aus NZZ, 25. 5. 2012
In Kinderkrippen fehlt oft ein vertieftes pädagogisches Fachwissen. Kinder wollen aber von Beginn weg richtig begleitet und richtig gefördert sein.
msc. · In früheren Zeiten waren Kinder nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch soziale Absicherung. Nicht, dass man sich diesen Zustand zurückwünschen möchte, aber in wohlfahrtsstaatlichen Zeiten sind Entwicklungen zu beobachten, die nicht minder zum Nachdenken Anlass geben. So sind Kinder heute allzu häufig ein Projekt von Erwachsenen, und zwar sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Kontext. Die Maxime lautet: Mein Kind muss gelingen, koste es, was es wolle. Der Nachwuchs hat sich dabei allzu oft nach den fixen Ideen von Erwachsenen zu orientieren. Ihre Freiheiten kommen zu kurz. Diese Anspruchshaltungen gegenüber Kindern, die zunehmende ausserfamiliäre Betreuung in Krippen und Horten sowie Erkenntnisse der Wissenschaft, wie wichtig eine frühe Förderung für die Bildungsbiografie eines Menschen sein kann, machten in den letzten Jahren die frühkindliche Bildung zu einem zentralen Thema. Allerdings fehlte in der Schweiz bisher eine übergreifende Orientierungshilfe zur Qualitätssicherung und -entwicklung von frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung.
Keine Verschulung
Dies Lücke schliesst nun eine Schrift für die pädagogische Arbeit mit Kleinkindern, die am Donnerstag von der Schweizerischen Unesco-Kommission und dem Netzwerk Kinderbetreuung vorgestellt worden ist. Es handelt sich dabei um einen Orientierungsrahmen, der beschreibt, wie kleine Kinder die Welt entdecken und wie Erwachsene sie dabei begleiten können. Er bietet Anhaltspunkte, woran sich Angebote für Kinder bis vier Jahre orientieren können, um eine gute Qualität zu erreichen und zu sichern. Erarbeitet wurde der gut lesbare, logisch aufgebaute und mit vielen konkreten Anweisungen versehene Orientierungsrahmen vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind. In erster Linie richtet sich das rund 70-seitige Dokument an Fachpersonen in der Kinderbetreuung sowie an Trägerschaften oder kommunale und kantonale Behörden. In den nächsten zwei Jahren soll der Orientierungsrahmen zusammen mit verschiedenen Kantonen, Städten, Ausbildungsstätten diskutiert und erprobt werden. Rechtlich bindend ist das Dokument nicht.
Wie die Autorinnen Heidi Simoni und Corina Wustmann Seiler am Donnerstag betonten, wird die Vielfalt der Betreuungsangebote respektiert. Auch werden im Dokument keine Vorgaben zu Methoden oder Strukturen gemacht. Jedoch orientiere man sich klar an den Interessen, Bedürfnissen und Rechten der Kinder. Jeglicher Verschulung der ersten Lebensjahre wird eine klare Absage erteilt. Im Zentrum frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung stehe die Schaffung und Bereitstellung einer anregungsreichen, wertschätzenden und beschützenden Lernumwelt, in der bedeutungsvolle Bezugspersonen einen bewussten, erzieherischen Umgang mit dem Kind pflegten.
Lernen heisst Spielen
Frühkindliche Bildung lasse sich nicht mit Belehrung, Instruktion und Wissensvermittlung nach Plan fördern, schreiben die Autorinnen. Solche Methoden und Lernformen würden den kindlichen Bedürfnissen und Eigenaktivitäten sowie dem stark von der inneren Motivation abhängigen frühkindlichen Lernen nicht gerecht. Kleine Kinder seien Forscher und Entdecker. Lernen heisse für Kinder vor allem Spielen. Es brauche deshalb viel freie Zeit und frei verfügbaren Raum, damit die Kleinen ihren Spiel- und Lerntrieb ausleben könnten. Wichtig seien vielseitige und frei zugängliche Materialien zum Entdecken und Erforschen sowie eine anregende soziale Umwelt. Vonseiten der Erwachsenen sei eine hohe Aufmerksamkeit und Präsenz gefordert.
Der Orientierungsrahmen formuliert sechs Leitprinzipien und widmet sich im letzten Teil auch der konkreten pädagogischen Praxis. Tatsächlich steht hier in manchen Kinderkrippen, in denen allzu häufig noch kaum der Pubertät entsprungene Mädchen ihren Dienst verrichten, einiges nicht zum Guten. Betont wird von den Autorinnen die Fähigkeit der Erziehenden und Betreuenden zur Selbstreflexion. Die Bereitschaft der Kindertagesstätten zum Dialog mit Erwachsenen und Einrichtungen ausserhalb der eigenen Institution werden als bedeutsame Aspekte frühpädagogischer Professionalität angesehen.

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