aus Die Presse, Wien, 20. 4. 2012
Hirnforscher fordert Umdenken bei Lehrern
Als Lehrer geeignet seien nicht die, die Kindern "nur was beibringen wollen", sagt Neurobiologe Gerald Hüther. Er entwickelt den Masterlehrgang "Potenzialentfaltungscoach".
"Wir haben uns geirrt", sagt der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther.
Nicht Gene entscheiden bei Kindern über Intelligenz, Dummheit oder
Faulheit - sondern welche Möglichkeiten aus dem "riesigen Überschuss an
Vernetzungsoptionen im Gehirn" durch Erwachsene bedient werden. "Jedes
Kind ist im Grunde genommen hochbegabt", sagt der Hirnforscher von der Uni
Göttingen, "jedes auf seine Weise talentiert. Und die einzigen, die
blöd sind, sind wir (die Erwachsenen, Anm.)." Damit Lehrer von
Wissensvermittlern zu "Schatzsuchern" werden, lanciert Hüther in
Deutschland nun den Masterlehrgang "Potenzialentfaltungscoach", den er
auch Pädagogischen Hochschulen (PH) in Österreich anbieten will.
In Österreich wird bei der geplanten neuen Lehrerausbildung daher ein
"Schwerpunkt auf Lernen und Hirnforschung" gelegt, wie Andreas
Schnider, Leiter des Entwicklungsrats für die neue Lehrer-Ausbildung,
betont. "Wir führen derzeit unterschiedlichste Gespräche mit
Persönlichkeiten, die wir uns mit an Bord vorstellen könnten", so
Schnider. Hüther ist einer dieser Wissenschafter, deren Expertise u.a.
zur Entwicklung möglicher neuer Weiterbildungsangebote an PH
herangezogen wird. Ob beim geplanten offiziellen Start des
Masterlehrgangs "Potenzialentfaltungscoach" 2013 in Deutschland auch
österreichische Hochschulen mitmachen, könne man noch nicht sagen. "In
diesem Stadium sind wir noch nicht", so Schnider, "das kann sich alles
in unterschiedlicher Art und Weise entwickeln."
Lehrer als Schatzsucher
Die Voraussetzungen, die ein Lehrer mitbringen muss, "bestehen darin, dass er eine Art Schatzsucher ist, der mit dem Schüler auf Augenhöhe in Kontakt tritt und versucht herauszufinden, was der braucht und kann, und wo das Herz bei dem höherschlägt", so Hüther. Aufnahmetests für angehende Lehrer hält er nicht für sinnvoll, denn "das, worauf es ankommt, ist nicht zu messen". Stattdessen forderte er für Lehrer ein "Probejahr" etwa als Hilfskraft an einer Schule noch vor der Ausbildung, ähnlich dem "sozialen Jahr" in Deutschland.
Dabei kristallisiere sich schnell heraus, ob eine Person dem
gewachsen ist. Denn neben der Qualifikation, Kinder für Dinge zu
begeistern, die ihnen bisher bedeutungslos erschienen sind, müssten
Lehrer auch "einen zusammengewürfelten Haufen zu einem
leistungsorientierten Team umformen können". "Niemand kann alleine über
sich hinauswachsen, man braucht dazu immer die anderen", so Hüther. "Das
Hirn ist viel stärker durch soziale Erfahrungen geprägt und geformt als
wir das bisher für möglich gehalten haben." Im Idealfall hat man dann
"eine ganze Klasse, die etwa herausfinden will, warum Shakespeare
'Macbeth' geschrieben hat". Wissen, das sich Kinder gegenseitig
aneignen, "wird auch nicht mehr vergessen".(APA)

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