Sonntag, 30. Oktober 2011

Kinder sozialisieren sich selber.

aus ZEIT Wissen 1/2011

 
Entwicklungspsychologie 
"Freunde sind Entwicklungshelfer" 

Die Psychologin Maria von Salisch erforscht Kinderfreundschaften. Im Gespräch erklärt sie, wie durch frühe Bindungen das moralische Bewusstsein gebildet wird. 

ZEIT Wissen: Ab wann nehmen Kinder einander als Freund wahr?
Maria von Salisch: Den Begriff verwenden sie schon relativ früh, etwa mit drei bis vier Jahren.

ZEIT Wissen: Was für ein Verständnis haben sie da von Freundschaft?
von Salisch: Freundschaft bedeutet zunächst einmal Nähe, nicht im psychologischen Sinne, sondern im Sinne von nahe wohnen und oft spielen. Und wenn Kinder sagen: »Gestern war Max mein Freund, aber heute nicht«, dann zeigt das, dass sie ein sehr verhaltensbezogenes Konzept von Freundschaft haben: Freunde sind nett. Und wenn jemand mal nicht nett ist, dann kann er logischerweise kein Freund sein. Aber das ändert sich schnell wieder. Gerade junge Kinder sind Meister der Versöhnung.


Zum Thema


ZEIT Wissen: Welchen Einfluss haben die Freunde der Kindheit auf die Persönlichkeitsentwicklung?
von Salisch: Sie bieten eine gute Möglichkeit, Sozialkompetenz und ein moralisches Bewusstsein zu entwickeln. Denn Freunde stellen einander vor moralische Probleme – sie tun nicht immer das, was sie aus Sicht des anderen tun sollten. Manchmal halten sie eine Verabredung nicht ein oder treffen sich lieber mit einem anderen Kind, obwohl ihr lang bewährter Freund vielleicht gerade in Not ist. Es gibt also Dilemmata: Was ist richtig oder falsch? Was ist fair? Was verletzt den anderen? Wie kann ich etwas wiedergutmachen? An diesen Fragen reifen Kinder.

ZEIT Wissen: Ist es für die Entwicklung wichtig, dass Jungs auch mit Mädchen befreundet sind und umgekehrt?
von Salisch: Sicher, solche Freundschaften erweitern das Verhaltensspektrum und die Möglichkeiten, das andere Geschlecht zu verstehen. Ich glaube schon, dass Jungen, die mal einen Puppenwagen geschoben haben, nicht die schlechtesten Väter werden.

ZEIT Wissen: Ab wann kann so etwas wie die Freundschaft fürs Leben entstehen?
von Salisch: Das ist sehr unterschiedlich. Manche bilden sich tatsächlich schon im Sandkasten. Aber Kinder denken ja noch gar nicht darüber nach, wie wichtig Freundschaften sind. Sie merken das oft erst durch einen Verlust, etwa wenn ein Freund wegzieht.

ZEIT Wissen: Wie schwerwiegend ist das? 
von Salisch: Ich würde das schon ernst nehmen, vor allem bei älteren Kindern. Zwar sind alle zunächst traurig, aber Jüngeren gelingt es noch eher, sich umzuorientieren. Jugendlichen fällt das schwerer.

ZEIT Wissen: Woran liegt das?
von Salisch: Sie hängen an ganz bestimmten Freunden und deren besonderer Persönlichkeit. Gerade in der Jugend sind Freunde bedeutende »Entwicklungshelfer«. Das ist ja eine Zeit der emotionalen Turbulenzen, in der es viel zu bewältigen gibt: den körperlichen Umbau, kognitive Reifeprozesse und die Geschlechterrollenentwicklung. Freunde sind da ganz wichtig, mit ihnen kann man sich über Gefühle austauschen. Die Gespräche sind vertraulicher. Das hilft den Jugendlichen dabei, ihre Meinung und Identität zu festigen.

Maria von Salisch ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Schon seit ihrer Promotion erforscht sie Kinder- und Jugendfreundschaften.

Freitag, 28. Oktober 2011

Zum Mitlaufen erwachsen.


aus FAZ.NET, 28. 10. 2011

Gibt’s ein richtiges Leben im Richtigen?

Ralph Martin hat über die Welt saturierter Geschmacksmenschen, die sich gegenseitig terrorisieren, ein Buch geschrieben. Eine Begehung des Tatorts am Kollwitzplatz.


Man kann es sehen, wenn man will, es steht nicht nur in Büchern, es ist kein Witz und kein Film. Man kann mit der Straßenbahn aus der Mitte Berlins einfach hinauffahren und aussteigen, Eberswalder Straße, Prenzlauer Berg, ein Ort, der irgendwie immer zu zittern scheint vor Autos und Bahnen und Menschen. Dann sieht man sie sofort. Die bärtigen Männer in ihren Plusterjacken. Wie sie mit dem Fahrrad über die Bürgersteige eiern, weil die Unwucht der Kindersitze, selbst wenn sie leer sind, jedes Kurshalten schwermacht. Und den Club der schönen Mütter: flache Schuhe, schmaler Mantel, müde Augen (oder große Sonnenbrillen), ein Kind an der Hand. Oder noch eins. Man geht die Danziger Straße entlang und zählt, Vater, Vater, Vater, Mutter, Vater, Mutter, Mutter, Mutter, Vater. Man wird überwältigt vom 
Klischee: Der ganze Prenzlauer Berg ist mehr oder weniger Mitte dreißig und hat mehr oder weniger Kinder. Es ist sicher nicht so, jede Statistik hält ja dagegen, dass plötzlich Abermillionen Kinder von Eltern mit Abitur geboren werden in der Bundesrepublik. Es ist nur eben so, dass sie offenbar alle nur hier wohnen wollen. Oder im Nordend, im Glockenbachviertel, in Eimsbüttel, in der Neustadt - oder wie das Viertel in Ihrer Stadt heißt, wo Eltern fünfzehnhundert Euro für einen Kinderwagen ausgeben und die Jungen Leopold, aber nicht Marvin heißen.



„Papanoia“

Ralph Martin hat vorgeschlagen, sich hier zu treffen. Er wohnt zwar nicht mehr am Kollwitzplatz, dem ground zero der neuen Elternwelt, aber sein neues Buch ist hier zu Hause. Es heißt „Papanoia“. Ralph Martin ist Amerikaner, geboren 1970. Er hat früher in New York in der Buchbranche gearbeitet und seither als freier Journalist auch für dieses Feuilleton geschrieben, er ist mit einer deutschen Fernsehjournalistin verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Wie das ist, als Amerikaner - und vor allem als Mann, dessen Frau das Geld verdient - in der Welt der schönen Mütter und bärtigen Väter Kinder großzuziehen, davon handelt „Papanoia“. Es ist ein auf amerikanische Art lustiges Buch, das sich kleiner macht, als es ist, und an Phänomenen, die es beschreibt, eher vorbeischlendert, als sie an sich zu reißen und in eine Gesellschaftstheorie zu pressen.


Ralph Martin spricht zum Beispiel nicht von Generationen. Er appelliert auch nicht an Werte, er ruft keinen sogenannten Trend aus, er erzählt einfach seine Geschichten, und sie sind alle wahr, das muss reichen an Soziologie. Wie zum Beispiel die Geschichte, als seine Tochter Lulu eines Tages mit einer Barbiepuppe in die Kita ging und die anderen Eltern wochenlang nicht darüber hinwegkamen. Eine Barbie - hier! Oder wie Lulu zum Spielen bei Freunden eingeladen war und sie fragte, ob sie vielleicht fernsehen dürfte. Das Nachbeben war auch da heftig. „Sämtliche Kinder in unserer Nachbarschaft ernähren sich von salzlosen, zuckerfreien, unbehandelten Bio-Lebensmitteln“, schreibt Ralph Martin, es ist schon die zwölfte Seite seines Buchs - aber es wäre auch ein guter Einstieg in einen Roman gewesen, der nur im Verhängnis enden kann. So etwas wie „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“.



Ein richtiges Leben im Richtigen

Prenzlauer Berg ist natürlich nicht die Hölle. Aber es ist etwas ins Kippen geraten, wenn Dinge, die eigentlich gut und richtig sind (wie Obst und Gemüse oder Hausmusik), jemanden, der Gitarre spielen kann und gern gut isst, plötzlich wahnsinnig nerven. Wenn ausgerechnet der Besitz einer Barbiepuppe zum Fanal für Meinungsfreiheit wird. Martins Buch ist nicht das erste, das eine homogene Welt saturierter Geschmacksmenschen beschreibt, die sich gegenseitig terrorisieren. „Prospect Park West“ von Amy Sohn, vergangenes Jahr erschienen, erzählt eine ähnliche Geschichte als Roman und aus Brooklyn: die richtige Wohnung, die richtige Anzahl Kinder, der richtige Biomarkt. Auch „Freiheit“ von Jonathan Franzen erzählt ja im Kern von Gentrifizierern, die sich das Leben schwermachen. Und die neue amerikanische Fernsehserie „Portlandia“ handelt von nichts als der Frage, warum es so öde ist, wenn alle alles richtig machen, ökologisch korrekte Kleider (keine Kinderarbeit!) tragen und Fahrrad fahren (Benzin böse!). Ob es also überhaupt ein richtiges Leben im Richtigen geben kann.

„Es ist nicht nur in Berlin so“, sagt Ralph Martin sofort, wir sitzen im „Kollberg 35“ vor zwei Tassen Kaffee mit Milch, die natürlich hier nicht so heißen, sondern Cortado; vor der Tür spielen Kinder auf dem Spielplatz, am Nebentisch reden Männer in Englisch aufeinander ein, später schreit ein Baby an einem anderen Tisch. „Ich bin in Hamburg gewesen, in München und in Bad Godesberg, es war überall so: Jede Stadt hat diese Schicht von Leuten, die so sind wie ich. Aber seit ich umgezogen bin“ - nach Kreuzberg -, „wird mir klar, dass diese Mischung aus Selbstgerechtigkeit und der Bereitschaft, anderen Leuten zu sagen, dass sie etwas Böses tun, wenn sie sich nicht wie alle anderen verhalten: dass das eben nicht universell ist. Es gibt Viertel, in denen die Leute einem nicht in den Einkaufswagen gucken und kontrollieren, ob alles bio ist, ob man zu viele salzige Sachen einkauft oder billige Würstchen.“
.

 

Ein Viertel namens Prenzlauer Berg

Und es gibt ein Viertel namens Prenzlauer Berg. Als er hier ankam, 2004, dachte Martin, er sei im Himmel. „Es war der schmerzloseste Aufstieg, den ich mir vorstellen konnte“, heißt es im Buch. „Wir zogen in eine wunderschöne perfekt renovierte Altbauwohnung in einer hippen, angesagten Nachbarschaft, wo noch vor ein paar Jahren alternde DDR-Rentner ihre heruntergekommene Zuflucht hatten; das konnte kein Glück sein. Das war Geschichte, der Triumph der Jungen, der Cleveren und der Stilvollen - worüber, das wusste ich nicht; doch ich triumphierte.“ Noch am Abend des Einzugs wird ihnen klar, dass sie in ein Haus schreiender Babys gezogen sind, bald haben sie selbst eins, und aus ihrem Haus der Geschichte wird der „Bunker“, in den nur noch Eltern ziehen, die eigentlich nur Eltern um sich dulden.


Vielleicht, oder nein: Sicher ist Ralph Martin empfänglicher für kulturelle Signale und Distinktionsgewinne (und subtile Demütigungen), weil er von außen zuschaut, als Ausländer und als „weitgehend erwerbsloser Vater“, wie er sich im Buch nennt. Berliner, sagt Martin, seien besonders besitzergreifend, wenn es um ihre Viertel geht. Kaum sind sie irgendwo hingezogen, beschweren sie sich schon, was daraus geworden ist. Die schmerzhafteste Episode im Buch handelt von einem Kinderspielplatz: Auf der Bank in der Sonne thronen drei junge Frauen, „Yogamütter“ nennt Ralph Martin sie. Die Yogamütter (Standardkleidung: „Turnschuhe, Jogginghose und Kapuzenpulli, darüber ein Mantel, der aussah, als wäre er einmal sehr teuer gewesen.“) ignorieren ihn und seine Tochter so brüsk, dass Martin zurückkatapultiert wird in seine Highschool, in die Zeit, als er ein Außenseiter war, ein nerd, und die höheren Töchter ihn nicht beachteten. Man muss nicht auf der Highschool gewesen sein, um diese Hierarchien zu verstehen: Leser vom „Zauberberg“ wissen genau, was der gute und der schlechte Russentisch ist
.

 

Privates nach außen

Aber zurück zur Geschichte, nicht nur der von Lulu und Ralph Martin, auch zu der, an deren vorläufigem Ende ein Viertel steht, das, wie Ralph Martin sagt, die kulturelle Vorstellungskraft des Landes erobert hat - aber sie zugleich uniformierte. „Man wagt es hier nicht, zu viel zu träumen“, sagt er, und dass es das eine sei, in der Kita seinen Beitrag zu leisten, mitzubasteln, mitzubacken, dass es nur eben nicht übergreifen dürfe ins Private. In dem Viertel aus „Papanoia“ ist das Private aber komplett nach außen gestülpt.

 
Warum es so kam, warum aus einem Viertel der besten Absichten ein Ort wurde, an dem man sich beobachtet fühlt, abgecheckt, einsortiert, wenn man nicht nach den Regeln lebt, und wer diese Regeln aufgestellt hat, darüber rätselt Martin noch. Erst mal ist er mit seiner Familie weggezogen. Das Buch, erschienen bei Piper, beantwortet die Fragen nicht, aber es hat eine Heldin, die über allen Konformismus erhaben ist: Lulu. Die nach Fleisch ruft, Fernsehen will, Pink trägt, sich einen Bruder wünscht und eine Barbie hat. „Sie ist ich“, sagt Lulu über die Barbie. Diese Puppe, schreibt Ralph Martin, „war die Botschafterin einer anderen Welt; vielleicht keiner besseren, doch einer unendlich seltsameren und wunderbaren Welt als alles, was die Yogamütter sich vorstellen konnten“. Ein Mädchen, das mit jemandem spielt, mit dem niemand mehr spielen will - vielleicht ist das die Antwort auf alle Fragen.





Nota.

Der alte märkische Ausdruck Kiez war in Berlin Ende der sechziger Jahre so gut wie ausgestorben. Seit dann aber Schwaben und Rheinländer seit den frühen Siebzigern in Kreuzberg die (türkischsprachige) Arbeiterklasse  zu entdecken begannen, kehrte das Wort in gentrifizierter Bedeutung in seine Heimat zurück. Ein richtiges Leben im Richtigen? Eine wessideutsche Spießerenklave im ehemals proletarischen Berlin.
J. E.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Zum Mitlaufen geboren.

aus sueddeutsche.de, 26. 10. 2011

Konformisten im Kindergarten 
 
Von CHRISTIAN WEBER

Bereits Vierjährige unterwerfen sich dem Gruppenzwang und schließen sich der Mehrheitsmeinung an - selbst wenn sie es besser wissen. Besonders starkt wirkt der Druck, wenn Kinder ihre Meinung öffentlich machen müssen.

Wer als Vater oder Mutter die Widerstandskraft und Schreigewalt von teilsozialisierten kleinen Kindern etwa bei der Einschätzung von Kleiderfragen erlebt, mag kaum glauben, dass diese sich sonderlich konform verhalten können.

Doch offenbar zählen Gleichaltrige im Kindergarten mehr als die Eltern, wie eine Studie von Daniel Haun und Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Child Development, online) nahelegt. Ihre Wiederholung eines klassischen Konformitäts-Experimentes an 96 Vierjährigen zeigt, dass die Kinder sich durchaus dem Gruppendruck beugen, obwohl sie es besser wissen.

Im ersten Teil der Studie erhielten jeweils vier Kinder scheinbar identische Bilderbücher mit 30 Doppelseiten, auf denen links Tierfamilien abgebildet waren. Auf der rechten Seite befand sich jeweils ein Mitglied dieser Familie, das benannt werden sollte: Papa, Mama oder Kind.

Obwohl die Versuchskinder dachten, dass alle Bücher gleich aufgebaut seien, war dies nur bei dreien der Fall. Im vierten Buch war auf einigen rechten Seiten ein anderes Bild zu sehen, sodass ein Kind gelegentlich in Widerspruch zur Gruppe geraten musste.

Es ergab sich, dass diese Kinder wider besseres Wissen meist der Mehrheitsmeinung folgten: Von 24 Kindern mit dem anders präparierten Buch passten sich 18 Kinder zumindest manchmal an.

In einem zweiten Experiment untersuchten die Forscher, wodurch dieses konforme Verhalten verursacht wurde. Diesmal sollten die Kinder die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder lediglich auf der linken Buchseite das richtige Familienmitglied zeigen. Dabei war der Raum so gestaltet, dass nur der Versuchsleiter, nicht aber die anderen Kinder die Geste sehen konnte.

Diesmal zeigte sich ein wichtiger Unterschied: Von 18 Kindern, die der Minderheit in den Gruppe angehörten, folgten zwölf der Mehrheit, wenn sie ihre Wahl laut aussprechen mussten. Beim stillen Zeigen waren es jedoch nur noch acht, selbst dann, wenn die drei anderen sprachen. Dies werten die Forscher als Beleg dafür, dass der soziale Druck stärker wirkte, wenn die Kinder ihre Meinung öffentlich machen mussten.

Die Experimente bestätigen bei Vorschulkindern, was der Sozialpsychologe Solomon Asch bereits 1951 bei Erwachsenen in einem ähnlich aufgebauten Experiment demonstriert hatte. Asch brachte seine Versuchsteilnehmer dazu, dass sie der Einschätzung anderer, von ihm instruierten Probanden folgten, wenn es darum ging, die Länge einer Referenzlinie im Vergleich zu drei weiteren Linien zu beurteilen.


Kindergarten in NRW Selbst wenn Kindergartenkinder genau wissen, dass ihre Altersgenossen etwas Falsches behaupten, schließen sie sich der Mehrheitsmeinung meist an.




aus scinexx


Gruppenzwang schon im Vorschulalter

Bereits Vierjährige richten ihre öffentliche Meinung an der Mehrheit aus


Auch vierjährige Kinder orientieren sich in ihren öffentlichen Äußerungen bereits an der Mehrheitsmeinung Gleichaltriger. Selbst wenn sie zunächst eine abweichende Information oder Ansicht haben, behalten sie diese für sich und passen sich stattdessen der Gruppenmeinung an.
Das stellten Wissenschaftler in einer Studie an Kindergartenkindern fest. Wie sie im Fachmagazin "Child Development" berihten, zeige dies, dass Gruppenzwang bereits bei Vierjährigen wirke.

Menschen passen nicht nur ihr Äußeres an verschiedene, oberflächliche Modeerscheinungen an, sondern orientieren ihre Meinung oft an der Mehrheitsmeinung, selbst wenn diese nicht ihrer eigenen entspricht. Diese Anpassungsfähigkeit spielt eine wichtige Rolle beim Erwerb kulturspezifischen Verhaltens. Wir erwerben dieses, indem wir uns am Verhalten anderer Gruppenmitglieder orientieren. Werden wir dabei von Anderen mit Informationen konfrontiert, die im Widerspruch zu unseren eigenen Ansichten stehen, übernehmen wir im Zweifelsfalle die Meinung der Mehrheit.

Wie Kleinkinder mit Informationen umgehen, die sie von Gleichaltrigen erhalten, haben jetzt Daniel Haun, der sowohl am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik forscht, und Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersucht. An ihrer Studie nahmen 96 vierjährige Mädchen und Jungen aus 24 verschiedenen Kindergartengruppen teil. „Uns interessierte, inwiefern bereits Kleinkinder ihre öffentliche Meinung an der Mehrheitsmeinung ausrichten, auch wenn sich diese ganz offensichtlich nicht mit ihrer eigenen deckt“, sagt Haun.


Abweichende Buchinhalte als Test

Am ersten Teil der Studie nahmen pro Durchgang vier Kinder teil. Sie erhielten scheinbar identische Bücher mit jeweils 30 Doppelseiten, auf denen Tierfamilien dargestellt waren. Links waren Mutter, Vater und Kind zusammen, rechts nur jeweils ein Familienmitglied. Die Kinder sollten nun bestimmen, um welches Familienmitglied es sich handelte. Aber nur drei der Bücher waren tatsächlich identisch, beim vierten war manchmal auf der rechten Seite ein anderes Bild zu sehen. Die Kinder dachten jedoch, dass sie alle die gleichen Bücher vor sich hatten.

„Das Kind, welches das abweichende Buch erhalten hatte, wurde mit der aus seiner Sicht völlig falschen Einschätzung dreier Gleichaltriger konfrontiert“, erklärt Haun. „Von 24 Kindern passten sich 18 Kinder in einem oder mehreren Fällen dieser mehrheitlichen Einschätzung an, obwohl sie es eigentlich besser wussten“.


Anpassung hat soziale Gründe


Aus welchen Gründen sich bereits Vorschulkinder der Mehrheit anpassen, untersuchten die Forscher im zweiten Teil der Studie. Abhängig davon, ob eine Lampe leuchtete oder nicht, sollten die Kinder nun die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder still auf das entsprechende Tier zeigen, sodass nur der Studienleiter, nicht aber die anderen Kinder die Antwort sehen konnten.

Von 18 Kindern, die nicht der Mehrheit angehörten, übernahmen 12 in einem oder mehreren Fällen deren Einschätzung, wenn sie ihre Antwort laut aussprechen mussten. Sollten sie hingegen still auf die richtige Antwort zeigen, übernahmen nur 8 von 18 Kindern die Mehrheitsmeinung. Die Kinder passten also in der Regel ihre öffentliche nicht aber ihre private Antwort an die Mehrheit an. Das deutet darauf hin, dass die Anpassung soziale Gründe hat, wie zum Beispiel die Akzeptanz innerhalb der Gruppe. „Bereits vierjährige Kinder unterliegen einem gewissen Gruppenzwang und beugen sich diesem zum Teil aus sozialen Beweggründen“, so Haun.

(Max-Planck-Gesellschaft, 26.10.2011 - NPO)

Dienstag, 25. Oktober 2011

Ritalin für Vierjährige.

kindaus sueddeutsche.de, 15. 10. 2011

Von Werner Bartens

Bei Verhaltensauffälligkeit Ihres Kindes fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker: Über das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsyndrom ADHS gehen die Meinungen weit auseinander. Für die einen ist es eine Epidemie, für andere frei erfunden. Doch amerikanische Kinderärzte empfehlen: Schon Vierjährige sollen Pillen schlucken.

Die einen sprechen von der Epidemie des 21. Jahrhunderts, andere von Modediagnosen oder einer erfundenen Krankheit. Zum Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) hat jeder eine Meinung. Schließlich gibt es kaum mehr normale Schüler, sondern nur hochbegabte, teilleistungsgestörte und selektiv förderbedürftige Kinder. Überall schlummern versteckte Talente, deren irrlichternde Assoziationsfetzen nur in richtige Bahnen gelenkt werden müssen, damit aus einem verkannten ein bekanntes Genie wird.  

Für Kinder und Jugendliche außer Rand und Band bietet die Pharmaindustrie Hilfe aus der Pillendose. In den vergangenen 20 Jahren sind die Verordnungen für Methylphenidat, bekannt als Ritalin oder Medikinet, um mehr als das Hundertfache in die Höhe geschnellt. Wurden 1990 weniger als 500.000 Tagesdosen des Psychopharmakons verschrieben, betrug die Verordnung im Jahr 2000 schon 13,5 Millionen Einheiten, um im Vorjahr auf 55 Millionen Tagesdosen zu steigen. Die neuen Empfehlungen der Vereinigung Amerikanischer Kinderärzte könnten diesen Trend weiter befördern. Die Richtlinien gelten nicht mehr nur für Sechs- bis Zwölfjährige, sondern neuerdings auch für Vier- bis Achtzehnjährige. Kinder und Jugendliche sollen demnach früher und intensiver medikamentös wie psychotherapeutisch behandelt werden. Auch sollen Hausärzte und Kinderärzte daran denken, bei allen Schulproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten auf ADHS zu untersuchen.

 

Warnung deutscher Ärzte


"Das ist eine sehr problematische Entwicklung", sagt Franz Joseph Freisleder, Direktor des Heckscher-Klinikums München für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Man sollte sich davor hüten, die Diagnose ADHS inflationär auszuweiten und zum Oberbegriff für jede bunte Verhaltensauffälligkeit zu machen." 

Für Freisleder sind Ritalin und Co. durchaus berechtigt, "wenn die Diagnose stimmt und andere Therapien nicht geholfen haben". Das gelte aber nur bei strenger Indikation, und vor dem sechsten Lebensjahr müsse man "sehr zurückhaltend sein". Seriösen Studien zufolge ist die Diagnose ADHS bei drei bis vier Prozent der Kinder und Jugendlichen berechtigt. In den USA wird ADHS hingegen neun bis zwölf Prozent eines Jahrgangs zugeordnet, manche Publikationen sprechen von 15 bis 20 Prozent. Aber auch bei schweren Fällen wird nicht immer Methylphenidat verordnet; ein Drittel der Behandelten spricht gar nicht auf das Mittel an. Über Halluzinationen, unklare Todesfälle und Herzschäden nach Methylphenidat-Einnahme wurde öfter berichtet. "Aufgrund bekannt gewordener Vorfälle muss vor der Verordnung überhöhter Dosen sowie laxer Indikationsstellung gewarnt werden", schreibt der Arzneiverordnungsreport 2010. 

Viele Diagnosen werden zu schnell gestellt, nur 15 Prozent der ADHS-Patienten sind in der Betreuung von Spezialisten. In die Kritik geriet die Arzneibehandlung auch 2008, als bekannt wurde, dass mehr als die Hälfte der US-Psychiater, die an der ADHS-Leitlinie beteiligt waren, Honorare von Pharmafirmen erhielten.  

"Unsere Gesellschaft muss sich fragen, welchen Grad an Bewegungsdrang und frei flottierender Aufmerksamkeit sie für erträglich hält", sagt Florian Heinen, Experte für Entwicklungsstörungen am Haunerschen Kinderspital der Universität München. "Die Grenzen werden immer enger gezogen. Weniger Freiräume zu lassen und Kinder damit als behandlungsbedürftig zu erklären, kann nicht sinnvoll sein."

Auf der Schwelle.

aus NZZ, 25. 10. 2011
Im Niemandsland  


Sebastian Polmans hält in seinem Debütroman «Junge» alles in der Schwebe 

Von Roman Bucheli · Der «Junge» hat keinen Namen und auch kein erkennbares Alter. Wir können nur vermuten: Er ist nicht mehr Kind, aber auch noch kein Jugendlicher. Er befreit sich, bald ratlos zaghaft, bald naiv und rabiat, aus frühen Bindungen, ohne bereits zu wissen, wohin er sich wenden soll. Sebastian Polmans erkundet in seinem Debütroman «Junge» die Schwellen zwischen den Sphären in einer Zeit, der die einstigen rite de passage für den Übergang vom einen ins nächste Lebensalter abhandengekommen sind. Der Knabe muss sich selbst zurechtfinden. Hilfe kann er nicht von den Eltern erwarten, auch die Grosseltern versprechen weder Halt noch Orientierung, einzig an den Freund Hiko, das Kind japanischer Eltern und ebenfalls ein wenig verloren, wendet er sich, ohne seine Not jedoch zu offenbaren. 

Himmelfahrtswunsch 

Hartnäckig und fast ein wenig erbarmungslos nagelt Sebastian Polmans seine Figur im Niemandsland fest. Er spart nicht in der vielfältigen Ausgestaltung dieser Ortlosigkeit - und erlässt dem Knaben kaum eine Demütigung, auf dass er gleichsam immer kleiner, immer kleinlauter und verstockter wird. Geradezu macht er sich die Ortlosigkeit zu eigen: Der Knabe hält sich nicht nur im Ödland jenseits jeder denkbaren Geborgenheit auf, er entgleitet sich selber zusehends zwischen Himmelfahrtswunsch und Todessehnsucht. Regelmässig reisst es ihn hin und her zwischen «Höhenrausch» und der Angstlust, ins Leere und ins Nichts zu treten. Er sehnt sich nach Zugehörigkeit - und wünscht sich doch zugleich nichts stärker, als spurlos zu verschwinden und vergessen zu werden, zuallererst von den Eltern; dieser Gedanke, so heisst es einmal, «gefiel ihm».


Sebastian Polmans: Junge. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 195 S., Fr. 28.90.


Es ist eine der wenigen Stellen, da Polmans etwas aus der Gefühlswelt seines Protagonisten zu erkennen gibt. Im Übrigen protokolliert er ungerührt, was dem Knaben widerfährt, was er macht oder nicht tut: fast so teilnahmslos, wie der Kleine sein Schicksal hinnimmt. Noch etwas kommt zu dieser stummen Ergebenheit hinzu: Als stünde er nicht erst an der Schwelle zum Jugendlichen, sondern vielmehr bereits im hohen Alter, überschwemmen ihn immer wieder Erinnerungen. Seine gefühlsleere und horizontlose Gegenwart ist durchtränkt mit Gedächtnisresten, gebeugt geradezu geht er unter der Last seiner kurzen Vergangenheit, die ihn wiederholt heimsucht und ihm das Ansehen eines vergreisten Kindes gibt.

Zu Beginn steht der Knabe sinnbildlich zwischen Himmel und Erde: Auf einem Feuerwachturm im deutsch-niederländischen Grenzgebiet und unweit eines Luftwaffenstützpunktes obliegt ihm die Brandwache. Er weiss, er wird abends, nach Ende seiner Dienstzeit, im Protokollheft in die Rubrik Vorkommnisse «Nichts» eintragen und dem Feuerwehrnotruf melden: «Nichts ist passiert.» Und doch wird an diesem Abend, an dem sich die Dämmerung seltsam lange hinzieht und die Zeit stillzustehen scheint, nichts mehr sein wie an den Abenden zuvor - gerade weil alles ist und bleibt, wie es war. Aber im Nacken des Kindes hockt die Angst. Da hat sich etwas festgekrallt, namenlos, ohrenbetäubend, und lässt sich nun nicht mehr abschütteln. Hinterrücks hat es ihn überfallen in seiner Einsamkeit auf dem Turm. Der Erzähler lässt im Ungefähren, was es damit auf sich hat (wie überhaupt vieles, ja eigentlich fast alles in schöner Schwebe gehalten wird in diesem kleinen Roman, dem übrigens die vielen falschen Konjunktive und anderen Fehler nur wenig anhaben können).

War es ein Düsenjäger, der über ihn hinwegbrauste und ihn zu Boden drückte? Wir wissen es nicht. Der Knabe jedenfalls lässt vor Schreck sein Fernglas fallen, vergisst seine Pflichten und verlässt so verstört wie eilig seinen Turm. Auf seinem Fahrrad unternimmt er eine kleine Odyssee durch den Ort; ziellos erst fährt er los, halb auf der Flucht, halb lässt er sich treiben von da nach dort, mitten durch das wieder unheimlich stille und sommerheisse Land, wo in einer Senke, als wär's «ein blinder Fleck, ein Loch in der Erde», der Ort liegt. Was auf seiner Fahrt, die ihn zu den Grosseltern führt und zuletzt nach Hause, immer deutlicher hervortritt: Er gehört nirgends dazu. Nichts verbindet ihn mit Mutters religiösen Anwandlungen, der Vater ist ihm herzlich gleichgültig, vor dem Grossvater, der gerade die geschlachteten Hasen zum Ausbluten an der Wäscheleine aufgehängt hat, schreckt er fast panisch zurück.
 .

«Es war Halt, den der Junge suchte», heisst es und dann gleich: «Der Junge wünschte sich fort.» Über seinen Atlas gebeut entdeckt er den Sehnsuchtsort: Japan. Um Tokio herum, so hat er von Freund Hiko erfahren, soll es Gegenden geben, «die niemand kannte, Niemandsländer». Sein Entschluss steht fest: «Morgen geht's los.» Tags darauf stirbt dann zwar der Grossvater. Aber das hält den Knaben nun auch nicht mehr auf. Sein Rucksack ist gepackt, entschlossen zurrt er die Riemen um die Schultern fest, unbemerkt entfernt er sich aus dem Haus der Trauernden, und mit Grossvaters Hollandrad fährt er los, aus der Senke heraus, dem Horizont entgegen, wo erst das weite Land sich dem Blick öffnen würde - wenn er es denn je erreichen könnte. 

Mit angehaltenem Atem 

In Polmans' nüchterner (und gleichwohl sehr poetisch-bildhafter) Sprache spiegelt sich die etwas gespenstische Gelassenheit des Knaben. Minuziös registriert der Erzähler die Suchbewegungen des Kindes, ohne freilich auch sein Innenleben auszuleuchten. Was in seinem Kopf vorgeht, bleibt dem Blick wie in einer Blackbox vorenthalten. So zoomt denn der Erzähler immer ganz nah an seine Figur heran - und doch wahrt dieser Zugriff eine Diskretion, die alles Intime verschleiert. In der Schwebe hält damit der Autor auch sein eigenes Erzählen. Der Knabe bleibt ihm so sehr wie dem Leser ein Rätsel, ohne dass er freilich über das Mass verrätselt würde. Im Selbstvollzug des Schreibens spiegelt sich darum das Lebensgefühl des Knaben. So verloren er sich in seiner Welt vorkommt, so rätselhaft ihm die Ereignisse um ihn herum auch sein mögen - der Erzähler enthält sich jeder Erklärung oder Deutung. Die emotionslose und distanzierte Berichterstattung mag auf den ersten Blick abgeklärt wirken - sie ist das genaue Gegenteil. Mit allergrösster Empathie schildert Polmans die zwei Tage aus dem Leben des Knaben, der wie mit angehaltenem Atem sich klein macht, indem er die Verschwiegenheit des Kindes in sprachliche Kargheit übersetzt. Das verdoppelt und verstärkt im Erzählgestus das etwas bizarre Geschehen.


Das Romandebüt des 1982 geborenen Autors über die Initiation des Kindes zum jungen Mann ist darum vielleicht auch so etwas wie eine Parabel auf die Metamorphose eines jungen Menschen zum Schriftsteller. Dieses hochpoetische Debüt wäre dann das Gründungsdokument eines literarischen Aufbruchs in die nur mehr der Imagination zugänglichen unberührten Niemandsländer: Es ist vorerst indessen nur ein - allerdings erstaunlich eigenständiges - Versprechen.

Montag, 24. Oktober 2011

Digitale Behüterli.

aus NZZ, 24. 10. 2011


Kinderhüten mit elektronischen Zäunen
Online-Überwachung von Kindern und Jugendlichen im Vormarsch - Kritik wächst

Was treiben eigentlich die Kinder im Internet und auf dem Schulweg? Eine Frage, die Eltern beschäftigt. «Geofencing» und Tracking sollen Aufschluss liefern. Experten warnen allerdings vor der Online-Überwachung des Nachwuchses.

Von Flavian Cajacob

Ein Bauer ist ein richtiger Bauer, wenn ihm das Wohlergehen seines Viehs am Herzen liegt. Und so gibt es Bauern, die versehen Kalb und Kuh nicht nur mit Glocken, sondern auch mit einem Peilsender. Nimmt einmal eines der Rindviecher trotz scharfem Elektrozaun Reissaus, so löst es auf des Bauers Mobiltelefon einen Alarm aus. Ein Blick aufs Display verrät diesem dann: «Oha, das Liseli steht jetzt aber chäibä knapp am Abgrund der Schlötterliflue.»

«Geofencing» nennt sich das System, mithilfe dessen Objekte lokalisiert werden können, sobald sie ein vordefiniertes Gebiet betreten oder verlassen. Das funktioniert mit Tieren ebenso wie mit Lastwagen, mit Geldkoffern genauso wie mit Urantransporten; und - wen wundert's - natürlich auch mit Menschen. «Das Angebot an sogenannten Tracking-Lösungen, welche das Verfolgen einer Spur ermöglichen, nimmt stetig zu», sagt der Medienexperte Martin Hermida. Besonders die Spur der Kinder scheint es den Entwicklern angetan zu haben. Die einzelnen Produkte tragen denn auch so vertrauenerweckende Namen wie «Track your Kid», «I-Kids» oder «Net Nanny» - und ständig kommen neue Programme hinzu.

Die Angst als Geschäftsmodell

Der Medienexperte Hermida beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhalten von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln. Für ihn ist klar: «Die Anbieter von Produkten, die eine Überwachung von Kindern via Handy oder Internet ermöglichen, spielen ganz klar auf die Ängste der Eltern.»

Die Ängste der Eltern. Auch Guido Honegger kennt sie. Sowohl als Familienvater wie auch als Geschäftsmann. Der 45-Jährige ist Gründer und Chef der Solution Group in Rüschlikon, welche Ortungsgeräte für Objekte und Menschen entwickelt und vertreibt. Honeggers neuester Streich: das Kinderhandy «Fröschli», welches lediglich über vier programmierbare Tasten verfügt plus eine Notfalltaste. «SMS, Video, Internetzugang - viele Eltern wollen gar nicht, dass ihre Kinder über ein vollumfänglich ausgestattetes Mobiltelefon verfügen. Sie sollen lediglich anrufen können, wenn etwas passiert ist oder sie sich verspäten.»

Doch alleine deshalb würde wohl niemand solch ein Telefon kaufen. Deshalb weist das giftgrüne «Fröschli» nebst der plafonierten Kommunikationsfähigkeit eine weitere, in den Augen Honeggers schlagende Funktion auf. Jene nämlich, den Standort des Kindes satellitengestützt zu eruieren. Dies geschieht über das elterliche Smartphone oder übers Internet. «Big Brother is watching you», schiesst einem da durch den Kopf. Guido Honegger schüttelt den seinen: «Wir wollen die Eltern nicht dazu anhalten, ihrem Kind nachzuspionieren. Aber es gibt immer wieder Situationen, da erscheint ein Kind nicht zum abgemachten Zeitpunkt zu Hause. Da ist es doch absolut zulässig, dass ich als Vater abkläre, wo der Filius oder das Töchterlein geblieben ist.»

Honegger hat seine viereinhalbjährige Tochter mit dem Mobile Locator ausgerüstet. Für den Fall der Fälle, wie er sagt. «Stellen Sie sich vor, Sie besuchen einen Freizeitpark, und plötzlich ist Ihr Kind weg. Das geschieht häufiger, als man denkt. Ein Knopfdruck genügt, und schon wissen Sie, wo Ihr Kind steckt, und können es abholen.»

Gegen Aufpreis stellt das «Fröschli» eine direkte Verbindung zur Notfallzentrale von «euro-helpline» her. Die bietet je nach Vorfall Krankenwagen, Polizei oder gleich einen ganzen Suchtrupp auf. Der Kids-Locator kommt dieser Tage in den Handel. Die vielen Vorbestellungen, die bei ihm eingegangen seien, zeigten, so Honegger: «Das 'Fröschli' entspricht einem absoluten Bedürfnis.»

Das Bedürfnis? Sicherheit! Um diese zu erlangen, sind viele Leute bereit, sehr viel Geld auszugeben. In den USA, wo Jugendliche bereits ab 16 Jahren Auto fahren dürfen, treibt dieses Sicherheitsbedürfnis spezielle Blüten. Dort nutzen Eltern Dienste, welche die Geschwindigkeit von Fahrzeugen überwachen, die von den eigenen Kindern gesteuert werden. Wird das Tempo überschritten oder ein zuvor definiertes Rayon verlassen, erhalten Mom und Dad eine Eilmeldung aufs Smartphone und können sofort reagieren - mit einem Anruf auf die Freisprechanlage oder einer auf die Schnelle eingeleiteten Strassensperre. Und in Schweden, so konnte man vor kurzem lesen, vertrauen Kindergärtnerinnen auf die GPS-gestützte Ortungshilfe, wenn sie mit ihrem wilden Haufen zum Waldspaziergang aufbrechen.

Der Geofencing-Experte warnt aber vor falschen Erwartungen. «Leider können mobilfunknetzbasierte Systeme, so sie mit der normalen GSM-Technik arbeiten, Objekte häufig nur innerhalb eines gewissen Radius orten, und der beläuft sich mitunter auf bis zu 270 Meter. Nicht gerade wenig also.» GPS orte Personen immerhin auf 10 Meter genau. Allerdings funktioniere dies gerade in Stadtzentren mit vielen Hochhäusern, aber auch im dichten Wald nicht immer, da die Geräte stets «freie Sicht» gen Himmel und Satellit benötigten. Martin Hermida hat eine klare Haltung, was die Überwachung von Kindern mittels Handy und Internet anbelangt: «Gibt es keinen wirklich triftigen Grund, so sollen Kinder Kinder sein dürfen - keine roten Punkte auf irgendwelchen Displays und Bildschirmen.»

Sinnvoll in Ausnahmefällen

Bei Pro Juventute, wo man sich besonders skeptisch gegenüber dem Tracking gibt, setzt man lieber auf Aufklärung denn auf Kontrolle. Zwar möge der Einsatz eines Ortungs-Tools in besonderen Fällen, etwa bei gefährlichen Schulwegen oder bei Kindern mit einem Handicap, sinnvoll sein, sagt Sebastian Rotzler. «Generell aber gilt: Die Technik verhindert weder Unfälle noch die Missachtung von Abmachungen. Man wähnt sich also häufig in falscher Sicherheit.»

Rotzler führt an Schulen regelmässig Workshops zum Thema Medienkompetenz durch. Deren Ziel ist es, die Heranwachsenden mit den Gefahren von Internet und modernen Kommunikationsmitteln vertraut zu machen. «Viele der Elf- und Zwölfjährigen unterschätzen die Situation, wenn es darum geht, was sie ins Netz stellen, wie sie sich und andere in der virtuellen Welt darstellen.» Dasselbe gelte im Umgang mit dem Handy. «Häufig nehmen Hänseleien auf dem Pausenplatz ihren Anfang und werden dann über Handyfotos ins Netz getragen. Ein fataler Schritt mit unabsehbaren Folgen für den Betroffenen.» In den Kursen werden die Schüler dahingehend sensibilisiert und mit rechtlichen Konsequenzen konfrontiert.

Den Eltern rät der Workshop-Leiter zur Auseinandersetzung mit der Materie. «Selber die Inhalte, die Vor- und Nachteile eines Games, einer Plattform oder eines Angebotes zu kennen, ist allemal besser, als sich auf die Ausführungen von Firmen zu verlassen, welche Kontrolle und Sicherheit versprechen.» Dies bedinge indes Gespräche mit den Kindern und unvoreingenommenes Interesse an dem, was sie tun. Etwas, das so oder so nie falsch sei - weder in der virtuellen Welt noch in der Realität.

Übrigens: Das Liseli hat sich dann doch noch von der zweihundert Meter in die Tiefe stürzenden Schlötterliflue abgewendet. Nicht wegen des Bauern. Nicht wegen des Peilsenders. Sondern aufgrund seines natürlichen Instinktes.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

IQ kann sich in der Pubertät noch ändern.

aus sueddeutsche.de, 20. 10. 2011


Von Christian Weber


Es ist vielleicht keine gute Idee, Schulkinder bereits sehr früh im Leben nach ihrer Leistungsfähigkeit zu sortieren. Britische Forscher haben nachgewiesen, dass der Intelligenzquotient (IQ) entgegen verbreiteter Annahme auch in der Pubertät noch steigen oder sinken kann.

Britische Neurowissenschaftler haben neue Gründe gefunden, wieso es vielleicht doch nicht so sinnvoll ist, Schulkinder bereits sehr früh im Leben nach ihrer Leistungsfähigkeit zu sortieren: Sie konnten nachweisen, dass sich der Intelligenzquotient (IQ) entgegen verbreiteter Annahme auch noch in der Pubertät deutlich ändern kann (Nature, online).

IQ Jugendliche  Britische Wissenschaftler haben parallel zu Intelligenztests auch Hirnbilder mit einem Magnetresonanztomografen aufgenommen. Bei gewachsener verbaler Intelligenz nimmt demnach auch die Dichte der grauen Substanz in der Hirnregion zu, die für Sprachverarbeitung zuständig ist. (© Ramsden et al. / Nature)

In ihrer Studie ermittelten die Forscher um Cathy Price vom University College London bei 33 Teenagern im Alter von zwölf bis 16 Jahren mit den üblichen Tests die verbale und nicht-verbale Intelligenz.

Vier Jahre später wiederholten sie Tests bei den mittlerweile 15- bis 20-Jährigen. Zum Erstaunen der Forscher ergaben sich bei den einzelnen Probanden Abweichungen von bis zu 20 Punkten auf der IQ-Skala im Vergleich zur ersten Testreihe - und zwar nach unten und nach oben.

Mit anderen Worten: Ein Jugendlicher, der mit zwölf Jahren über einen durchschnittlichen IQ von 100 Punkten verfügt, könnte sich im Extremfall als 16-Jähriger der Hochbegabung genähert haben oder umgekehrt als fast schon lernbehindert gelten.

So überraschend diese Ergebnisse sind, haben die Forscher doch weitere harte Belege für die Richtigkeit ihrer Befunde. So fertigten sie parallel zu den Intelligenztests auch Hirnbilder mit einem Magnetresonanz-tomografen an. Diese zeigten, dass etwa bei gewachsener verbaler Intelligenz auch die Dichte der grauen Substanz in der Hirnregion gestiegen war, die für Sprachverarbeitung zuständig ist. Geänderte IQ-Werte korrelierten also mit Änderungen in der Hirnstruktur.

Unklar bleibt allerdings, wie diese Wandlungsprozesse zu erklären sind, und wieso die IQ-Werte bei einigen Probanden stiegen und bei anderen sanken.

Waren vielleicht einige der Jugendlichen Früh- oder Spätentwickler? Oder zeigt die Qualität des Schulunterrichts Auswirkungen? Studienautorin Price spekuliert, dass es sich vielleicht ähnlich verhalte wie bei der Fitness: "Ein Teenager, der mit 14 Jahren körperlich fit ist, kann mit 18 weniger fit sein, wenn er zu trainieren aufhört."

Eine weitere Frage sei, ob die Intelligenz auch noch bei Erwachsenen ähnlich schwanken könnte; schließlich sei auch deren Gehirn noch plastisch. In einem aber ist sich Cathy Price bereits sicher: "Wir müssen aufpassen, dass wir Leistungsschwache nicht in einem frühen Stadium abschreiben, wenn sie doch ihren Intelligenzquotienten in wenigen Jahren noch deutlich steigern könnten."



aus scinexx


Intelligenzquotient von Teenagern verändert sich noch

Forscher weisen Verbesserungen und Verschlechterungen um bis zu 20 Punkte nach

Während der Pubertät kann sich der Intelligenzquotient (IQ) eines Jugendlichen noch einmal deutlich verändern - sowohl zum Besseren als auch zum Schlechteren. Das haben britische Forscher herausgefunden. Bisher habe der IQ als stabil und gleichbleibend im Laufe des Lebens eines Individuums gegolten, schreiben sie im Fachmagazin „Nature“. Doch jetzt habe man sowohl in Bezug auf die sprachliche als auch auf die nicht-sprachliche Intelligenz Veränderungen von bis zu 20 Punkten in beide Richtungen festgestellt.

Für ihre Studie hatten die Forscher den IQ von 33 Teenagern im Alter von zwölf bis 16 Jahren getestet. Vier Jahre später wurde diese Jugendlichen - für sie überraschend - ein weiteres Mal zu einem IQ-Test gebeten. Bei beiden Untersuchungsterminen erstellten die Wissenschaftler zudem hochauflösende Aufnahmen der Gehirnstruktur der Jugendlichen mittels Magnetresonanztomografie.

Zusammenhang zwischen Leistungsveränderungen und Änderungen in der Gehirnstruktur entdeckt

Die bei den Teenagern festgestellten Veränderungen im IQ-Ergebnis spiegelten sich auch in deren Gehirnstruktur wieder, berichten die Forscher. „Wir haben einen klaren Zusammenhang zwischen diesen Leistungsveränderungen und Änderungen in der Gehirnstruktur gefunden. Daher können wir mit einiger Sicherheit sagen, dass diese Änderungen im IQ real sind“, sagt Erstautorin Sue Ramsden vom University College London.

Die neuen Erkenntnisse haben nach Ansicht der Wissenschaftler auch große Bedeutung für die Leistungsbewertung und Einstufung von Kindern in ihrer Schulzeit. „Wir haben die Tendenz, den weiteren Bildungsweg von Kindern schon relativ früh im Leben festzulegen“, sagt Ramsden. Doch jetzt habe sich gezeigt, dass die Intelligenz dieser Kinder sich noch weiter entwickele. „Wir sollten vorsichtig damit sein, vermeintlich Leistungsschwache schon frühzeitig abzuschreiben, da sich ihr IQ nur wenige Jahre später signifikant verbessert haben kann“, warnt die Forscherin.

Grund für Veränderungen noch unklar

Noch sei nicht klar, warum sich der IQ der Jugendlichen so deutlich veränderte, sagen die Forscher. Auch warum der Wert bei einigen stieg, während er bei anderen stark absank, wisse man nicht. Es sei möglich, dass dies einfach naturgegebene Unterschiede in der Entwicklung wiederspiegele. Denkbar wäre nach Ansicht der Forscher aber auch, dass die Bildung eine Rolle für die Veränderung der IQ-Werte spiele. Das würde bedeuten, dass sich die Intelligenz ähnlich wie körperliche Fitness „trainieren“ ließe.

Inwieweit die jetzt bei den Jugendlichen festgestellte Veränderlichkeit des IQ auch für Erwachsene gelte, müsse nun in weiteren Studien erforscht werden, sagen die Wissenschaftler. „Dieses Maß an Plastizität könnte vielleicht während des gesamten Lebens bestehen bleiben“, mutmaßen sie. Genauso denkbar sei aber, dass die Jugendjahre in dieser Hinsicht eine Ausnahme darstellten.

Allgemeinwissen, Sprache und visuelle Puzzles

Im Rahmen der Studie ermittelten die Forscher für jede Versuchsperson den sprachlichen IQ. Dieser umfasst Messungen des sprachlichen Ausdrucks, des Allgemeinwissens und Gedächtnisses und auch mathematisches Können. Zusätzlich absolvierten die Teilnehmer Tests ihres nicht-sprachlichen IQ, bei denen sie beispielsweise fehlende Elemente in einem Bild identifizieren mussten oder ein visuelles Puzzle lösen.

„Es zeigte sich, dass Veränderungen im sprachlichen IQ verknüpft waren mit Veränderungen in Dichte und Volumen der grauen Gehirnsubstanz im rechten motorischen Cortex“, schreiben die Forscher. Diese Region der Hirnrinde ist für die Artikulation von Sprache zuständig. Verbesserten sich die Jugendlichen im nicht-verbalen IQ, stieg die Dichte der Gehirnsubstanz in einem Gebiet, das Handbewegungen koordiniert. Diese Zusammenhänge seien ein deutlicher Beleg dafür, dass es sich bei den IQ-Veränderungen nicht um Messfehler handeln könne. (Nature, 2011)

(Nature / dapd, 20.10.2011 - NPO)




Nota I. 

Es ist faszinierend. Eine solche Längsschnittstudie hätte man schon längst - also eigentlich seit hundert Jahren - einmal durchführen können. Das hätte der Pädagogik und nicht nur ihr eine Menge Blödsinn erspart. Aber 'man' ist auf diese Idee gar nicht gekommen. Warum? Da gibt es eine Erklärung bei Hans Blumenberg: Der Mythos "braucht keine Fragen zu beantworten; er erfindet, bevor die Frage akut wird und damit sie nicht akut wird." (Arbeit am Mythos, Ffm. 1996, S. 219) Sache der Wissenschaft ist aber im Gegenteil, Fragen zu formulieren.
J. E.

Nota II.

Und noch ein Mythos: "Länger gemeinsam lernen!" Denn das ist die natürliche Schlussfolgerung, die eine interessierte Zunft aus dieser Meldung ziehen wird (weil sie ihn aus Interesse schon immer vor-gezogen hat). Aber nicht, dass sie "zu früh differenzieren", ist unseren Schulen anzulasten, sondern dass sie zu wenig differenzieren. Nur dies und sonst nichts belegt die neue Studie.
J. E.
.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Immer mehr Kinder bekommen Psychopharmaka.

 
aus Badische Zeitung, 19. 10. 2011


Hamburg (dpa) - Immer mehr Kinder bekommen nach einer Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) Psychopharmaka - gegen das «Zappelphilipp»-Syndrom etwa, Aggressionen oder Depressionen.

Am häufigsten verschrieben werden Medikamente gegen die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), teilte die TK in Hamburg mit. Erhielten 2006 noch fast 20 000 TK-versicherte Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren Pillen gegen die Störung, waren es 2010 bereits rund 29 000 - ein Anstieg um 32 Prozent.

Auch die Behandlungszahlen bei Risperidon, einem Wirkstoff gegen Aggressionen bei Verhaltensstörungen, seien alarmierend, hieß es. Die niedergelassenen Ärzte verschrieben den Wirkstoff 2006 noch 682 Kindern und Jugendlichen, 2010 waren es schon 1532. «Versichertenbereinigt hat sich die Anzahl der betroffenen Kinder damit mehr als verdoppelt.»

Auffällig bei den Antidepressiva: Ein Fünftel der Verordnungen betreffen den Angaben zufolge Medikamente, die bei Kindern und Jugendlichen nicht eingesetzt werden sollten. Zudem verschrieben viele fachfremde Mediziner wie etwa Hausärzte Antidepressiva.

Der Mediziner Prof. Hannsjörg Seyberth warnte, die Spätfolgen und Langzeitwirkungen von Psychopharmaka bei Kindern seien bisher nur wenig erforscht. Seyberth ist Vorsitzender der Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. «Die Kinder stehen heute unter einem enormen familiären und schulischen Druck zu funktionieren», erklärte er. «Verhaltensauffälligkeiten sofort mit Medikamenten zu bekämpfen, ist dabei der falsche Weg.» Statt mit Psychopharmaka sollten sie zunächst etwa mit Psycho- oder Verhaltenstherapien behandelt werden.

Die TK hatte erst im Mai eine Auswertung zu den steigenden Verordnungen von Medikamenten gegen ADHS veröffentlicht.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Die Angst vor der Langenweile!

aus derStandard.at, Wien, 16. 10. 2011

Interessanter Unterricht ist größter Wunsch der Schüler

Gute Noten erst an zweiter Stelle - Stoffdurchbringen und Druck größte Schwachstellen

Linz  - Österreichs Schüler wissen, was sie wollen. Ihr größter Wunsch ist interessanter, guter Unterricht. Das gaben 54 Prozent in einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Linzer market-Instituts an. An zweiter Stelle kamen erst die guten Noten mit 36 Prozent. Den Volksschülern waren Lehrer, die sich Zeit für ihre Schüler nehmen, sogar wichtiger als das persönliche gute Abschneiden.

40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen wünschten sich "Lehrer und Lehrerinnen, die sich für ihre Schüler Zeit nehmen", für 33 Prozent standen "gute Noten" auf der Wunschliste. Auch Zeit fürs Lernen und Verstehen von neuen Sachen in der Schule war den Jüngsten mit 25 Prozent ein größeres Anliegen als ihren älteren Kollegen. 13 Prozent der Elf- bis 14-Jährigen und 15 Prozent bei Über-15-Jährigen gaben diesen Wunsch an.

"Durchkommen" für Ältere ein Thema

Für die Älteren ist hingegen das "Durchkommen" ein größeres Thema. 15 Prozent der Schüler über 15 Jahren und damit deutlich mehr als in den unteren Altersgruppen lag das am Herzen. 20 Prozent der Befragten wären glücklich mit einem Schulprojekt, das sie wirklich interessiert. "Keine Angst vor Prüfungen" wünschten sich elf Prozent.

Als Hauptgründe, warum ihre Wünsche im Schulalltag nicht erfüllt werden, nannten die 401 online befragten Schüler von sechs bis 18 Jahren zu 53 Prozent "Lehrer, die nur ihren Stoff durchbringen wollen, denen egal ist, was wir Schüler wollen" und zu 36 Prozent "Lehrer, die übermäßigen Druck machen". Während die Älteren zu 69 Prozent mit dem vielen Stoff haderten, stand bei den Jüngsten der Druck (39 Prozent) im Vordergrund. 36 Prozent der Volksschüler sahen das Durchbringen der Lerninhalte als größte Schwachstelle der Schule.

Keine Ruhe zum Lernen in der Schule gaben 23 Prozent der Schüler als störend an, unter den Jüngsten waren es 32 Prozent. Die Kleinsten sind auch am kritischsten mit sich selbst: 28 Prozent sehen ihre mangelnde Lernfreude als Grund für die fehlende Schulbegeisterung. Dieser Wert nimmt mit dem Alter ab: Noch 23 Prozent der Mittelschüler haderten mit zu wenig Freude am Lernen und der Schule, bei den Älteren waren es nur noch 18 Prozent. Jedes fünfte Schulkind in allen Altersgruppen plagt hingegen die Angst vor schlechten Noten und dem Durchfallen. (APA)

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Die Schule veraltet.

aus derStandard.at, 12. 10. 2011

"Der Schüler überholt den Lehrer durch Wikipedia inhaltlich" 


Rhetorik-Trainer Roman Braun über die fehlende Autorität von Lehrern und warum in jedem Kind eine Hochbegabung steckt 

Interview von Rosa Winkler-Hermaden  

Herr Braun, was ist Hochbegabung?

Ich habe jedes Mal erlebt, dass Hochbegabung darauf zurückzuführen ist, dass sich jemand aus purer Lust an der Sache mit seinem gesamten Erleben einer Sache zuwendet. Von allen Ecken und Enden her, sowohl im zwischenmenschlichen Austausch, als auch intrapersonell. Manchmal passiert die Konzentration auf ein Gebiet durch Angebote aus der Umwelt, manchmal durch Zufall. Man kann dann gar nicht verhindern, dass Menschen sehr gut werden. Man könnt auch sagen, das Gegenteil von jemandem, der hochbegabt ist, ist ein Universalist, der aber nicht weiter auffallen würde.

Wie äußert sich Hochbegabung bei einem Kind? 

Man muss unterscheiden zwischen Hochbegabung und Frühbegabung. Es ist sehr heikel und anspruchsvoll, das auseinanderzuhalten. Es kann sein, dass ein Kind, das die Sprache spät entwickelt, in anderen Bereich hochbegabt ist: Weil es sich anderen Dingen gewidmet hat und dort Ressourcen aufgebaut hat. Hochbegabung bei Kindern definiert man am besten damit, dass das Kind einen kontinuierlichen Fähigkeitsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen hat. 

Es gehört nicht dazu, dass das Kind auch in der Lage ist, das auszudrücken und zu kommunizieren. 

Es kommt immer wieder vor, dass hochbegabte Kinder in der Hauptschule bis Sonderschule landen, weil sie vom Unterricht gelangweilt sind und daher gar nicht teilnehmen. 

Wie entdeckt man eine Hochbegabung? 

Das ist nicht immer leicht. Es braucht aufmerksame Erwachsene rundherum und eine intensive Beziehung zwischen dem Kind und den Eltern und zwischen dem Kind und den Pädagogen. Hier wäre eine Aufgabe von Lehrern, den Kindern aufmerksam und offen zu begegnen. 

Wieviel Prozent der Kinder sind hochbegabt? 

Bei richtiger Förderung geht man davon aus, dass jeder hochbegabt ist, dass jedes Kind irgendwo eine Hochbegabung hat. Daher ist die Aufgabe des Pädagogen hinzuschauen. Aber nicht jede Hochbegabung ist in unserer Kultur relevant oder geschätzt. Das geht dann oft unter. 

Die Anzahl jener Kinder, die eine Hochbegabung haben, von der man im allgemeinen Sprachgebrauch ausgeht, liegt unter einem Prozent - also jene Kinder, die Qualitäten liefern, die allgemein geschätzt sind: Mathematik, sprachliches Können. 

Was sind Hochbegabungen, die nicht geschätzt werden?

Es wäre zum Beispiel möglich, dass ein Kind ein biologisches Verständnis aufbringt, das nicht als Hochbegabung eingeordnet wird. Oder dass ein Kind eine Begabung für Formen und Farben hat, die vielleicht als Lust am Malen bewertet wird.

Welches Umfeld braucht ein Kind, damit es seine Hochbegabung entfalten kann?

Das Entscheidende ist, dass die Hochbegabung wahrgenommen wird. Das braucht gewisse Qualitäten vom Lehrer und mehr Menschenorientierung, genügend Einfühlungsvermögen und Empathie. Es braucht eine gute Vertrauensbasis, damit das Kind sich so weit öffnet. 

Verfügen Pädagogen über diese Qualitäten im derzeitigen Schulsystem?

Vom heutigen Schulsystem aus gesehen, vor allem von dem aus gesehen, was bei der Fortbildung und der Lehrerausbildung Priorität gehabt hat in den letzten Jahrzehnten, müsste man es so formulieren: dass es erstaunlicherweise Lehrer gibt, die das liefern.

Aber das ist mehr die Ausnahme?

Es ist absolut auf die Eigeninitiative eines Lehrers zurückzuführen. Die Lehrer haben derzeit zu wenige Soft-Skills. Darum wird das in den nächsten Jahren ein Hauptfokus der Lehrerausbildung sein müssen, aus vielerlei Gründen. Dass das Thema Mobbing stark zunimmt, hat auch damit zu tun, dass Lehrer zu wenig dafür ausgebildet wurden, und auch nicht sozialisiert wurden, mit solchen Problemen umgehen zu können.

Die einzig mögliche Mobbing-Prävention ist, dass der Lehrer genügend Soft-Skills hat, um den Schülern in der Klasse das dramatische Geschehen reflektieren zu können. Das ist die einzige wirklich richtige Mobbing-Prävention. Und wenn es so weit gekommen ist, die einzig sinnvolle Intervention. Das braucht aber eine Kommunikationsausbildung auf einem hohen Niveau. Dazu gehört Wissen über Gruppendynamik: Ohne einem klaren rangdynamischen Konzept ist es reiner Zufall, ob es in einer Klasse Mobbing gibt oder nicht.
 
Diese Ausbildung soll in die normale Lehrer-Ausbildung integriert werden?

Ich würde es jedem Lehrer empfehlen. Die Lehrer wollen dieses Know-How haben.
Man muss sich überlegen, wie heutzutage das System Schule noch zu rechtfertigen ist. Ehrlicherweise muss man sagen: die Vorlesung ist zu Ende. Ein Vortragender heißt Lektor, das kommt aus einer Zeit, als kaum jemand lesen konnte und man daher noch keine Bücher brauchte. Es gab handgeschriebene Bücher, da hat es eines in der Stadt gegeben. Einer konnte Lesen, die anderen sind zusammengekommen und haben gehört. Sie waren die Hörer. Heute überholt der Schüler mit seinem Handy auf Wikipedia den Lehrer inhaltlich.

Das Lehrer-Sein ist mit dem alleinigen Verbreiten von Wissen nicht mehr zu legitimieren. Wissen ist heute überall kostenlos. Jetzt muss der Lehrer zwei Dinge können: Den Schülern beibringen, wie sein Lernen funktioniert. Und er muss voraus denken können, was der Schüler später einmal brauchen wird, wenn er erwachsen sein wird. Das ist der Hauptunterschied zwischen Schule und Familie. Vom Gesamt-System Schule und den ganzen Ministerien darf man sich erwarten, dass durch Berechnungen ersichtlich wird, welches Know-How gefragt ist, wenn man ins Berufsleben eintritt. 70 Prozent der Berufe wird es erst geben, wenn die Kinder, die jetzt die Volksschule besuchen, erwachsen sind. 70 Prozent der Berufe, die dann zur Verfügung stehen werden, gibt es heute noch nicht. 50 Prozent der Berufe gab es nicht, als ein heute 30-Jähriger in die Volksschule gegangen ist. Von der Schule ist zu erwarten, dass sie hochrechnet, auf welche Welt wir die Kinder vorbereiten.

Was würde es bringen, wenn ein Lehrer mehr soziale Kompetenzen hat?

Wenn der Lehrer aus dem Fachlichen heraus nicht mehr genügend Vorsprung hat: warum soll der Schüler ihm folgen? Das ist ein tolles Schlagwort. Kinder sollen folgen, sie können nur folgen, wenn die Lehrer vorausgehen. Die Kinder in der Schule haben ein Recht darauf, überwältigt zu sein von dem Angebot, das es dort gibt. Das kann nicht mehr nur das fachliche Angebot sein. 

So blöd das klingt, wenn Schule funktionieren soll, muss so viel passieren, damit Lehrer wieder ein elitäres Standesbewusstsein haben können. Dann haben sie einen Bildungsvorsprung, eine Vorsprung in ihrer Persönlichkeit - sie sind in ihrer Persönlichkeit sehr interessant und sie können Konflikte in der Klasse so interessant managen, dass die Kinder wissen, ok, das finde ich nicht auf Wikipedia. Das kann ich nur live im Klassenzimmer lernen.

Welche Rolle spielen die Eltern? Sie sind heutzutage ja sehr stark angewiesen auf die Schule, alleine wegen der Beaufsichtigung.

Sie haben Recht, zu einem großen Teil werden die Kinder in die Schule abgegeben und man möchte dann nichts mehr damit zu tun haben. Im schlimmsten Fall schimpft man noch über die Schule und die Lehrer und erwartet dann, dass die Schule funktioniert. Das geht aber nicht. Wenn die Schule funktionieren soll, müssten die Eltern die Lehrer mit genügend Autorität ausstatten, sie müssten den Lehrern im Schulsystem den Vorrang geben. Der Lehrer muss ein hohes Ansehen genießen.

Es wird derzeit diskutiert, ob die Lehrer-Ausbildung an Universitäten oder an den Pädagogischen Hochschulen stattfinden soll. Was finden Sie besser? 

An den Pädagogischen Hochschulen denkt man sich ein paar Vorteile, die aber bei den Universitäten leicht nachzubilden wären.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Wissen, das vor allem auf den Unis generiert wird, heute aber nicht mehr das wichtigste, das die Lehrer brauchen?

Sie brauchen es nach wie vor, nur von dort alleine kommt die Autorität nicht mehr her. Ärzte leiden da auch darunter. Es kommt ein Patient in die Sprechstunde und hat im Internet schon alles recherchiert. Die besten Ärzte berücksichtigen das: "Ahja, was haben Sie auf Netdoktor und Wikipedia dazuschon gelesen?" Das muss man zur Kenntnis nehmen.

Bis wann hat das System Schule funktioniert? Wann ist der Umbruch gekommen?

Ich habe den Umbruch quasi live in meiner Gymnasialzeit miterlebt. Bis zur vierten Klasse ist alles noch ganz normal gelaufen. Dann wurde das Schulunterrichtsgesetz als Reklamheftchen verkauft. Wir haben das gelesen und daraufhin den Unterricht angehalten und gesagt: "Das können Sie nicht machen, im Gesetz steht das und das."

Wir waren nicht die einzigen Schüler, die das gemacht haben. Es hat eine Entmachtung des Lehrers stattgefunden - in einer postegalitären Bewegung. Die 68er waren schon lange vorbei, aber in Österreich ist man Mitte der 70er-Jahre draufgekommen. Ab 1975 hat man den Lehrerberuf abmontiert. 

Welche Reform würden Sie im Bildungssystem sofort umsetzen?

Wenn ich mir was wünschen dürfte: Die Volksschullehrer müssten die längste Ausbildung haben, die größte Selektion, die stärkste Persönlichkeitsentwicklung erfahren, am meisten bezahlt bekommen, das höchste Image haben, sodass die gesamte geistige Elite des Landes in den Beruf hineindrängt.

Sie sollen wichtiger sein als Universitätsprofessoren?

Ja! Würde das was kosten? Ja! Und diese Kosten wären eine Investition in die Zukunft, die wir der nächsten Generation eigentlich schuldig sind. 

ROMAN BRAUN (51) studierte Psychologie, Philosophie und Pädagogik in Wien. Er absolvierte eine Ausbildung in NLP (Neurolinguistische Programmierung) und veröffentlichte u.a. das Buch "Die Macht der Rhetorik. Besser reden, mehr erreichen". Braun ist Mentalcoach von Spitzensportlern und Politikern.



Nota.

Heute ist das, was man in der Schule lernen kann, so unbrauchbar für das berufliche Fortkommen wie nie zuvor. Was du gestern gelernt hast, ist heute schon veraltet. Der technologische Fortschritt macht jeden Tag neue Fertigkeiten und, was fast dasselbe ist, neue Formen der Arbeitsteilung erforderlich. Wer sich am Arbeitsmarkt halten will, muß sich permanent „weiterbilden“. Die Idee, die Schule könne den Heranwach- senden „mit allem ausstatten, was er im Leben mal brauchen wird“, ist vorsintflutlich und findet einen (wackligen) Anhaltspunkt nur noch im beschäftigungspolitischen Standesinteresse der Lehrerschaft. 

  ... Es ist völlig in der Ordnung, daß die Inhalte abendländischer Bildung zuerst einmal für die Schule gelernt werden und nicht „fürs Leben“: Nützen können sie sowieso nicht, und wertschätzen wird man sie erst aus gewonnenem Abstand. Aber daß Kenntnisse, die der persönlichen Karriere zugedacht waren, ausschließlich für den Lehrer und die nächste Klassenarbeit gebüffelt, dann aber schleunigst vergessen werden, um neuem Dreitageschrott Platz zu machen, das ist ein Unrecht an den Schülern und eine Zumutung für den Steuerzahler.

...

aus: Neues Deutschland vom 14. 4. 1994