, 1965 (mit Rückblende auf dasjenige «davor»). Im militärisch getrimmten Pfadfinderlager auf Penzance Island im Niemandsland Neuenglands zeigt eines Morgens ein Loch in einer Zeltwand, dass Pfadfinder Sam das Weite gesucht hat. Und während alsbald in Splitscreen und mit hektisch gestöpselten Telefonen die Suche läuft, sehen wir, wie er im perfekten Trapper-Outfit sein Kanu durch die Wildbäche der Insel paddelt - im Sucher freilich von Suzys Feldstecher, die in eher weniger geländetauglicher Aufmachung kommen wird, das Leben in der Wildnis mit ihm zu teilen.
Anderson und sein Koautor am Drehbuch, Roman Coppola, haben sich für ihre Geschichte offensichtlich von der zeitgenössischen Jugendabenteuerliteratur beflügeln lassen, die Suzy verschlingt. Gelungen wird die durch Pfadfinderromantik (und -disziplin!) umrissene Lust an Aufregung und «Indianerleben» evoziert. Doch da gibt es nicht nur die Verfolgungsjagden hinter den Flüchtigen, da sind die beiden ebenso in ihrer künstlerischen Existenz am Strand zu sehen, bei Malerei und Lektüre. Und wenn Sam und Suzy zu heiraten beschliessen, erklärt sich Cousin Ben (Jason Schwartzman) sogar bereit, die Trauung vorzunehmen. Anstatt ins Waisenhaus gesteckt und mit Elektroschocks behandelt zu werden, darf Sam zuletzt Captain Sharps Hilfspolizist sein.
Hommage an Benjamin Britten
Nun verlegt Wes Anderson das Jugendthema aber noch auf eine zweite Ebene, die der Musik. Hier erweist er Benjamin Britten seine Reverenz, und dies gleich doppelt. In einem skurrilen Prolog wird «The Young Person's Guide to the Orchestra» abgeschritten - und im Epilog nochmals aufgenommen. Und ganz zuletzt, nach den Abspanntiteln, erfährt die Filmmusik von Alexandre Desplat zum Gruß die nämliche Auslegeordnung. Zentral ist aber das Mysterienspiel für Kinderdarsteller «Noye's Fludde», findet Sam hier doch Suzy in der Rolle des Raben, der von Noahs Arche wegfliegen und nicht mehr zurückkehren wird. «Noahs Flut» wiederum erfüllt sich in den sintflutartigen Regenmassen, die ein Hurrikan entfesselt.
Kino Riffraff, Arthouse Piccadilly in Zürich.






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