aus derStandard.at, 30, 11. 2011
Studienautor bezweifelt Sinn der Teilnahme an PISA-Studie
Bildungswissenschaftler Hopmann: "Sagt nichts über Leistungen der Schüler"
Wien - Zehn Jahre nach Veröffentlichung der ersten PISA-Studie am 4. Dezember 2001 stellt Josef Lucyshyn, Direktor des für die Durchführung in Österreich zuständigen Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie), die Sinnhaftigkeit einer weiteren Teilnahme Österreichs an der OECD-Studie infrage. "Warum nehmen wir an PISA wieder teil, wenn die Politik - und damit meine ich nicht die Unterrichtsministerin (Claudia Schmied, SPÖ), sondern die Regierungsparteien - seit zehn Jahren nicht wirklich bereit ist, Daten und Ergebnisse aus den Untersuchungen zur Kenntnis zu nehmen und nachhaltige Reformen umzusetzen?"
Der Bifie-Direktor kritisiert auch den Umgang mit den Daten. Er ortet einen ideologischen Missbrauch der Ergebnisse, wenn diese etwa im Streit darüber, welche Schulform die bessere sei, instrumentalisiert werden, obwohl sie in dieser Frage keine Empfehlung aussprechen. "Wenn Experten eine Interpretation der Daten mitliefern und Vorschläge unterbreiten, müsste sich die Politik auch ernsthaft mit diesen Daten auseinandersetzen. Sonst unterstützt sie nur eine Maschinerie, die mittlerweile weltweit ein Geschäftszweig geworden ist."
... aus Austria Presse Agentur, 30. 11. 2011
"Das sollen Horrormeldungen sein"
Wien (APA) - Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Uni Wien ist seit Jahren prononcierter Kritiker der PISA-Studie. Die Untersuchung selbst hält er für gut gemacht, allerdings könnten die Daten nicht zu einer Verbesserung des Bildungswesen genutzt werden, betonte er im APA-Gespräch. Das ist für ihn auch der Grund, wieso PISA als bildungspolitisches Instrument schon tot ist.
...
APA: Wozu brauchen wir die PISA-Studie dann, immerhin kostet sie viel Geld?
Hopmann: Die PISA-Studie ist primär eine OECD-Strategie, um das bildungspolitische Thema am Kochen zu halten und die Mitgliedsländer zu mehr Investitionen im Bildungsbereich zu veranlassen. In diesem Sinne hat das ja auch durchaus funktioniert. Aber es ist ein politisches Projekt, kein wissenschaftliches. Es ist technisch gut gemacht, wird aber dann für Aussagen verwendet, die man aufgrund der Daten gar nicht machen kann. Ich kann anhand von PISA nichts über Schulstrukturen sagen, nichts über Unterrichtsqualität oder die Qualität einzelner Schulstandorte. Dafür taugen die Daten einfach nicht. Das sind Monitoringdaten, die sagen, wie eine ganz bestimmte Sorte Wissen verteilt ist, aber sie eignen sich überhaupt nicht dafür zu sagen, wie eine solche Wissensdistribution zustande kommt oder wie man die ändert.
Sagt PISA überhaupt etwas über die Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich aus?
In Bezug auf das, was PISA fragt, ja. Wir wissen dann, wie gut unsere Schüler im PISA-Test sind.
Aber nicht, wie gut sie in Lesen, Mathe und den Naturwissenschaften sind?
Nein. Denn man kann mit solche Tests nur das beschreiben, was ich in allen Ländern gleichzeitig testen kann und das ist ein relativ kleiner Ausschnitt aus der Breite des Wissens. PISA ist eine Kartographie, wie ein bestimmter Typus Wissen in bestimmten Ländern verteilt ist. Aber alles, was darüber hinausgeht - ob das das richtige Wissen für unser Land ist, ob die Schulqualität passend ist, das Zusammenspiel von Schule und Gesellschaft, Schule und Wirtschaft gut ist - kann PISA nicht beantworten.
Und was ist mit dem hohen Anteil an Risikoschülern, die es laut PISA in Österreich gibt?
Diese Gruppe gibt es, aber um das zu zeigen, brauche ich nicht PISA. Denn da ist die Risikogruppe standardisiert. Selbst wenn jetzt alle Schüler einen riesigen Sprung machen würden, wäre da immer noch eine gleich große Risikogruppe, denn die Daten werden nachträglich so normalisiert, dass immer ein bestimmter Teil in der Risikoabteilung landet. Sonst würde PISA nicht seinen politischen Zweck erfüllen, das sollen ja Horrormeldungen sein. Sonst würde sich ja niemand gedrückt fühlen. Fragen sie mal die finnischen Kollegen, wie sehr sie unter ihrem Erfolg gelitten haben!
Wie kommt's?
Der Erfolg hat dazu geführt, dass die Politiker sagen: Was ändern? Uns um was kümmern? Brauchen wir nicht, wir sind doch eh so super. Dabei haben sie in Finnland ein massives Problem am Übergang von der Sekundarstufe zu den höheren Bildungsformen und zum Arbeitsmarkt.
Der Mathematiker Rudolf Taschner hat einmal gesagt, in zehn Jahren ist PISA tot ...
PISA ist jetzt schon tot, das haben wir in Österreich nur noch nicht gemerkt. Diese Art von Daten eignet sich nicht, Schulqualität langfristig zu sichern. Das können sie in all jenen Ländern sehen, die solche Maßnahmen schon länger einsetzen wie die USA oder England. Dort ist allen Beteiligten klar, dass man mit solchen Daten zwar die Leute erschrecken kann, aber nichts verbessern kann und dass wir eine andere Sorte Bildungsforschung und Bildungspolitik brauchen, wenn es wirklich besser werden soll. PISA wird weiterlaufen, schon allein wegen der Verträge und des ganzen Prestiges, das von der OECD investiert wurde. Aber als Politikinstrument spielt es eine zunehmend geringere Rolle und als wissenschaftliches Instrument können Sie es ignorieren.
Das Gespräch führte Judith Lecher/APA
Nota.
Doch die Spesen waren erheblich.
J.E.



























