aus Der Standard, Wien, 16. 4. 2012
"Schule produziert lustlose Pflichterfüller"
Gerald Hüther über versaute Mathe-Karrieren - und was es braucht, dass Kinder nur ein Fünftel der Zeit in der Schule sein müssen
Interview von
STANDARD: Sie sagen, um nachhaltig zu lernen,
braucht das Hirn vor allem Begeisterung. Aber kann Lernen ohne Druck
überhaupt funktionieren?
Gerald Hüther: Die Hirnforschung kann inzwischen
zeigen, dass sich im Hirn nur dann etwas ändert, wenn es unter die Haut
geht. Das Hirn ist kein Muskel, den man trainieren kann, indem man viel
übt. Im Hirn passiert immer erst dann etwas, wenn derjenige, der lernt,
das für sich selbst als wichtig beurteilt. Denn nur dann lässt man sich
davon berühren, dann gehen die emotionalen Zentren an. Und immer dann,
wenn im Hirn diese emotionalen Zentren aktiviert werden, wird eine Art
Dünger ausgeschüttet. Der düngt gewissermaßen das Dahinterliegende, was
man im Zustand der Begeisterung an Netzwerken aktiviert hat. Und das
führt dazu, dass man immer das, was man mit Begeisterung lernt, auch so
gut behält.
Warum lernen kleine Kinder so viel und leicht?
So ein kleiner Dreijähriger hat ja am Tag 50
bis 100 Begeisterungsstürme, wo dann jedes Mal diese Gießkanne der
Begeisterung im Hirn angeht und wo das alles gedüngt wird. So, und dann
schicken wir die Kinder in die Schule. Da stimmt doch irgendetwas nicht,
wenn dann an dem Ort, wo eigentlich diese Begeisterung genutzt werden
sollte, das Wichtigste verlorengeht, was die Verankerung dieser neuen
Erfahrung im Hirn erst ermöglicht. Da sind wir mit unserem Schulsystem
offenbar auf einem Irrweg gelandet.
zum Thema
Wie kann Schule in Hinkunft denn gelingen?
Es gibt bereits einige dieser anderen
Schulen. Schulen, wo den Schülern etwas geboten wird, was sie
verzaubert. Und das findet eben nicht statt, wenn man anfängt, Kinder zu
unterrichten und ihnen etwas beibringen zu wollen. Es ist ein großes
Missverständnis, zu denken, indem man dem anderen sagt, wie er's machen
soll, könne man bei ihm im Hirn irgendeine Veränderung auslösen. So geht
das nicht. Das geht nur, wenn der andere sich davon berühren lässt.
Wenn er das toll findet. Dann will er's wissen. Und wenn er's wissen
will, dann lernt er's auch. Es würde auch reichen, wenn die Kinder nur
ein Fünftel der Zeit zur Schule gingen, wenn in dieser Zeit wirklich
etwas passieren würde.
Was sagen denn Noten über einen Schüler aus?
Gute Noten haben diejenigen, die sich am
besten an die Systemanforderungen anpassen können. Die machen die Matura
mit 1,0, aber die haben das Entscheidende eigentlich verloren, nämlich
die Leidenschaft. Die geht natürlich weg, wenn ich etwa in der fünften
Klasse als Bub anfange, mich für Schmetterlinge zu interessieren, aber
ich muss das in mir selbst unterdrücken, weil in der Zeit, in der ich
mich mit den Schmetterlingen befasse, kann ich ja nicht Deutsch und
Mathe machen. So produziert unser Schulsystem auch in den oberen
Bereichen, wo die Besten scheinbar herausgelesen werden, junge Menschen,
die zwar gut funktionieren, aber, böse gesagt: Das sind dann
leidenschaftslos gewordene Pflichterfüller. Und die kann eine Wirtschaft
in Österreich auch nicht mehr gebrauchen.
Eine ganze Klasse müsste zu einem Team
werden, das unbedingt wissen will, wie die Fotosynthese funktioniert.
Oder warum Shakespeare Macbeth geschrieben hat. Und dann ahnen Sie
schon, dass die Kinder ungefähr zwei Wochen brauchen werden, um das
alles herauszufinden. Aber das hätten sie sich alles selbst erarbeitet.
Und das würden sie dann auch nicht wieder vergessen. Von außen kann man
das Wissen dann nicht einflößen, da ist es sogar fast störend, wenn
einer kommt und die Fotosyn- these oder Shakespeares Schreibmotive
erläutert. Jede Erklärung, die man Kindern gibt, hindert sie daran, die
Frage zu stellen und es selbst herauszufinden.
Die Lehrer tun mir leid. Die sind ja einmal
losgezogen und wollten Unterstützer werden von Kindern bei
Lernprozessen. Wenn die das nur noch mit Mühe aushalten, dann liegt das
eben auch daran, dass sie derzeit kaum eigene Gestaltungsspielräume
haben. Im Grunde genommen geht es den Lehrern fast so wie den Schülern.
Und dann kann es eben sehr leicht passieren, dass man als Lehrer
aufgibt, dass man den Mut verliert. Dann ist man keiner mehr, der
einlädt, dann ist man einer, der sich nur mehr selbst rettet und
versucht, durchzuhalten, bis die Rente kommt. Das ist natürlich eine
Katastrophe. Es hat ja noch gar keiner unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten ausgerechnet, was das später einmal alles kostet, wenn
ein einzelner, mutlos gewordener Mathematiklehrer es fertigbringt, jedes
Jahr zwanzig Schülern die Lust an Mathe zu versauen. Denn dann haben
die ja meistens nicht nur die Lust an Mathe verloren, sondern auch an
den Naturwissenschaften. Das heißt, da ist auf einmal etwas
kaputtgegangen, was möglicherweise die gesamte Karriere und Entwicklung
eines Kindes belastet. Und wenn man diese Kosten alle zusammenrechnet,
könnte herauskommen, dass es besser wäre, diesen betreffenden Lehrer bei
vollen Bezügen nach Hause zu schicken, als ihn noch einen Tag länger
diesen Schaden stiften zu lassen.







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