Mittwoch, 30. November 2011

10 Jahre PISA: Außer Spesen nix gewesen.

aus derStandard.at, 30, 11. 2011

Studienautor bezweifelt Sinn der Teilnahme an PISA-Studie

Bildungswissenschaftler Hopmann: "Sagt nichts über Leistungen der Schüler"

Wien - Zehn Jahre nach Veröffentlichung der ersten PISA-Studie am 4. Dezember 2001 stellt Josef Lucyshyn, Direktor des für die Durchführung in Österreich zuständigen Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie),  die Sinnhaftigkeit einer weiteren Teilnahme Österreichs an der OECD-Studie infrage. "Warum nehmen wir an PISA wieder teil, wenn die Politik - und damit meine ich nicht die Unterrichtsministerin (Claudia Schmied, SPÖ), sondern die Regierungsparteien - seit zehn Jahren nicht wirklich bereit ist, Daten und Ergebnisse aus den Untersuchungen zur Kenntnis zu nehmen und nachhaltige Reformen umzusetzen?"

Der Bifie-Direktor kritisiert auch den Umgang mit den Daten. Er ortet einen ideologischen Missbrauch der Ergebnisse, wenn diese etwa im Streit darüber, welche Schulform die bessere sei, instrumentalisiert werden, obwohl sie in dieser Frage keine Empfehlung aussprechen. "Wenn Experten eine Interpretation der Daten mitliefern und Vorschläge unterbreiten, müsste sich die Politik auch ernsthaft mit diesen Daten auseinandersetzen. Sonst unterstützt sie nur eine Maschinerie, die mittlerweile weltweit ein Geschäftszweig geworden ist."
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aus Austria Presse Agentur, 30. 11. 2011
  
"Das sollen Horrormeldungen sein"

Wien (APA) - Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Uni Wien ist seit Jahren prononcierter Kritiker der PISA-Studie. Die Untersuchung selbst hält er für gut gemacht, allerdings könnten die Daten nicht zu einer Verbesserung des Bildungswesen genutzt werden, betonte er im APA-Gespräch. Das ist für ihn auch der Grund, wieso PISA als bildungspolitisches Instrument schon tot ist.

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APA: Wozu brauchen wir die PISA-Studie dann, immerhin kostet sie viel Geld?

Hopmann: Die PISA-Studie ist primär eine OECD-Strategie, um das bildungspolitische Thema am Kochen zu halten und die Mitgliedsländer zu mehr Investitionen im Bildungsbereich zu veranlassen. In diesem Sinne hat das ja auch durchaus funktioniert. Aber es ist ein politisches Projekt, kein wissenschaftliches. Es ist technisch gut gemacht, wird aber dann für Aussagen verwendet, die man aufgrund der Daten gar nicht machen kann. Ich kann anhand von PISA nichts über Schulstrukturen sagen, nichts über Unterrichtsqualität oder die Qualität einzelner Schulstandorte. Dafür taugen die Daten einfach nicht. Das sind Monitoringdaten, die sagen, wie eine ganz bestimmte Sorte Wissen verteilt ist, aber sie eignen sich überhaupt nicht dafür zu sagen, wie eine solche Wissensdistribution zustande kommt oder wie man die ändert.

Sagt PISA überhaupt etwas über die Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich aus?

In Bezug auf das, was PISA fragt, ja. Wir wissen dann, wie gut unsere Schüler im PISA-Test sind.

Aber nicht, wie gut sie in Lesen, Mathe und den Naturwissenschaften sind?

Nein. Denn man kann mit solche Tests nur das beschreiben, was ich in allen Ländern gleichzeitig testen kann und das ist ein relativ kleiner Ausschnitt aus der Breite des Wissens. PISA ist eine Kartographie, wie ein bestimmter Typus Wissen in bestimmten Ländern verteilt ist. Aber alles, was darüber hinausgeht - ob das das richtige Wissen für unser Land ist, ob die Schulqualität passend ist, das Zusammenspiel von Schule und Gesellschaft, Schule und Wirtschaft gut ist - kann PISA nicht beantworten.

Und was ist mit dem hohen Anteil an Risikoschülern, die es laut PISA in Österreich gibt?

Diese Gruppe gibt es, aber um das zu zeigen, brauche ich nicht PISA. Denn da ist die Risikogruppe standardisiert. Selbst wenn jetzt alle Schüler einen riesigen Sprung machen würden, wäre da immer noch eine gleich große Risikogruppe, denn die Daten werden nachträglich so normalisiert, dass immer ein bestimmter Teil in der Risikoabteilung landet. Sonst würde PISA nicht seinen politischen Zweck erfüllen, das sollen ja Horrormeldungen sein. Sonst würde sich ja niemand gedrückt fühlen. Fragen sie mal die finnischen Kollegen, wie sehr sie unter ihrem Erfolg gelitten haben!

Wie kommt's?

Der Erfolg hat dazu geführt, dass die Politiker sagen: Was ändern? Uns um was kümmern? Brauchen wir nicht, wir sind doch eh so super. Dabei haben sie in Finnland ein massives Problem am Übergang von der Sekundarstufe zu den höheren Bildungsformen und zum Arbeitsmarkt.

Der Mathematiker Rudolf Taschner hat einmal gesagt, in zehn Jahren ist PISA tot ...

PISA ist jetzt schon tot, das haben wir in Österreich nur noch nicht gemerkt. Diese Art von Daten eignet sich nicht, Schulqualität langfristig zu sichern. Das können sie in all jenen Ländern sehen, die solche Maßnahmen schon länger einsetzen wie die USA oder England. Dort ist allen Beteiligten klar, dass man mit solchen Daten zwar die Leute erschrecken kann, aber nichts verbessern kann und dass wir eine andere Sorte Bildungsforschung und Bildungspolitik brauchen, wenn es wirklich besser werden soll. PISA wird weiterlaufen, schon allein wegen der Verträge und des ganzen Prestiges, das von der OECD investiert wurde. Aber als Politikinstrument spielt es eine zunehmend geringere Rolle und als wissenschaftliches Instrument können Sie es ignorieren.


Das Gespräch führte Judith Lecher/APA

Nota.

Doch die Spesen waren erheblich.
J.E.

Dienstag, 29. November 2011

Behüterli.

aus FAZ.NET, 29. 11. 2011
Frühkritik:
 Sind unsere Kinder noch zu retten?

Kinder gibt es immer weniger, dafür mehr Ratgeber über Erziehung: Bei Frank Plasberg diskutiert man über ängstliche Väter, überforderte Mütter und Kinder im Katastrophenmodus.
 

Manchmal fragen sich junge Eltern ja insgeheim, wie sie ihre eigene Kindheit eigentlich überleben konnten. Denn in den sechziger und siebziger Jahren aufzuwachsen, war – aus heutiger Sicht betrachtet – eine Existenz voller Gefahren und Risiken. Da wurden die Kleinen im Auto ohne Kindersitz herumkutschiert, auch Fahrrad- und Skihelme gab es nicht. Da ließen Eltern ihre Kinder abends auch mal allein, wenn sie ausgingen. Dafür war der Nachwuchs nachmittags stundenlang draußen unterwegs, ohne dass ein Erwachsener je gewusst hätte, wo. Der Verlust der kindlichen Freiheit und das elterliche Bedürfnis nach Sicherheit sind drängende Fragen unserer Zeit, die nicht nur dem Ratgeber-Buchmarkt gigantische Zahlen bescheren - 1600 Erziehungsbücher erscheinen jedes Jahr- , sondern auch Talkshows ihr Publikum sichern.

Seit jeher wird über Kinder und die Frage nach der richtigen Erziehung debattiert. Verlässlich ist dabei allein der Wandel: von der autoritären zur antiautoritären Erziehung, vom Frontalunterricht zur Gruppenarbeit, vom Zwang zur Freiheit, auf die dann wieder der Ruf nach Ordnung ertönt. Dass heutzutage vielleicht noch ein wenig mehr diskutiert wird als früher, wie am Montagabend bei Frank Plasberg in „Hart aber fair“, liegt, darin waren sich die Gesprächspartner einig, an der wachsenden Verunsicherung der Eltern. Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“) forderte deshalb, die Eltern aus dem „Katastrophenmodus“ zu holen. Für ihn ist klar: „Eltern haben ihre innere Ruhe verloren, deshalb bleiben die Kinder auf der Strecke“.

 

Kleine Pillen für die Krake Hippihopp


Richard David Precht machte für den Verlust auch den frühkindlichen Förderwahn verantwortlich. Aus lauter Sorge, nur ja keine Chance ungenutzt zu lassen, haben manche Eltern das Augenmaß bei der Erziehung verloren. So wird das absurde Bedürfnis entfacht, schon drei Monate alte Säuglinge mit Fremdsprachen zu bombardieren. Wie ausgeprägt elterliche Intuition indes sein kann, erläuterte der Publizist am Beispiel seiner eigenen Biographie: Seine Eltern, die ihre fünf Kinder antiautoritär erzogen, verboten ihm als Kind die Teilnahme am Schulausflug ins Phantasialand. Statt in den Freizeitpark ging der kleine Richard an diesem Tag in die Parallelklasse zum Unterricht. Der Publizist, der heute als Vater in einer Patchworkfamilie mit vier Kindern lebt, hat seine Eltern weder damals noch heute dafür verdammt. Auch bei Oliver Pocher zeigte sich im Gespräch ein bekanntes Muster, wonach das Verständnis für die eigenen Eltern in dem Moment erwacht, in dem man selbst ein Kind bekommt. Der Comedian, dessen Vater im Publikum saß, lobte seine Eltern, die beide Zeugen Jehovas sind, vor allem dafür, dass sie ihn machen ließen, ohne sich einzumischen.

So interessant die Fragestellung des Abends („Wer gibt Kindern heute noch Richtung?“) war, geriet sie in ihren vielen Belangen zuletzt der Sendung doch zum Nachteil. Zahlreiche Aspekte und Bezüge wurden in die Runde geworfen und häufig gleich vom nächsten Gedanken verdrängt. Von der Feminisierung des Erziehungswesens war ebenso die Rede wie von den Jungen als Bildungsverlierern. Die veränderten Erziehungsparameter berufstätiger Eltern wurde angesprochen und die Problematik der ausgeprägten Schwangeren-Diagnostik, die schon werdenden Eltern ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis einimpfe. Die Versuchungen der modernen Medien im Kinderzimmer kamen kurz zur Sprache. Das Medikament Ritalin für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen konnte nur noch schlagwortartig abgehakt werden. Dabei hätte man gern mehr über das Kinderbuch mit den lustigen Illustrationen erfahren, in dem die Geschichte der zappeligen Krake Hippihopp erzählt wird, die durch kleine weiße Tabletten geheilt wird. Herausgegeben wird das Buch vom Pharmakonzern Novartis, dem Hersteller von Ritalin.

Montag, 28. November 2011

"Das Interesse der Schüler wecken."


Es ist eine bekannte pädagogische Vorschrift, der Lehrer müsse suchen, seine Schüler für das, was er vorträgt, zu interessieren. Allein diese Vorschrift wird gewöhnlich in dem Sinne gegeben und verstanden, als wäre das Lernen der Zweck, das Interesse aber Mittel. Dieses Verhältnis nun kehre ich um. Das Lernen soll dazu dienen, dass Interesse aus ihm entstehe. Das Lernen soll vorübergehen, und das Interesse soll während des ganzen Lebens beharren. 

Johann Friedrich Herbart (1776-1841)
in Sämmtliche Werke, Hamburg & Leipzig 1891, Bd. XI, S. 279

Samstag, 26. November 2011

Das verwahrloste Paradies.

aus NZZ, 23. 11. 2011

«Sumobrüder» 

Morten Ramsland beschwört die Sehnsucht, die in jeder Kindheit steckt

von Jan Koneffke · «Paradiesgarten» nennen die Leute das Viertel nahe der stinkenden Kläranlage, in dem Lars aufwächst. Von einem Paradies hat die Siedlung freilich gar nichts an sich. Hier herrschen prekäre Verhältnisse, in psychischer wie materieller Hinsicht. Lars' Vater etwa, vor der Geburt der Kinder eine Art Amateur-Collage-Künstler, verdient sein Geld mit dem Verkauf von Schnürsenkeln und fristet damit, im wohlhabenden Dänemark der achtziger Jahre, erkennbar eine Randexistenz. Die Zärtlichkeiten, die er und seine Frau den Kindern spenden, sind eher grober Natur, doch zweifellos ein Fortschritt gegenüber dem, was sie bei ihren eigenen Eltern erfahren haben, mit denen sie inzwischen auf Kriegsfuss stehen. Und ebenso sicher geht es Lars und seinem Bruder zu Hause immer noch besser als anderen Kindern im Viertel, die von ihren Vätern nach Strich und Faden verprügelt werden.

Poesie kindlicher Sehnsucht

Überhaupt ertränken die Bewohner des «Paradiesgartens», der in Wahrheit «Paradiesäpfelgarten» heisst - «aber irgendwie», kommentiert der vorpubertäre Held, «interessierte sich niemand für die Äpfel» -, gern ihren Frust und ihre Wut in Gewalt. Die verkommene, rigide Erwachsenenwelt spiegelt sich im Verhalten der Kinder wider. Bei der Beschreibung dessen, was sie einander und sich selber antun, erspart Morten Ramsland dem Leser nichts. Ob Lars und seine Freunde mit Kröten Tennis spielen, lebende Hasen in die Gefriertruhe sperren, ins Bier ihrer Väter pinkeln oder ekelhafte Speisen anrühren, die sie selbst um die Wette verschlingen, bis sie sich auf den Teller übergeben - dies alles schildert der Autor so drastisch, dass einem bisweilen übel werden kann.

Und doch bleibt der Leser bei der Stange, selbst wenn Lars und seine Freunde die kleineren Kinder in einem fort verhauen, um wiederum von den grösseren Jungs in einem fort verdroschen zu werden, als wollten sich alle rechtzeitig auf ihr bevorstehendes Leben im «Paradies» des survival of the fittest vorbereiten. Es ist nicht nur die Wahrhaftigkeit dieser von Ulrich Sonnenberg so präzise wie flüssig übersetzten Prosa des 1971 geborenen dänischen Schriftstellers, nicht nur die erkennbare Sympathie des Autors für seinen kleinen, halb verwahrlosten Helden, die zum Weiterlesen verführt. Was den Leser letztlich in Bann schlägt, ist die Poesie kindlicher Sehnsucht nach ehrlicher Freundschaft, gelebter Nähe und erfüllter Liebe. Noch zwischen den Schilderungen kruder Verwahrlosung und verzweifelter Hilflosigkeit scheint diese Sehnsucht immer wieder auf.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Ramslands Sprache sich dem Bewusstsein seines jungen Erzählers fast mimetisch anschmiegt. Der Autor hat die Form des Episodenromans gewählt, der nicht nur in scheinbar naiven Sätzen, sondern auch in knappen Kapiteln voranschreitet, aus denen sich erst nach und nach ein grösserer Erzählzusammenhang ergibt. Denn seine Welt zu übersehen, ist dem Helden noch versagt. So gelingt es dem Autor erstaunlich gut, in die Verästelungen der kindlichen Vorstellungswelt, das halbbewusste Wissen, die verschattete Wahrnehmung hineinzukriechen, und nur an wenigen Stellen klingt der Junge wie ein Bauchredner seines Erfinders.

Die brüchige Poesie dieses Buches beginnt schon bei den Namen, die kindliche Phantasie den Freunden und Erwachsenen verliehen hat und die zumeist ein Attribut enthalten, das sie kennzeichnet, wenn nicht stigmatisiert. Die Nachbarskinder heissen Peter Pan, Olsenbande-Kjeld oder Brillen-Bo, der eine Zahnspange tragende Bruder wird von Lars ausnahmslos «Überbiss» genannt, und der behinderte Nachbarsbub taucht in seiner Erzählung nur als «Spasti» auf. Die Namen changieren zwischen der kindlichen Lust, Dinge und Menschen eigensinnig zu bezeichnen, und den gesellschaftlichen Hierarchien, die sie übernehmen. Lars wiederum kann seine Welt nur deshalb erzählerisch ordnen, weil er bereits halb aus der rigiden Ordnung herausgefallen ist. Wenn er sich aufregt, bricht er in scheinbar sinnloses Gebrabbel aus. «Mutter hielt mir den Mund zu, um mich zur Ruhe zu bringen. (. . .) 'Darf! Dit! Dargardormal! Mamudit!' Sie hielt die Hand fester vor meinen Mund. 'Hurk', sagte ich.» Selbstredend werden ihm seine Worterfindungen als fehlerhaftes Sprechen ausgelegt, und er wird gezwungen, eine Logopädin aufzusuchen. «Aber jedes Mal, wenn ich hörte, dass es meine Wörter nicht gab, benutzte ich sie umso lieber.»

Nähe und Gewalt

Schon der Titel des Buches, «Sumobrüder», steht für Ramslands Poesie der grausamen Unschuld und unschuldigen Grausamkeit. Wo sie miteinander ringen - und sie tun es bezeichnenderweise nackt -, schlägt die körperliche Gewalt der Jungen in brüderliche Nähe um und die Nähe wieder in Gewalt. Das Sumo-Ringen wird zur Metapher für die verkehrte Gestalt des ersehnten richtigen Lebens. Wie sollten es die Kinder auch besser wissen, wenn die Erwachsenen einander zur Liebe zwingen wollen, wie der Grossvater, der seinen Enkel halb mit Süssigkeiten lockt und dann, als er sich weigert, die kranke Grossmutter zu besuchen, mit dem Auto verfolgt und beinahe überfährt.

Und doch gibt es in diesem «Paradiesgarten», der halben Hölle, auch Anzeichen von Hoffnung. Lars, der sich von seinem Vater nicht genug geliebt fühlt und deshalb annimmt, er sei gar nicht sein wahrer Erzeuger, stellt fest, dass sein Verdacht nicht zutrifft. Auch der depressive Vater, der stundenlang wie gelähmt auf dem Fussboden liegt, erholt sich langsam, indem er sich wieder mit Collagen beschäftigt. Und der neue Lehrer widerspricht der Ansicht, Wörter, die es nicht gibt, seien falsch. «Was macht er denn?», fragt Frode, als die Mädchen in der Klasse Lars verpetzen. «'Wörter sagen, die es nicht gibt.' 'Wenn er sie sagt, dann gibt es sie doch auch, oder?' 'Aber es sind falsche, es gibt sie nicht wirklich.' 'Wie wirklich?', fragte er.» So verliert am Ende das Paradies etwas von seiner erdrückenden Wirklichkeit.

Morten Ramsland: Sumobrüder. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2011. 318 S., Fr. 28.50.

Freitag, 25. November 2011

KinderhexeRverbrennung.

aus NZZ, 23. 11. 2011

Tod und Teufel

Rainer Becks grandiose Studie über einen Kinderhexenprozess in Bayern

von Urs Hafner · Was sich in der bayrischen Bischofsstadt Freising in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zutrug, ist kaum zu begreifen. Die Obrigkeit steckte bettelnde, den Unterschichten entstammende Kinder und Jugendliche in den Kerker, weil sie verdächtigt wurden, sich auf Hexenfesten verlustiert und sich dem Teufel angeschlossen zu haben. Manche der Knaben gestanden ihre Missetaten sogleich, andere erst, nachdem man sie ausgepeitscht hatte. Ein Elfjähriger erwürgte sich nach einem Jahr Haft mit der Eisenkette, die ihn an die Zellenmauer fesselte, ein anderer wurde von einer Krankheit dahingerafft, wieder andere suchten den Erstickungstod, indem sie die Öfen in ihren Verliesen demolierten. Die meisten der Inhaftierten wurden zum Tod verurteilt, enthauptet und verbrannt.

Mentalitäten und Lebenswelten

Dass in der Frühneuzeit Kinderhexenprozesse stattfanden, weiss die einschlägige Forschung; auch der Freisinger Prozess war in Umrissen bereits bekannt. Trotzdem werfen diese Geschehnisse noch immer bohrende Fragen auf: Waren die Richter und Kleriker, die im 18. Jahrhundert in unseren Breitengraden wirkten, allesamt Sadisten? Ging von den «verwahrlosten» Jugendlichen, wie man im 19. Jahrhundert gesagt hätte, vielleicht doch eine kriminelle Energie aus? Warum setzte sich niemand für die Inhaftierten ein? Dem Konstanzer Historiker Rainer Beck ist mit seiner Studie «Mäuselmacher» das Kunststück gelungen, das Unfassbare sachlich darzulegen und verständlich zu machen, ohne seine Irritationen zu verhehlen und sein - oftmals nur angedeutetes, manchmal auch in Sarkasmen verpacktes - Mitleiden mit den Opfern zu verschweigen. Seine mit literarischen Qualitäten glänzende Schilderung des acht Jahre dauernden Freisinger Prozesses wird von der ersten bis zur letzten Seite von einem Spannungsbogen getragen, der den Leser kaum mehr loslässt (ausser bei einigen wenigen Wiederholungen). Beck, Autor der mittlerweile berühmten Studie «Unterfinning» (1993), ist mit den mikrohistorischen «Mäuselmachern» eine grandiose «histoire totale» geglückt.

Rainer Beck: Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen. 
Ein Hexenprozess 1715-1723. 
C. H. Beck, München 2011. 1008 S., Fr. 66.90.

Was für ein Panorama! An den Anfang setzt der Autor eine Skizze der konfessionell-katholischen Mentalität, welche die vom fürstbischöflichen Dom überragte Residenzstadt durchdringt. Tonangebend ist der «Liebesbund», eine Vereinigung, der sich nach dem Willen ihrer eifrigen, tendenziell unduldsamen Promotoren möglichst viele Einwohner und Einwohnerinnen der Stadt anschliessen sollen, auf dass das Ideal einer gottesfürchtigen, ständisch geordneten Gemeinschaft verwirklicht werde. Abgeschlossen wird die Studie mit der Schilderung der pompös-barocken Feierlichkeiten zum Tausend-Jahr-Jubiläum des Bistums, die just nach dem Ende des Prozesses einsetzten, nach den letzten Verbannungen Minderjähriger. Zur grossen Zufriedenheit des Bischofs, eines Antiquitätenliebhabers, präsentierte sich die Stadt nun gereinigt.

Zwischen dieser Klammer führt Rainer Beck den Leser durch vormoderne Lebenswelten, Deutungsmuster und intellektuelle Diskurse, die mit Reflexionen zur methodisch anspruchsvollen Quellengattung der Verhörprotokolle und - in Anbetracht des Untersuchungsgegenstands nicht weiter erstaunlich - zu den subjektiven Regungen des Autors durchsetzt sind. Was lernt der Leser nicht alles kennen: den verstörend fremden Alltag vagabundierender Kinder, ihre Ängste, Hoffnungen und Phantasien, Strafprozessordnungen, spitzfindige Theorien über die Zulässigkeit der Tortur, das Innere der Verliese, die ausgeklügelte Dämonologie der Eliten, den populären Geisterglauben, die Logik des inquisitorischen Verhörs.

Das Drama fängt an mit einem Gerücht: Vagabundierende Bettelkinder, heisst es in der Stadt, hätten vor den Toren im Beisein städtischer Kinder Mäuse gezaubert. Was in modernen Ohren nach einem harmlosen Spiel klingt, stellt in den Augen der Stadtväter eine Bedrohung dar: Wer Mäuse machen kann - daher der Titel des Buches -, muss mit dem Teufel im Bund sein, und wer mit diesem und seinen Hexen unter einer Decke steckt, hat das Verderben des christlichen Freising im Sinn; wahrscheinlich hat die teuflische Sekte das Gemeinwesen bereits unterwandert. Manche dieser Projektionen und Verfolgungsängste ähneln Phobien unserer Tage. - Die Obrigkeit lässt die verdächtigen Bettelkinder verhaften und verhören. Die meist elternlosen Buben schlagen sich im weiteren Umkreis Freisings durchs Leben, indem sie einmal in einem Heuschober, ein andermal bei der Stadtwache Unterschlupf finden, kleine Gelegenheitsarbeiten erledigen und Passanten um Almosen bitten.

Konfrontiert mit den suggestiven Fragen, gestehen die Inhaftierten überraschend schnell den Umgang mit hexen- und teufelsähnlichen Wesen, den Ritt auf feuerspeienden Rossen und den Besuch eines Sabbat-ähnlichen Events. Wieso laufen sie den Richtern ins Messer? Rainer Beck schält aus den Quellen mehrere Gründe heraus: So sind die kindlichen Vorstellungswelten durchdrungen von - meist bedrohlichen - Zauber- und Fabelwesen wie etwa den Truden, die sich nachts blutsaugend über ihre Bäuche hermachen. Ferner wiegen sich die Festgenommenen im Glauben, dass sie, wenn sie den Autoritäten eine gute Geschichte auftischen, eine Gegengabe erhalten, keine Almosen wie sonst, sondern die Freilassung. 

Schliesslich übt sich die männliche Jugend kollektiv und spielenderweise in Sexualpraktiken ein, welche die Inquisitoren unter dämonischem «Sodomismus» abbuchen; ein Beweis mehr für die Teufelsbuhlschaft. Aus Gesehenem und Gehörtem, aus Träumen und wohl auch Ersehntem - dem Glanz bunter Kleider, dem Geschmack fetter Würste - basteln die Verhörten ihre Geständnisse, die ihr Schicksal besiegeln. Unter Androhung und Anwendung der Peitsche verwandeln sich Mäuse in Dämonen, gesellige Zusammenkünfte in Orgien, Geisterglaube in Teufelsverehrung, Träume in Realität.

Vorurteile und Spielräume

Und woher rührt die Härte der Inquisitoren? Auch hierfür gibt es mehrere Gründe. Für die städtischen Herren sind Bettler - einerlei ob Erwachsene oder Kinder - schlicht Ungeziefer und Abschaum, den es zu beseitigen gilt. Zudem ist die angebliche Bedrohung, die von den Kindern und Jugendlichen ausgehe, für die Richter real: Jene sind verhext, vom Bösen und vom Teufel besessen und damit für diese Welt verloren. Die mit Bedacht eingesetzte Folter ist ein Mittel, um zur Wahrheit vorzustossen, auch im Interesse der Inhaftierten, die sich mit einem Geständnis zumindest vor der Hölle retten können. Eigentlich müssten sie ihren Peinigern dankbar sein.

Das Ganze hätte allerdings auch anders laufen können. Die Freisinger Juristen und Kleriker hätten sich, wenn sie gewollt hätten, auf Schriften stützen können, welche die Folter generell und die Todesstrafe für Minderjährige ablehnten oder zumindest in Frage stellten. Doch diese alternativen Stimmen gehörten Aussenseitern. Sich auf sie zu berufen, hätte Courage erfordert, wie Rainer Beck anklingen lässt.


Notae.

I. Eine verbreitete Legende sagt, der Hexenwahn sei eine spezifisch mittelalterliche Angelegenheit. Tatsächlich waren Hexenverfolgungen im Mittelalter eine Randerscheinung. Die große Zeit der Scheiterhaufen war die frühe Neuzeit - bis ins Zeitalter Napoelons.

II. Zweite Legende: die Hexenverfolgung sei eine Sache der katholischen Kirche gewesen. Erstens wurden Hexen ebenso in protestantischen Ländern verbrannt. Zweitens war der Hexenglaube aus kirchlicher Sicht heidnischer Götzenkult und selber ketzerisch. Hexenprozesse wurden vor weltlichen Gerichten geführt und nicht von der Heiligen Inquisition. Allerdings hat sich die Kirche erst spät offensiv gegen den Hexenglauben gewandt. Lange hat sie ihn opportunistisch geduldet - wenn sie nicht gar, wie das Beispiel des Freisinger Bischofs zeigt, selber infiziert war.

III. Die übelste, weil wirkmächtigste Legende ist, dass die Hexenverfolgung "gegen Frauen" gerichtet war. Wohl wurden in ganz Europa rund doppelt so viele Frauen als Hexen hingerichtet wie Männer. Aber das ist nur ein Durchschnitt, und ist dem Umstand geschuldet, dass es in ehemals keltischen und germanischen Ländern mehr Weise Frauen und Kräuterweiber gab als männliche Druiden und Hexer. Aber in Russland etwa war das Verhältnis umgekehrt, dort wurden doppelt so viele Zauberer verbrannt wie Hexen. 

Der Hexenwahn galt allen - Männern, Frauen und Kindern. Selbst den Tieren, und nicht nur Katzen und Mäusen, sondern auch Kühen. Und in manchen Fällen, siehe Freising, verschlimmerte gerade ihr männliches Geschlecht das Los der verfolgten Kinder.

J. E.

Donnerstag, 24. November 2011

Im Königreich der kleinen Prinzen.

aus Badische Zeitung, 19. 11. 2011


...Dem um 1870 einsetzenden neuen Kinderbild widmet das Tapetenmuseum im elsässischen Rixheim derzeit eine eigene Ausstellung, die im Mulhouser Stoffdruckmuseum eine Fortsetzung rund ums Kind findet. Hatte man die Kleinen bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Miniaturerwachsene betrachtet, beginnt anschließend ein neues Zeitalter, von dem Stoffe und Tapeten erzählen. Kinder wohlhabender Eltern bezogen jetzt ihr eigenes Reich, in dem ihresgleichen, aber auch Tiere, Clowns und Fabelwesen die Wände bevölkerten. Unter dem Titel "Au royaume des petits princes" (Im Königreich der kleinen Prinzen) sind Beispiele von der Frühzeit bis in unsere Tage zu sehen.


Ganz nach Art der berühmten, 1924 erschienen deutschen "Häschenschule" lauschten in Frankreich jetzt Katzenkinder ihrer Lehrerin und übten sich gleich in Konjugation: "Ich esse die Maus, Du isst die
Maus, …". Um 1930 verändert sich die Kinderzimmer-Dekoration plötzlich je nach Geschlecht ihrer Bewohner. Hier steht erstmals die Farbe Rosa für Mädchenzimmer dem Hellblau des männlichen
Nachwuchses gegenüber. In den 1950er-Jahren kommen "Bambi"-Variationen à la Disney ins Spiel, in den 1970ern wird es knallfarbig und großmotivig. Mitunter ist jetzt sogar Aktivität gefragt. Einzelne
Motive dürfen ausgemalt werden. Es folgen, bevor auch in die Räume der Jugend die Rauhfaser einzieht, Comic-Helden, Mangas und Fotomotive nach Art eines David Hamilton.

"Au royaume des petits princes", bis Sa 31.12. Mi-Mo 10-12 + 14-18 Uhr, Musée des papiers peints, 28 rue Zuber, Rixheim 

Mittwoch, 23. November 2011

Peter Pan.



aus Wiener Zeitung, 18. 11. 2011

Die Abgründe des ewigen Kindes

Peter Pan bezahlt für die ewige Jugend den Preis des Vergessens. 

Von Edwin Baumgartner
Wie schön wäre es doch, ewig ein Kind zu sein. Wirklich? Einen gibt es, der es geschafft hat - auch, wenn er lediglich eine literarische Gestalt ist: Peter Pan. Ab Sonntag fliegt der ewige Bub im Wiener Burgtheater.

Als Hohelied an die immerwährende Kindheit hat der schottische Schriftsteller James Matthew Barrie seinen später von ihm selbst dramatisierten Roman gedacht. Doch wie es bei vielen großen Autoren geschieht: Auch diese Geschichte entwickelt sich unter den Händen ihres Schreibers zu etwas Anderem. Die dunklen Seiten sind unübersehbar.

Barrie allerdings ist kein Parallelfall zu jenem des anderen großen britischen Kinderbuch-Autors, Lewis Carroll. Während Carroll in seinen Büchern seine pädophilen Neigungen kompensiert, sind Barries Neigungen über jeden Verdacht erhaben. Zumindest beinahe. Er mochte Kinder, so ist die Meinung der meisten Biografen, vielleicht, weil er sich beim Schreiben in eine Art Wunsch-Kindheit versetzte.
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James Matthew Barrie liebte Kinder - pädophil dürfte er nicht gewesen sein.
James Matthew Barrie liebte Kinder - pädophil dürfte er nicht gewesen sein.

Der Vater des am 9. Mai 1860 im schottischen Kirriemuir geborenen James Matthew Barrie ist ein halbwegs erfolgreicher Weber. James Matthew ist eines von zehn Kindern der Familie, von denen drei im Kindesalter sterben.

Barrie strebt schon während seiner Schulzeit und seines Studiums an der Universität von Cambridge eine Karriere als Autor an. Er arbeitet als Journalist und verfasst Kurzgeschichten, die er gesammelt in "Auld Licht Idylls" (1888), "A Window in Thrums" (1890) und "The Little Minister" (1891) vorlegt. Es sind alt-schottische Idyllen, das signalisiert schon die schottische Schreibung "auld" statt des herkömmlichen "old". Die Kritiker verreißen sie als "sentimental" und "unzeitgemäß". Den Lesern aber gefallen sie und begründen Barries Ruf als Schriftsteller.

Nach seinem Umzug nach London schreibt Barrie vor allem für das Theater, wo er auch seine Frau, die Schauspielerin Mary Ansell, kennenlernt. Als Dramatiker hat er zuerst wenig Erfolg, doch 1901 hat er mit "Quality Street" seinen Durchbruch, und ein Jahr später wird "The Admirable Crichton" gefeiert. Vor allem diese originelle Satire festigt Barries Ruf: Da strandet eine wohlhabende Familie samt Butler auf einer einsamen Insel. In dieser Extremsituation schwingt sich der Butler zum Herrn über seine Herrschaft auf. Doch nach der Rettung fallen alle in die alten Rollenmuster zurück.

Eine Begegnung im Park

Fünf Jahre zuvor, 1897, beginnt mit einer Begegnung in den Kensington Gardens ein Stück Literaturgeschichte: Barrie begegnet auf einem seiner Spaziergänge den fünf Söhnen von Sylvia und Arthur Llewelyn Davies in Begleitung ihres Kindermädchens. Barrie spricht sie an. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem Schriftsteller und den Kindern, denen er Geschichten erzählt. Erst später freundet sich Barrie auch mit den Eltern an.

die Llewelyn Davies Brüder

Barrie verarbeitet diese Freundschaft in seinem Buch "The Little White Bird", das sich um die Freundschaft eines pensionierten Offiziers zu einem der Arbeiterklasse entstammenden Buben dreht. Im Mittelteil dieser Erzählung erscheint erstmals die Gestalt des ewigen Buben Peter Pan. Dieser Teil des Buchs wurde auch separat veröffentlicht.

Am 27. Dezember 1904 ist dann die Theater-Sensation perfekt: "Peter Pan, or The Boy Who Wouldn’t Grow Up" (Peter Pan oder: Der Bub, der nicht erwachsen werden wollte) wird bei der Uraufführung umjubelt.

Doch was an der Oberfläche eines der besten Stücke für Kinder ist, die jemals geschrieben wurden, hat beunruhigende Dimensionen. Schon der Name Peter Pan ist eine Seltsamkeit: Barrie verbindet einen der gebräuchlichsten Vornamen mit dem des griechischen Waldgottes, der dem Gefolge des Orgiasten-Gottes Dionysos zugezählt wird. Zumindest in einem Punkt ist der griechische Pan das Gegenteil seines britischen Namensvetters: Der Gott ist, zumindest in der Überlieferung des Plutarch, sterblich. Peter Pan hat indessen in seinem Reich "Never Land" durch die ewige Jugend auch das ewige Leben.

 Michael Llewelyn Davies als Peter Pan

Das "Never Land" ist dabei kein Paradies - vielleicht gerade deshalb, weil dort alles wahr wird, woran man glaubt. Deshalb kann Peter Pan fliegen. Die Abenteuer und Gefahren entsprechen dabei mehr oder weniger jenen Versatzstücken, denen man in der Kinder- und Jugendliteratur jener Zeit begegnet. Peter selbst allerdings ist aufgrund seines Egoismus und seiner Rücksichtslosigkeit als Integrationsmodell für Kinder ungeeignet.

Begründet ist Peters Verhaltensweise freilich: Er muss, um jung zu bleiben, alles Veränderliche vergessen. So vergisst er seinen von ihm besiegten Gegenspieler, den Piraten Captain Hook, ebenso wie seine, Peters, Helferin, die Fee Tinkerbell, die, das deutet Barrie an, stirbt. Das Vergessen inkludiert, dass Peter sich über sein Verhalten nie Rechenschaft ablegen muss - womit sein Gewissen ausgeschaltet ist. Der Höhepunkt dieses Vergessens: Peter vergisst Wendy, die er ins Never Land entführte, damit sie für die Kinder des Landes eine Art Ersatzmutter spielt. Wobei Wendy für Peter Mutter und Beinahe-Geliebte in einer Person ist.

Und wer sind überhaupt die Kinder, die Peter in dieses "Never Land" entführt? - "Die vergessenen Kinder" werden sie genannt. Sind das Kinder wenig liebevoller Eltern? Oder ist dieses "Never Land" ein Traumland insoferne, wie, die englische Lyrik bringt das Bild seit der elisabethanischen Ära, der Schlaf der kleine Bruder des Todes ist? Der irische Schriftsteller und Kritiker George Bernard Shaw hat die verstörenden Seiten des "Peter Pan" erkannt, als er meinte, das Stück sei zwar "eine Ferien-Unterhaltung für Kinder, aber ein Stück für Erwachsene."

Barrie indessen hat nur die Kinder im Sinn. Er verfügt, dass die Einnahmen am Stück dem Great Ormond Street Hospital Children’s Charity in London zugute kommen. Der englische Staat verlängert entgegen dem internationalen Recht die Schutzfrist unbefristet, weshalb heute die Frage des Copyrights ungeklärt ist.

Barries Geburtshaus in Kirriemuir 

Ersatzvater Barrie

"Peter Pan" bleibt Barries größter Erfolg. Lediglich "Mary Rose" (1920) hält lange Zeit mit - zeitweise plant Alfred Hitchcock die Verfilmung dieser seltsamen Gespenstergeschichte. Auf "Peter Pan" hingegen stürzt sich die Filmindustrie. Gleich zehn Mal wird das Stück in diversen Adaptionen verfilmt, auch von Steven Spielberg ("Hook"). Neben mehreren Musical-Versionen, die sich nicht durchsetzen konnten, existiert eine mehrere Gesangsnummern inkludierende Schauspielmusik von Leonard Bernstein - auch sie verfehlte die Breitenwirkung. Eine freie Interpretation von Barries Biografie diente als Vorlage für "Finding Neverland" ("Wenn Träume fliegen lernen") mit Johnny Depp in der Rolle des Autors. In diesem Film wird Barries Beziehung zur Llewelyn-Davies-Familie breit ausgespielt.

Tatsächlich bleibt Barrie, der Kinderfreund, selbst kinderlos, und offenbar betrachtet er die Familie Llewelyn Davies als Ersatz. Nach dem Tod von Arthur Llewelyn Davies unterstützt er die Kinder mit großen finanziellen Zuwendungen. Barrie, seit 1909 geschieden, hofft sogar, die Witwe Sylvia Llewelyn Davies zu heiraten, doch Sylvia scheint von der Idee nicht überzeugt. Und die Zeit läuft davon: 1910 stirbt Sylvia. In ihrem Testament ernennt sie Barrie zu einem der Sachwalter für die Kinder, übergibt deren Erziehung aber dem Kindermädchen Mary Hodgson.

Das ist einer der ganz wenigen Punkte, die den ganz wenigen Skeptikern bezüglich Barries ehrlicher Absichten Nahrung geben: Vielleicht war eben doch Pädophilie mit im Spiel - genug jedenfalls, damit Sylvia Llewelyn Davies eine zwar niedrige, dennoch vorhandene Barriere zwischen ihren Kindern und Barrie errichtet.

Andererseits: Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Mutter jahrelang einer Beziehung zwischen ihren Kindern und einem Mann zuschaut, den sie abartiger Neigungen verdächtigt? Und sämtliche Personen, zu denen Barrie, als sie Kinder waren, Kontakt hatte, pochen auf die Harmlosigkeit der Beziehung. Hatte sich Barrie nur ungewöhnlich gut im Griff? Oder liegt es an uns, dass wir jede Freundlichkeit Kindern gegenüber sofort der sexuellen Hintergedanken verdächtigen?

James Matthew Barrie stirbt am 19 Juni 1937, längst zum Baronet geadelt. Und mit einem, einem einzigen, unsterblichen Werk ewig in die Literaturgeschichte eingeschrieben.


Nota.

Es verschlägt einem die Sprache. Da schreibt einer - ohne Not - über James Matthew Barrie; aber die schärfste Pointe der Geschichte erzählt er nicht! Weil er sie gar nicht kennt, oder weil ihm die Sache mit der "Pädophilie" so viel dringender war?

Die Pointe: Barrie war selber der Junge, der nicht groß werden wollte. 

"When he was 6 years old, Barrie's next-older brother David (his mother's favourite) died two days before his 14th birthday in an ice-skating accident. This left his mother devastated, and Barrie tried to fill David's place in his mother's attentions, even wearing David's clothes and whistling in the manner that he did. One time Barrie entered her room, and heard her say 'Is that you?' 'I thought it was the dead boy she was speaking to,' wrote Barrie in his biographical account of his mother, Margaret Ogilvy (1896), 'and I said in a little lonely voice, "No, it's no' him, it's just me."' Barrie's mother found comfort in the fact that her dead son would remain a boy forever, never to grow up and leave her.  It has been speculated that this trauma induced psychogenic dwarfism, and was responsible for his short stature and apparently asexual adulthood." (Wikipedia, engl.)

Genauer gesagt: James Mathhew Barrie hatte im Alter von zwölf Jahren aufgehört zu wachsen.

(Und dass der Hirtengott Pan zwar in jedem Winter stirbt, aber in jedem Frühling wiedergeboren wird, weiß der Trottel auch nicht. Er ist - neben etwa Dionysos, Adonis, später Antinous - eine der vielen Inkarnationen des puer-aeternus-Mythos.)  

J. E.

Dienstag, 22. November 2011

Bildungspanik.

aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. 11. 2011

Noch nie investierten Eltern so viel Geld in die Bildung ihrer Kinder wie derzeit. Und doch glauben sie nicht, dass ihre Kinder es schaffen. Irgendetwas ist hier krank.
 
Von Bettina Weiguny  

Zafer ist so ein Junge. Einer mit Migrationshintergrund, der so gar nicht ins Muster der Bildungsfatalisten passen will. Eigentlich müsste der 17 Jahre alte Türke gerade so die Hauptschule geschafft haben, in einer Weiterbildungsmaßnahme stecken und die Hoffnung auf eine Lehrstelle längst begraben haben. So die gängige Vorstellung.

Stattdessen aber geht Zafer auf ein Frankfurter Gymnasium. Die 10. Klasse wollte er unbedingt in Amerika machen. Dort haben sie ihn gleich in die 11. Klasse geschickt, dann in die 12.: Er war einfach zu weit im Stoff. Nach einem Jahr kam er zurück - mit dem Highschool-Abschluss in der Tasche. Das Abitur macht er trotzdem. Weil er "einen richtigen Abschluss" haben will. Vielleicht ist Zafer außergewöhnlich schlau - eine Ausnahme im Heer der chancenlosen Migranten. Vielleicht ist er aber ein Beispiel dafür, dass im Bildungsland Deutschland nicht alles so verhunzt ist, wie ständig behauptet wird. Dass auch türkischstämmige Kinder hier durchaus vorankommen. Dass die öffentlichen Schulen sich international sehen lassen können. Und dass der Abschluss etwas wert ist - zumindest mehr als ein Highschool-Zeugnis.
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Solche Sachen mag nur keiner so recht hören. Deutschland hat sich nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 auf zwei Dinge verständigt: Unser Bildungssystem ist unterstes Mittelmaß, ganz übel also. Die "Rütlischule" ist fast überall. Leicht überspitzt: Kaum jemand kann noch lesen. Alle sind Bildungsverlierer oder kurz davor, welche zu werden. Zudem ist der Aufstieg nirgendwo so schwer wie in Deutschland. Besonders für Migrantenkinder. Und schuld an der Misere, so die vorherrschende Meinung, ist das dreigliedrige Schulsystem.

Stimmt das wirklich? Zweifel sind angebracht. Entgegen allen Unkenrufen ist unsere Gesellschaft durchlässig: Der nächste Chef der Deutschen Bank stammt aus einem Dorf-Gasthof, bei Thyssen-Krupp regiert ein Bauernjunge. Gewiss, Jürgen Fitschen und Heinrich Hiesinger sind keine 18, ihre Muttersprache ist Deutsch. Und doch: Das Bildungsproblem ist nicht mal vornehmlich ein Migrationsproblem. Denn zu der bildungsfernen Unterschicht, dem Sprengstoff in den Schulen, gehören auch viele Deutsche, vornehmlich Ostdeutsche. Genauso achtet unter Ausländern ein großer Teil auf schulische Bildung. Das bestätigt eine aktuelle Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag der Vodafone-Stiftung.

Schulprojekt; Schüler erhalten Gitarren aus Preisgeld des 1822 - Musikwettbewerbes
Vorschul-Englisch ist längst Standard. Geigenunterricht, Malkurse und Experimentier-Workshops sind es auch.

 

„Der soziale Aufstieg gelingt, nur nicht in dem Maße wie früher“


Die Studie hat auch die Aufstiegschancen geprüft, und siehe da: 29 Prozent der Kinder von Eltern mit einfachem Schulabschluss besuchen heute ein Gymnasium. Fast ein Drittel ist also unterwegs auf ein höheres Bildungsniveau als die Eltern. Das ist doch mal eine gute Neuigkeit!

Die Autoren der Studie deuten das jedoch ganz anders: Die Zahl belegt für die Verfasser nur, wie benachteiligt die Kinder aus bildungsfernen Familien sind im Vergleich zu denen, deren Eltern Abitur haben: Davon besuchen nämlich 77 Prozent ein Gymnasium. Und 29 gegen 77 - das sieht fies aus, ist es aber nicht: Unten steigt knapp ein Drittel auf, oben schafft knapp ein Viertel nicht den gleichen Abschluss wie die Eltern, steigt also ab. Daraus leitet sich kein Beleg für die Chancenlosigkeit ab. "Ganz im Gegenteil", sagt Heinz Bude. Der Soziologe von der Universität Kassel spricht von einer Erfolgsgeschichte: "Der soziale Aufstieg gelingt, nur nicht in dem Maße wie früher."

Aber wie auch? Machten in den 50er Jahren fünf Prozent eines Jahrganges Abitur, sind es heute 40 Prozent. Dass sich der Trend in dem Maße nicht fortsetzen kann, liegt auf der Hand. "Trotzdem tun alle so, als wäre das möglich", poltert Bude. Für die gestörte Wahrnehmung der Deutschen von Aufstiegschancen und Bildungssystem hat der Soziologe eine einfache Erklärung: "Es herrscht Bildungspanik."

 

„Sie machen alles und fürchten sich doch“


Die Mittelschicht, besonders die Aufsteiger der Vorgänger-Generation, ist in Aufruhr. Die Kinder sollen den gleichen sozialen Status erreichen wie sie oder ihn übertreffen. "Die Eltern aber wissen nicht, was am Ende wirklich zählt", erklärt Bude. Zu viele junge Menschen haben Abitur, zu viele haben tolle Praktika, waren im Ausland, haben sich angestrengt. "Sie machen alles und fürchten doch, es könnte für ihre Kinder nicht reichen, die eine entscheidende Qualifikation könne am Ende fehlen."
Im Ergebnis steigert sich eine Nation in den Bildungswahn. Noch nie wurde von Eltern so viel in die Bildung des Nachwuchses investiert wie derzeit. Kein Pekip-Kurs für den Säugling ist zu teuer. Vorschul-Englisch längst Standard, genau wie Geigenunterricht, Malkurse und Experimentier-Workshops. Von den vielen Millionen für Nachhilfe gar nicht zu reden.

 

Die Panik ist unbegründet


So ruckelt die Nation sich hoch in Richtung Abitur. Denn auf dem Gymnasium, so das Kalkül der breiten Mittelschicht, retten sich die Kinder vor der Unterschicht. Um auf Nummer Sicher zu gehen, wählen sie zunehmend Privatschulen. Oder ein Internat in England oder der Schweiz. Tut sich das Kind schwer mit Deklinationen und Integralen, quälen sie es mit allen Mitteln bis zum Abitur - der letzten Bastion des akademischen Bildungsbürgertums vor dem Untergang.

Dabei ist die Panik unbegründet: Der Mittelschicht geht es gut. Entgegen der landläufigen Meinung rutscht sie nicht nach unten ab. Seit bald zwanzig Jahren sei die Lage "konstant", heißt es am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Wir haben keine Bildungskatastrophe. Wir haben nur die verfahrene Situation, dass Eltern alle Hoffnungen auf das Abitur als einzig akzeptierten Schulabschluss setzen. Alles wird auf eine Schulform hin verengt. Dass Kinder sich über Umwege wie Lehre, Fachabitur, Fachhochschule weiterentwickeln, gerät in Vergessenheit.

Verlierer ist die Vielfalt des Bildungssystems. Kaum noch jemand wechselt auf die Hauptschule, obwohl viele Schüler dort gut aufgehoben wären. Aber wer will schon auf die verpönte "Restschule". Dabei zählt Pisa-Forscher Jürgen Baumert nur 16,4 Prozent aller Hauptschulen zu "Problemschulen". Mehr als ein Drittel dagegen sind laut seinen OECD-Studien "Optimalschulen", wie die in Bayern und Baden-Württemberg, wo keine Problemschulen zu finden sind. Die konzentrieren sich auf Hessen, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und die Stadtstaaten. In den sozialen Brennpunktvierteln schlägt der Nebeneffekt des Mittelschichts-Protektionismus voll zu Buche - in Form einer Gettoisierung der Unterschicht. Hier kämpft die Hauptschule tatsächlich mit einem großen Problem: den Elternhäusern.

Deshalb fordern Bildungsforscher, die Kinder so früh wie möglich aus dem schwierigen Umfeld herauszunehmen. Nun kann man die Kinder nicht - wie in der DDR - den Eltern, die man für nicht erziehungsfähig hält, einfach entziehen. Aber man kann den Druck oder die Anreize erhöhen, sie in Krippen und Kindergärten zu geben, um die Ungleichheiten der Elternhäuser früh auszugleichen. Danach ist es zu spät, warnt der Nobelpreisträger James Heckman. Der amerikanische Ökonom fordert gezielte Vorschulprogramme für die benachteiligten Kinder mit Einbindung der Eltern: "Frühkindliche Förderung zahlt sich mehr aus als alles andere."

Montag, 21. November 2011

Der Bertelsmann-Lernatlas.

aus SPIEGEL-online, 21. 11. 2011

Riesiges Lerngefälle zwischen Süd und Nord

Stadt Wismar: Hübsch ja, aber kein guter Ort für die Bildung, zeigt eine neue Studie
Stadt Wismar: Hübsch ja, aber kein guter Ort für die Bildung

aus sueddeutsche.de, 21.11. 2011

Im "Deutschen Lernatlas" wird untersucht, wie gut es sich in den etwa 400 Kreisen und kreisfreien Städten sowie Bundesländern der Republik lernen lässt. Dabei wird nicht nur das Lernen in Schulen, Hochschulen oder Betrieben betrachtet, sondern auch das persönliche und soziale Engagement der Bürger. Untersucht wurden etwa die Möglichkeiten zur beruflichen Weiterbildung, zum Lernen am Arbeitsplatz, zu sozialem Engagement und zu politischer Teilhabe. Bewertet wurde auch, ob es Kurse zur persönlichen Weiterbildung gibt.

Im Bundesvergleich schnitten die Nordländer deutlich schlechter ab als der Süden. Hinter Bayern belegt Baden-Württemberg den zweiten Platz. Dahinter folgen etwa gleichauf Regionen in Sachsen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Schlusslicht ist Bremen. Auch in Berlin sind die Bedingungen für lebenslanges Lernen im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten unterdurchschnittlich. Unter insgesamt 13 Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern belegte die Hauptstadt Platz zehn...
 
...Bayern bietet einer neuen Studie zufolge die besten Bedingungen für lebenslanges Lernen: Die Kreise und kreisfreien Städte des Freistaats liegen im bundesweiten Vergleich mit deutlichem Abstand an der Spitze, wie aus dem am Montag vorgestellten "Deutscher Lernatlas 2011" der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht. Die Lernumfelder auf dem Land sind dabei häufig besser als in den Städten.


Themendienst Wissenschaft: Vom Be-Greifen zum Lernen
Den bundesweit besten Wert erzielte der unterfränkische Landkreis Main-Spessart. Gesamtsieger unter den Großstädten ist München vor Dresden, Stuttgart und Nürnberg. Bei den kleineren Großstädten mit weniger als 500.000 Einwohnern liegt Erlangen vorn, gefolgt von Heidelberg und Würzburg. Unter den Klein- und Mittelstädten belegte Bamberg den ersten Rang, im Vergleich der Landkreise im ländlichen Raum schnitt Miesbach am Besten ab.

In allen Regionstypen liegt der Studie zufolge der schlechteste bayerische Vertreter immer noch über dem bundesweiten Durchschnittswert. Kein anderes Bundesland habe zudem so viele "Überraschungssieger" zu bieten, die trotz ungünstigerer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen zu den besten Lernregionen gehören. Beispiele seien Städte wie Kaufbeuren und Rosenheim sowie die Landkreise Eichstätt und Regensburg.
...
´Zwei Mädchen rechts und links an einem Baum

Pressemeldung
 

Gütersloh, 21.11.2011

Deutscher Lernatlas: Wo lernen wir am besten 

Lernbedingungen für alle Kreise und kreisfreien Städte

Der Deutsche Lernatlas veranschaulicht den Stellenwert des Lernens in den 412 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten und illustriert, inwieweit eine Kommune über die Lernvoraussetzungen verfügt, um wirtschaftlich und sozial erfolgreich zu sein. "Wo lebenslang gelernt wird, sind die Menschen glücklicher, das Zusammenleben ist sozial gerechter und die Gesellschaft wohlhabender. Der Deutsche Lernatlas zeigt uns, wo die Voraussetzungen für lebenslanges Lernen am besten sind", erklärte Jörg Dräger. "Er verdeutlicht, dass Lernen mehr ist als Schule."

Gute Lernumfelder trotz wirtschaftlichem Rückstand machbar 

Unter den größten Städten Deutschlands bietet München die besten Lernbedingungen, bei den mittleren und kleineren kreisfreien Städten liegen Erlangen und Bamberg vorn. Unter den ländlichen Regionstypen schneiden die Kreise Würzburg, Main-Spessart und Miesbach am besten ab. 20 Jahre nach der deutschen Einheit zeigt sich bei den Lernbedingungen in Deutschland weniger ein Unterschied zwischen Ost und West, sondern vielmehr ein deutliches Süd-Nord-Gefälle: Deutschlands Lernhauptstädte und beste Lernregionen liegen vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen.

Beim "Schulischen Lernen" schneidet beispielsweise auch Thüringen sehr gut ab. Nachholbedarf besteht im Osten allerdings beim "Sozialen Lernen", denn viele Regionen in den neuen Bundesländern hinken beim sozialen Engagement hinterher.
 

Auf dem Land sind die Lernumfelder oft besser als in den Städten



Eine weitere Erkenntnis: Auf dem Land sind die Lernumfelder oft besser als in den Städten. Außer beim "Persönlichen Lernen" erzielen ländlich geprägte Kreise im Durchschnitt deutlich bessere Ergebnisse als die deutschen Großstädte. Dass gute Lernumfelder nicht unbedingt von der ökonomischen Lage einer Region abhängen, zeigen die Überraschungssieger des Deutschen Lernatlas: Städte wie Dresden, Jena, Kaufbeuren und Rosenheim, aber auch die Landkreise Trier-Saarburg oder Amberg-Sulzbach. Sie gehören trotz ungünstigerer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen zu den überdurchschnittlichen Lernregionen. 

Kennzahlen im Lernatlas 

Weil Menschen am Arbeitsplatz, als Mitglieder in Vereinen oder politischen Organisationen, in der Familie, in der Freizeit und im Gemeinwesen lernen, erfasst der Deutsche Lernatlas auch Kennzahlen für berufliches, soziales und persönliches Lernen. Er bietet so die einzigartige Möglichkeit, die Lernbedingungen in allen Lebensbereichen greifbar und vergleichbar zu machen.

Für den Deutschen Lernatlas wurden über 300 Kennzahlen aus unterschiedlichen Quellen überprüft. Nach einem in Kanada entwickelten mathematischen Verfahren wurden daraus 38 Kennzahlen ausgewählt, die besonders aussagekräftig für die Lernbedingungen vor Ort und für nahezu alle Kommunen verfügbar sind. Diese wurden dann zu einem Gesamtindex kombiniert, der abbildet, wie gut die Entwicklungschancen der Bürger in den verschiedenen Lebensbereichen, Lernformen und Lernorten sind. 

Die Ergebnisse  

Alle Ergebnisse, Einzelprofile für die 412 deutschen Kreise und kreisfreien Städte, ein Bundesländervergleich sowie ausführliche Karten und Diagramme können online auf der Website Deutscher Lernatlas abgerufen werden.


Nota.

Die Schlusslichter: Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg. In Brandenburg liegt das Schloss Fürstlich Drehna. Dort war ein Landschulheim musisch-ästhetischer Prägung geplant. Die brandenburgischen Behörden, allen voran das Bildungsministerium, haben das Unternehmen eher behindert als gefördert ("...unsere Vorschriften..."). Eine Ausnahme war jedoch ein Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium; aber der hatte nur wenig und nur mittelbaren Einfluss. Er meinte, ein Hotelbetrieb an diesem Standort habe keine Chance. Aber der Geschäftsführer der Brandenburgischen Schlösser GmbH wusste es besser. Inzwischen ist sein ersehntes Hotel längst pleite.
J. E.