aus FAZ, 11. 4. 2012
Ziemlich beste Feinde
Schade, Kinder: Christophe Barratiers Neuverfilmung des Filmklassikers „Krieg der Knöpfe“ jubelt den Jüngsten leider nur einen autoritären Mythos unter. Der Film ist ein Täuschungs-manöver gehüllt in schöne Bilder.
Von
Bert Rebhandl
„Es lebe die Freiheit!“ Mit diesem Ruf
klettert in Yves Roberts Klassiker „Krieg der Knöpfe“ (1962) der
kindliche Held Lebrac aus der Krone einer eben gefällten Eiche. Er ging
mit dem Baum zu Boden, blieb dabei zwar unverletzt, aber mit seinem Exil
in den Wäldern ist es nun vorbei. Er muss ins Internat, die großen
Schlachten, die er mit den Buben von Longeverne gegen die „Arschlöcher“
aus Velrans geschlagen hat, sind aber immerhin in die Geschichte
eingegangen.
Zu Recht, denn „Krieg der Knöpfe“ erzählte eben von
mehr als nur Kinderprügeleien. Ein filmisches Traktat über die
„Pflichten der Bürger“ und über die Republik war das, vorgetragen zur
Halbzeit der „dreißig glorreichen Jahre“, während deren Frankreich nach
dem Zweiten Weltkrieg modern wurde und die Dörfer, Felder und Wälder
zunehmend geringer achtete, in denen der „Krieg der Knöpfe“ stattfand.
Der Fall der Eiche (aus der Möbel gemacht werden sollten) war ein
starkes Epochensignal, wie auch der Freeze Frame, mit dem Yves Robert
seinen Film damals beendete, drei Jahre nach François Truffauts „Sie
küssten und sie schlugen ihn“, auf den hier selbstbewusst angespielt
wurde. Doch die höheren Weihen der „Nouvelle Vague“ wurden Robert nie
zuteil. Er machte später zum Beispiel „Der große Blonde mit dem
schwarzen Schuh“ und begab sich so auf eigene Popularitätswege.
„Der neue Krieg der Knöpfe“
Fünfzig Jahre
später entstanden in Frankreich nahezu zur gleichen Zeit zwei Remakes
vom „Krieg der Knöpfe“, aber nur eines davon kommt in Deutschland jetzt
ins Kino. Es ist nicht die traditionalistischere Variante von Yann
Samuell, der vor allem den Zeitpunkt der Handlung beibehielt, sondern
eine markante Überarbeitung von Christophe Barratier, die aus gutem
Grund im Original den Titel „Der neue Krieg der Knöpfe“ trägt. Das
wesentlich Neue an dieser Adaption ist, dass die Geschichte historisch
vorverlegt wurde, und zwar in das Jahr 1944 im besetzten Frankreich, in
eine Zeit, in der montags die Schule mit einer Ergebenheitadresse an den
Maréchal Pétain beginnt. Dienstags aber schon nicht mehr, „man soll es
nicht übertreiben“. Mit dieser beiläufigen Episode ist der Ton für
dieses Remake gesetzt, denn der Nostalgiker Barratier („Die Kinder des
Monsieur Mathieu“) nützt die Möglichkeiten der Vorlage (der zugrunde
liegende Roman von Louis Pergaud erschien schon 1912) für einen neuen
republikanischen Mythos, der im Frankreich des 21.Jahrhunderts nur
anachronistisch erscheinen kann und wohl auch soll.
Die Auseinandersetzungen zwischen den Kindern aus Longeverne und Velrans sind hier im Grunde nur Vorwand für einen Konflikt unter den Großen. Dass die Bewohner von Velrans „alles Kollaborateure“ seien, plappern zwar auch die Kleinen nach, gehört haben müssen sie das aber wohl von den Eltern. Was bei Robert noch als im besten Sinne naive Errichtung einer Republik durchgehen konnte („wir sind jetzt Eigentümer“, rufen die Kinder vor ihrer Hütte im Wald), wird bei Barratier zu einem Gründungsakt für eine Republik, mit der die Kinder gar nichts zu tun haben. Ihm geht es um ein Frankreich, das in seiner Gesamtheit gegen die Besatzer aus Deutschland war (nur ein Trottel namens Brochard hält es mit den Nazis) und das hier vor der idyllischen Landschaft der Auvergne eine neue „France profonde“ ergibt. Dazu gehört, dass Laetitia Casta (die Falbala aus „Asterix und Obelix gegen Cäsar“!) eine Bürgerin spielt, die ein jüdisches Mädchen versteckt; dazu gehört, dass der Vater des Helden Lebrac, bei Robert ein jähzorniger Schläger, ein wichtiges Mitglied der Résistance ist (und von Kad Merad gespielt wird - eine geschichtspolitisch opportunistischere Rollenbesetzung ist schwer denkbar).
Schöne Bilder, autoritärer Staat
Alles das,
was bei Robert „von unten“ gedacht wurde (dass Kinder versuchsweise
„Staaten“ spielen), wird bei Barratier „von oben“ in ideologische
Dienste genommen. In beiden Filmen ist die Figur des dicklichen Jungen
Bacaillé diejenige, an der sich die Politik des Films entscheidet. Auch
Robert lässt hier einen offenen Rest an Ambivalenz bestehen, der sich in
viele Richtungen auflösen lässt. Klassengegensätze spielen dabei ebenso
eine Rolle wie Sündenbock-mechanismen, der „Monarchist“ Bacaillé wird
auf jeden Fall Opfer eines Gewaltausbruchs, der sich nicht einfach in
die Logik der allegorischen Auseinandersetzung integrieren lässt.
Die ganze Unverschämtheit, mit der Barratier
vorgeht, wird hingegen in der Szene deutlich, in der er Bacaillés
Schicksal interpretiert: Die Kinder treiben ihn als „dreckigen Verräter“
durch das Dorf, sie nehmen damit unwissentlich Szenen vorweg, mit denen
Frankreich nach dem Krieg Rache an den Kollaborateuren nahm. Kanonisch
wurde eine Fotografie von Robert Capa aus Chartres 1944, die Barratier
hier indirekt aufgreift, die er den Kindern gewissermaßen unterjubelt.
Die Freiheit, auf die dieser „neue Krieg der Knöpfe“ hinausläuft, beruht
auf einem Täuschungsmanöver: Die Kinder kämpfen nicht mehr für sich,
sie kämpfen für einen Staat, von dem sie nichts wissen sollen. Es ist
der alte, autoritäre Staat, der sich in schöne Bilder hüllt.
Nota.
Habent fata sua libelli et pelliculae; nicht nur Bücher haben ihre Geschichte, sondern auch Filme - und in diesem Fall sowohl als auch. Als 1962 Yves Roberts Krieg der Knöpfe in die deutschen Kinos kam, monierte die in Hamburg erscheinende und notorisch mit dem Ersten Deutschen Friedensstaat verbandelte Andere Zeitung, der Regisseur habe die hochpolitische Romanvorlage von Louis Pergaud zu einer harmlosen Schulhofkeilerei infantilisiert - denn dort habe die ewige Feindschaft zwischen Longeverne und Velrans zum Hintergrund, dass das eine Dorf katholisch und das andere... protestantisch ist!
Regisseur Barratier kehrt gewissermaßen zur Vorlage zurück und setzt noch einen fetten patriotischen Akzent obendrauf (freilich mit dem wirklichkeitsnahen Eingeständnis, dass nicht nur das ganze Nachbardorf kollaboriert, sondern auch die restistente Kinderrepublik ihren Verräter hat). Und doch war es Yves Robert, der damals die Spreu vom Weizen getrennt hat - indem er die staatsbürgerkundliche Erwachsenenparabel in ein Hohelied der Kindergesellschaft umgedichtet hat.
J. E.






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