aus FAZ, 8. 5. 2012
Meine Eltern, diese Monster
Natürlich konnte er auch anders, und auch
da war er großartig: In einer Serie von Kinderbüchern, die er zwischen
1957 und 1968 zu Texten von Else Holmelund Minarik illustrierte, schickt
Maurice Sendak einen kuscheligen kleinen Bären durch eine wohlgeordnete
Welt ohne Trübsal, deren Dekor schon damals der Vergangenheit
angehörte. Oder er ließ in dem meisterlichen Miniaturbuch „Sarahs
Zimmer“ von Doris Orgel ein vorwitziges Mädchen derart bezaubernd den
eigentlich verschlossenen Raum ihrer älteren Schwester entern, dass
diese gar nicht anders kann, als sich anschließend bei den Eltern für
die Jüngere in die Bresche zu werfen - auch sie bekommt am Ende eine
Waldtapete für ihr eigenes Kinderzimmer, und wie Sendak diese Vorlage
nutzt, um die geheimnisvolle bunte Wand als Eingangstor für ein
fortdauerndes Abenteuer zu malen, verfehlt seine Wirkung nicht.
Aber auch wenn es mitunter unerwartet friedlich zugeht in seinen Büchern - Niedlichkeit war seine Sache nicht. Und als sich der Sohn polnisch-jüdischer Emigranten, der 1928 in Brooklyn geboren wurde, knapp sechzig Jahre später in einer Rede an seine künstlerischen Ursprünge erinnerte, zeichnete er ein wenig versöhnliches, dafür aber umso schlüssigeres Bild der Atmosphäre, in der er aufgewachsen ist: „Vor kurzem habe ich über die Monster nachgedacht, die mich in meiner Kindheit so sehr erschreckt haben, dass sie mich dazu brachten, ein Künstler zu werden. Ich kann nur einige von ihnen benennen: natürlich meine Eltern. Der Staubsauger, der mich noch immer mit Schrecken erfüllt. Meine Schwester. Die Lindbergh-Entführung. Und schließlich die Schule, die ich mit einem verzweifelten Abscheu ertrug.“
Ein Schnuller für den Vampir
All dies kehrt in seinen Bilderbüchern wieder: die Mutter so gut wie ein Irrlicht des 1932 entführten und später ermordeten Sohns von Charles Lindbergh, und die Welt, wie Sendak sie vor allem in den Büchern dargestellt hat, bei denen er Bild und Text verantwortet, bietet keine Sicherheit und selten Schutz.
Da streift, ach was: fliegt ein Kind allein durch das mondbeschienene New York („In der Nachtküche“, 1970) und findet sich irgendwann in der Gewalt dreier Doppelgänger von Oliver Hardy wieder, die als Bäcker bei der Arbeit wenig Sinn für Störenfriede haben. Oder ein Säugling öffnet im Pop-up-Buch „Mommy“ von 2006 die Tür zu einer Gruft, nur um dort nacheinander Dracula, Frankensteins Monster, einer belebten Mumie und einem Werwolf zu begegnen, bevor er schließlich hinter einer Tür seine untote Mutter entdeckt. Allerdings weiß sich das Kind zu helfen: Der Vampir kriegt einen Schnuller verpasst, das Monster eine Schraube entfernt, die Mumie wird schwindlig gedreht und der Werwolf gekitzelt - und alle, alle geben für den Moment Frieden.
Man kann Kinder nicht vor dem Leben schützen
Sonderlich beliebt machte sich Sendak mit solchen Büchern bei einem Teil der Elternschaft nie, und gerade in den Anfängen seiner Karriere traf er auf einen Kinderbuchmarkt, der nicht einmal entfernt offen war für diesen Ausnahmekünstler. Sendak hat sich bis zuletzt wütend, resigniert oder zunehmend gallig mit den Vorstellungen besorgter Eltern oder Schulbibliothekare auseinandergesetzt, die auf einem seiner mittlerweile weltberühmten Bilder einen nackten Penis überklebten oder über die ungeheure Wildheit seiner Welt lamentierten.
„Wir Kinderbuchautoren sollen Kinder schützen“, sagte er in einem Interview, „während sie andererseits von niemandem sonst beschützt werden. Niemand bewahrt sie vor dem grausamen Fernsehen. Niemand schützt sie vor dem Leben, weil man vor dem Leben nicht beschützen kann.“ Was bleibt da noch? Mit einem „glaubwürdigen Buch“, sagte Sendak weiter, könne man aber Kindern immerhin „etwas über das Leben erzählen. Was sollte daran falsch sein? Sie wissen es ohnehin.“
Vielleicht ist es das, was von ihm bleibt
Was aber erzählt sein bedeutendstes und mit knapp zwanzig Millionen Exemplaren meistverbreitetes Buch „Wo die wilden Kerle wohnen“ über das Leben? Sendaks 1963 erschienenes Meisterwerk, das mit 332 Worten und achtzehn Bildern auskommt, schildert die Abenteuerreise eines Jungen, der - ohne Abendbrot in sein Zimmer geschickt - aus seinem Exil eine ganze Welt macht und selbst die Wilden Kerle, die er am Ende einer langen Seefahrt ganz allein antrifft, mit einem Trick zähmt: Er schaut ihnen in die Augen, ohne zu blinzeln. Und sie nennen ihn dafür „den wildesten Kerl von allen“.
Vielleicht ist es das, was von ihm bleibt: der unbeirrte Blick auf das, was Angst macht. Die offenen Augen für Mütter, Schwestern, die gehasste Schule und die Furcht davor, selbst Opfer einer Entführung zu werden. Und das Vermögen, daraus große Kunst zu formen.
Sendak, der Adalbert Stifter, Hans Christian Andersen und Winsor McCay verehrte, der mit Preisen überhäuft wurde und den man mit einigem Recht den bedeutendsten Bilderbuchkünstler unserer Zeit nennen kann, starb an diesem Dienstag in Connecticut.
aus NZZ Online, 9. 5. 2012
Das Drama des Unbewussten
Der amerikanische Bilderbuchkünstler Maurice Sendak ist im Alter von 83 Jahren gestorben
von Sieglinde Geisel
Maurice Sendak, der 1928 in Brooklyn als Sohn polnisch-jüdischer Immigranten geboren wurde, brachte über hundert Bücher heraus und wurde mit allen wichtigen Auszeichnungen der Kinderliteratur geehrt. Eine Kunsthochschule allerdings hatte er nie besucht. Sein Weg führte über die Arbeit als Schaufensterdekorateur eines Spielwarenladens an der Fifth Avenue; dessen Kinderbuch-Einkäufer machte Sendak 1950 mit Ursula Nordstrom bekannt, der legendären Kinderbuchlektorin von Harper & Brothers, die Sendaks Talent sofort erkannte und im nächsten Jahr sein erstes Bilderbuch herausbrachte.
Maurice Sendak, der fast ausschliesslich Kinderbücher schuf, ist mehr als ein blosser Illustrator. Der Text bereitet die Bühne für das Drama der Gefühle und des Unbewussten, das in den Bildern explodiert. Das Phantastische bleibt dabei immer in Verbindung mit einer realistischen Darstellung, sei es in opulenten Aquarellen oder sorgfältig kolorierten Schraffuren. Mit wenigen Worten werden die trotzigen Kinderhelden in höchste Gefahr geschickt, oft in kruden Plots. In der Traumphantasie von «In der Nachtküche» wacht Micky nachts auf, fällt in eine Schüssel, wird von drei Bäckern (die alle aussehen wie Oliver Hardy) in den Teig gerührt, in den Ofen geschoben und mitgebacken, bis er schliesslich die dampfende Kruste durchbricht und eine fulminante Befreiung feiert: mit einem Flug in einem Teigflugzeug, einer Tauch-Expedition in eine Milchflasche und der Rückkehr ins Bett, bis er am nächsten Morgen gestärkt erwacht.
Zu seinen grössten Ängsten gehöre es, den Kontakt zu dem Kind zu verlieren, das er einmal gewesen sei, so sagte Sendak einmal. Er wisse noch genau, wie er sich als Kind gefühlt habe: «Ich hatte nichts auszustehen, erlebte eine ganz gewöhnliche, typische Kindheit: Es war schrecklich.» Sendaks eigene Kindheit ist in seinen Bilderbüchern auf unterschiedliche Weise präsent. Der unartige Max in «Wo die wilden Kerle wohnen» trägt ein weisses Wolfskostüm. Er sei ein kränkelndes Kind gewesen, so Sendak, früh vom Tod bedroht, daher habe ihm die Grossmutter einen weissen Anzug genäht, damit der Todesengel in der Annahme, das Kind sei bereits ein Engel, vorüberfliege. Die wilden Kerle, die Max durch seinen Blick beherrschen lernt, seien eine Wiederkehr seiner jüdischen Verwandten aus Polen, der Schreckgestalten seiner Kindheit: «Ungepflegt, mit schlechten Zähnen, Haare wuchsen ihnen aus der Nase, sie konnten kein Englisch – doch immer umarmten sie uns!»
Beschönigungen gibt es bei Sendak nie, deshalb ist er ein Klassiker: Kinder müssten wissen, dass es schlimme Dinge gebe. Einer seiner letzten Erfolge war 2003 die Oper «Brundibar», eine Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Tony Kushner, als Bühnenproduktion sowie als Bilderbuch. Durch ein Detail im letzten Bild gibt Sendak dieser Kinderoper aus dem KZ Theresienstadt eine universale Bedeutung: Im Zimmer der genesenen Mutter hängt ein Kruzifix. Eine jüdische Familie hätte die Sache zu einfach gemacht, erklärte Sendak. Als Christen seien sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen – wie alle Opfer des Holocaust.
Maurice Sendak lebte zurückgezogen in Connecticut, wo er am 8. Mai mit 83 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben ist.













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