Donnerstag, 30. Juni 2011

Kinder außer Atem.

10. Mai 2010, Neue Zürcher Zeitung

Wie die Temposteigerung in der heutigen Gesellschaft die Lebenswelten der Heranwachsenden verändert

In der heutigen beschleunigten Gesellschaft haben nicht nur Erwachsene einen vollen Terminkalender. Auch der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist komplex und reich befrachtet. Sie kommen jedoch erstaunlich gut damit zurecht.

Von Urs Hafner

Kinder wollen erwachsen werden. Doch das ist nicht unbedingt einfach. Als Säuglinge sind sie zunächst auf die Hilfe der Erwachsenen angewiesen. In der Pubertäts- und Adoleszenzphase dann haben die Jugendlichen keine andere Wahl, als die von ihnen Dankbarkeit erwartenden Eltern abzulehnen – anders können sie nicht selbständig werden, um später an die Stelle der Älteren zu treten. Und als Erwachsene schliesslich wollen sie wieder jung werden. 

Etablierung der Kindheit 

Die Generationenabfolge ist ein diffiziler Vorgang. Angestossen von bürgerlichen Philanthropen, bereiten die westlichen Gesellschaften die Kinder seit rund zweihundert Jahren auf das Erwachsenwerden vor, indem sie ihnen den pädagogischen Sonderraum der «Kindheit» zur Verfügung stellen. Bis ins 19. Jahrhundert lebte die grosse Mehrheit der Kinder wie Erwachsene. Kaum konnten sie gehen, wurden sie wie diese gekleidet, assen deren Speisen und mussten arbeitend zur Subsistenz der Familie beitragen. Mit der Etablierung der Kindheit ist das anders geworden. Heute vergnügen sich Kinder und Jugendliche in der Freizeit mit altersgerechtem Spielzeug, tragen farbenfrohe Kleider und lernen in der Schule viele nützliche Dinge für ein eigenständiges Leben. Die Uno-Kinderrechtskonvention von 1989 verbrieft den Anspruch der Kinder auf die Grundrechte.

Wie aber werden Kinder in einer stark beschleunigten Gesellschaft erwachsen? Denn in einer solchen leben wir heute. Auch wenn die Erwachsenen prinzipiell dazu neigen, ihre Vergangenheit zu einer besseren und tiefgründigeren Zeit hochzustilisieren, als es die von den undankbaren Nachkommen geprägte Gegenwart ist – der Beschleunigungsvorgang, der die Gesellschaften mit der industriellen Revolution erfasst hat und seither in immer höheren Kadenzen erschüttert, ist beispiellos. Philosophen und Kulturwissenschafter konstatieren die Schrumpfung der Gegenwart (Hermann Lübbe), die Verflüssigung der Moderne (Zygmunt Bauman), den flexiblen Menschen (Richard Sennett). Und wir versuchen allabendlich, uns präventiv zu entspannen, bevor wir die Termine des nächsten Tages ordnen und nicht zu spät schlafen gehen. 

Druck und Tempo 

Die Temposteigerung tangiert auch die Kinder. Der Sonderraum der Kindheit existiert oftmals nur mehr in den Köpfen der Erwachsenen; in der Realität kolonialisieren sie diesen mit ihren Ansprüchen. Beispielhaft für diesen Vorgang steht die Uno-Kinderrechtskonvention: Die Rechte, die gewiss keinem Kind vorzuenthalten sind, verdecken die damit verbundenen Pflichten. An ihnen mangelt es nicht. Kaum ist eine Frau schwanger, muss die Gesundheit des Embryos nachgewiesen werden; noch bevor das Kind geboren ist, soll es sich den positiven Einflüssen von schöner Musik und fremden Sprachen öffnen. In der Spielgruppe dann wartet die Frühförderung, in der Schule die Sonderförderung und Nachhilfestunden. Der Leistungsdruck nimmt durch die Standardisierung der Volksschule noch zu, auch wenn die Transparenz des Schulsystems im Interesse der schwächeren Schüler angestrebt wird. Der Druck, sagen die Eltern, sei notwendig, damit die Kinder in der globalisierten Welt den Anschluss nicht verlören; denn wer sich nicht frühzeitig für das Arbeitsleben qualifiziere, disqualifiziere sich selbst.
In der immer schneller sich wandelnden Gesellschaft sind auch die Kinder und Jugendlichen ausser Atem. Auch sie sind gezwungen, eine Agenda zu führen, wenn sie ihren Alltag im Griff haben wollen – eine noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbare Entwicklung. Neben der Schule und den Nachhilfestunden sollen sie sich Hobbys widmen, die für eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung unabdingbar sind: Musik, Sport, Tanz. Schliesslich sind auch die in den Internetforen sich multiplizierenden Sozialkontakte zu pflegen. Kinder und Jugendliche eilen von Termin zu Termin und wechseln dabei permanent Zeit und Raum. Dazwischen reicht es für eine kleine Mahlzeit, ein paar Kurzgespräche per Mobiltelefon, den Lieblingssong auf dem Kopfhörer.

Welche Folgen die beschleunigte Lebensweise für Kinder und Jugendliche hat, ist wenig erforscht. Die steigende Anzahl von Schulabbrüchen und Schulverweigerern sowie das gehäufte Auftreten des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms deuten darauf hin, dass vor allem Jugendliche aus bildungsfernen Milieus mit dem hohen Tempo – immer mehr Schulstoff in immer weniger Zeit – nicht zurechtkommen. Viele Kinder und Jugendliche empfänden eine Abneigung dagegen, «in der jeweiligen Gegenwart zu absolvieren, was schon in der Vergangenheit als Zukunft vorgezeichnet worden ist», sagt die Berliner Soziologin Helga Zeiher. Sie fühlten sich im straffen Zeitprogramm unter Druck.

Zahlreiche Kinder aber hätten sich an die Komplexität ihres Alltags gewöhnt und bewältigten den «Wechsel zwischen den Zeiten und den realen und virtuellen Welten» erstaunlich gut, sagt Helga Zeiher. So nutzten sie Transportzeiten nicht selten für eine intensive Kommunikation mit den Eltern. Probleme bereite es den Kindern jedoch, wenn die einmal etablierten Handlungsabläufe «von aussen unterbrochen oder abgebrochen werden». Dagegen wehrten sie sich. 

Entwertung des Alters 

Die Erwachsenen besetzen den Sonderraum der Kindheit auch indirekt, indem sie ihr eigenes Bestes wollen. Die Beschleunigung der Gesellschaft entwertet das Alter und die mit ihm verbundenen Attribute – Bewahrenwollen, Bedächtigkeit, Langsamkeit. Viele Erwachsene betreiben denn auch einen anstrengenden Jugendlichkeitskult. Mit plastischer Chirurgie bekämpfen sie die Spuren, welche die Zeit an ihrem Körper zurücklässt, mit bunten Kleidern und Turnschuhen demonstrieren sie ihre Agilität, mit dem Hören der gerade angesagten Musik ihre Zeitgemässheit. Sie holen sich die Zeit, wo immer sie welche auftreiben können – auch bei ihren Kindern. Die Erwachsenen annektierten die Zeit der Nachkommen, sagt die Sozialwissenschafterin Vera King (siehe Interview).

Indem Erwachsene wie Jugendliche sein wollen, verwischen sie die Grenzen zwischen den Generationen. Wenn die Heranwachsenden sich aber nicht mehr von den Eltern abgrenzen können, verlieren sie ihre Welt, deren sie bedürfen, um erwachsen zu werden.




Interview:

«Zeit ist die Grundlage der sorgenden Beziehungen zwischen den Generationen»
Die Sozialwissenschafterin Vera King über den unstillbaren Zeithunger der Erwachsenen

Die Hamburger Sozialwissenschafterin Vera King sieht im Jugendlichkeitskult eine Abwehr der Vergänglichkeit. Für eine authentische Generationenbeziehung müssten die Erwachsenen mehr Zeit aufwenden.

 Interview: Urs Hafner

 Heute trimmen sich auffallend viele Erwachsene auf Jugendlich. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen? 

Oft wehren die Erwachsenen, die sich forciert am jugendlichen Lebensstil ausrichten, die Begrenztheit der eigenen Lebenszeit ab. Wer an der Illusion des Jungseins festhält, versucht den Schmerz über das näherrückende Ende fernzuhalten. Das ist eine kompensatorische Strategie: In der beschleunigten und säkularisierten Gesellschaft verändert sich das Verhältnis zur Sterblichkeit, die religiösen Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod verlieren an Bedeutung. 

Die forcierte Jugendlichkeit der Erwachsenen ist also nicht durch ein Interesse an den Jugendlichen motiviert?

 Im Gegenteil: Sie ist Ausdruck dafür, dass die Erwachsenen mit den Heranwachsenden unterschwellig um Raum und Zeit rivalisieren. Sie versuchen, immer mehr Erleben in der eigenen Lebenszeit unterzubringen – mit der Folge, dass sie sich ständig auf Neues einstellen müssen. In der flexiblen Jugendlichkeit, die heute zu einem sozialen Zwang wird, kommt eine so illusionäre wie egozentrische Haltung zum Ausdruck. Kaum scheint das Kind gross genug, sagen die Eltern: Jetzt bin ich dran, jetzt realisiere ich endlich meine Projekte. Dabei ist der Jugendliche noch gar nicht so weit. Das Nest ist schon leer, bevor er es verlassen will. Aber auch wenn die Erwachsenen permanent mit Arbeit, Weiterbildung, Haushalt oder ihren Wünschen beschäftigt sind, fehlt den Kindern die Zeit, die für das Eltern-Kind-Verhältnis so wichtig wäre. 

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in der Schule, wo sie im Zentrum stehen. 

Auch im Bildungssystem gibt es eine Tendenz zur Beschleunigung. Der Druck auf die Heranwachsenden steigt, ihre Zeit effektiv und kontrolliert zu gestalten. Dass sie in ihrem Bildungsprozess und beim Verarbeiten von Erfahrungen einer eigenen Zeitlogik folgen, wird zunehmend als dysfunktional bewertet. Die Erwachsenen sagen gleichsam: Über deine Zeit bestimmen wir. 

Wie sieht denn ein zeitökonomisch ausgeglichenes Generationenverhältnis aus? 

Das Gewähren von Zeit ist auch eine Gabe, eine Hingabe. Zeit ist die Grundlage der Liebe, der Freundschaft und der sorgenden Beziehungen zwischen den Generationen. Die Gabe Zeit würde auch die Erwachsenen bereichern. Sie würde es ihnen ermöglichen, sich mit der Zukunft der Nachkommen zu identifizieren, die über ihre Lebenszeit hinausreicht. Und die Jugendlichen erhielten Zeit, um die Bindung zu den Eltern aufzubauen, die für eine erfolgreiche Abgrenzung nötig ist. Sie bedürfen länger einer unaufdringlichen Begleitung durch die Eltern, als man meint. 

Ist Ihre Analyse ein verstecktes Plädoyer für die Vorzüge eines konservativen Familienmodells? 

Nein, das Zurück zu dem Modell, wonach vorwiegend die Mutter Zeit für die Erziehung aufbringt, erachte ich weder als sinnvoll noch als realistisch. Unter den veränderten Geschlechterverhältnissen sollten Männer und Frauen die Zeiten für Beruf, Elternschaft und Liebe partnerschaftlich neu gestalten. Noch immer haben die Möglichkeiten, über Zeit zu verfügen, mit ungleichen Chancen und mit Machtpositionen zu tun. Je nach sozialem Milieu herrschen unterschiedliche Zeitzwänge.

Schwindet die Wahrscheinlichkeit, dass Junge gegen die Älteren rebellieren, wenn diese den gleichen Lebensstil anstreben? 

Dass die Jugend das Neue in die Welt bringen soll, ist eine Vorstellung, die unter den Bedingungen der beschleunigten Moderne nur bedingt gültig ist. Heute verändert sich innerhalb weniger Jahre so viel, dass man viele Aspekte des Wandels nicht einfach einer Generation zuschreiben kann. Bei einigen Jugendlichen lässt sich eine konservative Reaktion im Sinne des Erhaltens des Bestehenden beobachten. Begreiflicherweise wollen sie stehen bleiben, wenn die Erwachsenen immer schon einen Schritt voraus sind. 

Wie wirkt sich der Zeithunger der Erwachsenen aus? 

Der Anstieg von Depressionen ist ein Indiz dafür, dass viele Menschen, zunehmend auch jüngere, durch die Mobilitäts- und Flexibilitätszwänge überfordert sind. Depressivität kann auch aus Ablösungsproblemen resultieren – wenn das Generationen-Gegenüber fehlt, von dem sich Jugendliche abgrenzen könnten.
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Montag, 27. Juni 2011

«Bildkompetenzen» – Schlüsselqualifikationen unserer Zeit


aus: Neue Zürcher Zeitung, 31. 3. 2010

 

Was das Schulfach Bild und Kunst auch zu leisten vermag



Von Edith Glaser-Henzer


Bereits in früher Kindheit werden im spielerischen Umgang mit Dingen, bei dem alle Sinne mitbeteiligt sind, äussere Handlungen so verinnerlicht, dass sie im Gedächtnis auch als Vorstellung haftenbleiben. Damit wird eine Grundlage für produktive Phantasie und bildhaftes, anschauliches Denken gelegt, die es erlaubt, Handlungen und Situationen in innerer Schau zu planen und vorauszusehen. Anknüpfend an solche frühkindlichen Formen, bilden sich Heranwachsende im lustvollen Zusammenspiel von Wahrnehmen, bildnerischem Gestalten und Denken Vorstellungen von Phänomenen – und entwickeln so eine Beziehung zu ihrer erlebten Umwelt.


Mentale Bilder als Material


In der Schule wird die Ausbildung dieses produktiven Vorstellungsvermögens unterstützt, indem die Lernenden dazu angeregt werden, mentale Bilder zu präzisieren, zu erweitern und in neuer Weise miteinander zu kombinieren. Beim kreativen Gestalten kann dann aus einer reichhaltigen Vorratskammer an Vorstellungen geschöpft werden. Auch beim Lesen wird auf diese zurückgegriffen, wenn es gilt, aufgrund von Gedanken, Bildern und Erinnerungen die Bedeutung zu erfassen. Sich ein Bild von der Welt zu machen oder etwas in der Vorstellung vorwegzunehmen, sind menschliche Grundfähigkeiten. Ihre Entwicklung ist Voraussetzung für spätere kreative, kulturelle, wissenschaftliche und technische Leistungen.


Der amerikanische Kognitionspsychologe Howard Gardner stellt in seinem Konzept der multiplen Intelligenzen räumliche Intelligenz als eine von mindestens sieben Formen vor. Wahrnehmung, Vorstellungsvermögen und Erzeugen von Bildern sieht er als Fähigkeiten der räumlichen Intelligenz. Zur Förderung dieser Fähigkeiten wurden für Schulen Lernumgebungen entwickelt (www.kunstunterricht-projekt.ch). Sie liefern aufeinander abgestimmte Aufgaben, die komplex und anregend sind, so dass Schwache wie auch sehr Begabte in heterogenen Schulklassen wirksam gefördert werden können.




Die Macht der Bilder


Bilder haben in unserer Zivilisation eine zentrale kommunikative Funktion. Analog zur englischen Wortsprache ist die Bildsprache zu einer Lingua franca unserer Zeit geworden, die weltweite Kommunikation ermöglicht. Bilder verschiedenster Arten sind omnipräsent, in unserem Berufs- und Konsumalltag, in den Medien, in den Schulen, in Wissenschaft und Kunst. Die Macht der Bilder ist nicht zu unterschätzen, denn bewusst und unbewusst wirken sie auf uns ein, verführen uns oder bewirken, dass wir Gewohntes neu sehen, etwas intuitiv erkennen, etwas verstehen. Unablässig sortieren und filtern wir Bilder; wir entscheiden uns, sie genauer zu betrachten oder sie abzuwehren. Bilder wurden und werden als Machtinstrument eingesetzt. Mit den heutigen Möglichkeiten, Bilder global zu kommunizieren, hat sich ihre Wirkungskraft enorm gesteigert. Wer über Bilder verfügt, kann verantwortungsvoll informieren oder desinformieren, Emotionen schüren und lenken.


Unser Verständnis von der Welt wird geprägt durch verschiedene Arten von Bildern: durch mentale Bilder, die wir in Form von Vorstellungen, Erinnerungen und Projektionen in uns tragen und die unsere Sicht der Dinge mitbestimmen; durch Bilder in den Medien, die unterschiedliche Botschaften transportieren; durch Bilder, die Wissen, das in unserer Gesellschaft vorhanden ist, repräsentieren, sowie durch Bilder aus der Kunst, die uns dazu anregen, einen anderen Blick auf die Welt zu werfen und dabei neue Einsichten zu gewinnen.


Eine der wichtigsten Lernaufgaben ist darum das Lesen und Schreiben der Symbolsysteme einer Kultur, d. h. der Wortsprache, der Bilder, der Musik, der Mathematik. Kinder und Jugendliche, die in unserem Kulturkreis aufwachsen, sind früh vertraut im Umgang mit Bildern. Dennoch verfügen sie oft nur über ein ungenügendes Instrumentarium, mit dem sie die Überfülle an visuellen Reizen verarbeiten können. Sie werden konfrontiert mit Zeichen und Symbolen, mit Bildern, auch bewegten, mit manipulierenden und spielbaren Bildwelten. Das Beobachten und das verstehende Sehen können entwickelt, das bildhafte Denken, das Lesen und Herstellen von Bildern erlernt und geübt werden. Im Wechsel von eigener Praxis und Reflexion wird Bildkompetenz («visual literacy») entwickelt.




Multimediale Welten


Bilder werden auf allen Schulstufen auch zum Lehren und Lernen genutzt. Ein kompetenter Umgang mit bildhafter Information ist grundlegend in vielen Berufsfeldern. Dass Bilder dazu geeignet sind, Wissen zu transportieren und zu generieren, wird heute kaum mehr bezweifelt. In den letzten zwanzig Jahren hat das Bild in verschiedenen Wissenschaftsgebieten, in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft und im Alltagsleben enorm an Bedeutung gewonnen. Neue Technologien und Kommunikationsarten haben unsere Erfahrung und unser Bewusstsein verändert. Bilder sind nicht mehr – wie im Mittelalter – gedacht für Ungebildete, des Lesens Unkundige, sondern sind Instrumente im Erkenntnisprozess und vermögen eine Funktion zu übernehmen, die andere Methoden und Medien nicht ersetzen können.

Die multimedialen Bildwelten der Kunst sind Zeitdokumente, die sichtbar machen, was denkende und empfindende Menschen in unterschiedlichen Ausdrucksmodalitäten erschaffen. Die Mehrdeutigkeit eines Kunstwerkes fordert uns heraus, genau hinzuschauen, Deutungen zu erwägen und Interpretationen am Werk festzumachen. Die Lehrperson versucht eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder und Jugendliche, ohne vorschnell nach gewohnten Erklärungen zu suchen, sich aufmerksam auf ein Kunstwerk einlassen und Beobachtungen mit eigenen Erfahrungen und Empfindungen verbinden. Neuartige, auch ungewohnte, fremde Sehweisen eröffnen neue Perspektiven.


Kunstwerke und künstlerische Verfahren aus allen Kulturen und Zeiten bieten besondere Möglichkeiten, sich handelnd und reflexiv mit Phänomenen, mit Menschen und mit sich selbst auseinanderzusetzen. In langer Tradition sind in der Kunst unterschiedliche bildhafte Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen worden. Kunst bleibt aber nie beim gesicherten Wissen und Können, bei der Konvention stehen, sondern drängt nach Innovation. In diesen Eigenheiten der Kunst, die auch für das entsprechende Schulfach ihre Gültigkeit haben, sind Unschärfen und Unsicherheiten eingeschlossen. Es gibt deshalb keine einfachen Rezepte, wie im Fach Bild und Kunst gelernt und gelehrt werden soll. Vielmehr müssen Lehrpersonen die Prinzipien des Faches nachvollziehen und verstehen können. Fachliche und pädagogische Kompetenz ist selbstverständliche Voraussetzung, um – ohne in beliebigen Aktionismus zu verfallen – ein reichhaltiges Übungsfeld für flexibles und produktiv-kreatives Denken und Handeln anzubieten.


Ästhetische Erfahrung


Motivation, eigenes Handeln und Reflexion sind für das Lernen im Unterricht Bild und Kunst grundlegend. Deshalb arrangiert die Lehrperson Situationen, in denen ästhetische Erfahrungs- und Lernprozesse ausgelöst und begleitet werden können. Der Begriff Ästhetik wird dabei nicht eingeschränkt auf das sogenannt Schöne. Ästhetische Erfahrung wird verstanden als eine besonders intensive und verdichtete Erfahrung, die sowohl im Wahrnehmen von Phänomenen als auch im eigenen Gestalten, im Malen, Zeichnen, Drucken, Fotografieren, Filmen, im Performativen und so weiter gemacht werden kann. An diesem Prozess ist nicht nur der Intellekt, auch nicht nur die Sinne beteiligt, sondern der Mensch mit allen seinen Fähigkeiten. Ästhetische Erfahrung pendelt zwischen subjektiven Interpretationen und Bewertungen einerseits und sachbezogenen, auf Erkenntnis ausgerichteten Feststellungen andererseits. In einer Zeichnung zum Beispiel können Erlebnisse und Wahrnehmungen individuell verarbeitet und persönliche Gefühle und Sichtweisen dargestellt werden. Auch das Phantastische oder das Mögliche findet in Bildern seine Form.


In einer sachorientierten Auseinandersetzung mit einem Phänomen können mit einer Zeichnung Merkmale und Zusammenhänge geklärt und diese auch für andere sichtbar und verständlich gemacht werden. Diese unterschiedlichen Aspekte ästhetischer Erfahrung ermöglichen den Lernenden auf jeder Schulstufe, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen, individuelle Erfahrungen zu machen und sich Wissen über die Welt anzueignen. Zu den Merkmalen ästhetischer Bildung gehört zudem die Fähigkeit, über Wahrnehmungs- und bildnerische Prozesse zu reflektieren, sich ein Urteil zu bilden und dieses auch begründen zu können. Unterricht in Bild und Kunst soll ein Feld sein, in dem Kinder und Jugendliche mit spezifischen Denk- und Handlungsmöglichkeiten vertraut werden, um sich in einer immer komplexer werdenden Welt orientieren und aktiv einbringen zu können.



Edith Glaser-Henzer ist Zeichenlehrerin mit Erfahrung auf allen Stufen und Dozentin für Fachdidaktik bildnerische Gestaltung und Kunst an der PH der Fachhochschule Nordwestschweiz; dort ist sie Initiantin und Co-Leiterin des Forschungsprojektes «Raviko».

Donnerstag, 23. Juni 2011

Eine schwere Kindheit entschuldigt nichts.

aus New York Times, 23. 6. 2011

Bird Study Suggests Effects of Childhood Bullying Don’t Last

The cruel, persistent bullying that older siblings display toward younger ones does not have lifelong consequences — at least among blue-footed boobies, a new study finds. 

Boobies are marine birds that typically lay two eggs that hatch four days apart. During a four-month nesting period, the senior sibling is known to peck and attack its junior sibling incessantly until the younger bird becomes habitually submissive.

Senior chicks end up gaining an advantage in terms of size, strength and motor coordination over their younger siblings.

Younger siblings receive fewer feedings and less fish from parents, and during the first three weeks of life their weight is 11 percent lower. Younger chicks also suffer from elevated levels of stress hormones that are 109 percent higher than in senior chicks in the first 15 to 20 days of life.

Yet all adult boobies seem equally capable of displaying aggression toward intruders approaching their nests, said Oscar Sánchez-Macouzet , an evolutionary biologist at the National Autonomous University of Mexico and the study’s first author.

He and his colleagues report their findings in the journal Biology Letters.

“To our surprise, former junior and senior chicks did not differ in their aggressiveness defending their nests,” he said.

Mr. Sánchez-Macouzet and his co-authors studied adult boobies between the ages of 5 and 13 off the Pacific Coast of Mexico. As adults raised chicks of their own, the researchers presented them with a stand-up cardboard model of an intruder held about 35 inches away.

All boobies, regardless of birth order, instantly responded with aggressive displays.

The study suggests that aggressiveness in vertebrates might not be affected by early childhood bullying, as many biologists and psychologists generally assumed, Mr. Sánchez-Macouzet said. 


Nota.
Ach ja, ich weiß schon, wir sind weder Graugänse noch verstärkte Tauben, und Tölpel sind wir auch nicht alle...
J. E.

Sonntag, 19. Juni 2011

J. G. Fichte über Erziehung.

Fichte


 

Wenn es in der Erziehung von der zartesten Jugend an der Hauptzweck und das bedachte Ziel sein wird, die innere Kraft des Zöglings nur zu entwickeln, nicht aber ihr die Richtung zu geben; wenn man anfangen wird, den Menschen für seinen eigenen Gebrauch, und als Instrument für seinen eigenen Willen, nicht aber als seelenloses Instrument für andere zu bilden, dann wird die Wissenschaftslehre allgemein verständlich und leicht verständlich sein. Bildung des ganzen Menschen von seiner frühesten Jugend an; dies ist der einzige Weg der Verbreitung der Philosophie. Die Erziehung muß sich erst bescheiden, mehr negativ zu sein als positiv; nur Wechselwirkung mit dem Zögling, nicht Einwirkung auf ihn.

Fichte, Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre



Johann Gottlieb Fichte ist zweifellos der berühmteste Unbekannte der Geistesgeschichte. In keinem Kompendium darf er fehlen als einer der Ganz Großen. Da aber kaum noch einer sich die Mühe macht, seine Schriften zu lesen, sind über seine Meinungen und Lehren die wunderlichsten Vermutungen  in Umlauf. Sein Hauptwerk, die in einem Dutzend höchst unterschiedlicher Versionen überlieferte Wissenschaftslehre gehört allerdings auch zum Schwierigsten, was die philosophische Bibliothek zu bieten hat. Und wenn man die nicht versteht, hat man jede Freiheit, seine populäreren Schriften so zu verstehen, wie’s grad gefällt.

Der vom Titel her bekannteste Text Fichtes sind immer noch die Reden an die deutsche Nation, die er 1807 im französisch besetzten Berlin vortrug. Doch nicht einmal der wird noch gelesen. Aber der Titel klingt patriotisch, und so darf man getrost annehmen, es handle sich um eine – wegen des anwesenden Zensuroffiziers verklausulierte – Anstiftung zur nationalen Erhebung. Dass sie das nicht sind, wissen wiederum eher die ihrerseits deutsch und national gesonnenen Zeitgenossen, die sie stattdessen für ein Programm zur patriotischen Jugendertüchtigung halten – wie schon die Deutschvölkischen zu Kaiser Wilhelms Zeiten.

Und so blieb es nicht aus, dass etwelche Naseweise aufgrund dreier aus dem Zusammenhang gerissener Sätze, die sie in der Sekundärliteratur fanden und zu überprüfen nicht nötig hatten, Fichte als einen… Vorläufer der „Pädagogik des deutschen Faschismus“ entlarvten!

Immerhin überraschend bei einem Autor, der sich ausweislich oben vorangestellten Zitats als ein entschiedener Anhänger Rousseaus zu erkennen gab! 

Aber das stammte noch aus der Zeit vor Napoleon, womöglich hat ihn hernach ein nationaler Rappel erfasst?! 

Der Satz , dass „doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt seyn muss, dass auf die Freiheit

des Willens mein ganzes Denken aufgebaut ist“, stammt allerdings bereits aus dem Jahr 1801.

Irgendwas stimmt nicht.

Richtig ist, dass Fichte sich vom Plan einer „nationalen deutschen Lehranstalt“ die Bildung der Deutschen zu einer Nation versprach. Denn zu seiner Zeit, nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs, war Deutschland wirklich nur noch ein geographischer Name. Er geht also davon aus, dass die Deutschen keine Nation sind, von Blut und Boden hatte er noch nie gehört. Eher noch die Sprache der Deutschen schien ihm eine Ressource zu sein, denn sie ist ein – Bildungselement. Tatsächlich versprach er sich die Bildung einer deutschen Nation durch Bildung. Wessen Bildung? Die der eben heranwachsenden Generation. Bildung wozu? Zur Freiheit. Bildung wodurch? Durch gesellige Gemeinschaft, weit weg vom Geschäftslärm der Philisterschaft.


Fichtes Bildungsplan fand hundert Jahre später eine (bescheidene) Realisierung in der deutschen Landschulheim-Bewegung.
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Es folgt ein Auszug aus Fichtes Reden an die deutsche Nation in der Fassung der Sämmtlichen Werke, Hg. I. H. Fichte, [neu:] Berlin 1971, Bd. VII, S. 282-290


Zweite Rede


Vom Wesen der neuen Erziehung im Allgemeinen


…Willst du etwas über ihn [den Menschen] vermögen, so musst du mehr thun, als ihn bloss anreden, du musst ihn machen, ihn also machen, dass er gar nicht anders wollen könne, als du willst, dass er wolle. Es ist
Fichte redetvergebens zu sagen, fliege dem der keine Flügel hat, und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über den Boden emporkommen; aber entwickele, wenn du kannst, seine geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben Üben und kräftig machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr wollen oder können, denn fliegen.
Weiter – der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt; seine Liebe ist der einzige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb seines Wollens und aller seiner Lebensregung und Bewegung. Die bisherige Staatskunst, als selbst Erziehung des gesellschaftlichen Menschen, setzte als sichere und ohne Ausnahme geltende Regel voraus, dass jederman sein eigenes sinnliches Wohlseyn liebe und wolle, und sie knüpfte an diese natürliche Liebe durch Furcht und Hoffnung künstlich den guten Willen, den sie wollte, das Interesse für das gemeine Wesen. Abgerechnet, dass bei dieser Erziehungsweise der äusserlich zum unschädlichen oder brauchbaren Bürger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch bleibt, denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, dass man nur sein sinnliches Wohlseyn liebe, und nur durch Furcht oder Hoffnung für dieses, sey es nun im gegenwärtigen oder in einem künftigen Leben, bewegt werden könne; – dieses abgerechnet, haben wir schon oben ersehen, dass diese Maassregel für uns nicht mehr anwendbar ist, indem Furcht und Hoffnung nicht mehr für uns, sondern gegen uns dienen,** und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise in unseren Vortheil gezogen werden kann.
Die Liebe für das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um seiner Nützlichkeit willen für uns selber, trägt, wie wir schon ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines so innigen Wohlgefallens, dass man dadurch getrieben werde, es in seinem Leben darzustellen. Dieses innige Wohlgefallen also wäre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares Seyn ihres Zöglings hervorbringen müsste; worauf denn dieses Wohlgefallen durch sich selbst den unwandelbar guten Willen desselben Zöglings als nothwendig begründen würde.

Ein Wohlgefallen, das da treibet, einen gewissen Zustand der Dinge, der in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in derselben, setzt voraus ein Bild dieses Zustandes, das vor dem wirklichen Seyn desselben vorher dem Geiste vorschwebt, und jenes zur Ausführung treibende Wohlgefallen auf sich ziehet. Somit setzt dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen werden soll, voraus das Vermögen, selbstthätig dergleichen Bilder, die unabhängig seyen von der Wirklichkeit, und keinesweges Nachbilder derselben, sondern vielmehr Vorbilder, zu entwerfen. 
) Das himmlische Paradies
Jenes Vermögen, Bilder, die keinesweges blosse Nachbilder der Wirklichkeit seyen, sondern die da fähig sind, Vorbilder derselben zu werden, selbstthätig zu entwerfen, wäre das erste, wovon die Bildung des Geschlechtes durch die neue Erziehung ausgehen müsste. Selbstthätig zu entwerfen, habe ich gesagt, und also, dass der Zögling durch eigene Kraft sie sich erzeuge, keinesweges etwa, dass er nur fähig werde, das durch die Erziehung ihm hingegebene Bild leidend aufzufassen, es hinlänglich zu verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen, als ob es nur um das Vorhandenseyn eines solchen Bildes zu thun wäre. 

Der Grund dieser Forderung der eignen Selbstthätigkeit in diesem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das entworfene Bild das thätige Wohlgefallen des Zöglings an sich ziehen. 


Es ist nemlich ganz etwas anderes, sich etwas nur gefallen zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes Gefallenlassen allein höchstens aus einem leidenden Hingeben entstehen kann; wiederum aber etwas anderes, von dem Wohlgefallen an etwas also ergriffen werden, dass dasselbe schöpferisch werde, und alle unsere Kraft zum Bilden anrege. Von dem ersten, das in allewege in der bisherigen Erziehung wohl auch vorkam, sprechen wir nicht, sondern von dem letzten. Dieses letzte Wohlgefallen aber wird allein dadurch angezündet, dass die Selbstthätigkeit des Zöglings zu gleich angereizt und an dem gegebenen Gegenstande ihm offenbar werde, um so dieser Gegenstand nicht bloss für sich, sondern zugleich auch als ein Gegenstand der geistigen Kraftäusserung gefalle, welche letztere unmittelbar, nothwendig und ohne alle Ausnahme wohlgefällt.

Diese im Zöglinge zu entwickelnde Thätigkeit des geistigen Bildens ist ohne Zweifel eine Thätigkeit nach
IkarusRegeln, welche Regeln dem Thätigen kund werden, bis zur Einsicht ihrer einzigen Möglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich selber; also diese Thätigkeit bringt hervor Erkenntniss, und zwar, allgemeiner und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem Puncte aus sich anhebenden freien Fortbilden ist unmöglich, was gegen das Gesetz unternommen wird, und es erfolgt keine That, bis das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch diese freie Fortbildung anfangs von blinden Versuchen ausginge, so müsste sie doch enden mit erweiterter Erkenntniss des Gesetzes. Diese Bildung ist daher in ihrem letzten Erfolge Bildung des Erkenntnissvermögens des Zöglings, und zwar keinesweges die historische an den stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern die höhere und philosophische, an den Gesetzen, nach denen eine solche stehende Beschaffenheit der Dinge nothwendig wird. Der Zögling lernt.

Ich setze hinzu: der Zögling lernt gern und mit Lust, und er mag, so lange die Spannung der Kraft vorhält, gar nichts lieber thun, denn lernen; denn er ist selbstthätig, indem er lernt, und dazu hat er unmittelbar die allerhöchste Lust. Wir haben hieran ein äusseres, theils unmittelbar ins Auge fallendes, theils untrügliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies, dass ohne alle Rücksicht auf die Verschiedenheit der natürlichen Anlagen und ohne alle Ausnahme jedweder Zögling, an den diese Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens selbst willen, und aus keinem anderen Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir haben das Mittel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuzünden, dies, die unmittelbare Selbstthätigkeit des Zöglings anzuregen, und diese zur Grundlage aller Erkenntniss zu machen, also, dass an ihr gelernt werde, was gelernt wird.

Diese eigene Thätigkeit des Zöglings in irgend einem uns bekannten Puncte nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstück der Kunst. Ist dieses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die angeregte von diesem Puncte aus immer im frischen Leben zu erhalten, welches allein durch regelmässiges Fortschreiten möglich ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch Mislingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich angeknüpft wird an die angegebene Wirkungsweise, das ewige und ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der geistigen Natur des Menschen, dass er geistige Thätigkeit unmittelbar anstrebe.

Sollte jemand, durch die gewöhnliche Erfahrung unserer Tage irregeleitet, sogar gegen das Vorhandenseyn eines solchen Grundgesetzes Zweifel hegen, so merken wir für einen solchen zum Ueberflusse an, dass der Mensch von Natur allerdings bloss sinnlich und selbstsüchtig ist, so lange die unmittelbare Noth und das gegenwärtige sinnliche Bedürfniss ihn treibt, und dass er durch kein geistiges Bedürfniss oder irgend eine schonende Rücksicht sich abhalten lässt, dieses zu befriedigen; dass er aber, nachdem nur diesem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten und es sich gegenwärtig zu erhalten, sondern dass er es weit mehr liebt, den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen, was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja dass er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht verschmäht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt für das Zeitliche, damit sein Sinn für das Ewige einigen Spielraum zur Entwickelung erhalte. 


Das letzte wird bewiesen durch die Geschichte aller alten Völker und die mancherlei Beobachtungen undwildes Volk Entdeckungen, die von ihnen auf uns gekommen sind; es wird bewiesen bis auf unsere Tage durch dieBeobachtung der noch übrigen wilden Völker, falls nemlich sie von ihrem Klima nur nicht gar zu stiefmütterlich behandelt werden, und durch die unserer eigenen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimüthige Geständniss unserer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, dass es ein weit verdrüsslicheres Geschäft sey, Namen und Jahreszahlen zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber das zweite thäten, wenn sie sichs erlauben dürften, denn das erste. 

Dass an die Stelle dieses naturgemässen Leichtsinns der schwere Sinn trete, wo leichter Sinnauch dem Gesättigten der künftige Hunger, und die ganzen langen Reihen alles möglichen künftigen Hungers, als das einzige seine Seele füllende, vorschweben, und ihn immerfort stacheln und treiben, wird in unserem Zeitalter durch Kunst bewirkt, beim Knaben durch Züchtigung seines natürlichen Leichtsinnes, beim Manne durch das Bestreben für einen klugen Mann zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zu Theil wird, der jenen Gesichtspunct keinen Augenblick aus den Augen lässt; es ist daher dies keinesweges Natur, auf die wir zu rechnen hätten, sondern ein der widerstrebenden Natur mit Mühe aufgedrungenes Verderben, das da wegfällt, sowie nur jene Mühe nicht mehr angewendet wird.

Diese unmittelbar die geistige Selbstthätigkeit des Zöglings anregende Erziehung erzeugt Erkenntniss, sagten wir oben; und dies giebt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Gegensatze mit der bisherigen noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nemlich und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung regelmässig fortschreitender Geistesthätigkeit. Die Erkenntniss ergiebt sich, wie wir oben gesehen haben, nur nebenbei und als nicht aussenbleibende Folge. Ob es daher nun zwar wohl diese Erkenntniss ist, in welcher allein das Bild für das wirkliche Leben, das die künftige ernstliche Thätigkeit unseres zum Manne gewordenen Zöglings anregen soll, erfasst werden kann; die Erkenntniss daher allerdings ein wesentlicher Bestandtheil der zu erlangenden Bildung ist: so kann man dennoch nicht sagen, dass die neue Erziehung diese Erkenntniss unmittelbar beabsichtige, sondern die Erkenntniss fällt derselben nur zu.

Im Gegentheile beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntniss und ein gewisses Maass eines Erkenntnissstoffes. Ferner ist ein grosser Unterschied zwischen der Art der Erkenntniss, welche der neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntniss der die Möglichkeit aller geistigen Thätigkeit bedingenden Gesetze dieser Thätigkeit. Z. B. wenn der Zögling in freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Thätigkeit desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, dass er mit weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen könne, so ist dieses letztere die nebenbei entstehende Erkenntniss einer zweiten ganz anderen Thätigkeit des das zuerst angeregte freie Vermögen beschränkenden Erkenntnissvermögens. Dieser Erziehung entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft über alle Erfahrung erhabene, übersinnliche, streng nothwendige und allgemeine Erkenntniss, die alle nachher mögliche Erfahrung schon im voraus unter sich befasst.

Dagegen ging der bisherige Unterricht in der Regel nur auf die stehenden Beschaffenheiten der Dinge, wie sie eben, ohne dass man dafür einen Grund angeben könne, seyen, und geglaubt und gemerkt werden müssten; also auf ein bloss leidendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der Dinge stehende Vermögen des Gedächtnisses, wodurch es überhaupt gar nicht zur Ahnung des Geistes, als eines selbstständigen und uranfänglichen Principes der Dinge selber, kommen konnte. Es vermeine die neuereGedächtnis Pädagogik ja nicht, durch die Berufung auf ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Auswendiglernen und auf ihre bekannten Meisterstücke in sokratischer Manier, gegen diesen Vorwurf sich zu decken; denn hierauf hat sie schon längst wo anders den gründlichen Bescheid erhalten, dass diese sokratischen Räsonnements gleichfalls nur mechanisch auswendig gelernt werden, und dass dies ein um so gefährlicheres Auswendiglernen ist, da es dem Zöglinge, der nicht denkt, dennoch den Schein giebt, dass er denken könne; dass dies bei dem Stoffe, den sie zur Entwickelung des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht anders erfolgen konnte, und dass man für diesen Zweck mit einem ganz anderen Stoffe anheben müsse.

Aus dieser Beschaffenheit des bisherigen Unterrichts erhellet, theils warum in der Regel der Zögling bisher ungern, und darum langsam und spärlich lernte, und in Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber fremdartige Antriebe untergelegt werden mussten, theils geht daraus hervor der Grund von bisherigen Ausnahmen von der Regel. Das Gedächtniss, wenn es allein, und ohne irgend einem anderen geistigen Zwecke dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein Leiden des Gemüths, als eine Thätigkeit desselben, und es lässt sich einsehen, dass der Zögling dieses Leiden höchst ungern übernehmen werde.

Auch ist die Bekanntschaft mit ganz fremden und nicht das mindeste Interesse für ihn habenden Dingen und mit ihren Eigenschaften ein schlechter Ersatz für jenes ihm zugefügte Leiden; deswegen musste seine Abneigung durch die Vertröstung auf die künftige Nützlichkeit dieser Erkenntnisse, und dass man nur vermittelst ihrer Brot und Ehre finden könne, und sogar durch unmittelbar gegenwärtige Strafe und Belohnung überwunden werden; – dass somit die Erkenntniss gleich von vornherein als Dienerin des sinnlichen Wohlseyns aufgestellt wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben als bloss unkräftig für Entwicklung einer sittlichen Denkart aufgestellt wurde, um nur an den Zögling zu gelangen, das moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln, und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknüpfen musste.
Gähnen
*) z. B. Heinrich Kupffer, Der Faschismus und das Menschenbild der deutschen Pädagogik, Frankfurt/M 1991
**) [weil sie im besetzten Preußen den französischen Besatzern dienten.]

Freitag, 17. Juni 2011

Wie wirkt Ritalin?

 aus scinexx

Übersteuerung als Dauerzustand

Wie wirken Ritalin und Co im Gehirn?

Sie machen wach, fokussiert oder stärken das Gedächtnis – aber wie? Für klassische Aufputsch-Drogen wie Amphetamine oder Kokain ist der Wirkmechanismus bekannt: Beide erhöhen die Konzentration anregender Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin in den Synapsen des Gehirns. Dort, im Spalt zwischen den einzelnen Gehirnzellen, docken die Neurotransmitter an Rezeptoren auf den Zelloberflächen an. Diese Bindung löst wiederum elektrische Nervenreize aus, die den Körper in einen erhöhten Aktivitätszustand versetzen – den gleichen Effekt hat extreme Angst oder Wut.

Dieser Ausnahmezustand hemmt Signale der körperlichen Erschöpfung oder Müdigkeit, auch Hunger, Durst und andere lebenswichtige Funktionen werden unterdrückt. Biologisch gesehen ist dies durchaus sinnvoll und unter Umständen sogar lebensrettend, denn sämtliche Ressourcen sind dadurch für Muskeln und Gehirn, für Flucht oder Angriff, mobilisiert. Begleitend zu dieser Mobilisierung steigert sich auch die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit, die gesamte Aufmerksamkeit kann so auf die Bedrohung und den potenziellen Ausweg aus der Situation gerichtet werden.


Ansatzstelle der Neuro-Enhancer: die Neutrotransmitter der Synapsen. Die Mittel verhindern entweder die Wiederaufnahme der Botenstoffe (gelb) oder fördern die Ausschüttung zusätzlicher Botenstoffe in den synaptischen Spalt. Die anregenden Wirkung entfaltet sich bei Bindung der Transmitter an die Rezeptoren (orange) 


In der Natur hält diese Übersteuerung aller Ressourcen nur wenige Minuten an, danach werden die überschüssigen Neurotransmitter von den Zellen aufgenommen und die Reizüberflutung durch die Rezeptoren lässt nach. Nicht so bei Aufputschmitteln und gängigen Neuro-Enhancern wie Ritalin oder Adderall. Sie halten die Konzentration der Botenstoffe und damit auch den Ausnahmezustand künstlich aufrecht – über Stunden oder länger. ADHS-Patienten hilft dies, weil nach gängiger Lehrmeinung die Anzahl der „Entsorgungskanäle“ für Dopamin und Co. in ihren Synapsen genetisch bedingt höher ist als normal. Dadurch versiegt der Botenstoffnachschub in ihrem Gehirn zu schnell, die Folge sind die Aufmerksamkeitsstörungen.

Ritalin verhindert dies, indem es eine Wiederaufnahme der Neurotransmitter in die Gehirnzellen verhindert. Amphetamine wie Adderall fördern dagegen aktiv die Ausschüttung zusätzlicher Botenstoffmoleküle. Im Gegensatz zu klassischen Amphetamin-Drogen wie Speed erzeugen Ritalin und Adderall wegen ihrer niedrigeren Dosierung und einer Formulierung, bei der der Wirkstoff verzögert freigesetzt wird, jedoch kein euphorisches „High“. Ihre Wirkung entfaltet sich gedämpfter und dafür  länger anhaltend.

An einem anderen Hirnbotenstoff setzt dagegen das Alzheimermedikament Donepezil an: Es hemmt das Enzym Acetylcholinesterase und verhindert damit, dass der Neurotransmitter Acetylcholin im Synapsenspalt abgebaut wird. Die Konzentration dieses für Gedächtnis und Lernen wichtigen Stoffs wird so künstlich erhöht. Hilfreich ist dies für Alzheimerpatienten deshalb, weil in ihrem Gehirn ein krankhafter Mangel an Acetylcholin herrscht.

Eine Metastudie der Cochrane Collaboration im Jahr 2009 stellte tatsächlich leicht positive Effekte auf die kognitiven Leistungen, das Verhalten und das Funktionieren im Alltag bei Alzheimerpatienten verschiedener Demenzgrade fest. Ob allerdings der Transmitter-Überschuss auch bei Gesunden eine Leistungssteigerung bewirken kann, ist bisher noch umstritten. In einer Studie verbesserte sich bei Piloten im Flugsimulator die Leistung, in einer anderen an 30 gesunden jungen Männern erhöhte sich unter dem Alzheimermittel das verbale und visuelle Gedächtnis.

Wie das als „Vigil“ in Deutschland vermarktete Modafinil genau wirkt, ist dagegen bisher unklar. Es lagert sich vermutlich an Rezeptoren für Adrenalin und Noradrenalin an und verstärkt dadurch deren stimulierende Wirkung. Dopamin ist dabei nicht im Spiel – so dachte man jedenfalls bis vor kurzem. Doch im März 2009 widerlegten dies amerikanische Forscher in einer Studie an gesunden Freiwilligen, die 200 oder 400 Milligramm Modafinil erhielten – beides Dosierungen, wie sie für Narkolepsie und ADHS verschrieben werden. Mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomografie analysierten die Wissenschaftler dabei die Effekte des Wirkstoffs auf die Dopamin-Transporter im Gehirn.

„Wie Kokain und Methylphenidat blockiert Modafinil Dopamintransporter und erhöht damit die Dopaminkonzentration im Gehirn“, erklärt Joanna Fowler vom Brookhaven National Laboratory das Ergebnis. Damit beeinflusst es wie Kokain und Amphetamine die klassischen Belohnungsschaltkreise des Gehirns und besitzt entgegen bisherigen Annahmen durchaus auch Suchtpotenzial.


 II.

Ungeprüfte (Neben-)Wirkung

Risiken von Neuro-Enhancern

Neuro-Enhancer wie Ritalin oder Modafinil gelten gemeinhin als sicher – vor allem verglichen mit Straßendrogen wie Speed oder anderen Amphetamin-Cocktails. Sie seien ja schließlich zugelassene und damit auch ausgiebig geprüfte Medikamente. Das aber ist leider mehr Wunschdenken als Realität.

So listet schon die offizielle Begleitinformation von Ritalin zahlreiche Nebenwirkungen und Kontraindikationen auf. Bei mehr als jedem zehnten Patienten gibt der Hersteller Schaflosigkeit und Nervosität als Begleiterscheinung an. Selbst bei normaler Dosierung von zehn bis 20 Milligramm pro Tag können zudem bei jedem zehnten bis hundertsten Fall körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen auftreten. In schweren Fällen ist sogar ein Herzinfarkt möglich. Auch psychische Veränderungen wie abnormales Verhalten, Aggression, Erregung, Ängstlichkeit oder Depression gelten als häufig.

Risiken für Gesunde nahezu unerforscht

All diese Nebenwirkungen treten schon bei ADHS-Patienten auf – also bei Menschen, deren Hirnstoffwechsel durch das Mittel erst auf den Normalzustand gebracht werden soll. Bei Gesunden könnte sich demnach die Übersteuerung noch stärker bemerkbar machen, systematische Studien fehlen aber auch hier weitestgehend. In der „Nature“-Studie von 2008 gab etwa die Hälfte der – gesunden - Nutzer von Neuro-Enhancern an, unter Nebenwirkungen zu leiden.

In einem kurz davor erschienenen Kommentar ebenfalls zum Thema Neuro-Enhancer konstatieren sieben renommierte Neurowissenschaftler: „Auch wenn Richtlinien zu medizinischen Wirkstoffen sicherstellen, dass diese sicher und effektiv für ihre jeweiligen therapeutischen Zwecke sind, gibt es keine äquivalente Sicherheitsüberprüfung für die Off-Label-Nutzung und darunter auch das Enhancement.“ Ein Medikament, dass zwar starke Nebenwirkungen hat, aber schwerst Demenzkranken hilft, könnte demnach in diesem engen Rahmen als durchaus sicher eingestuft werden, an Gesunden wären die damit verbundenen Risiken und gesundheitlichen Folgen jedoch nach Ansicht der Experten nicht akzeptabel. Welche Auswirkungen gar eine langfristige Einnahme solcher Mittel hat, weiß zurzeit noch niemand.

„Nicht mehr als günstig angesehen“

Bei Modafinil haben Nebenwirkungen und Risiken in den letzten Jahren zu einem regelrechten Tauziehen geführt. Ursprünglich nur für schwere Narkolepsie zugelassen, gelang es der Herstellerfirma Cephalon, das Verschreibungsspektrum des Medikaments ab 2004 auf Schlaf-Apnoe und Schlafstörungen bei Schichtarbeitern auszuweiten. Parallel vermarktete Cephalon Modafinil auch als geeignetes Mittel gegen Müdigkeit, Abgespanntheit und andere Off-Label-Nutzungen.

2008 erhielt die Firma von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA jedoch bereits einen ersten Dämpfer und musste für die unsachgemäße Vermarktung 425 Millionen US-Dollar Strafe zahlen. Im Februar 2011 kam dann der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zu dem Schluss, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Modafinil für alle Anwendungen außer der schweren Narkolepsie „nicht mehr als günstig angesehen wird“. Mit anderen Worten: Das Risiko, durch Nebenwirkungen Schaden zu nehmen ist deutlich höher als die erhoffte Wirkung.

Der Beliebtheit des Mittels – auch und gerade für nicht-medizinische Zwecke – scheint dies jedoch keinen Abbruch zu tun: In den USA verfünffachte sich der Umsatz mit Modafinil von 196 Millionen US-Dollar im Jahr 2002 auf 988 Millionen Dollar im Jahr 2008 – Tendenz weiter steigend.

„Wenn es möglich wäre, ein Moratorium für kognitives Enhancement auszurufen, bis die Risiken besser verstanden sind, wäre das offensichtlich das beste“, erklärt die Neurowissenschaftlerin Martha Farah von der Universität von Pennsylvania. „Aber der Geist ist längst schon aus der Flasche entwischt.“ Sie und ihre Kollegen plädierten daher 2008 in einem „Nature“-Kommentar dafür, die Öffentlichkeit, aber auch die Ärzte aufzuklären und intensiv über biologische, medizinische, aber auch ethische Auswirkungen des Neuro-Enhancements zu forschen.


III.

Rebound

Gewöhnungseffekte und Suchtpotenzial

Weil das Dauerfeuer der Gehirnrezeptoren wichtige Signale des Körpers überdeckt, wird bei den meisten Neuro-Enhancern der Antrieb zum Essen, Trinken oder Schlafen unterdrückt, auch die Entscheidungsfähigkeit leidet. „Ich hatte keinen Hunger mehr und keinen Durst, wusste nicht mehr, welche CD ich hören und welche Hose ich anziehen wollte“, beschreibt ein anonym bleibender Student in der „Zeit“ die Wirkung von Ritalin.

Auch die eigentlich erwünschten Effekte können unter Umständen ins Negative umschlagen. Die übersteigerte Konzentration wird dann zu einer Fixierung, geht in eine kaum mehr steuerbare Richtung. Statt zu lernen oder eine Hausarbeit zu schreiben, ertappen sich die Nutzer dann plötzlich dabei, wie sie ihre CD-Sammlung akribisch sortieren oder einen Wohnungsputz veranstalten. Der in der „Zeit“ schreibende Student verliert sich bei einem Klogang während einer Klausur so in seiner Fixierung auf den Händetrockner, dass er fast vergisst, wieder in den Prüfungsraum zurückzukehren. „Ja, ich bin ein Zombie, aber ein Zombie, der lernt wie eine Maschine“, schreibt er.

Die Sache mit den „Rebound“

Nahezu allen Neuro-Enhancern gemeinsam ist auch der so genannte „Rebound“-Effekt: Werden sie abgesetzt, fällt das übersteuerte Gehirn nicht direkt in den Normalzustand zurück. An die ständige Überdosierung mit Hirnbotenstoffen gewöhnt, wirkt der natürliche Hirnstoffwechsel nun wie ein Mangel. Erst allmählich pendelt sich das sensible Gleichgewicht wieder ein. Die Folge: nach dem Nero-Enhancer induzierten Höhenflug folgt ein ziemlich unsanfter Absturz. Experten stufen die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit bei solchen Mitteln daher als durchaus real und potenziell besorgniserregend ein, auch wenn die Hersteller von Ritalin und Co. bei normaler Dosierung dafür keine Hinweise sehen (wollen).

„Ich habe drei Monate lang jeden Morgen 100 Milligramm Modafinil eingenommen, hörte aber auf, nachdem ich Herzschmerzen bekam“, schreibt eine Schülerin in einem Online-Forum. „Nach dem Absetzen hatte ich einen Cold Turkey, ich begann, mich extrem müde zu fühlen und war unfähig, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren.“ Dieser Einbruch der Leistungsfähigkeit bringt sie dazu, das Mittel prompt wieder einzunehmen – trotz der Warnsignale ihres Körpers. Ähnliches berichtet ein Student in der „Zeit“: „Wenn die Wirkung nachließ, wurde ich unkonzentrierter als vorher und statt mich zusammenzureißen, überlegte ich, wo ich wieder Ritalin herbekommen konnte.“

Und auch ohne diesen Absturz, der sich bei einigen Mitteln durch ein „Ausschleichen“ verhindern lassen soll, könnte das Gehirn-Doping bei einigen Menschen schnell vom „Kann“ zum „Muss“ werden: „Es ist nämlich ein Fehlschluss, nur noch bis zur nächsten Hürde auf das Doping setzen zu wollen und ab dann plötzlich ‚clean‘ zu werden“, erklärt der an der Universität Groningen forschende Psychologe Stefan Schleim. „Wenn man die Hürde nur noch mit Hilfe leistungssteigernder Mittel schafft, dann ist es unwahrscheinlich, auf höherer Stufe plötzlich ohne die Helfer auszukommen.“ Im Klartext: Das permanente Abrufen von Höchstleistungen wird irgendwann zur Norm für einen selbst und die Umwelt.

Ein Heer von Buchhaltern?

Einige Forscher vermuten zudem, dass die kognitive Leistungssteigerung auf Kosten anderer Fähigkeiten wie beispielsweise Kreativität oder Sozialkompetenz gehen könnte. „Mehr und mehr junge Leute nehmen diese Wirkstoffe um besser arbeiten zu können. Sie haben ihren Laptop, ihr iPhone und ihr Adderall“, erklärt die Neurowissenschaftlerin Martha Farah von der Universität von Pennsylvania. „Ich mache mir ein wenig Sorgen, dass wir hier eine Generation von sehr fokussierten Buchhaltern heranziehen.“

Der deutsche Journalist und Wissenschaftsautor Jörg Auf dem Hövel hat das Narkolepsie-Mittel Modafinil mehrfach im Selbsttest ausprobiert, sowohl beim Arbeiten als auch bei einer Technoparty. Sein Fazit sieht dabei ganz ähnlich aus: „Mit schwant, dass Modafinil seinen Platz vor allen dort finden wird, wo wenig Kreativität und viel Arbeitsleistung gefragt ist. Merkfähiger oder gar kreativer macht es nicht, eher breitet sich Fließbandatmosphäre im geistigen Raum aus.“

Rebound





Pädagogik handelt von Allem; für Jeden extra.

Oskar Laske (1874-1951), Narrenschiff; Ausschnitt

Noverre* foderte von einem guten Ballettmeister außer der Tanzkunst bloß noch Meß-, Ton- und Dichtkunst, Malerei und Anatomie. Hingegen über die Erziehung schreiben, heißt beinahe über alles auf einmal schreiben, da sie die Entwickelungen einer ganzen, obwohl verkleinerten Welt im kleinen (eines Mikrokosmus des Mikrokosmus) zu besorgen und zu bewachen hat. Alle Kräfte, womit die Völker arbeiten oder glänzen, waren früher als Keime unter der Hand des Erziehers dagewesen. Ginge man noch weiter, so begehrte jedes Jahrhundert, jedes Volk, zuletzt jeder Knabe und jedes Mädchen seine eigne Erziehlehre, Fibel, Hausfranzösin usw. 

*) 1727-1810; Tänzer und Choreograph
___________________________________________
Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, Vorrede 1. Aufl. 1806

Dienstag, 14. Juni 2011

Go the F**k to sleep!


aus FAZ.NET, 14. 6. 2011

Gute Nacht, verdammt!


Eigentlich war der Buchtitel nur als Witz auf Facebook gedacht. Doch der in ihm enthaltene Fluch sorgte dafür, dass ein kleiner Bildband für Eltern schlafunwilliger Kinder zum Überraschungserfolg der amerikanischen Buchsaison avancierte.



Heutzutage ist es wahrscheinlich leichter, zuzugeben, dass man sich zum Tee ab und zu ein Heroinkekschen genehmigt, als öffentlich zu sagen, dass Kinder nicht immer nur Freude bereiten, zumal die eigenen. Es ist eins der letzten Tabus unserer Zeit. Und in Amerika avanciert gerade ein kleines Büchlein zum absoluten Überraschungserfolg der Saison, das genau in diese Kerbe zielt. „Go the Fuck to Sleep“, so sein Titel, der selbst abgebrühte New Yorker Buchhändler in Erregung versetzt. „What a great title“, sagt einer anerkennend, und sein Kollege ruft entzückt: „God, we love that book!“ Es ist allerdings nicht leicht zu bekommen. Denn auch wenn es auf Amazon.com bereits seit Wochen auf Platz 1 steht, Übersetzungen in zwanzig Sprachen auf dem Weg und die Filmrechte verkauft sind, ist es offiziell noch gar nicht erschienen. Bislang wurde es nur an einige wenige Buchhandlungen in großen Städten ausgeliefert und war auch dort binnen Stunden ausverkauft. Es ist ein kleines Buch, etwa DIN-A5-Format, mit 14 hübsch illustrierten Doppelseiten, auf denen meistens kleine Kinder zu sehen sind. Einige liegen oder sitzen in ihren Betten, andere turnen im Freien herum, mal ist auch nur der Mond zu sehen oder schlafende Tiere. Sieht aus wie ein harmloses Kinderbuch, doch der begleitende Text, pro Doppelseite ein gereimter Vierzeiler, macht es zur Parodie eines solchen: Die Verse beginnen stets harmlos wie ein unschuldiger Einschlafreim - und enden in einer ausgestoßenen Verwünschung, im bitterkomischen Verzweiflungsschrei eines frustrierten Elternteils, dessen Kind auch nach der soundsovielten Gutenachtgeschichte nicht einschlafen will:

„The tiger reclines in the simmering jungle. / The sparrow has silenced her cheep. / Fuck your stuffed bear, I'm not getting you shit. / Close your eyes. Cut the crap. Sleep.“

Vater einer Tochter: Adam Mansbach Vater einer Tochter: Adam Mansbach

Der Autor, Adam Mansbach, 34, ist von seinem Erfolg selbst vollkommen überrascht. Bisher hat er Romane geschrieben, sein letzter, „The End of the Jews“ (2009), bekam sehr gute Kritiken und gewann den California Book Award. Er war zuletzt Gastprofessor für Fiction an der Rutgers University und lebt mit Frau und Tochter in Philadelphia. „Eigentlich hatte ich den Titel dieses Buchs nur als Witz auf meiner Facebook-Seite gepostet, nachdem ich mal wieder eine harte Zeit hatte, meine Tochter ins Bett zu bringen“, sagt er am Telefon aus Martha's Vineyard, „aber dann waren die Reaktionen, die ich darauf bekam, so positiv, dass ich immer wieder daran gedacht habe. Und irgendwann habe ich mich hingesetzt und es geschrieben.“

Er scheint mit seinem väterlichen Lamento unendlich vielen Eltern aus dem Herzen zu sprechen, die Vorbestellungen für sein Buch gehen in die Zehntausende. Die Leserreaktionen auf der amerikanischen Amazon-Seite reichen von „eine kathartische Erfahrung“ bis „ich hatte buchstäblich Tränen in den Augen vor Lachen“. Ob das Buch in Deutschland, wo es noch im Juni unter dem Titel „Verdammte Scheiße, schlaf ein“ erscheint, ebenso gut funktionieren wird, wird sich zeigen. Der DuMont-Verleger selbst, Jo Lendle, hat es übersetzt, und obwohl es auch im Deutschen funktioniert, ist der Kontrast zwischen unschuldiger Form und gefluchtem Inhalt nicht so krass wie im Englischen. Es gibt eben keine deutsche Entsprechung für das Wort, das im amerikanischen Fernsehen schamvoll mit einem Bleep überdeckt wird. Dennoch können es einige Verse, wie etwa die Übersetzung des eingangs zitierten, durchaus mit dem Original aufnehmen:



„Der Tiger dämmert im Dschungel. / Der Spatz lässt das Zwitschern sein. / Scheiß auf den Teddy, ich hol überhaupt nichts. / Augen zu. Keine Zicken. Schlaf ein.“

Als Ausgangspunkt des Hypes macht Mansbach eine Lesung aus, die er Ende April während des Philadelphia Art Salon gegeben hat. „Ich hatte das Buch fertig, es sollte ursprünglich erst im Oktober erscheinen, aber ich wollte schon mal die Reaktionen darauf testen. Es waren vielleicht zweihundert Leute im Publikum, ich habe die Bilder gezeigt und die Verse gelesen, und, ja, ich hatte das Gefühl, es kommt ziemlich gut an. Die Leute haben sehr viel gelacht.“ Am nächsten Morgen sah er zu seinem Erstaunen im Internet, dass sein Buch über Nacht auf Platz 125 der Amazon-Liste geklettert war. Ein halbes Jahr vor dem Erscheinungstermin! Da habe er zum ersten Mal gedacht, dass hier etwas Seltsames geschehe, sagt er. Eine Woche später war es in den Top Ten. Und am Ende jener Woche stand sein Buch plötzlich auf Platz 1. Seither sei alles ganz schnell gegangen, sein Verlag, ein kleiner Independent-Verlag mit Sitz in Brooklyn, zog den Erscheinungstermin nach vorne und gab 15 Mal mehr Exemplare in Druck als ursprünglich vorgesehen. Ab Dienstag wird es in Amerika in den Läden stehen, und zwar nicht in der Abteilung für Kinderbücher, sondern für Humor: „Sie sollten das Buch wahrscheinlich nicht Ihren Kinder vorlesen“, steht hinten sicherheitshalber noch mal drauf.

Wie erklärt der Autor selbst sich den riesigen Erfolg? „Ich glaube, es hat mit Ehrlichkeit zu tun“, sagt er. „Ich habe sehr ehrlich Gefühle artikuliert, die wohl alle empfinden, wenn ihre Kinder nicht einschlafen wollen. Wenn man wirklich alles, aber auch alles lieber täte, als neben ihrem Bett zu sitzen und noch eine Geschichte zu lesen und noch eine und noch eine. Und wie niederschmetternd es ist, wenn sie endlich schlafen und man wagt, ganz leise aus ihrem Zimmer zu schleichen, und du plötzlich ihr Stimmchen hörst: ,Wohin gehst du?' Und du bist wieder bei null.“

Außerdem sei Kindererziehung Moden unterworfen, und momentan sei es eben Mode, dass man Kinder nachts nicht weinen lasse. Das sei ein oder zwei Generationen früher vielleicht noch ganz anders gewesen, da habe es eine Gutenachtgeschichte gegeben und dann Licht aus, und das war's. „Heute erleben wir, was das Elternsein angeht, eine Kultur der Perfektion. Es wird unglaublich viel über Kinder gesprochen, über Erziehung, Werte, Familie, alles Mögliche, aber es ist keine ehrliche Diskussion.“ Es gäbe keinen Platz dafür, zuzugeben, dass nicht immer alles reibungslos laufe, dass nicht alle Gefühle, die man für seine Kinder hege, auch wenn man sie noch so sehr liebe, immer ausschließlich positiv seien, und Platz für Humor vermisst er auch. „Das Gefühl tief empfundener Verzweiflung beim Zubettbringen des Kindes ist eine der universellsten Frustrationen, die das Elternsein mit sich bringt“, sagt Mansbach, „andererseits ist es aber auch nichts Großes. Lachen hilft. Wenn man darüber lachen kann, steht man es auch durch.“

Mansbach hat sein Buch seiner Tochter gewidmet: „Für Vivien, ohne die all dies nicht möglich wäre“. Aller Voraussicht nach haben ihre Einschlafschwierigkeiten ihren Vater zum Millionär gemacht. „Heute schläft sie sehr gut ein“, sagt Mansbach. „Das Buch hat unsere Schlafprobleme gelöst.“

 Adam Mansbach: „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“. Aus dem Englischen von Jo Lendle. Erscheint am 21. Juni im DuMont-Verlag, 32 Seiten mit 18 farbigen Illustrationen von Ricardo Cortés, 9,99 Euro.