aus Der Standard,Wien, 21. 1. 2012
Vom Punk zum Professor
"Der Durchschnitt ist das Konzept der Politik
Markus Hengstschläger über Freaks und Peaks, Talente mit vier Fünfern und das eine Prozent, in dem er nicht Durchschnitt ist
Interview: Lisa Nimmervoll
Standard: Ihr neues Buch heißt "Die Durchschnittsfalle" . Wer macht uns denn durchschnittlich?
Hengstschläger: Einerseits jene, die die
Bequemlichkeit, durchschnittlich zu sein, allem anderen vorziehen. Das
ist auch ein Vorwurf an uns alle. Es gibt offensichtlich nichts
Schöneres, als sich in die Phalanx der Gleichen einzureihen. Das ist das
Todesurteil eines Landes. Fortschritt hängt nur von Peaks und Freaks
ab. Der Durchschnitt hat noch nie etwas Besonderes geleistet.
Andererseits: Zurzeit ist der Durchschnitt das Konzept der
österreichischen Politik.
Ein Beispiel bitte.
20 Kinder sollen sich im Turnsaal so
aufstellen, dass irgendwer den Ball fängt. Der Ball kommt von irgendwo.
Wir wissen nicht, woher und wann. Uneingeschränkter Zufall
vorausgesetzt - ein klassisches Zukunftsproblem. Die österreichische
Politik macht Folgendes: Sie gründet eine Expertengruppe, die gründet
eine Subgruppe, die sich nur mit einer Frage beschäftigt: Statistik,
Umfragen, Analysen, Durchschnitte erheben. Woher ist der Ball bisher
durchschnittlich gekommen? Angenommen, obwohl zufällig: Zehnmal kam er
von links unten, zehnmal von rechts oben. Der Durchschnitt ist in der
Mitte. Von dort ist der Ball noch nie gekommen, aber die Politik rät den
20 Kindern: Stellt euch bitte alle dort auf, wo der Ball
durchschnittlich herkommt. Der Ball kommt, und es muss uns klar sein,
die fangen ihn nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist ausgesprochen gering.
Die einzig richtige Antwort wäre: Damit die Kinder die größte
Wahrscheinlichkeit haben, dass irgendwer den Ball fängt, muss sich jedes
Kind woanders hinstellen.
Sie sagen: "Bildungsferne Schichten müssen zur Bildung geführt werden - kompromisslos."
Ja, aber nicht um den Durchschnitt
zu heben, sondern weil da viele individuelle Talente drin sind. Ich
diskutiere im Buch, was Talent überhaupt ist, was daran eventuell
genetisch ist und wie man ein Talent entdecken kann. Die Genetik sagt:
Individualität ist unser höchstes Gut. Individualität als das einzige
zielführende System, sich auf Fragen der Zukunft vorzubereiten, ist
jahrmillionenlang geprüft. Am besten gefällt mir das Beispiel eines
deutschen Zoologen, der fragt: Wieso gibt es tausende Schnecken? Weil
irgendeine immer überleben wird. Wenn alle gleich wären und die Umwelt
ändert sich nur ein bisschen, kann das alle bedrohen. Die Evolution
sagt: Wenn ganz viele Verschiedene im System sind, ist immer einer unter
uns, der eine Antwort auf Fragen der Zukunft gibt. Das heißt auch:
Migration ist Teil der Evolution.
Wie groß ist denn die "Schuld" unserer Gene daran, ob wir nur durchschnittliche Zeitgenossen sind oder herausragende?
Genetisch startet jeder individuell,
jeder ist anders, und dann muss man sich in diesem Land von Anfang an
gegen Gleichmacherei wehren. Mein Erfolgskonzept: Besondere,
individuelle (vielleicht auch genetische) Leistungsvoraussetzungen durch
harte Arbeit entdecken und durch harte Arbeit in eine besondere
Leistung, also Erfolg, umsetzen.
Sie verwenden oft "harte Arbeit" , aber auch "Üben, üben, üben" oder "Fleiß" . Welche Rolle spielt "harte Arbeit" im Kampf gegen die Durchschnittlichkeit?
Erfolg kommt nur durch harte Arbeit.
Aber es gibt auch individuelle Startvoraussetzungen. Wenn wir Elina
Garanèa in der Staatsoper singen hören, dann sagt der Österreicher:
Wahnsinn, was für ein Talent! Der Irrtum ist nur, das Talent hören wir
nicht. Wir hören die besondere Leistung, den Erfolg. Der ist entstanden
durch auch biologische Leistungsvoraussetzungen und harte Arbeit. Wenn
niemand das Talent von Elina Garanèa entdeckt und ihr die Motivation
vermittelt, das durch harte Arbeit umzusetzen, wird nie eine Operndiva
draus. Ohne "Üben, üben, üben" geht überhaupt nichts. Aber es gilt
auch: Durch "Üben, üben, üben" erreichen nicht alle das Gleiche.
Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für das Schulsystem?
Wir orientieren uns am Durchschnitt,
statt die Talente zu suchen und zu fördern. Ein Kind ist den ganzen Tag
auf dem Fußballplatz, lernt nichts, kommt mit einem Zeugnis nach Hause,
sagen wir vereinfacht: vier Nicht genügend, ein Sehr gut. Was sagen in
diesem Land die Eltern, die Lehrer, die Bildungspolitiker zu dem Kind?
Da, wo du das Sehr gut hast, machst du nichts mehr, da bist du eh schon
durch. Und da, wo du die vier Nicht genügend hast, wirst du ab sofort
Nachhilfe kriegen und büffeln. Vollkommen irrsinnig. Das Ergebnis ist:
Das Kind beschäftigt sich monatelang mit den vier Nicht genügend und
wird dort Durchschnitt. Und es vernachlässigt das Fach, in dem es Sehr
gut war, und ist dort dann auch Durchschnitt.
Ist das Abdichten nach unten, wo das Kind schlecht ist, nicht auch wichtig?
Klar, es gibt einen Standard, unter
dem brauchen wir nicht verhandeln. Die Lösung des Beispiels: Wo das Kind
vier Nicht genügend hat, muss es so viel können, dass man sagt: Das ist
verwendbar. Viel wichtiger aber ist, dass ein Kind mit vier Nicht
genügend und einem Sehr gut als ein Talent bezeichnet wird. Denn warum
macht der, wenn er nie was gelernt hat, ein Sehr gut? Diesem Kind muss
man sagen: Du hast da besondere Leistungsvoraussetzungen, mit dem Fach
solltest du dich ab sofort rund um die Uhr beschäftigen: Das ist dein
E=mc2. Das ist dein Humankapital, das wir brauchen in diesem Land, das
wird dein individueller Beitrag sein. Jeder leistet einen anderen.
Ist das ein Plädoyer für oder gegen eine gemeinsame Schule, die auf Individualität abstellt?
Mir ist das völlig egal, wie man es nennt. Es geht um das Ziel. Ich will in meinem Hörsaal nicht den Durchschnitt steigern. Ich will seit 20 Jahren Talente finden. Nur der, der den alten Weg verlässt, kann einen neuen gehen. Das will in Österreich aber niemand: Keiner will die Kinder, die als Abweichler gelten, keiner will die in seiner Firma, geschweige denn an der Uni oder in den Schulen, weil jeder sagt: Das ist mühsam. Jeder konzentriert sich darauf, dass der Durchschnitt o. k. ist. Dann scheinen alle zufrieden.
Sie sind Mitglied des Forschungsrats.
Bedeutet Ihre Forderung nach "Peaks und Freaks" , nur noch die Freaks
auf den Peaks, also die, die schon Erfolg dokumentiert haben, finanziell
fördern?
Nicht unbedingt, aber Gießkannenprinzip ist auch eine evolutive Sackgasse. Damit werden die Guten schlechter, weil sie zu wenig haben, und die Schlechten werden vielleicht ein bissl besser, weil sie unbegründet Geld bekommen, das ihnen nicht zusteht - und am Ende sind alle Durchschnitt.
Was ist denn an Ihnen durchschnittlich?
Österreich wertet Talente - ein Riesenirrtum und sinnlos. Ein Talent kann man deswegen nicht werten, weil wir die Frage der Zukunft nicht kennen, also nicht wissen, was wir brauchen. Ich brauche Individualität, das ist das Einzige, was ich weiß. Das heißt: Ich bin wahrscheinlich in 99 Prozent der Dinge unter dem Durchschnitt. Das Ziel muss sein, dass jeder irgendetwas gut kann und nicht vieles mittelmäßig - und bereit ist, daran hart zu arbeiten. Niemand ist also wirklich Durchschnitt - es gibt so viele Eliten wie Individuen - und ich arbeite hart.
MARKUS HENGSTSCHLÄGER war mit 16 Punk, mit 24 Doktor der Genetik, mit 35
Professor für Medizinische Genetik an der Medizin-Uni Wien, mit 40
Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik und mit 42 Mitglied des
Forschungsrates und wissenschaftlicher Leiter des Thinktanks Academia
Superior. "Die Durchschnittsfalle. Gene - Talente - Chancen" (Ecowin
Verlag), 188 Seiten, 21,90 Euro
Nota.
Bedenklich ist immer, wenn einer mit "der Evolution" - oder "der Natur" - argumentiert. 'Die Evolution' trifft keine Wahl nach Wertgesichtspunkten, sondern geht blind ihren Weg von Anspassung und Auslese. Wir aber können eine Wahl treffen, und daher müssen wir es. Wir könnten ja entscheiden, zu bleiben, wie wir sind, und hoffen, dass wir dann schon durch unsere große Masse überleben werden - wenigstens eine zufällige Handvoll.
Wir können aber auch entscheiden: Das interessiert uns gar nicht. Sondern wir wollen uns verbessern. Und zwar nach Wert-Maßstäben.
J.E.

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