aus FAZ.NET, 29. 9. 2011
Das verletzliche Gehirn der Heranwachsenden
Weltweit diskutieren Wissenschaftler die verletzliche Psyche von Teenagern und „Twentysomethings“ - denn Studien zufolge steigt die Zahl der psychischen Störungen nach der Pubertät noch einmal deutlich an. Auch aus Deutschland gibt es neue Daten.
Von Christina Hucklenbroich
Die Forschungsobjekte bilden Schlangen vor dem Passbildautomaten im Foyer, sie trinken Latte Macchiato im Innenhof der Cafeteria und hocken mit Notebook auf dem Schoß vor Seminarräumen. Wer Mitte September den internationalen Kongress für Adoleszenzpsychiatrie an der TU Berlin besuchte, bekam den Eindruck, dass die Wissenschaftler sich hier mitten unter die zu Erforschenden begeben hatten. Denn längst verbinden Mediziner und Psychologen mit „Adoleszenz“ nicht mehr nur die Jahre der Pubertät. Der Begriff hat sich in den vergangenen Jahren erweitert und schließt jetzt auch die Gruppe ein, der man im Berliner Hörsaalgebäude begegnet: die Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen.
Die Hirnentwicklung dauert länger als gedacht
Eigentlich beziehe man inzwischen sogar die „Endzwanziger“ mit ein, sagt Annette Streeck-Fischer, die Vorsitzende der International Society für Adolescent Psychiatry and Psychology (ISAPP), die den Kongress ausrichtete. „In der Vergangenheit hat die Forschung die Veränderungen unterschätzt, denen das Gehirn noch nach der Pubertät ausgesetzt ist“, sagt Streeck-Fischer. „Man glaubte, mit zwölf Jahren sei die Hirnentwicklung zu Ende. Jetzt weiß man, dass die Myelinisierung in den frontalen Bereichen erst mit 22 bis 23 Jahren abgeschlossen ist.“
In Berlin war es der Part von Jay Giedd, über diese Erkenntnisse der Hirnforschung aufzuklären. Der Psychiater vom „National Institute of Mental Health“ in Bethesda hat seit 1991 mehr als achttausend Hirn-Scans von dreitausend Jugendlichen angefertigt. Giedd konnte nicht nur zeigen, dass die Myelinisierung, die Umhüllung der Nervenfasern mit Gliazellen, erst später als gedacht ihr Ende erreicht. Er demonstrierte auch die Volumenveränderungen der grauen Substanz: Sie beschreibt bis zum 22. Lebensjahr eine Kurve, die einem umgedrehten U gleicht, was einer anfänglichen Überproduktion entspricht und dann einer selektive Elimination zugunsten einer größeren Vernetzung.
Inzwischen spricht man von „Emerging Adulthood“
Evolutionär betrachtet, gebe es gute Gründe für diese Flexibilisierung von Nervenzellmaterial, sagte Giedd. Diskutiert werde etwa, dass so die Trennung von der Ursprungsfamilie erleichtert wird. Die Umbauphase mit ihrer enormen Plastizität, erklärte Giedd, zöge auch die Verhaltensweisen nach sich, die das Jugendalter zu einer unruhigen und gefährlichen Zeit werden lassen: Risikoverhalten, Lust an starken Gefühlen, kompromisslose Orientierung an Gleichaltrigen.
Zum Thema
Mit seinem Vortrag gab Giedd den Schwerpunkt des Kongresses vor: Die Vulnerabilität der adoleszenten Psyche über das 18. Lebensjahr hinaus war eins der zentralen Themen. In Amerika existieren inzwischen der Begriff „Emerging Adulthood“ für den Lebensabschnitt zwischen dem Schulabschluss und dem 30. Geburtstag und eine wissenschaftliche Gesellschaft zum Thema, die Society for the Study of Emerging Adulthood (www.ssea.org). Es gibt Gründe für dieses neue Interesse: Eine amerikanische Studie ergab unlängst, dass fast die Hälfte der Neunzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen im Jahr vor der Befragung eine psychiatrische Diagnose erhalten hatte.
Australische „Headspace“-Zentren muten an wie Cafés
In Australien steigt die Prävalenz psychischer Störungen bei den Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen auf 27 Prozent - von zuvor 19 Prozent bei den jüngeren Teenagern, berichtete Patrick McGorry von der University of Melbourne. Der Gipfel der Erkrankungsrate sei kurz nach dem 20. Geburtstag zu verzeichnen. McGorry ist Mitbegründer von „Headspace“, einem Projekt, das Australiens Ruf in der internationalen Psychiatrieszene festigte: Das Land gilt als besonders fortschrittlich im Bereich der Prävention und Früherkennung. Die „Headspace“-Zentren sind über Australien verteilte, wie Cafés gestaltete Anlaufstellen für Jugendliche. Ärzte und Psychologen, aber auch Krankenschwestern und Diätexperten befassen sich hier mit einem weiten Feld von Auffälligkeiten, von Schulproblemen bis zur Früherkennung von Psychosen (www.headspace.org.au).
Den Australiern ist es damit gelungen, Jugendlichen einen entstigmatisierten Zugang zu den Versorgungsstrukturen zu bieten. „100 000 junge Leute wenden sich jedes Jahr an die Headspace-Zentren“, berichtete McGorry. Weltweit setzt man derzeit auf Langzeit-Studien, um mehr über Epidemiologie und Risikofaktoren für psychische Erkrankungen zu erfahren. Frank Verhulst von der Erasmus Universiteit Rotterdam stellte etwa das Prinzip seiner Studie „Generation R“ vor, in die 10 000 Kinder eingebunden sind, die zwischen 2002 und 2006 geboren wurden; die Studie setzt schon während der Schwangerschaft ein und berücksichtigt etwa Ultraschallaufnahmen. Auch aus Deutschland kommen neue Daten. Romuald Brunner vom Uniklinikum Heidelberg stellte die Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe“ (kurz „Seyle“) vor, die derzeit in zehn europäischen Ländern und Israel läuft; in jedem Land nehmen etwa tausend Vierzehn- bis Sechzehnjährige teil.
Welche Präventionsstrategien sind in Europa sinnvoll?
Untersucht werden Möglichkeiten der Prävention riskanter und selbstschädigender Verhaltensweisen. In Deutschland konnte Brunner 26 Schulen aus Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis für die Teilnahme gewinnen. Die Jugendlichen wurden nach einer Eingangserhebung zufällig auf vier Programme aufgeteilt: Eine Minimalintervention, bei der Poster in der Klasse aufgehängt und Visitenkarten verteilt wurden, ein Lehrertraining, ein Schülertraining in den Klassen und Beratungstermine für gefährdete Schüler bei Therapeuten.
Immerhin 31 Prozent der Mädchen und knapp zehn Prozent der Jungen berichteten in der Eingangserhebung über Depressivität. 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen gaben an, sich in ihrem Leben mindestens dreimal selbst verletzt zu haben, die Arten reichten von Ritzen bis zum Brennen. Schon jetzt sind große Unterschiede zwischen den Ländern erkennbar: Während sich in Deutschland und Frankreich besonders viele Jugendliche selbst verletzen, sind die Zahlen in Rumänien mit knapp zwei Prozent oder Italien mit drei Prozent gering. Derzeit befindet man sich noch in der Datenauswertung. „Bis jetzt sehen wir vor allem geschlechtsbezogene Unterschiede und können sagen, dass durch die Intervention suizidales Verhalten abnimmt“, sagt Brunner. Anfang 2012 sollen die Ergebnisse bekanntgegeben werden. Man hofft, dann eine Präventionsstrategie zu finden, die sich für europäische Verhältnisse eignet.











