aus NZZ, 11. 6. 2011
Erfolgreiche Mädchen, benachteiligte Buben?
Auf der Suche nach den Gründen für die Geschlechterunterschiede bei den Schulleistungen
Die schwächeren Schulleistungen von Buben hängen mit einem traditionellen Rollenverständnis der Geschlechter zusammen, wie ein Forschungsprojekt zeigt.
Von Elisabeth Grünewald-Huber
Die Schlagzeilen zu den schwächeren Schulleistungen der Buben im Vergleich zu den Mädchen reissen nicht ab: «Arme Jungs!», «Das benachteiligte Geschlecht», «Buben kämpfen - Mädchen denken», «Dreissig Jahre Mädchenförderung in der Schule zeigen Resultate» oder «War against boys». In der Presse, aber auch in der allgemeinen Wahrnehmung wird häufig vermutet, dass Knaben in einer verweiblichten Schulkultur benachteiligt sind und deshalb tiefere Leistungen erbringen.
Männer überholen später
Zieht man die Bildungsstatistik und -forschung heran, lässt sich diese Sicht nicht halten. Zum einen lässt sich in Studien kein Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Lehrpersonen und dem durch- schnittlich geringeren Schulerfolg der Buben belegen. Zum anderen schneiden Buben laut Bundesamt für Statistik zwar in den Pisa-Tests und bis Ende der obligatorischen Schulzeit schlechter ab als Mädchen, schliessen danach aber rasch zu den jungen Frauen auf und überholen sie oft.
So gibt es nur bei den Maturitäten und seit kurzem bei den Bachelorabschlüssen eine Frauenmehrheit, bei den Berufsmaturitäten und den übrigen Hochschulabschlüssen (Master, Doktorate) sowie den Meisterdiplomen sind Männer in der Mehrzahl. Auch haben Frauen eine kürzere Gesamtausbildung und sind bei den Personen ohne nachobligatorische Ausbildung dreimal stärker vertreten als Männer.
Was die Schulleistungen angeht, zeigt ein Blick in die Geschichte, dass Buben schon schlechter abschnitten, als noch mehrheitlich Männer unterrichteten. Die besseren Noten der Mädchen wurden damals mit der Lehrermehrheit begründet. Die Unterrichtsstile von männlichen und weiblichen Lehrpersonen unterscheiden sich nicht grundsätzlich, und Lehrerinnen benoten Schüler nicht strenger als Lehrer. Die Gründe für die tieferen Leistungen der Buben sind deshalb anderswo zu suchen.
Die Frauen haben in der Schweiz bildungsmässig stark aufgeholt, jedoch die Männer nicht überholt. Nie zuvor war die Ausbildung von Männern und Frauen so gleichwertig wie heute - von hartnäckigen Unterschieden bei der Berufs- und Studienwahl abgesehen. Erstmals eröffnen sich für Frauen adäquate Laufbahnchancen, was erklären könnte, warum die Diskussion um geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede gerade jetzt so engagiert geführt wird.
Eine Studie der Pädagogischen Hochschule und der Universität Bern ging der Frage nach den Faktoren nach, die zu höheren oder tieferen Schulleistungen führen, und untersuchte dabei auch die Geschlechterbilder der untersuchten Jugendlichen aus 50 achten Klassen aller Niveaus. Für die Untersuchung wurden ein standardisierter Fragebogen eingesetzt (872 Schülerinnen und Schüler), 16 Klassengespräche in männlichen und weiblichen Halbklassen geführt und 16 Unterrichtslektionen videografiert.
Die Ergebnisse bestätigten einige bisherige Befunde. So wirken sich die familiäre Herkunft, die Lernmotivation, die Schuleinstellung der Gleichaltrigen und die Freizeitgestaltung auf die Schulleistungen aus. In diesen Punkten wiesen die befragten männlichen Jugendlichen durchwegs ungünstigere Werte auf: Sie sind stärker extrinsisch motiviert (Lernen nicht aus Interesse, sondern um später viel zu verdienen), haben öfter Peers, die der Schule gegenüber negativ eingestellt sind, und verbringen ihre Freizeit häufiger mit Gamen am Computer.
Weitgehend neu ist der Befund, dass Schülerinnen und Schüler mit traditionellen Vorstellungen über die Geschlechterrollen schulisch deutlich schlechter abschneiden als solche mit egalitären Geschlechterbildern.
Eine Doppelorientierung auf Beruf und Familie wirkt sich offensichtlich positiv auf die Schulleistungen aus, wie auch die Shell-Jugendstudie von 2007 festhält: «Den Grundstein zu ihrem Erfolg legen (Mädchen) in ihrer Einstellung zu Familie und Beruf. Hier plädieren sie weit entschiedener als die männlichen Jugendlichen für eine Verbindung dieser beiden Lebenssphären und setzen sich damit für eine aktive Gestaltung ihres Lebensalltags ein.»
In der Berner Studie waren egalitäre Geschlechterkonzepte bei den Mädchen und auf den höheren Schulniveaus (Gymnasium, Sekundarstufe) weit häufiger als bei den männlichen Jugendlichen und auf der Realstufe. Während Gymnasiasten davon ausgehen, später mit berufstätigen Partnerinnen zu leben, nehmen Realschüler an, dass sich die traditionelle Rollenteilung «von selbst ergeben wird», da sich Frauen naturgemäss besser für Kindererziehung eigneten. Es gibt also grosse Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppen. Hinsichtlich der Frage einer möglichen Benachteiligung eines Geschlechts durch die Lehrpersonen sind die Studienergebnisse widersprüchlich: Einem subjektiv geäusserten Eindruck von Benachteiligung eines Teils der befragten männlichen Jugendlichen stehen die Videoaufzeichnungen gegenüber, in welchen sich keine Diskriminierung der Betreffenden beobachten liess. Die Videoanalysen weisen sogar auf eine Bevorzugung der männlichen Jugendlichen hin. Diese nehmen durchwegs aktiver am Unterricht teil als Mädchen. Sie melden sich öfter, werden von den Lehrpersonen öfter aufgerufen und erhalten öfter als Mädchen Rückmeldungen auf ihre Unterrichtsbeiträge.
Kumulierte Wirkung
Die durchschnittlich tieferen Leistungen der männlichen Jugendlichen haben also mehrere Gründe mit kumulativer Wirkung: mangelnde Lernmotivation, negative Einflüsse durch Gleichaltrige und eine einseitige Freizeitgestaltung bei einem geringeren Einsatz für Schularbeiten. Sehr ungünstig wirken sich für männliche Jugendliche traditionelle Rollenbilder aus. Diese sind bei ihnen nicht nur häufiger und stärker ausgeprägt, sondern gehen bei ihnen auch mit unangepasstem Verhalten im Unterricht einher, was sich nochmals leistungssenkend auswirkt. Offenbar nutzen männliche Jugendliche mit traditionellen Geschlechterbildern das Klassenzimmer als Bühne, um ihre Männlichkeit darzustellen und einzuüben. Das schadet zwar kurzfristig ihren Leistungen in der Schule, aber mit Blick auf die Berufswelt können Mut zum Risiko, gleichmütiges Einstecken von Kritik und Geübtheit im Ausreizen von Grenzen durchaus von Nutzen sein.
Wirksame Verbesserungen werden möglich, wenn man männliche Jugendliche nicht zu passiven Opfern einer ungerechten Schule erklärt, sondern sie darin unterstützt, aus dem Widerspruch zwischen Männlichkeit und Schule herauszufinden. Dazu braucht es Anstrengungen aller Beteiligten. Es gilt, die Jugendlichen fit zu machen für die neuen gesellschaftlichen Realitäten.
Elisabeth Grünewald-Huber ist als Dozentin und Forscherin an der Pädagogischen Hochschule Bern tätig und leitet zusammen mit Andreas Hadjar, Universität Luxemburg (bis 2010 Universität Bern), das beschriebene Projekt (www.faulejungs.ch).
Nota.
'Lernen nicht aus Interesse'? Lernen in der Schule nicht aus Interesse. Aber wie ist es mit Computern, Flugzeugmodellen oder Fußball?
'Haben häufig Peers, die der Schule gegenüber negativ eingestellt sind'? Kunststück! Das sind ja auch Jungen.
'Überholen später'? Jungen bleiben gottlob länger kindlich als Mädchen.
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Es ist die schulische Institution selber, die nicht für Jungen geeignet ist. Stille sitzen und nur reden, wenn man gefragt ist - und dann plätschern wie ein Bächlein - ist ihre Sache nicht. Ist es nie gewesen. Das war schon so, als das Lehrpersonal noch vorwiegend aus Männern bestand: Wer den Lehrerberuf ergriffen hat, kann ipso facto nicht die männlichen Eigenschaften an seinen Schülern schätzen, sondern nur die weiblichen; und wird den Mädchen schon damals bessere Zensuren gegeben haben als den Jungen. Man wird ergänzen dürfen: Wer den Lehrerberuf ergreift, wird auch an sich selbst die männlichen Eigenschaften weniger schätzen als die weiblichen. Damals wie heute. Da gibt es gar keine Mysterien. Die Jungen müssen der schulischen Condition erst einmal entronnen sein, ehe sie "überholen" können, weil sie dürfen.
Das wirft kein gutes Licht auf den pp. Bologna-Prozess!
Nota II.
Was das mit Bologna zu tun habe, wurde ich gefragt. Ganz einfach: Der "Bologna-Prozess" verschult die Universitäten und verlängert die Condition, wo die Jungen nicht überholen dürfen.
Richtet euch schon mal darauf ein, dass es bald heißen wird, die Studenten würden inzwischen von den Studentinnen überrundet...
J. E.