Donnerstag, 29. September 2011

Erwachsendes Gehirn.

aus FAZ.NET, 29. 9. 2011

Das verletzliche Gehirn der Heranwachsenden

Weltweit diskutieren Wissenschaftler die verletzliche Psyche von Teenagern und „Twentysomethings“ - denn Studien zufolge steigt die Zahl der psychischen Störungen nach der Pubertät noch einmal deutlich an. Auch aus Deutschland gibt es neue Daten.




Von Christina Hucklenbroich







Die Forschungsobjekte bilden Schlangen vor dem Passbildautomaten im Foyer, sie trinken Latte Macchiato im Innenhof der Cafeteria und hocken mit Notebook auf dem Schoß vor Seminarräumen. Wer Mitte September den internationalen Kongress für Adoleszenzpsychiatrie an der TU Berlin besuchte, bekam den Eindruck, dass die Wissenschaftler sich hier mitten unter die zu Erforschenden begeben hatten. Denn längst verbinden Mediziner und Psychologen mit „Adoleszenz“ nicht mehr nur die Jahre der Pubertät. Der Begriff hat sich in den vergangenen Jahren erweitert und schließt jetzt auch die Gruppe ein, der man im Berliner Hörsaalgebäude begegnet: die Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen.

 

Die Hirnentwicklung dauert länger als gedacht


Eigentlich beziehe man inzwischen sogar die „Endzwanziger“ mit ein, sagt Annette Streeck-Fischer, die Vorsitzende der International Society für Adolescent Psychiatry and Psychology (ISAPP), die den Kongress ausrichtete. „In der Vergangenheit hat die Forschung die Veränderungen unterschätzt, denen das Gehirn noch nach der Pubertät ausgesetzt ist“, sagt Streeck-Fischer. „Man glaubte, mit zwölf Jahren sei die Hirnentwicklung zu Ende. Jetzt weiß man, dass die Myelinisierung in den frontalen Bereichen erst mit 22 bis 23 Jahren abgeschlossen ist.“

In Berlin war es der Part von Jay Giedd, über diese Erkenntnisse der Hirnforschung aufzuklären. Der Psychiater vom „National Institute of Mental Health“ in Bethesda hat seit 1991 mehr als achttausend Hirn-Scans von dreitausend Jugendlichen angefertigt. Giedd konnte nicht nur zeigen, dass die Myelinisierung, die Umhüllung der Nervenfasern mit Gliazellen, erst später als gedacht ihr Ende erreicht. Er demonstrierte auch die Volumenveränderungen der grauen Substanz: Sie beschreibt bis zum 22. Lebensjahr eine Kurve, die einem umgedrehten U gleicht, was einer anfänglichen Überproduktion entspricht und dann einer selektive Elimination zugunsten einer größeren Vernetzung.

 

Inzwischen spricht man von „Emerging Adulthood“



Evolutionär betrachtet, gebe es gute Gründe für diese Flexibilisierung von Nervenzellmaterial, sagte Giedd. Diskutiert werde etwa, dass so die Trennung von der Ursprungsfamilie erleichtert wird. Die Umbauphase mit ihrer enormen Plastizität, erklärte Giedd, zöge auch die Verhaltensweisen nach sich, die das Jugendalter zu einer unruhigen und gefährlichen Zeit werden lassen: Risikoverhalten, Lust an starken Gefühlen, kompromisslose Orientierung an Gleichaltrigen.


Mit seinem Vortrag gab Giedd den Schwerpunkt des Kongresses vor: Die Vulnerabilität der adoleszenten Psyche über das 18. Lebensjahr hinaus war eins der zentralen Themen. In Amerika existieren inzwischen der Begriff „Emerging Adulthood“ für den Lebensabschnitt zwischen dem Schulabschluss und dem 30. Geburtstag und eine wissenschaftliche Gesellschaft zum Thema, die Society for the Study of Emerging Adulthood (www.ssea.org). Es gibt Gründe für dieses neue Interesse: Eine amerikanische Studie ergab unlängst, dass fast die Hälfte der Neunzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen im Jahr vor der Befragung eine psychiatrische Diagnose erhalten hatte.

 

Australische „Headspace“-Zentren muten an wie Cafés



In Australien steigt die Prävalenz psychischer Störungen bei den Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen auf 27 Prozent - von zuvor 19 Prozent bei den jüngeren Teenagern, berichtete Patrick McGorry von der University of Melbourne. Der Gipfel der Erkrankungsrate sei kurz nach dem 20. Geburtstag zu verzeichnen. McGorry ist Mitbegründer von „Headspace“, einem Projekt, das Australiens Ruf in der internationalen Psychiatrieszene festigte: Das Land gilt als besonders fortschrittlich im Bereich der Prävention und Früherkennung. Die „Headspace“-Zentren sind über Australien verteilte, wie Cafés gestaltete Anlaufstellen für Jugendliche. Ärzte und Psychologen, aber auch Krankenschwestern und Diätexperten befassen sich hier mit einem weiten Feld von Auffälligkeiten, von Schulproblemen bis zur Früherkennung von Psychosen (www.headspace.org.au).


Den Australiern ist es damit gelungen, Jugendlichen einen entstigmatisierten Zugang zu den Versorgungsstrukturen zu bieten. „100 000 junge Leute wenden sich jedes Jahr an die Headspace-Zentren“, berichtete McGorry. Weltweit setzt man derzeit auf Langzeit-Studien, um mehr über Epidemiologie und Risikofaktoren für psychische Erkrankungen zu erfahren. Frank Verhulst von der Erasmus Universiteit Rotterdam stellte etwa das Prinzip seiner Studie „Generation R“ vor, in die 10 000 Kinder eingebunden sind, die zwischen 2002 und 2006 geboren wurden; die Studie setzt schon während der Schwangerschaft ein und berücksichtigt etwa Ultraschallaufnahmen. Auch aus Deutschland kommen neue Daten. Romuald Brunner vom Uniklinikum Heidelberg stellte die Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe“ (kurz „Seyle“) vor, die derzeit in zehn europäischen Ländern und Israel läuft; in jedem Land nehmen etwa tausend Vierzehn- bis Sechzehnjährige teil.

 

Welche Präventionsstrategien sind in Europa sinnvoll?



Untersucht werden Möglichkeiten der Prävention riskanter und selbstschädigender Verhaltensweisen. In Deutschland konnte Brunner 26 Schulen aus Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis für die Teilnahme gewinnen. Die Jugendlichen wurden nach einer Eingangserhebung zufällig auf vier Programme aufgeteilt: Eine Minimalintervention, bei der Poster in der Klasse aufgehängt und Visitenkarten verteilt wurden, ein Lehrertraining, ein Schülertraining in den Klassen und Beratungstermine für gefährdete Schüler bei Therapeuten.


Immerhin 31 Prozent der Mädchen und knapp zehn Prozent der Jungen berichteten in der Eingangserhebung über Depressivität. 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen gaben an, sich in ihrem Leben mindestens dreimal selbst verletzt zu haben, die Arten reichten von Ritzen bis zum Brennen. Schon jetzt sind große Unterschiede zwischen den Ländern erkennbar: Während sich in Deutschland und Frankreich besonders viele Jugendliche selbst verletzen, sind die Zahlen in Rumänien mit knapp zwei Prozent oder Italien mit drei Prozent gering. Derzeit befindet man sich noch in der Datenauswertung. „Bis jetzt sehen wir vor allem geschlechtsbezogene Unterschiede und können sagen, dass durch die Intervention suizidales Verhalten abnimmt“, sagt Brunner. Anfang 2012 sollen die Ergebnisse bekanntgegeben werden. Man hofft, dann eine Präventionsstrategie zu finden, die sich für europäische Verhältnisse eignet.

Dienstag, 27. September 2011

Lob des Computerspiels.

aus scinexx

Digitales Lernen verändert Gehirnkommunikation

Computerspiele können ähnlich wirken wie aktives Erkunden

Lernspiele oder andere digitale Medien beeinflussen die Verbindungen von Nervenzellen im Gehirn nachhaltig. Das hat jetzt ein Experiment deutscher Forscherinnen an Ratten gezeigt. Ein zweidimensionales Raumbild, beispielsweise aus einem Computerspiel, habe bei den Tieren ähnliche Veränderungen im Gehirn bewirkt wie eine aktive Erkundung dieses Raums in der Realität, berichten die Wissenschaftlerinnen im Fachmagazin Cerebral Cortex. Damit habe man erstmals belegt, dass dieser Aspekt des Lernens auch bei rein digitalen Lernformen funktioniere.

Im Hippocampus, einem für das Langzeitgedächtnis zentralen Hirnbereich, arbeiten zwei unterschiedliche Mechanismen zusammen, um neue Informationen für lange Zeit zu speichern. Eine neue Situation führt zunächst dazu, dass bestimmte Nervenzellen vermehrt miteinander kommunizieren - es entstehen gewissermaßen Datenautobahnen zwischen ihnen. In einem zweiten Schritt wird diese Information gewissermaßen gewichtet: Einige dieser Verbindungen zwischen den Zellen schwächen sich nun wieder ab - macht aus Autobahnen wieder Landstraßen oder Feldwege.

Zweischrittiger Lernprozess

„Nervenzellgruppen reagieren zunächst mit einer Potenzierung, beispielsweise wenn wir einen neuen Raum betreten“, erklärt Studienleiterin Denise Manahan-Vaughan von der Ruhr-Universität Bochum. Die später erfolgende Schwächung einiger Verbindungen ermögliche es dann, diese neue Information wieder gezielt zu verändern, um die Details und Eigenschaften des Raums zu speichern. Der zweischrittige Lernprozess war bereits zuvor durch Versuche an Ratten, die beispielsweise in einem Labyrinth laufend ihre Umwelt erkunden, belegt. „Wir konnten jedoch nicht sagen, ob die Veränderungen in den Nervenzellen durch die Bewegung beeinflusst werden oder nur aufgrund des Erlernens neuer Objekte auftreten“, sagt Manahan-Vaughan.

Ratten vor dem Bildschirm

Um dies zu klären, führten die Forscherinnen einen Versuch durch, bei dem den Ratten eine neue Umgebung allein auf einem Computerbildschirm präsentiert wurde. Die Tiere hatten keine Möglichkeit, diesen virtuellen Raum durch Laufen zu erkunden, angesprochen war allein der Sehsinn. In den Versuchen beobachteten die Forscherinnen eine Veränderung in der Kommunikation der Nervenzellen im Hippocampus. Ähnlich wie bei aktiven Lernprozessen durch Erkundung verstärkten sich dort einige Verbindungen, andere schwächten sich ab. Auf diese Weise fixiere das Gehirn längerfristig neue Erfahrungen, berichten die Wissenschaftlerinnen.

Es habe sich gezeigt, dass auch bei diesem zweidimensionalen, digitalen Lernen der zweite Schritt des Lernens, das Abschwächen der Nervenverbindungen, im Hippocampus auftrete, sagen die Wissenschaftlerinnen. Dieser Schritt scheine demnach auch für das passive Lernen wichtig zu sein. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass Säugetiere genauso gut lernen, wenn sie Informationen passiv auf einem Computerbildschirm präsentiert bekommen, wie wenn sie für diese Informationen aktiv ihre Umgebung erkunden", sagt Manahan-Vaughan.

Ergebnisse werfen neues Licht auf digitales lernen in der Schule

„Unsere Ergebnisse helfen zu verstehen, in welchem Ausmaß das digitale Lernen im Gehirn mit dem Lernen in der realen Umwelt konkurriert“, sagt Studienleiterin Denise Manahan-Vaughan von der Ruhr-Universität Bochum. Das sei zum Beispiel interessant, um neue Strategien für die Nutzung digitaler Medien in der Schule zu entwickeln. "Solche Strategien können nützlich sein, wenn Kinder wenig Interesse an herkömmlichen Lehrmethoden zeigen“, meint die Forscherin, die die Studie gemeinsam mit ihrer Kollegin Anne Kemp durchführte.

Der jetzt an Ratten beobachtete Effekt könnte vielleicht auch erklären, warum Schulkinder heute oft eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne und ein schlechteres Merkvermögen zeigen. "Fernsehen oder Computerspielen nach der Schule könnten mit der in der Schule gelernten Information konkurrieren“, mutmaßt Denise Manahan-Vaughan. (Cerebral Cortex, 2011; doi:10.1093/cercor/bhr233)

(Ruhr-Universität Bochum, 27.09.2011 - NPO)

Dienstag, 20. September 2011

Es ist im Menschen angelegt, mit Kindern umzugehen. Dafür brauch ich keinen Ratgeber.

aus FAZ.NET, 20. 9. 2011

„Wir leben im Katastrophenmodus“


Rastlosigkeit ist dem Menschen zur Lebensgewohnheit geworden. Es fällt ihm schwer, nichts zu tun. Der Psychiater Michael Winterhoff über Erziehung im Hamsterrad, Eltern unter Anspannung, gestresste Kinder und die Rückkehr zur Intuition.

Herr Winterhoff, um ein bisschen aus der Einleitung Ihres in dieser Woche erscheinenden Buches „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ zu zitieren: Fühlen Sie sich überdurchschnittlich oft gehetzt? Haben Sie immer häufiger die Befürchtung, die Arbeit nicht zu bewältigen oder den Anforderungen Ihres privaten Umfeldes nicht gerecht werden zu können?
Das ist tatsächlich etwas, das ich früher nicht kannte und seit ein paar Jahren zunehmend erlebe.

 Schreiben Sie deshalb als Kinderpsychiater plötzlich über Dauerstress und Überforderung von Erwachsenen? 

Ich befasse mich mit diesem Thema, weil sich immer mehr Eltern, die mit ihren Kindern in meine Praxis kommen, in diesem Zustand befinden. Und bei den Kindern erlebe ich seit vier, fünf Jahren, dass sie Schwierigkeiten haben, Reize zu filtern. Außerdem können sie nicht aus Konflikten lernen, weil sie den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den Folgen nicht erkennen - trotz bester Intelligenz.

 

Sind das die Entwicklungsstörungen, die Sie in Ihren „Tyrannen“-Bestsellern beschrieben haben? 

Die Qualität ist neu. Ich mache meinen Beruf seit 27 Jahren, aber diese Phänomene habe ich vorher nie erlebt. Da kommt eine hochbrisante Welle auf uns zu. Wenn Eltern nicht in sich ruhen, wenn Kinder fortlaufend unter Druck stehen, weil immer mehr Erwachsene unter Druck stehen, fehlt die Voraussetzung für die emotionale Entwicklung. Die Basis der Psyche kann sich so nicht bilden. Dabei haben diese Kinder oft beziehungsfähige Eltern, die sich größte Mühe geben.


 

Sie sprechen von einem Dilemma der Erwachsenen. Wir sollen Stabilität und Sicherheit vermitteln, leben aber in einer Zeit der Instabilität und Unsicherheit. 

Noch 1990 lebten wir in einer analogen Zeit: Wenn ich nicht im Raum war, war ich telefonisch nicht erreichbar, der Brief kam per Post, der Arbeitsplatz war relativ sicher, es gab Rente und Krankenkasse. Heute, in der digitalen Zeit, ist man permanent erreichbar. Ständig treffen SMS oder E-Mails ein; Arbeitsplatz, Krankenversicherung und Rente sind unsicher. Früher kam man nach Hause und war entspannt. Heute machen viele zwischen Arbeit und Freizeit keinen Unterschied mehr. Aber das Entscheidende ist, dass wir permanent mit Krisen- und Katastrophennachrichten überhäuft werden.

 

Ist das so? Ich kann den Fernseher doch ausschalten. 

Das wäre eine gesunde Reaktion. Sie distanzieren die Nachricht und sagen, da habe ich nichts mit zu tun. Die Gefahr ist nur, dass Sie irgendwann nicht mehr distanzieren können, weil es zu viel wird. Dann stellt unsere Psyche auf Katastrophenmodus um.

 

Was meinen Sie damit? 

Wenn am Rhein eine Flut angekündigt wird, sitzt niemand auf dem Sofa und sieht fern. Jeder rast in seinen Keller und räumt ihn leer. In der Katastrophe ist der Mensch nach außen gerichtet und rettet, was zu retten ist. Man spürt sich nicht mehr selbst, sogar Hunger wird zurückgestellt. Eltern, deren Psyche auf Katastrophe umgeschaltet hat, sind wie in einem Hamsterrad. Sie sind innerlich getrieben, selbst wenn sie nach außen ruhig wirken. Sobald sie morgens wach werden, startet das Gedankenkarussell, und sie rasen los. Wenn sich die Psyche auf diese Schlagzahl eingestellt hat, gibt es keine Entspannungsphasen mehr.

 

Verglichen damit, wie frühere Generationen Krankheit, Krieg und Tod ausgesetzt waren, leben wir in katastrophenarmen Zeiten. 

Deshalb sage ich ja: Es ist nur eine Täuschung. Der Hebel steht auf Katastrophe, aber dieser Hebel lässt sich wieder umlegen.

 

Und was macht der Katastrophenmodus mit den Kindern? 

Anspannung wirkt sich zunächst atmosphärisch aus. Wenn wir hier einen schlafenden Säugling im Raum hätten, und zwischen uns kämen Spannungen auf, dann würde das Baby wach und vermutlich sogar schreien. Die Ruhe oder eben auch die innere Unruhe eines Erwachsenen wird vom Kind sofort wahrgenommen. Zweitens muss alles immer flott gehen. Gestressten Eltern fehlt die Geduld, die man bei einem Kleinkind braucht, das sich eben langsam oder auch mal gar nicht anzieht. Dieser permanente Druck überfordert das Kind, die Reaktion ist Nicht-Entwicklung. Außerdem ruiniert das Hamsterrad jegliche Gelassenheit. Viele Eltern halten es nicht mehr aus, wenn ihr Kind vorübergehend in der Schule schlechter wird.

 

Würden Sie sagen, schon Kinder und Jugendliche leiden heute unter Druck und Überforderung? 

Ja, extrem.

 

Und das ist nicht die Folge vollgepackter Terminkalender und ehrgeiziger Eltern? 

Immer mehr Kinder leiden unter Schlafstörungen, einem Phänomen, das normalerweise nur Erwachsene zeigen. Das hat nicht immer und nur die Ursachen, auf die ich hinweise. Aber der enorme Druck, unter dem die Eltern stehen und in dem das Kind einfach lebt, spielt eine Rolle. Das überträgt sich.

 

Schade ich meinem Kind schon, wenn ich es zur Eile antreibe? 

Es geht nicht um Ausnahmesituationen. Und es ist auch nicht schlimm für ein Kind, wenn Eltern mal angespannt sind, das ist sogar eine wichtige Erfahrung. Aber ich bin Kinderpsychiater, kein Erziehungsberater, ich kann Ihnen sagen, welche Entwicklung beim Kind nicht altersgemäß ist, was aber zunächst mit Erziehungsfragen gar nichts zu tun hat. Ich arbeite mit Kindern, die in der Schule, zu Hause oder bei der Berufsfindung scheitern, ohne dass bemühte Eltern das Problem beheben könnten. Als Tiefenpsychologe frage ich immer: Was stimmt nicht im System? Während es früher nur um das System Familie ging und um Probleme, die mit der Lebensgeschichte der Eltern zusammenhingen, ist jetzt die Gesellschaft der Hintergrund. Anspannung ist uns zur Lebensgewohnheit geworden.

 

Meine Tochter hat sich neulich beschwert, dass ihr Papa abends beim Vorlesen immerzu auf sein Handy guckt. Meinen Sie das? 

Es geht nicht um Ihr Verhalten dem Kind gegenüber. Entscheidend ist, ob Sie noch in der Lage sind, zwanzig Minuten nichts zu tun. Sie lesen nicht Zeitung, Sie hören keine Musik, Sie sitzen einfach nur da. Ein Erwachsener im Katastrophenmodus hält das nicht aus. Er ist mit seinem Kind auf dem Sportplatz, denkt aber schon an die nächste Verabredung.

 

Gilt das mit dem Stress und der Überforderung auch für die Verkäuferin und den Arbeitslosen, oder handelt es sich um ein Mittelschichtsphänomen? 

Ich sehe das überall. Es ist egal, ob ich im Hamsterrad routiere, weil ich arbeite, Hobbys pflege oder den ganzen Tag fernsehe.

 

Was ist mit den üblichen Anti-Stress-Tipps? Prioritäten setzen, die To-do-Listen abarbeiten . . . 

Das ändert nichts, solange ich im Hamsterrad bin. Wenn ich eine Familie mit drei Kindern berate und jedes Kind ist in zwei Vereinen, empfehle ich, den Aufwand zu reduzieren. Dann argumentieren die, warum das nicht geht. Oder sie streichen die Vereine und laden stattdessen ständig die Nachbarskinder ein. Die Eltern halsen sich unbewusst immer etwas auf, sie suchen Beschäftigung, obwohl sie das Gefühl haben, sie können nicht mehr.

 

Sie predigen die Rückkehr zur Intuition, zu einem Gespür für das, was das Kind braucht. 

Das ist die einzige Chance.

 

Ist das nicht illusorisch? Wir sind geradezu umzingelt von Erziehungsratgebern, den Tipps unserer Schwiegermütter und anderen penetranten Ansprüchen. 

Es ist im Menschen angelegt, mit Kindern umzugehen. Dafür brauche ich keinen Ratgeber; es ist sogar besser, nicht zu viel zu wissen, weil das irritiert. Man muss allein in den ersten sechs Lebensjahren je nach Alter so unterschiedlich auf Kinder reagieren - das können Sie nicht über den Kopf machen, das geht nur aus dem Bauch heraus.

 

Das liest sich bei Ihnen fast magisch-naturwüchsig. 

Nein, bitte nicht. Es geht für mich nicht um die Frage, was richtig ist. In der einen Familie geht es lustiger, in der anderen ernster zu, in der dritten herrscht Laissez-faire, in der vierten sind die Eltern streng. Aber ich frage mich: Wieso gibt es immer mehr Erwachsene, die nicht aus dem Bauch heraus auf Kinder reagieren?

 

Das liegt an dieser Mischung aus Überforderung und Stress? 

Davon bin ich überzeugt.

 

Wie finde ich zu Ruhe und Intuition zurück? Geht es darum, mir bei der Arbeit keinen Blackberry aufdrücken zu lassen? 

Ich verteufele die Neuheiten der Welt nicht. Die Frage ist, wie ich diese Entwicklungen verkraften kann, ohne in Dauerstress zu geraten. Das muss jeder für sich entscheiden. Es kann sein, dass Erwachsene das Handy zunehmend am Wochenende ausmachen und keine E-Mails mehr lesen. Aber das wird das Problem nicht lösen.

 

Sondern? 

Lassen Sie sich mal darauf ein, fünf Stunden durch einen Wald zu gehen. Wichtig wäre, dass Sie nicht wandern, sondern einfach gehen, ohne Ablenkung. Sie hören keine Musik, sie haben weder ein Handy noch einen Hund dabei, und Sie joggen nicht.

 

Fünf Stunden kriege ich doch in meinem Alltag gar nicht unter! 

Fünf Stunden bekommt jeder unter, selbst mit Kindern. Es ist immer die Frage, wofür ich mir Zeit nehme. Im Hamsterrad ist das bloß nicht vorstellbar.

 

Aber ich hetze doch von der Arbeit in den Kindergarten, ich muss einkaufen, kochen, Wäsche waschen, dann sind da noch die Freundinnen, und im Sport war ich auch schon zwei Wochen nicht. Wie soll ich da fünf Stunden in den Wald? 

 Was Sie beschreiben, ist das Hamsterrad. Nehmen Sie sich diese fünf Stunden im Wald. Sie werden es zunächst kaum aushalten. Zwei, drei Stunden lang haben Sie Druck ohne Ende, tausend Gedanken, Sie rattern vor sich hin. Dann kommen Sie auf ein unvorstellbares Plateau der Ruhe, Sie spüren sich in Ihren Grenzen, Sie haben keine Gedanken mehr, Sie nehmen die Stille wahr. Dann ist Ihre Psyche umgestellt auf Normalzustand.

 

Danach kann ich weitermachen wie vorher, und es reicht, einmal die Woche zum Yoga zu gehen? 

Theoretisch: Ja. Sie werden aber Ihr Leben sehr verändern. Wenn Sie in sich sind, gewinnen Sie zu vielen Dingen eine innere Distanz, zu Ihrer Arbeit, zu Ihren Kindern. Gewisse Dinge werden Sie einfach nicht mehr tun.

 

Wollen Sie Müttern das Arbeiten ausreden, damit sie mehr Zeit für die Familie haben? Das kann es doch nicht sein! 

Ich bin niemand, der wertet und vorschreibt; jeder muss selbst entscheiden, wie er sein Leben lebt. Vielleicht beschließen Sie einfach: Ich muss nicht auf die fünfte Weihnachtsfeier. Ich muss keine zwanzig Telefonate mit nach Hause nehmen. Letztlich geht es nicht um Zeit, sondern um eine Haltung. Wenn ich in mir ruhe, ist es egal, ob ich eine oder zehn Stunden mit meinem Kind verbringe.

 

Ihr neues Buch liest sich ein bisschen, als wollten Sie sich bei den Eltern entschuldigen, nach dem Motto: War nicht so gemeint, ich wollte euch nicht angreifen, die Gesellschaft ist schuld. 

Ich wollte nie jemanden angreifen. Ich habe ein Analysemodell entwickelt, das vielen Menschen unmittelbar einleuchtet.

 

Sie sind heftig kritisiert worden, weil Sie Kinder Tyrannen nennen. Hat Sie das verletzt? 

Ich habe Kinder nie als Tyrannen bezeichnet und würde das nie tun. Aber ich spreche aus, was passiert, wenn junge Erwachsene emotional auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkinds sind: Die können sich nicht einfühlen und sind nicht arbeitsfähig. Das sind Tyrannen

 

Ich fand Ihre „Tyrannen“-Bücher Eltern wie Kindern gegenüber schematisch und lieblos. 

Gerade im ersten Buch gibt es Formulierungen, die missverständlich sind, da fehlt es manchmal an Bedacht. Das tut mir leid. Aber ich wollte mit meinen Büchern wachrütteln, und das ist mir anscheinend ja auch gelungen. Jetzt ist mir wichtig, dass das neue Buch keinen so reißerischen Titel mehr hat. Es geht mir nicht darum, Panik zu schüren. Ich will die Leute erreichen, damit sich etwas bewegt.


Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Mittwoch, 14. September 2011

Kindheit in vitro.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 15. 3. 2010



Warum ein zu behütetes Aufwachsen negative Konsequenzen für das Leben hat

Von Allan Guggenbühl

Die höheren Kletterstangen wurden abmontiert, der Teich zur Pfütze reduziert, und ein hoher Gitterzaun hält Hunde fern. Eine Schar Mütter und Väter stehen oder sitzen herum, die Blicke stets auf ihren Kleinen. Ein Knabe, mit einem Helm auf dem Kopf, wagt sich an eine Schaukel. Sofort springt jemand herbei, es könnte ja etwas passieren.

Die Kindheit ist eine Lebensphase, in der der junge Mensch seine Grundfähigkeiten entwickeln, soziale Kompetenzen erwerben und sich selber kennenlernen muss. Das Aufwachsen ist eine Entdeckungsreise zu sich selber und dem Umfeld, in das man hineingeboren wurde. Neben den Bezugspersonen entscheiden die Herausforderungen, Anregungen und Probleme, mit denen man konfrontiert wird, ob diese Menschwerdung gelingt. Damit dieser Prozess nicht gestört wird, wollen wir unseren Kindern eine jugendgerechte Umgebung bieten, unnötige Gefahren sollen eliminiert, traumatische Erlebnisse verhindert werden. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, Lehrpersonen und auch Politiker, Kinder vor schlechten Einflüssen und Gefahren zu schützen. Aus psychologischer Sicht stellt sich jedoch die Frage der Grenze zwischen Hilfe und Einengung.

Unheilige Allianzen 

Ein Care-Team wurde aufgeboten, der Lehrer suspendiert. Einige Schüler einer Sekundarschulklasse hatten auf dem Laptop des Lehrers eine Nacktfoto entdeckt. Peinlich war, dass es sich um ihren Lehrer handelte. Das «Trauma» der Schüler wurde durch Aussenpersonen professionell aufgearbeitet.

Natürlich müssen wir Jugendlichen beistehen. Keine Mutter setzt ihr Kind alleine dem Strassenverkehr aus. Ist es aber sinnvoll, Kinder auf Spielplätzen streng zu observieren oder jede körperliche Auseinandersetzung zu verbieten? Ist es richtig, bei Vorfällen routinemässig Care-Teams aufzubieten? 

Meistens dienen tragische, doch seltene Unfälle oder hypostasierte Zusammenhänge als Begründung für ein neues Verbot oder eine neue Massnahme. Wenn im Jura ein Knabe sein Sackmesser als Waffe gegen einen Kollegen einsetzt, dann wird schweizweit ein generelles Verbot von Sackmessern gefordert. Die Tendenz von Fachpersonen und Präventionsspezialisten, sich über dramatische Einzelfälle zu legitimieren, führt zu einer unheiligen Allianz zwischen Experten, Praktikern und Politikern. Aus Angst, unverantwortlich zu handeln, neigen wir zur Überreaktion. Wir führen Massnahmen ein, die vorab der Bewältigung eigener Befürchtungen dienen, entwicklungspsychologisch aber unnötig oder gar problematisch sind.

Killerspiele sollen generell verboten werden, obwohl sie für die überwiegende Zahl der Jugendlichen lediglich eine neue Form des Schachspiels sind und ihre moralischen Sensibilitäten auch stärken können. Betrachtet man das Aggressionspotenzial, dann müsste man auch Slapstick am Fernsehen, den Strassenverkehr und Pannen am Computer verbieten. In einem realitätsfernen Raum werden Argumente konstruiert, die keinen Zusammenhang mit der Lebenswelt der Jugendlichen haben. Fachpersonen wittern zudem eine Chance, ihren Einfluss auszuweiten.

Interessant sind die Auswirkungen. Im Gegensatz zur naiven Auffassung, dass diese Anordnungen befolgt werden, drohen Trotzreaktionen. Das Thema wird doppelt interessant und suspendiert die Jugendlichen von der Eigenverantwortung. So führte die sinnvolle Pflicht, Velohelme zu tragen, auch dazu, dass Kinder frecher fahren.

Fatal hat sich das Alkoholverbot bei Jugendlichen unter sechzehn ausgewirkt. Heimliche Saufgelage wurden populär: Eine Flasche Wodka, eine sturmfreie Bude, und man lässt sich zusammen mit Kollegen volllaufen, bevor man in den Ausgang geht. Der amerikanische Psychiater Richard Louv ist der Überzeugung, dass diese Abschottung und Hyperbetreuung zu einer Generation unselbständiger Menschen führen wird, denen Erfahrungen mit der Natur («nature deficit disorder») fehlen, die keine Selbstinitiative zeigen werden. Sie wachsen mit dem Gefühl auf, dass für Probleme, Trauer oder Streitigkeiten Aussen-Instanzen zuständig sind.

«Zwei Stunden fesselten mich meine Kollegen an einen Baum im Wald und drohten mich zu martern!», erinnert sich ein älterer Mann. Dank einer guten Ausrede und seiner Geschicklichkeit im Umgang mit Seilen ist er freigekommen. Er hat viel gelernt. Heute hätte dieser Vorfall massive elterliche Interventionen und Therapien zur Folge.

Schwierige soziale Situationen, Risiken, Gefahren und Konflikte gehören auch zur Kindheit und Jugend. Meistens wachsen Kinder an den Problemen, die sie bewältigen müssen. Den Grossteil der sozialen Kompetenzen und des Wissens eignen sie sich ohne Beihilfe und nicht unter Aufsicht der Erwachsenen an. Die selbständige Bewältigung von Krisen setzt oft neue Kräfte frei und stärkt die Widerstandskraft. Jugendliche brauchen dazu Freiräume und Zeit, die nicht mit Aufgaben, Angeboten und Lernprogrammen vollgestopft sind.

Kontrollwahn

Oft sind Momente der Langeweile der Ausgangspunkt neuer Antworten und Ideen. Kinder und Jugendliche wollen sich nicht nur nach den Vorgaben der Erwachsenen richten, sondern ihr Umfeld auch selber erforschen. Sie wollen Wälder durchstreifen, streiten und Grenzerfahrungen machen. Um Risiken abschätzen zu können und schlechte Einflüsse zu erkennen, brauchen sie jedoch Bezugspersonen, mit denen sie in einem permanenten Dialog über die Schattenseiten des Lebens stehen.

Nicht jeder Streit auf dem Pausenplatz muss geschlichtet, nicht jedes tragische Ereignis von einem Care-Team bearbeitet werden. Entscheidend ist, dass man sich an eine Person wenden kann, der man vertraut. Vielfach handelt es sich auch um Gleichaltrige. Damit diese Lernprozesse möglich sind, müssen Erwachsene loslassen können, als Bezugspersonen zur Verfügung stehen, doch nicht über alle Taten der Jugendlichen informiert sein. Hyperbetreuung und Kontrollwahn können zur Folge haben, dass den Kindern und Jugendlichen wichtige Erfahrungen vorenthalten werden und sie infantilisiert werden.

«Um Jugendliche vor den Gefahren des übermässigen Alkoholkonsums zu schützen, müsste man ihnen in den Beizen gratis ein Glas Wein anbieten», schlägt der Vater einer kinderreichen Familie vor. In den Tempeln der Trinksucht entwickle man Abwehrkräfte und werde durch das Verhalten der anderen Gäste mit den fatalen Folgen übermässigen Wein- oder Bierkonsums konfrontiert und abgeschreckt. Obwohl nicht ganz ernst gemeint, enthält der Vorschlag eine tiefere Wahrheit: Dank der Auseinandersetzung mit der wirklichen Welt werden die Jugendlichen gestärkt und können eher mit den Tücken des Lebens fertig werden. Diese Erfahrungen können nicht in abgeschotteten Räumen gemacht werden.



Donnerstag, 8. September 2011

Entfettete Kindheit?

aus Süddeutsche Zeitung, 8. 9. 2011


Schlanker in die Schule
 
Von Werner Bartens

Deutschlands Kinder werden immer dicker, so die landläufige Meinung. Doch das stimmt offenbar nicht mehr. Das Durchschnittsgewicht der Grundschüler hat sich in den letzten Jahren reduziert - und mäßiges Übergewicht wird ohnehin nicht mehr so kritisch gesehen.

Sie sind der Joker in jeder Debatte um Fettleibigkeit und Übergewicht. Keine Diskussion über die dicken Deutschen kommt ohne den alarmierenden Hinweis aus, dass nicht nur die Erwachsenen aus dem Leim gehen, sondern auch die Kinder immer voluminöser werden.
Das Problem an dieser Aussage ist - sie stimmt offenbar nicht mehr. Denn seit einigen Jahren ist die Gewichtsentwicklung der Kinder rückläufig. Ärzte der Universitätskinderklinik Ulm zeigen im Fachblatt European Journal of Pediatrics (online) anhand von umfangreichen Daten, dass die Grundschüler in Deutschland wieder schlanker werden.

Das Ulmer Team um Anja Moß hatte die Größen- und Gewichtsdaten von mehr als 600.000 Schulanfängern aus allen 16 Bundesländern ausgewertet. Als Grundlage dienten die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen aus dem Jahr 2008. Im Vergleich zu den letzten Erhebungen im Jahr 2004 war der Anteil der Übergewichtigen um bis zu drei Prozent zurückgegangen. Diese Veränderung ließ sich in 14 Bundesländern beobachten, lediglich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz war ein minimaler Anstieg zu verzeichnen.

"Die gezeigte Entwicklung bedeutet aber keinesfalls, dass wir unsere Bemühungen zur Prävention von Übergewicht und Adipositas einstellen können", sagt der an der Studie beteiligte Ulmer Kinderarzt Martin Wabitsch. "Trotz des dokumentierten Rückgangs bleiben die Raten übergewichtiger und adipöser Einschüler in Deutschland auf einem hohen Level."

Bremen und Thüringen haben innerhalb Deutschlands mit 11,9 Prozent den größten Anteil übergewichtiger Schulanfänger - hier liegt Bayern bei 8,6 Prozent und wird damit nur noch von Brandenburg (8,5 Prozent) und Sachsen (8,4 Prozent) knapp unterboten. Noch dickere und daher als fettleibig bezeichnete Schüler machen 5,4 Prozent der Erstklässler im Saarland und 5,1 Prozent in Thüringen aus. Hier weisen wiederum Brandenburg und Sachsen mit 3,3 Prozent bundesweit den niedrigsten Anteil auf; auch Bayern kommt nur auf 3,4 Prozent.

 

Warum es weniger dicke Kinder gibt, wissen die Forscher nicht


Ehrlich gesagt wissen wir nicht, warum wir einen Rückgang des Gewichts beobachten", sagt Hauptautorin Anja Moß. "Ein gesteigertes Bewusstsein für Übergewicht und die Aufklärungsbemühungen von Ärzten und Fachverbänden tragen vermutlich dazu bei." Inwieweit gezielte Präventionskampagnen dazu geführt haben, dass weniger Kinder dick werden, lasse sich aus den vorhandenen Daten nicht ableiten.

Übergewicht und Fettleibigkeit im Kindesalter gehen mit verschiedenen Gesundheitsgefahren einher: Die Risiken für Bluthochdruck, Diabetes und orthopädische Leiden steigen, zudem haben übergewichtige Kinder öfter psychische Probleme und leiden häufiger an Depressionen. "Die meisten Eltern und auch die Kinder wissen, dass sie sich mehr bewegen, besser ernähren und ihr Verhalten ändern sollten - sie schaffen es aber nicht", sagt Moß.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert vier Gewichtskategorien, und die meisten Ärzte und medizinischen Fachorganisationen haben diese Einteilung übernommen: Untergewicht besteht bei einem Body Mass Index (BMI) unter 18,5.

Ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 gilt als Normal- oder Idealgewicht. Ein BMI von 25 oder mehr bedeutet Übergewicht, jenseits der 30 sprechen Ärzte von Adipositas oder Fettleibigkeit. Der BMI errechnet sich, indem das Gewicht durch die ins Quadrat genommene Körpergröße (in Metern) geteilt wird. Bei 1,80 Metern Größe und 80 Kilogramm Gewicht liegt der BMI demnach bei 24,7.

Diese Werte gelten für Erwachsene. Bei Kindern verändert sich sowohl alters- als auch geschlechtsbedingt die Körpermasse mit der Entwicklung. Ihr BMI wird daher in bundesweit einheitliche Wachstumskurven eingetragen, aus denen sich im Vergleich mit Gleichaltrigen die Einteilung in Normal-, Übergewicht oder Fettleibigkeit ermitteln lässt. Übergewicht liegt vor, wenn 90 Prozent der Gleichaltrigen einen geringeren BMI aufweisen, bei Fettleibigkeit liegt das Gewicht höher als bei 97 Prozent der Vergleichsgruppe.

 

Selbst in den USA steigt der Anteil der Übergewichtigen nicht mehr


Im Januar dieses Jahres hatten bereits drei Artikel im Fachblatt Journal of the American Medical Association (Bd. 303, S. 235, 242, 275, 2010) darauf hingewiesen, dass der Anteil der Übergewichtigen auch in den USA nicht mehr steigt. Katherine Flegal und ihr Team vom Nationalen Zentrum für Gesundheitsstatistik in Hyattsville hatten die jüngsten Daten von mehr als 4000 Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen sowie von 5555 Erwachsenen analysiert, die ebenfalls 2008 erhoben wurden.

Demnach gehörten in den USA 9,5 Prozent der Kinder und etwa 18 Prozent der Jugendlichen zur Gruppe der Übergewichtigen. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren ziemlich konstant geblieben.
Dass die Kinder in den wohlhabenden Staaten nicht von Jahr zu Jahr immer dicker werden, hatte sich zuletzt schon in etlichen Ländern angedeutet, darunter in Dänemark, Schweden, Frankreich, Griechenland, der Schweiz, Russland und Australien.

Leichtes bis mittleres Übergewicht wird ohnehin nicht mehr so kritisch gesehen wie noch in den 1990er-Jahren. Große Metaanalysen bei Erwachsenen haben gezeigt, dass etwas molligere Mitmenschen seltener krank werden und eine höhere Lebenserwartung haben als die ranken Idealgewichtigen.

Für Kinder gibt es solche Daten bisher nicht. "Wer mit drei oder acht Jahren leicht übergewichtig ist, bei dem gibt sich das mit dem nächsten Wachstumsschub womöglich wieder", sagt Anja Moß. "Wer in jungen Jahren aber schon fettleibig ist, tut seiner Gesundheit bestimmt nichts Gutes."


 
Nota.

Weder gibt es ein Gesetz, wonach bei stetig wachsendem Wohlstand die Geburtenrate sinkt, noch dass dabei die Menschen immer fetter werden. Alles kann morgen auch wieder anders sein. Denn bedenke: Einen stetig wachsenden Wohlstand hat es in der Geschichte bislang noch nie und nirgends gegeben.
J. E.

Montag, 5. September 2011

Trendwende.

Pressemitteilung


Mehr Geburten in Deutschland: 1,6 Kinder pro Frau

Dr. Harald Rösch 
Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
05.09.2011 10:20
Max-Planck-Forscher korrigieren die amtlichen Zahlen zu Geburtenraten in Deutschland
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Die offiziellen Geburtenraten, die so genannte „zusammengefasste Geburtenziffer“, unterschätzen die Geburtenneigung, da sie nicht die endgültige Zahl der Kinder angeben, die ein Frauenjahrgang in seinem Leben gebiert, sondern einen vorab berechneten künstlichen Wert (für 2010: 1,46 Ost und 1,39 West). Dieser unterschätzt die endgültige Kinderzahl, wenn Frauen die Geburt ihrer Kinder in ein immer höheres Alter aufschieben, was in Deutschland der Fall ist. Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock ist es nun erstmals für Deutschland gelungen, diesen so genannten „Tempo-Effekt“ der alternden Mütter aus den Geburtenraten herauszurechnen: Der korrigierte Durchschnittswert für die Jahre 2001 bis 2008 liegt demnach bei etwa 1,6 Kindern pro Frau sowohl für West- als auch für Ostdeutschland. Die Rostocker Wissenschaftler erwarten eine Trendumkehr im deutschen Geburtenverhalten.

Die Max-Planck-Forscher Joshua Goldstein und Michaela Kreyenfeld, die ihre Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift „Population and Development Review“ veröffentlichten, konnten die Korrekturen berechnen, da ihnen zum ersten Mal eine Zeitreihe verlässlicher Daten darüber vorlag, in welchem Alter Frauen in Deutschland ihre ersten, zweiten oder folgenden Kinder bekamen. Diese Zeitreihen, die für die Tempo-Korrekturen unerlässlich sind, gab es hierzulande bisher nicht, da die offizielle Geburtenstatistik sie nicht erheben konnte.

Den Wissenschaftlern gelang es nun jedoch, eine solche Zeitreihe auf Basis von Krankenhausdaten genau zu bestimmen (siehe Tabelle auf Datenblatt): In Ost wie West steigt das Alter demnach etwa gleich stark: um fast zweieinhalb Monate pro Jahr im Durchschnitt seit 2001. „Das Geburtenverhalten in Ost und West unterscheidet sich trotzdem immer noch deutlich“, sagt Demografin Michaela Kreyenfeld. Insbesondere werden ostdeutsche Frauen früher Mütter: 2008 durchschnittlich mit 27,5 Jahren, ein gutes Jahr vor den West-Müttern.

Die 1970er-Jahrgänge bekommen wieder mehr Kinder

Obwohl die tempo-korrigierte Geburtenrate einen verlässlicheren Eindruck des Geburtenverhaltens gibt als die zusammengefasste Geburtenziffer, ist auch sie nur ein Schätzwert. Auch dieser Wert wird auf Jahresbasis berechnet, um das aktuelle Geburtenverhalten wiederzuspiegeln. Das „tatsächliche“ Geburtenverhalten kann jedoch nur rückblickend auf Basis von Geburtsjahrgängen berechnet werden, mit der so genannten „endgültigen Kinderzahl“.

Deshalb untersuchten Goldstein und Kreyenfeld auch diese Zahl, die sich immer erst dann für einzelne Geburtsjahrgänge angeben lässt, wenn deren Frauen ein Alter von etwa 50 Jahren erreicht haben. Für den Jahrgang 1961 (wird dieses Jahr 50 Jahre alt) liegt die endgültige Kinderzahl bei 1,6 Kindern pro Frau für die alten und bei 1,8 für die neuen Bundesländer. Mit ihren Daten über das Alter der Mütter prognostizierten die MPIDR-Demografen nun erstmals auch den weiteren Verlauf der endgültigen Geburtenrate nach Geburtsjahrgängen.

Demnach sinkt die Kinderzahl für die Frauen, die Anfang der 1960er-Jahre geboren wurden, zunächst auf Werte zwischen 1,5 und 1,6 Kinder pro Frau, und setzt so den Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte fort (siehe Grafik auf Datenblatt). Doch dann steigt sie wieder an: „Die Geburtsjahrgänge um 1970 scheinen die Trendwende zu markieren“, sagt Joshua Goldstein. Zwar seien die Vorausberechnungen für Jahrgänge nach 1970 mit einiger Unsicherheit behaftet. Die Trendumkehr sei jedoch sehr wahrscheinlich.

Einfluss der Familienpolitik möglich, aber nicht bewiesen

„Die Trendumkehr bei den endgültigen Geburtenraten könnte mit Änderungen in der jüngeren Familienpolitik zusammenhängen“, sagt Joshua Goldstein. Denn sie beträfe die Generation junger Frauen, die als erste in den Genuss von steigender Kinderbetreuung Unter-Dreijähriger und des neuen Elterngeldes komme. Allerdings würde die Trendumkehr auch in den internationalen Trend passen. Auch in anderen europäischen Ländern lässt sich für die jüngeren Geburtsjahrgänge ein leichter Anstieg der endgültigen Kinderzahl beobachten.


Nach einem jahrzehntelangen Rückgang steigen die Geburtenzahlen in Deutschland leicht an. Frauen, die in den 1970er Jahren und später geboren wurden, bekommen offenbar wieder mehr Kinder.
Originalartikel:
Joshua R. Goldstein, Michaela Kreyenfeld: Has East Germany Overtaken West Germany? Recent Trends in Order-Specific Fertility. Population and Development Review 37 (3).



Nota. 

Es hat sich die Vorstellung eingebürgert, bei stetig wachsendem Wohlstand müsse die Zahl der Geburten mit Notwendigkeit stetig sinken. Darauf gibt es in der Historischen Demographie keinerlei Hinweis: Eine Epoche stetig wachsenden Wohlstands hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Die Historische Demographie lehrt nur eines: dass es auf ihrem Feld keine überzeitlichen Gesetze gibt.

Was aus der gegenwärtigen Überalterung unserer Gesellschaften noch wird, muss sich erst zeigen.

Merke: In den USA hat sich die Fruchtbarkeitsrate seit vierzig Jahren - seit dem Pillenknick - nicht mehr verändert und bleibt bei knapp über 2,0 bis 2,5.
J. E.

Donnerstag, 1. September 2011

Ausschlafen, ach!

aus Badische Zeitung, Karlsruhe, 1. 9. 2011:

Englisches Experiment: Ausschlafen sorgt für gute Noten


Da schlagen Schülerherzen höher: In einer Highschool in Norden Englands beginnt der Unterricht erst um zehn Uhr. Nun gab es dort die besten Noten seit 40 Jahren. Das kann kein Zufall sein. 

LONDON. Monkseaton High School im nordenglischen Tyneside hat Grund zum Feiern. Die eben veröffentlichten Ergebnisse für die staatlichen Prüfungen zur Mittleren Reife sind die besten in der 40-jährigen Geschichte der Schule. Um 20 bis 30 Prozent besser als im Vorjahr sind die Noten – ein dramatischer Sprung, auch im nationalen Vergleich. Die einzige Veränderung zum Vorjahr: der auf 10 Uhr verlegte Unterrichtsbeginn.

Weder kleinere Klassen noch neue Lehrer oder Lehrmethoden sind für die Leistungsverbesserungen verantwortlich, meint Schuldirektor Paul Kelley – alles sei so wie an anderen Staatsschulen auch. Der vielbeneidete Erfolg sei vielmehr einem persönlichen Geistesblitz zu verdanken: In der Monkseaton High School, in der mehr als 900 13- bis 19-Jährige unterrichtet werden, läutet die Schulglocke zum Schulbeginn erst um zehn Uhr. Die Schüler dürfen es auch an Schultagen langsam angehen lassen.

Der spätere Start, meint Kelley, mache sie zu glücklicheren, besser gebildeten Teenagern. Schließlich sei die Wissenschaft schon lange zu dem Schluss gekommen, dass Kinder dieses Alters nachmittags besser lernten als am frühen Morgen. Mit dem veränderten Stundenplan habe seine Schule sich nur den physischen Veränderungen der jungen Leute angepasst. Damit meint Kelley Hormon-Veränderungen, vor allem bei männlichen Jugendlichen, die in einer gewissen Altersstufe die biologische Uhr um bis zu zwei Stunden zurückstellten. Aufsteh-unwillige Teenager seien nämlich nicht einfach faul, sondern naturbedingt schlafbedürftig am Morgen – worauf man im Schulbetrieb Rücksicht nehmen müsse.

Natürlich lasse sich nicht beweisen, dass der neue Stundenplan der Grund für die besseren Prüfungsergebnisse sei. Doch andere mögliche Faktoren seien, zumindest an seiner Schule, nicht auszumachen, meint der Direktor. So dramatische Verbesserungen des Notenspiegels kenne er tatsächlich "bisher von keiner anderen Schule", fügt Kelley an. Außerdem habe schon in der Anfangsphase des Experiments das leidige Schulschwänzen rapide abgenommen. Wer ausschlafen darf, scheint demnach eher bereit, den Rest des Tages im Klassenzimmer zu verbringen – und sich mit dem Unterrichtsstoff auseinanderzusetzen.

Das ist auch die Überzeugung zweier Oxford-Professoren, die das Experiment als wissenschaftliche Berater begleiten. Der Neuro-Experte Russell Foster, einer der beiden, will nachgewiesen haben, dass Schüler im Teenager-Alter nachmittags mehr aufnehmen und Dinge besser behalten können. Zu frühes Aufstehen versetze sie in einen äußerst schädlichen Zustand "permanenten Jetlags". Gelegentliche Behauptungen von Lehrern, dass Jugendliche morgens frischer seien, ließen sich wissenschaftlich nicht bestätigen. Leichter kontrollierbar seien die Teenager zweifellos, wenn sie sich noch halb im Schlaf befänden, meint der Wissenschaftler. Aber mit Unterrichtsteilnahme und erfolgreichem Memorieren habe das nichts zu tun.

Auch Fosters Kollege, der Schlafforscher Till Roenneberg, hält es für "Unfug", den Schultag zu früh beginnen zu lassen. Die Wach- und Schlafzyklen verschöben sich im Laufe des Heranwachsens. Während jüngere Kinder im Schnitt von 21 Uhr bis 7 Uhr morgens schliefen, dauere die Schlafphase bei vielen Teenagern eher von Mitternacht bis 9 Uhr morgens. Wer zu früh geweckt werde, verpasse einen ganz wesentlichen Teil seines Schlafs: "Und Schlaf ist nun mal Voraussetzung für die Konsolidierung des Gelernten." Nicht jeder Jugend-Experte auf der Insel akzeptiert das Argument rein biologischer Prozesse. Das "Nachteulen-Syndrom" bei Jugendlichen wird oft auch mit den Lebensgewohnheiten in Zusammenhang gebracht: Einer Umfrage der BBC zufolge beschäftigen sich heutzutage schon Zehn- und Elfjährige bis spät in die Nacht hinein mit ihrem Mobiltelefon, spielen Videospiele oder sehen fern. Jedes vierte Kind erklärte, dass es erst um zehn Uhr oder noch später ins Bett gehe. Und jedes zweite klagte über zu wenig Schlaf.

Was auch immer die Ursache des Schlafmangels ist: Einen positiven Effekt hat der spätere Schulbeginn in Tyneside offenbar gehabt. Am Unterrichtsangebot selbst, erklärt Paul Kelley, habe sich nichts Wesentliches geändert. Statt von 9 Uhr bis 15 Uhr werden die Schüler der Monkseaton High School von 10 Uhr bis 15.40 Uhr unterrichtet. Die Mittagspause ist ein wenig verkürzt worden. Und zur Schule gebracht werden können die Jüngeren noch immer von 8 Uhr an – damit berufstätige Eltern rechtzeitig zur Arbeit kommen.

Schüler, die erst um 10 Uhr anrücken müssen, haben freilich in Kelleys Urteil eine bessere Chance zur Entwicklung: "Wir können diesen Kindern helfen, leichter zu lernen. Allein durch unsere Stundenplan-Reform vermindern wir für sie den Stress-Faktor." In seiner Schule habe sich, wie man jetzt sehe, das Experiment bewährt. "Jetzt liegt es an den Schulen und Hochschulen anderswo im Land, etwas in dieser Richtung zu unternehmen." 


Nota.
In Deutschland wäre das natürlich nicht möglich - weil das spätere Aufstehen der Kinder frauenfeindlich ist.
J. E.