Sonntag, 29. Mai 2011

Eltern sind austauschbar...

aus DER SPIEGEL 47/1998.

 ...die Kindergesellschaft ist es nicht.

Von Alexandra Rigos

Neue Erkenntnisse der Psychologen lassen das Weltbild vieler Eltern wanken: Der erzieherische Einfluß auf ihre Kinder ist offenbar kleiner als gedacht. Prägend wirken vielmehr Freundeskreise und soziales Milieu, den Rest geben die Gene vor.

Immer wieder versuchten sie, den mißratenen Sprößling zur Räson zu bringen. Sie verboten ihm, im Fernsehen Viva und MTV zu sehen; er trollte sich in sein Zimmer und drehte die Anlage auf. Sie verhängten Hausarrest; er sprang aus dem Fenster. Manchmal schlugen sie ihn sogar, "aber ich merkte, es nützte nichts", erinnert sich der Vater. Irgendwann resignierten sie.

Selbstverständlich sind sie an allem schuld. "Eklatant" hätten die Eltern "bei der Erziehung ihres Sohnes versagt", hieß es; sie seien "zur Erziehung unfähig und offenbar auch unwillig". Ein Gutachter erkannte gar, daß "hier ein Kind zum Kriminellen geschlagen" wurde, und alle waren sich einig: "Der kriminelle Werdegang" des Buben sei "ohne seine familiäre Sozialisation undenkbar".


Dafür sollten sie büßen, die Eltern von Muhlis A. alias "Mehmet", auch wenn sie seit 30 Jahren unbescholten in Deutschland leben. Mit dem jungen Missetäter, der es in 14 Lebensjahren auf über 60 Straftaten brachte, sollte das türkische Ehepaar A. in seine Heimat abgeschoben werden.

Fassungslos sehen sich die biederen Münchner ­-  er Fließbandarbeiter bei BMW, sie Zimmermädchen im Hotel ­ - gebrandmarkt als Rabeneltern, von der Boulevardpresse mal als zu schwach und gutgläubig, dann wieder als zu streng, ja brutal gescholten. Der Fall "Mehmet" ­ ein Paradebeispiel elterlichen Versagens?
Neue Erkenntnisse der Psychologie und Verhaltensgenetik legen nahe: nein.

Über Jahrzehnte haben Forscher die Entwicklung von Kindern studiert, von jugendlichen Gewalttätern wie Mehmet, aber auch von unauffälligen, lebenstüchtigen Teenagern. Je mehr Daten die Wissenschaftler sammelten, je genauer sie ihre Rechenmodelle ausfeilten, desto mehr schrumpfte der vermeintlich überragende Einfluß, den Eltern auf die Persönlichkeit ihrer Kinder haben.


Gehör finden Forscher mit solchen Ergebnissen nur schwer. Ihre Statistiken widersprechen dem gesunden Menschenverstand, der alltäglichen Lebenserfahrung. Schließlich weiß jeder Laienpädagoge: Kaputte Familien produzieren kaputte Kinder. Wer zu Hause Prügel bezogen hat, wird selbst zum Schläger. Wer nie Grenzen gesetzt bekam, erprobt unablässig, wie weit er gehen kann, bis er davongetragen wird vom Kick der Gewalt.

Und nicht nur wenn Kinder prügeln, rauben oder reihenweise geklaute Autos zu Schrott fahren wie das Hamburger Crash-Kid Dennis, sitzen die Eltern mit auf der Anklagebank. Gleich, wodurch der Nachwuchs sein Leben verkorkst, ob er Drogen nimmt, von der Schule fliegt oder einfach nur so unglücklich wird, das Urteil steht fest: Es waren Papa und vor allem natürlich Mama, die das Verhängnis herbeiführten. Sie haben ihre Brut eben falsch erzogen.

Vielleicht ließen sie es an Lob und Zuwendung fehlen, so daß ihr Kind lebenslang an mangelndem Selbstwertgefühl leiden wird. Oder sie haben die Kleinen zu sehr verwöhnt und mit ihrer Liebe erstickt -­ so wurden Beziehungskrüppel herangezogen. Oder sie haben dem Säugling keine Mozartsonaten vorgespielt, und nun läßt der IQ zu wünschen übrig.

Für so gut wie alle Untaten, die je verübt wurden, bürdet die Gesellschaft den Eltern eine Mitschuld auf. Selbst Weltkrieg und Holocaust geraten so zur Konsequenz verpfuschter Kindererziehung, die Nazi-Verbrecher zu Opfern liebloser Väter und Mütter: "Hitler hätte wohl kaum soviel Unterstützung gefunden", behauptete die Zürcher Psychoanalytikerin und Bestsellerautorin Alice Miller, "wenn die von ihm erfahrenen Erziehungsmuster und die daher rührenden Schäden nicht so verbreitet gewesen wären."
Kein Wunder also, daß das Gewerbe der Erziehungsberater und Kindertherapeuten floriert und daß Ratgeber mit Titeln wie "Kinder brauchen Grenzen" Bestseller in den Buchhandlungen sind.


1997 ging in Deutschland Erziehungsliteratur für 1,5 Milliarden Mark über den Ladentisch. Schwer lastet die Angst, Fehler zu machen, auf den Eltern; zugleich aber hängen sie an der Vorstellung, sie allein könnten ihre Kleinen zu intelligenten, lebenstüchtigen Menschen formen und ihnen den Weg in eine glückliche Zukunft ebnen.

"Ein liebgewordener Mythos", urteilt die amerikanische Psychologin Judith Rich Harris, 60, und mit dem räumt sie nun gründlich auf. Ihr Fazit nach Auswertung der Fachliteratur und Aufzucht zweier Töchter: Im guten wie im schlechten überschätzen Eltern maßlos ihre Macht, auf die Persönlichkeit des Kindes, seine Intelligenz, seine Werte, sein Sozialverhalten einzuwirken.

Für die Entwicklung vom Säugling zum lebenstüchtigen Erwachsenen, behauptet Harris, mache es beispielsweise keinen Unterschied, ob
  • ein Vater im Haus ist oder die Mutter allein erzieht;
  • die Mutter berufstätig ist oder sich ganz dem Nachwuchs widmet;
  • das Kind in einer klassischen Familie aufwächst oder bei einem schwulen oder lesbischen Paar.
Soviel Mühe die Erzeuger sich auch geben, sagt die streitbare Psychologin, sie können den Charakter ihrer Kinder nicht formen ­ ihn aber auch nicht verderben. Denn was in den Genen nicht angelegt sei, präge die "Peer group", also der Freundeskreis, die Schulklasse, die Kids vom Spielplatz. Der Part der Eltern beschränke sich auf den Zeugungsakt, danach gesteht ihnen die Autorin nur noch eine Wartungsfunktion zu: "Wir sind austauschbar wie Fabrikarbeiter."


Granatengleich schlug diese zugleich niederschmetternde wie entlastende Botschaft in den USA ein. Harris' Buch "The Nurture Assumption" (frei übersetzt: "Die Erziehungslüge") erlebte innerhalb weniger Wochen drei Auflagen*. "Das Buchphänomen der Saison", schrieb das Magazin "Newsweek", "ein Wendepunkt in der Geschichte der Psychologie", urteilte Sprachforscher Steven Pinker vom Massachusetts Institute of Technology. Stanford-Biologe Robert Sapolsky sekundierte, das Werk basiere "auf solider Wissenschaft".

Trotz solcher Lobeshymnen namhafter Forscher muß Judith Harris auf ihrem Feldzug gegen den Common sense einiges einstecken ­ zu ungewohnt und provozierend klingen ihre Thesen. Die Autorin, die keine brillante Forscherkarriere aufzuweisen hat, wird verunglimpft als "akademische No-Name-Lady" und "schreibende Großmutter, deren Quellen aus den Regalen der Gemeindebücherei stammen" ("Focus"). Durch eine Autoimmunkrankheit ans Haus gefesselt, verdiente sie ihr Geld mit dem Schreiben von Lehrbüchern über Entwicklungspsychologie.

In der hitzigen Diskussion über die Frage, "ob Eltern überhaupt eine Rolle spielen" ("Newsweek"), geht unter, daß Harris keineswegs als skurrile Einzelkämpferin dasteht. So stellt auch der Verhaltensgenetiker David Rowe in seinem Buch "Genetik und Sozialisation" fest: "Der Einfluß des familiären Milieus auf die Entwicklung des Kindes ist wesentlich geringer, als viele Menschen glauben möchten**." Klassische Lieblingsgrößen der Psychologen wie soziale Schicht, Warmherzigkeit der Eltern und Familienstruktur hätten "möglicherweise keinen kausalen Einfluß auf Intelligenz, Persönlichkeit und Psychopathologie des Kindes".

In solch vorsichtig formulierten Forscherphrasen drückt Rowe nichts anderes aus als das, was Harris als Fazit ihrer Studien vorträgt. Beide Autoren destillierten ihre Erkenntnisse aus Stapeln verhaltensgenetischer Studien, die zeigen, daß Persönlichkeitsmerkmale weit stärker durch Erbanlagen bestimmt sind, als es bisher der allgemeinen Vorstellung entsprach.

In eben diese Richtung weisen auch die Thesen des amerikanischen Molekularbiologen Dean Hamer, der ein radikaler Verfechter der Vorherrschaft der Gene ist. 1993 erregte er mit der Entdeckung eines "Schwulen-Gens" Aufsehen und Anstoß, kürzlich verarbeitete der DNS-Spürhund seine Forschungsergebnisse ebenfalls zu einem Buch. "Wir kommen", so Hamers Credo, "größtenteils vorgefertigt aus der Fabrik***."



Inzwischen glaubt Hamer in seinen Labors am National Cancer Institute in Washington weitere Gene dingfest gemacht zu haben, die menschliches Verhalten steuern: Die Langversion des Gens D4DR treibt ihren Träger offenbar auf die Suche nach immer neuen Herausforderungen; eine Variante des Serotonintransporter-Gens fördert Ängstlichkeit und Trübsinn. "Bezogen auf einige Aspekte Ihrer Persönlichkeit", folgert Hamer kühn, "haben Sie soviel Wahl wie bei Ihrer Schuhgröße, nämlich keine."
Übelster Gendeterminismus sei das, erbosen sich Kritiker. "Das ist doch ein albernes Hin und Her", sagt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann, "jetzt schlägt das Pendel eben mal wieder in Richtung Vererbung aus."

Tatsächlich geben die sich überschlagenden Erfolgsmeldungen aus den Genlabors, in Kombination mit den akribisch in Jahrzehnten gesammelten Daten der Verhaltensgenetiker, einer uralten Debatte eine neue Wendung: Kommt der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt, oder steht sein Schicksal bereits in den Genen? Prägen die Erbanlagen den Charakter, oder formt ihn die Umwelt? Oder, in Fachtermini ausgedrückt: Welcher Einfluß überwiegt, "nature" oder "nurture"?

Erfunden hat dieses Begriffspaar nicht erst die moderne Psychologie. Seit jeher beschäftigt Philosophen die Frage, ob Menschen gut oder böse zur Welt kommen. Auf den Punkt brachte sie Shakespeare: "A devil, a born devil, on whose nature nurture can never stick", läßt der Dichter in seinem Spätwerk "Der Sturm" den Zauberer Prospero über den niederträchtigen Caliban sagen, "ein geborener Teufel, dessen Natur Erziehung nicht zu ändern vermag."



Jahrhunderte später griff der Biologe Francis Galton (1822 bis 1911), ein Cousin von Charles Darwin, die Formel "nature versus nurture" auf, die seither Angelpunkt der Entwicklungspsychologie ist. Galton richtete als erster sein Augenmerk auf Zwillinge, um das Wechselspiel von Erbe und Umwelt zu studieren. "Die Anlage behauptet sich ungeheuer stark gegen die Umwelt", erkannte der Gelehrte, "wenn die Unterschiede der Umwelt nicht größer werden als das, was man gewöhnlich bei Personen desselben Rangs und im selben Land vorfindet."

Galtons Werk, obwohl in mancher Hinsicht zukunftweisend, zeigt, wie gefährlich und leicht zu mißbrauchen derlei Forschung sein kann: Aus seinen Beobachtungen folgerte er, man müsse die Menschheit durch Züchtung vervollkommnen ­ so wurde Galton, Begründer der Verhaltensgenetik, zugleich zum Vater der Eugenik.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts schwang das Pendel um, die Lehren Sigmund Freuds und der Behavioristen rückten Umwelt, Erziehung und Elternhaus in den Vordergrund. Bahnbrechend wirkte ein Experiment des amerikanische Psychologen John Watson von 1919: Er brachte ein Kleinkind namens Albert dazu, sich vor einer Laborratte zu fürchten, indem er Lärm machte, wann immer Albert nach dem Pelztier haschen wollte. Bald erschrak das Kind, sobald die Ratte auftauchte, auch wenn alles ruhig blieb. Verhalten, folgerte Watson, müsse also erlernt sein.


Klein-Alberts Schreckhaftigkeit ermutigte den Forscher zu einem gewagten Aufruf: "Gebt mir ein Dutzend gesunder Kleinkinder, und ich garantiere, daß ich jedes zufällig ausgewählte Kind zu jeder Art Spezialist ausbilden kann ­ Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, ja sogar Bettler und Dieb, ohne Rücksicht auf seine Begabungen und Neigungen."

Beweisen konnte Watson seine Behauptung nicht; niemand vertraute ihm ein Dutzend Babys an. Trotzdem wirkten seine Gedanken fort. Jahrzehntelang galt von nun an fast ausschließlich die Umwelt als prägend für die Persönlichkeit eines Kindes, entscheidende Bedeutung kam dabei den Erlebnissen der ersten Lebensjahre zu.

Kinder waren Knetmasse, von wohlmeinenden Eltern und einer aufgeklärten Gesellschaft in Form zu bringen, sei es durch Strenge und karge Zuwendung, wie Watson empfahl, oder durch ein Maximum an Freiheit im Kinderladen der siebziger Jahre. Denn auch in der antiautoritären Bewegung galt der Grundsatz: Was zählt, sind Erziehung und Bildung, nicht das, was ein Kind auf die Welt mitbringt.

"Selbstbestimmung" lautete damals das Zauberwort, um ­ den Lehren des legendären Summerhill-Gründers Alexander Sutherland Neill folgend ­ Kinder zu emanzipierten Bürgern einer freiheitlichen Gesellschaft heranwachsen zu lassen.

Doch auch die antiautoritäre Erziehung brachte keinen neuen Menschen hervor und geriet, wie zuvor der autoritäre Kinderdrill, wieder aus der Mode. Heute gilt die Devise "Grenzen setzen", und der angesagte Erziehungsstil heißt "autoritativ": Eltern sollen liebevoll und zugewandt sein, zugleich aber deutlich machen, wie weit ihr Kind gehen darf.


Jetzt scheinen die Fortschritte der Molekularbiologie all diesen pädagogischen Theorien gleichermaßen die Grundlage zu entziehen. Fast wöchentlich verkünden Zeitungen den Fund eines neuen Gens, das menschliches Verhalten beeinflußt: Dean Hamers Gene für Abenteuerlust und Depression; Erbanlagen für Alkoholismus, Fettsucht und Sprachstörungen; Raucher-, Kuschel-, ja sogar Spitzensport-Gene.

Im Mai meldete der Londoner Psychologe Robert Plomin erstmals die Entdeckung eines Gens, das offenbar mit Intelligenz in Zusammenhang steht. Eine bestimmte Form der DNS-Sequenz namens IGF2R tauchte bei überdurchschnittlich intelligenten Kindern doppelt so oft auf wie bei einer Kontrollgruppe mit normalem IQ. Der rastlose Plomin will bereits weitere "Smart genes" aus dem Erbgut gefischt haben.

Macht also der Zeitgeist von heute zur Abwechslung die Gene für alles verantwortlich? Der Medienrummel um mehr oder minder bizarre Laborergebnisse suggeriert, die Nature-Nurture-Debatte sei nun vom Extrem der Erziehungsideologie in das der Gengläubigkeit verfallen. Doch die Befunde der Forscher sind differenzierter: In Wahrheit kommt das Pendel langsam zum Stillstand ­ und zwar in der Mitte.

Die meisten Psychologen und Genforscher, Pädagogen und Verhaltensgenetiker akzeptieren inzwischen die Faustformel fifty-fifty: Vergleicht man die Persönlichkeiten zweier Menschen, so gehen die Hälfte der Wesensunterschiede auf Vererbung, die andere Hälfte auf Umwelteinflüsse zurück. Bei manchen Eigenschaften, etwa Intelligenz, liegt der Anteil des Erbes ein wenig höher, bei anderen, etwa Schüchternheit, niedriger.


Wie konnten die Psychologen die Rolle der Vererbung so lange ignorieren? Über Jahrzehnte produzierten sie eine Fülle von Forschungsarbeiten, die belegten, daß freundliche, zugewandte Eltern nette Kinder großziehen, die gut durchs Leben kommen, und daß umgekehrt zerrüttete Familien aggressiven Nachwuchs hervorbringen, der sich schwertut, soziale Bindungen zu knüpfen. Das galt ihnen als Beweis für die Macht der Erziehung im Elternhaus.

Etwas hatten sie übersehen: In ihren Studien waren die Einflüsse von Erbanlagen und Umwelt untrennbar verwoben. Denn ein Kind mag nett sein, weil seine Eltern es gut erzogen haben; es mag aber auch Gene von diesen Eltern geerbt haben, die ein nettes Wesen fördern. Ein anderes wird vielleicht zum Zappelphilipp, weil es Ablehnung und Ungeduld erfährt; es kann aber auch von Geburt an so fordernd und unruhig gewesen sein, daß die scheinbare Härte der Eltern in Wirklichkeit eine Reaktion auf die genetische Veranlagung des Babys war.

"Anlage und Umwelt sind zwei Seiten einer Medaille", sagt der Entwicklungspsychologe Rainer Silbereisen von der Universität Jena, "das Mitgebrachte braucht eine Umgebung, wo es sich manifestieren kann." Ursache und Wirkung feststellen zu wollen, gleiche der Frage "nach der Henne und dem Ei". Wenn Eltern sich etwa ihr schwieriges Kind vom Hals halten, verstärken sie wiederum dessen Nöte, so daß es noch erbitterter um Aufmerksamkeit ringt.

"Erziehung", bestätigt Judith Harris, "ist nichts, was Eltern mit ihrem Kind machen, sondern etwas, was beide Parteien gemeinsam veranstalten." Das Temperament des Kindes enge den Spielraum elterlicher Erziehungsversuche ein.


Schmerzlich durchlebt hat das die Autorin Harris in der eigenen Familie: Ihre ältere Tochter Nomi, lieb und pflegeleicht, "machte nie etwas, was wir nicht wollten". Nomi zu erziehen, war die reine Freude, nie verloren die Eltern die Contenance. Anders bei der jüngeren Tochter, dem Adoptivkind Elaine: Als Kleinkind klammerte sich Elaine an die Mutter, pausenlos Aufmerksamkeit heischend, als Teenager geriet sie außer Kontrolle, kam nachts nicht mehr nach Hause, flog von der Schule.

Die Eltern erprobten die übliche Palette erzieherischer Maßnahmen, sie argumentierten, stritten, straften. Doch was sie auch versuchten, es zeigte keine Wirkung. "Wir wußten nicht mehr, was wir mit ihr anstellen sollten", erinnert sich die Mutter.

Beide, Nomi wie Elaine, wuchsen im selben Elternhaus auf; doch beide brachten unterschiedliche Erbanlagen mit, und beide wurden von ihren Eltern verschieden behandelt. Unbeantwortet bleibt auch hier die Frage: Was ist Erbe, was ist Umwelt?

Um die in einer normalen Familie untrennbaren Einflüsse zu entflechten, studieren Forscher mit Vorliebe eine ganz besondere experimentelle Anordnung: eineiige Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden und in verschiedenen Familien aufgewachsen sind. Was diese Zwillinge gemeinsam haben, so das Kalkül, muß im genetischen Code geschrieben stehen; was sie trennt, muß auf die unterschiedlichen Elternhäuser, Schulen, Freundeskreise zurückgehen.

Ein Pionier der Zwillingsforschung ist der Psychologe Thomas Bouchard. 1979 begann der Amerikaner sein Projekt "Minnesota Study of Twins reared apart", das bis heute andauert. 7000 getrennt aufgewachsene Zwillingspaare haben Bouchard und seine Kollegen ausfindig gemacht und ihnen Tausende von Fragen gestellt, um ein möglichst detailreiches Mosaik ihrer Persönlichkeit zusammenzusetzen.


Einige der Zwillingspaare, die Bouchard wiedervereinigte, wurden zu Legenden der Wissenschaft, etwa die "Jim Twins": Als Babys getrennt, trafen sich Jim Lewis und Jim Springer erst im Alter von 39 Jahren wieder. Beide waren zweimal verheiratet, beider erste Frau hieß Linda, die zweite Betty. Der eine nannte seinen ersten Sohn James Alan, der andere James Allen. Beide waren Heimwerker, Kettenraucher und Nägelkauer. Beide hatten in einer Tankstelle gearbeitet und später als Hilfssheriff gedient.

Berühmtheit erlangten auch Jack Yufe und Oskar Stöhr. Die eineiigen Zwillinge wuchsen in denkbar verschiedenen Milieus auf: Jack bei seinem jüdisch-orthodoxen Vater in Trinidad, Oskar bei seiner katholischen Mutter in Deutschland. Als sie sich im Alter von 46 Jahren an der psychologischen Fakultät der Universität von Minnesota wiederbegegneten, trugen beide das gleiche blaue Sporthemd mit Schulterklappen, Pilotenbrillen und ein paar Gummibänder am Handgelenk. Beide plagten ihre Umgebung mit eigentümlichen Marotten, etwa der Gewohnheit, in Aufzügen laut zu niesen.

Bouchards auf groteske Weise sich ähnelnde Zwillinge lösen ein Gefühl der Beklemmung aus: Gibt es ein Pilotenbrillen-Gen? Eines, daß seinen Träger zwingt, im Fahrstuhl zu niesen? Ist auf den Chromosomen festgeschrieben, welchen Beruf ein Mensch ergreifen wird?

Derlei Fragen beruhen auf einem weitverbreiteten Mißverständnis: Die ersten Gene, deren Funktion Forscher aufklären konnten, waren Anlagen für simple Erbkrankheiten wie Mukoviszidose, bei denen ein einziger Gendefekt das Leiden auslöst. So entstand in der Öffentlichkeit die Vorstellung, daß ein Gen für eine bestimmte Eigenschaft steht.


Doch ein so einfacher Zusammenhang zwischen Gen und Wirkung ist die große Ausnahme. Komplexe Wesenszüge wie Risikobereitschaft, Intelligenz oder die Vorliebe für modische Extravaganzen werden vom Zusammenwirken Dutzender, vielleicht Hunderter Gene gesteuert.

Zudem kann ein Gen, das die Intelligenz fördert, noch auf viele andere Körperfunktionen einwirken. So enthält das kürzlich entdeckte "Smart gene" IGF2R nichts als den Bauplan für ein Eiweiß, das bestimmte, dem Insulin ähnelnde Hormone an die Zellwand andocken läßt. "Möglicherweise steuert das Gen etwas so Simples wie die richtige Ernährung des Embryos", spekuliert sein Entdecker Robert Plomin. Der Effekt von IGF2R auf die Intelligenz wäre dann ein sehr indirekter.

Überzogen erscheinen Befürchtungen, in naher Zukunft könne man per Gentest Embryonen mit unerwünschten Veranlagungen aussortieren. Wer etwa aus dem Vorhandensein des Raucher-Gens CYP2A6 schließen will, daß ein Kind einmal nach Nikotin gieren und womöglich an Lungenkrebs sterben wird, kann genausogut dessen Horoskop zu Rate ziehen: Zwar besitzen 87,7 Prozent der Raucher die funktionsfähige Form der DNS-Sequenz ­ aber auch 80,4 Prozent der Nichtraucher.

"Es gibt kein Gen für irgend etwas", sagt selbst Dean Hamer, der Prophet der Vererbung. Die Gene erhöhten vielmehr die Wahrscheinlichkeit, daß ihr Träger eine bestimmte Eigenschaft ausbilde. Wer die Turbovariante des Draufgänger-Gens D4DR in sich habe, müsse stärker als ein Durchschnittsmensch durch andere Einflüsse gebremst werden, um als zaghafter Konservativer zu enden. Dennoch könne D4DR, errechnete Hamer, lediglich vier Prozent der Wesensverschiedenheit zwischen Bankräuber und Buchhalter erklären.



Auf eineiige Zwillinge, die sich derart verschiedenen Aufgaben widmeten, stieß Thomas Bouchard allerdings nicht. Ein Großteil seiner Probanden hatte den gleichen Beruf ergriffen wie der jeweilige Zwilling; selbst bei Religiosität, politischer Einstellung und Toleranz gegenüber Andersdenkenden fanden die Forscher aus Minnesota statistisch signifikante Übereinstimmungen. Nicht ein oder zwei Gene, wohl aber deren Gesamtheit beeinflußt demnach auch solche Aspekte der Persönlichkeit, die traditionell der Umwelt zugeschrieben werden.

Ähnliche Hinweise lieferte die Beobachtung von Adoptivkindern: Sie ähnelten durchweg ihren Erzeugern mehr als den Pflegeeltern, mit denen sie nicht mehr Persönlichkeitsmerkmale gemeinsam hatten als mit beliebigen Passanten auf der Straße.

Aus einem Wust von Adoptions- und Zwillingsstudien kristallisierte sich die genannte Faustformel heraus, nach der etwa die Hälfte der Persönlichkeitsmerkmale genetisch bedingt, der Rest durch die Umwelt geprägt ist.


Doch die Forscher stießen auf ein weiteres, überraschendes Ergebnis: Zwillinge, die im selben Elternhaus aufwachsen, ähneln sich um keinen Deut mehr als Zwillinge, die sofort nach der Geburt getrennt werden. Die gemeinsame Umwelt daheim scheint keine bleibenden Spuren in ihrer Persönlichkeit zu hinterlassen ­ jedenfalls keine statistisch faßbaren.

Das verleitete Judith Harris zu ihrem ketzerischen Schluß: Entweder die familiäre Umgebung ­ und damit das Verhalten der Eltern ­ hat überhaupt keinen Einfluß darauf, zu welcher Art Mensch sich ein Kind entwickelt; oder die Atmosphäre im Elternhaus wirkt auf jedes Kind anders und in nicht vorhersagbarer Weise.

Das heißt aber auch: Wenn Eltern ihrem Nachwuchs bestimmte Werte oder Vorlieben vermitteln möchten, spielen sie ein erzieherisches Roulette. Was bei dem einen Kind die gewünschte Wirkung zeigt ­ seien es verordnete Klavierstunden oder die Anmeldung im Sportverein ­, kann bei seinen Geschwistern genau in die Gegenwirkung wirken. Richtige oder falsche Erziehungsstrategien gibt es nicht.


Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Eltern dem Kind die Liebe zur Musik aufzwingen oder es einladen, die Welt des Wohlklangs spielerisch zu entdecken. "Wir können eben nicht aus Kindern machen, was wir wollen", sagt der Bielefelder Psychologe Rainer Riemann. Auch er erforscht Zwillinge, gegenüber Bouchard bedient er sich jedoch einer verfeinerten Methode: Nicht nur die Studienobjekte selbst müssen ellenlange Fragebögen ausfüllen, sondern auch Bekannte werden gebeten, die Persönlichkeit der Probanden einzuschätzen. Fehler durch verzerrte Selbsteinschätzung werden so korrigiert.

Riemanns Resultate bestätigen, daß die "geteilte Umwelt die Persönlichkeit von Zwillingen nicht ähnlicher macht". Geteilte Umwelt nennen die Psychologen alle Gegebenheiten, denen die Kinder einer Familie gleichermaßen ausgesetzt sind: ob die Eltern glücklich verheiratet sind oder Mama allein erzieht, ob die Familie in einer Sozialwohnung lebt oder in einer Villa voller Bücher.

Doch wenn all diese Faktoren ein Kind nicht für sein Leben prägen, was macht dann jene 50 Prozent seines Wesens aus, die nicht den Genen zuzuschreiben sind?



Übrig bleibt die sogenannte ungeteilte Umwelt: feine Nuancen im Verhalten der Eltern, die vielleicht ein Kind bevorzugen, das andere strenger behandeln; zufällige Erlebnisse, die dem Leben eine ganz eigene Wendung geben; und vor allem das Leben draußen, in der Clique und im Klassenzimmer.

Schon in der Krabbelgruppe imitieren Babys das Verhalten Gleichaltriger; später, im Kindergarten- und Grundschulalter, nimmt der Einfluß anderer Kinder weiter zu und ist während der Pubertät am stärksten. Die Kinderwelt der sogenannten Peer groups ist für Judith Harris die wahre Arena der Sozialisation. Ausschließlich hier, behauptet die Psychologin, lernten Kinder das, worauf es im Leben ankommt: mit anderen Menschen umzugehen.

Nicht das Elternhaus, sondern die Gruppe drücke dem heranwachsenden Menschen ihren Stempel auf: Der Außenseiter bleibe mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Leben lang gehemmt, während der Klassenclown noch als Erwachsener im Mittelpunkt stehen werde.



Auch das hat Judith Harris am eigenen Leib erfahren. Als kleines Mädchen zerrte sie an den Nerven ihrer Eltern, war unbändig, laut und extrovertiert. Alle Versuche, den Wirbelwind in eine entzückende junge Dame zu verwandeln, blieben fruchtlos ­ bis die Familie aus der Provinz in eine reiche Vorstadt an der Ostküste zog.

Dort wurde das Landei aus Arizona jahrelang von den Mitschülern geschnitten. Das Mädchen zog sich zurück, wurde zum schüchternen Bücherwurm. "Die höheren Töchter an der Schule schafften, was meinen Eltern nicht gelungen war", erzählt die Psychologin, "sie änderten meine Persönlichkeit."

Die weitgehend auf die Rolle von Eltern und Erwachsenen fixierte Forschung hat die Peer group erst vor kurzem als Betätigungsfeld entdeckt. Umfassende Studien, ob und wie die Gruppe die Persönlichkeit des einzelnen formt, existieren bislang kaum. Trotzdem führt Harris mehr als nur Anekdoten aus dem eigenen Leben an, um ihre These zu untermauern.


Gut untersuchen läßt sich die Bedeutung der Clique beim Spracherwerb. Nie übernehmen Immigrantenkinder den Akzent ihrer Eltern, stets den ihrer Spielgefährten. In einer amerikanischen Schule lernten ein paar versprengte Kinder aus russischen Familien Englisch mit spanischem Akzent zu sprechen ­ ihre Kameraden waren allesamt Latinos.

Auf Hawaii schufen Kinder von Gastarbeitern aus aller Welt, die sich selbst untereinander kaum verständigen konnten, sogar eine Sprache mit einer eigenen Grammatik gleichsam aus dem Nichts. Kinder von Taubstummen sprechen so fließend wie ihre gleichaltrigen Freunde, gehörlose Kinder unbehinderter Eltern lernen rasch, sich mit ihresgleichen durch Gebärden zu verständigen.

Harris widerspricht auch der landläufigen Ansicht, ein Kind lerne typisch männliches oder weibliches Verhalten, indem es sich mit dem Elternteil gleichen Geschlechts identifiziere. Vielmehr grenzten sich Jungen und Mädchen schon in frühem Alter freiwillig voneinander ab und legten großen Wert auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In ihren jeweiligen Gruppen verinnerlichten Jungen wie Mädchen dann, wie sich eine richtige Frau oder ein ganzer Kerl zu benehmen habe.



Tatsächlich dokumentierten Forscher, wie schon zwölfjährige Mädchen sich dem Klischee typisch weiblichen Verhaltens anpassen, mehr kichern, tuscheln und sich beim Sport ungeschickter anstellen, sobald Jungen den Schauplatz betreten. Und nicht selten schockieren Kinder ihre emanzipierten Eltern mit Feststellungen wie: "Männer kochen nicht!"

Ähnliche Verhaltensweisen zeigen Kinder in den verschiedensten Kulturen ­ Yanomami-Indianer im brasilianischen Regenwald ebenso wie afroamerikanische Kids im Großstadt-Ghetto.

Wo allerdings nur so wenige Kinder zusammenfinden, daß Jungen und Mädchen gezwungenermaßen miteinander spielen, sind die Geschlechterrollen offenbar weniger zementiert. Dokumentiert haben das Anthropologen bei den zum Teil noch nomadisch lebenden !Kung in Afrika. Eine ganz andere Situation fanden die Forscher bei Angehörigen desselben Volks vor, die bereits seßhaft lebten: In ihren Dörfern gab es genug Kinder, Jungen und Mädchen gingen sich aus dem Weg, und die Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern waren offensichtlich.


Kinder, folgert Harris, sozialisieren sich in ihren Gruppen selbst. Warum auch sollten sie ihren Eltern noch das Verhaltensrepertoire abschauen, wenn sie schon deren Gene in sich haben? Vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet ergibt das wenig Sinn: Junge Menschen müssen sich in einer anderen Welt behaupten als ihre Eltern. Wären sie nichts als Eins-zu-eins-Kopien ihrer Erzeuger, fehlte ihnen die Flexibilität, sich auf veränderte Lebensbedingungen und soziale Normen einzustellen.

Zudem helfen Erfahrungen, die ein Kind im Schonraum Elternhaus macht, in der rauhen Welt draußen nur bedingt weiter. "Auf dem Schulhof", gibt Harris zu bedenken, "sagt doch niemand: 'Liebling, es macht mich traurig, daß du das getan hast.' Da heißt es schlicht: du Mistvieh!" Die Münchner Biologin und Aggressionsforscherin Mechthild Schäfer bestätigt: "Den Umgang mit Aggressionen können Kinder nur in der Gruppe üben".



Was Eltern ihren Kindern beibringen, beeinflußt deren Verhalten deshalb in erster Linie da, wo sie die entsprechende Erfahrung gemacht haben: zu Hause. Verlassen sie das traute Heim, streifen sie das dort Erlernte größtenteils ab wie ein überflüssiges Kleidungsstück.

In diese Richtung weist eine Untersuchung schwedischer Wissenschaftler über das Eßverhalten von Kindern: 30 Prozent der Probanden verschmähten daheim bestimmte Speisen, aßen sie aber in der Schule klaglos ­ oder umgekehrt. Nur acht Prozent gaben sich an beiden Orten kapriziös.


Ergänzend fanden die amerikanischen Psychologinnen Marjorie Gunnoe und Carrie Mariner heraus, daß Kinder, die von ihren Eltern gelegentlich eine Ohrfeige kassieren, sich in der Schule keineswegs häufiger prügeln als andere. "Bei den meisten Kindern", so das Fazit der Forscherinnen, "ist die Annahme unbegründet, daß ein paar Klapse aggressiv machen." Andere Untersuchungen bestätigen den Vater des jugendlichen Delinquenten Mehmet, wenn er schlicht feststellt: "Mein Sohn hat die falschen Freunde." 

Sorgfältig ausgewertet, zeigen praktisch alle Studien über Gewalt unter Jugendlichen: Es ist die Peer group, die bestimmt, ob ein Teenager kriminell wird oder nicht.

Müssen ­ und dürfen ­ Eltern sich also zurücklehnen und Gedeih und Verderb ihrer Kinder der Clique anvertrauen? Zur Vorsicht rät Entwicklungspsychologe Rainer Silbereisen: Die meisten psychologischen und verhaltensgenetischen Untersuchungen haben einen Haken ­ sie beziehen fast ausschließlich einigermaßen normale Mittelschichtfamilien ein.

"In solchen Familien sind alle üblichen Erziehungsmethoden halbwegs gleich gut", sagt Silbereisen, "aber außerhalb dieses Normalbereichs kann es unter Umständen entscheidend sein, wie Eltern erziehen."
Väter, die Kinder krankenhausreif prügeln, gar sexuell mißbrauchen, Eltern, die ihre Kleinen grob vernachlässigen oder, das gegenteilige Extrem, sie mit aller Kraft zu intellektuellen oder sportlichen Höchstleistungen treiben, können sehr wohl deren Leben ruinieren.

Auch wenn sich die Risikofaktoren ­ Armut, Scheidung, geringes Bildungsniveau, zweifelhafter Umgang ­ häufen, mag ein zu autoritärer oder zu nachlässiger Erziehungsstil den letzten Kick geben und das Kind in die Kriminalität treiben.


Umgekehrt können Eltern extrem aggressiver oder hyperaktiver Kinder deren Leben in hoffnungsvolle Bahnen lenken, wenn sie den Teufelskreis der Gene durchbrechen. Bei sogenannten Interventionsstudien lernten Eltern, ihrem eigenen Temperament zum Trotz geduldig und einfühlsam auf ihre Horrorkids zu reagieren, deren Aggressivität daraufhin spürbar nachließ. "Ändert man das Verhalten der Eltern", sagt John Gottman von der University of Washington, "ändert sich das Verhalten der Kinder, und zwar auch außerhalb des Elternhauses."

Skeptiker befürchten, Judith Harris' provozierendes Buch könne manchen Eltern als Alibi dienen, ihre Kinder erst recht zu vernachlässigen, gar zu mißhandeln. "Ihre These ist absurd", ereifert sich Frank Farley von der Temple University, "stellen Sie sich mal vor, was passiert, wenn Eltern diesen Quatsch glauben!"

Die Autorin begegnet derlei Polemik mit Gelassenheit: "Wir lieben unsere Kinder doch, weil sie liebenswert sind und nicht weil wir glauben, daß sie es brauchen." Allerdings räumt sie ein, daß ihre Argumente bei extremen Familienverhältnissen möglicherweise nicht mehr greifen. Allen normalen, um ihre Sprößlinge besorgten Müttern und Vätern gibt sie jedoch den Rat: "Entspannen Sie sich. Ihr Kind ist robuster, als Sie glauben."

Was Durchschnittseltern nach Harris' Ansicht übrigbleibt, um dem Nachwuchs einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, klingt pragmatisch, aber gesellschaftlich wenig wünschenswert: in ein nettes Viertel ziehen, wo die Kleinen gute Chancen haben, eine artige Peer group zu finden; die richtigen Klamotten kaufen, damit der Sprößling nicht zum Außenseiter wird; in drastischen Fällen gar den Schönheitschirurgen konsultieren, um dem Kind Hänseleien zu ersparen.

Letztlich unterscheiden sich Harris' Ratschläge gar nicht so dramatisch von denen vieler Erziehungswissenschaftler. "Mittelschichteltern neigen dazu, sehr ängstlich zu sein", sagt Klaus Hurrelmann, "etwas Entspannung wäre von Vorteil." Auch er schätzt die Bedeutung der Peer group hoch ein: "Heute lösen sich Kinder viel früher von den Eltern ab."


Trotzdem spricht der Pädagoge den Eltern nach wie vor einen "sehr großen Gestaltungsspielraum" zu. Zwar könnten sie das Ausgangstemperament ihrer Sprößlinge nicht ändern, aber "vielleicht doch die kleinen Akzente setzen".

Wie im Fall eines der getrennt aufgewachsenen Zwillingspaare, die sich an der Minnesota-Studie beteiligten: Eine Schwester entwickelte sich zur gefragten Konzertpianistin, die andere blieb völlig unmusikalisch. Da beide als eineiige Zwillinge genetisch übereinstimmen, läßt sich der Unterschied nur durch Umwelteinflüsse erklären.

Tatsächlich arbeitete die Pflegemutter des einen Mädchens daheim als Klavierlehrerin, während den Adoptiveltern der anderen jegliches musikalische Talent abging. Allerdings: Die Unmusikalischen waren es, bei denen die angehende Pianistin aufwuchs.



*Judith Rich Harris: "The Nurture Assumption". Free Press, New York; 464 Seiten; 26 Dollar.
** David Rowe: "Genetik und Sozialisation". Beltz-Verlag, Weinheim; 276 Seiten; 68 Mark.
*** Dean Hamer/Peter Copeland: "Das unausweichliche Erbe". Scherz Verlag, Bern; 384 Seiten; 44,90 Mark.


Nota.

1. Sie haben es selbst bemerkt, lieber Leser: In Obigem ist die Rde nur davon, ob einer kriminell wird oder ein ordentlicher Bürger; also was man landläufig Sozialisation nennt. Da mühen sich Eltern tatsächlich vergeblich, und es gehört gar nicht zu ihren Aufgaben. Die liegen woanders. Denn es gibt im Menschenleben auch sonst noch Dinge, die eine Rolle spielen (sich aber statistisch schlechter erfassen lassen).

2. Die Rede von Fifty-Fifty - zur Hälfte Veranlagung, zur Hälfte lebensgeschichtlich erworben - ist nicht bloß salopp, sondern irreführend und falsch. Denn es handelt sich nicht um zwei Bestandteile, die lediglich addiert werden, sondern um ein Bedingungsverhältnis, das sich als solches gar nicht quantifizieren lässt. Und nicht einmal um ein Verhältnis von 'notwendigen' und 'hinreichenden' Bedingungen, denn notwendig ist auf diesem Feld gar nichts; sondern lediglich um günstige und weniger günstige genetische Bedingungen - und günstige und weniger günstige Erlebnisse, die hinzutreten.

3. Die Lehrer und ihre Schulen kommen in dem Beitrag gar nicht vor. Zu Recht oder zu Unrecht?

4. Die peer group ist, nach Obigem, nicht nur für die gelungene, sondern auch für die gescheiterte Sozialisation verantwortlich. Aber die Kindergesellschaft besteht nicht in dieser oder jener Peer group, sondern ist ein öffentlicher Raum, in dem eigene Normen und eigene Symbolsysteme gelten - über die jeweiligen Cliquen und Banden hinaus. Das ist das Feld, wo ein jeder sich seine persönliche Gesellungsfähigkeit aka 'Sozialkompetenz' ausbildet - und wenn nicht hier, dann nirgends.

J. E.

Donnerstag, 26. Mai 2011

Soll sich der Sport als Sozialpädagogik verkaufen?



Zum Jahr des Kinder- und Jugendsports
(für die Sportjugend Berlin, im Januar 1997)

In den letzten Jahren hört man immer wieder, daß Funktionäre den Sport nach außen hin mit sozialpädagogischen Argumenten rechtfertigen, und fast glaubt man, er hätte das nötig. Da heißt es ‘Aggressionen abbauen’, ‘der Gewaltbereitschaft begegnen’, ‘die Kinder von der Straße holen’ (als sei sie bloß für die Autos da), ‘Frustrationstoleranz einüben’ usw. Fragt man nach, bekommt man als Antwort: Anders kommen wir nicht mehr an (öffentliches) Geld ran. Überall wird ge- spart, und wenn der Sport bloß als Freizeitvergnügen erscheint, wird er nicht gefördert. Man muß ihn als eine Art Nothilfe darstellen, das läßt sich der Öffentlichkeit besser vermitteln… 

Nachdem ich ein Vierteljahrhundert sozialpädagogische Berufspraxis auf dem Buckel habe, darf ich dazu wohl das Wort ergreifen. Dahingestellt sein laß ich, ob man wirklich immer nach den Fleischtöpfen schielen und die Frage nach richtig oder falsch gar nicht mehr stellen muß. Ich rede hier nicht moralisch, sondern pragmatisch. Und da sage ich: Wenn der Sport sich mit der Sozialpädagogik auf einen Wettlauf um die Fördermittel einläßt, hat er von vornherein verloren. Dann trägt er selber dazu bei, einen schlechten Zustand zu zementieren, den zu beenden gerade er aufgerufen ist. 

Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass Sport (unnützer) Zeitvertreib und Sozialpädagogik (nützliche) Arbeit ist. Bis in die sechziger Jahre hat ja gerade der Sport als „Jugendarbeit“ par excellence gegolten! Wenn damals ein Politiker sagte, er
wolle „was für die Jugend tun“, dann meinte er immer – neue Sportstätten. Recht so: Die Jugend strebt zum Sport, der Sport strebt zur Jugend, anders kann es gar nicht sein. Freilich, das Berufsbild des Sozialpädagogen gab es da noch nicht. Das kam erst Ende der Sechziger auf, mit jener explosionsartigen Vermehrung der pädagogischen Berufe, die man füglich als Landnahme bezeichnet. Seither war „Professionalisierung“ das gängige Stichwort, in den freien Jugendverbänden wurden „Fachkräfte“ angestellt, die rissen alles an sich, die freiwilligen („unfachlichen“) Helfer wurden rausgeekelt, und schließlich blieben auch die einfachen Mitglieder weg. „Jugendarbeit“ gibts seither nicht mehr. Auch keine Jugendbewegung. Nur noch Sozialpädagogen. 

Übriggeblieben ist eigentlich nur die Sportjugend, d. h. der Jugendsport. Der hat der Sozialpädagogisierung getrotzt. Und die Sozialpädagogen ignorieren ihn vornehm – als unlautere, weil „unprofessionelle“, nämlich billigere Konkurrenz. 

An „fachlichen“ Versuchungen hat es bei den Jugendfunktionären sicher auch nicht gefehlt. Es liegt aber in der Natur des Sports, daß ihm die Sozialpädagogik widerstrebt. Denn sie folgen beide zwei diametral entgegengesetzten Logiken, und die machen sich bis in den intimsten Winkel geltend: Die Sozialpädagogik richtet ihr Augenmerk auf die Schwächen der Kinder, der Sport auf ihre Stärken. Für die Sozialpädagogik heißt es: „Defizite kompensieren“! 

“Aggressionen“ (modisch: „Gewaltbereitschaft“) wären so ein „Defizit“. Früher sprach man von Flegeljahren und von überschüssigen Kräften, aber die Sozialpädagogik denkt gleich an eine ‚Störung’, die man wegmachen muß. Im Hinterkopf schwebt irgendein idealer Durchschnitt von „Normalität“, von dem natürlich keiner genau sagen kann, wo er liegen soll.  Im Sport heißt es dagegen: „Der Beste möge siegen“. Durchschnitt, Norm und Normalität kommen im Sport nicht vor. 

Ganz krass wird es bei den Paralympics: Selbst da geht es nicht darum, „Defizite“ zu „kompensieren“, sondern auch da gilt: „Der Beste wird gewinnen.“ Es ist nicht Sache des Sports, irgendwem einen Maßstab vorzuhalten und zu sagen: „Siehst du, da mußt du hin!“ 

Das Ethos des Sports ist, ganz im Gegenteil, daß jeder aus sich das Beste macht. Jeder schafft, was er kann. Das Maß eines jeden sind seine eignen Möglichkeiten, und was er daraus macht, liegt ganz bei ihm.  Man könnte vielmehr fragen, mit welchem Fug und Recht eigentlich die Sozialpädagogen den Leuten Maßstäbe setzen wollen; bestimmen wollen, was Norm und was Abweichung, was Defizit und was Störung, was Kompensation und Normalität sind; wer hat sie dazu eingeladen? Da kämen sie aber ganz schön in Verlegenheit.


nagykep1 

Gewiß, sie haben es schwer. Ein liberaler Staat in einer pluralistischen Gesellschaft kennt kein positives, verbindliches „Menschenbild“ mehr. Das brauchen sie aber: Wonach sollen sie sich sonst richtenErsatzweise griffen sie daher zu einem negativen Menschenbild: Je lauter man von den „Defiziten“ der andern redet, umso weniger muß man über die eignen Maßstäbe sagen. Das hat den weiteren Vorteil, daß so die Defizite natürlich nie behoben, die Aufgaben nie erledigt und die Planstellen nie überflüssig werden. Es bleibt alles im Ungefähr, und man kann beliebig viel neue Defizite entdecken – wenn man nur lange genug hinschaut. 

So kommt es, daß in diesem Berufsstand heute immer mehr Professionelle immer weniger leisten. Die Sozialpädagogik bestreitet ihre Leistungsschwäche gar nicht. Aber sie will uns einreden, es handle sich nur um ein fachliches Problem, das sie schon selbst und mit ihren Mittel lösen wird. Das ist eine Augenwischerei, der wir – wie alle Steuerzahler – energisch widersprechen sollten. Daß ein Erziehungssystem, das an den Kindern mit Vorliebe deren Fehler und Schwächen wahrnimmt, nichts Manierliches zustandebringt, kann jeder erkennen. Dazu braucht man kein Fachwissen. Man muß nur alle fünf Sinne beisammen haben. Es ist eine Sache des gewöhnlichen menschlichen Anstands: Kinder muß man auf ihre Stärken hinweisen. 

Das lehrt uns der Sport. Wenn also von einer Verbindung von Sport und Sozialpädagogik die Rede ist, dann kann es immer nur so sein, daß das Ethos des Sports die Fachlogik der Sozialpädagogen korrigiert, und nicht umgekehrt. So gesehen, wirkt Sport dann allerdings „sozialpädagogisch“. 

Aber die Sozialpädagogen werden es kaum wahrhaben wollen. Und schließlich muß der Sport sein Ethos offensiv vertreten, statt sich hinter anderen zu verstecken, als ob er sich schämt. Das kommt in der Öffentlichkeit nicht an? Na das wolln wir erstmal sehen. Und schließlich: Öffentlich heißt nicht behördlich. Es gibt in der Öffentlichkeit auch Geld, das nicht von Staatsdienern verwaltet wird. Vielleicht sogar mehr. 

J. Ebmeier, Jugendwart im SV Siegfried Nordwest 1887 e.V.


Sonntag, 22. Mai 2011

Homo vagans. Ein romantisches Menschenbild für das neue Jahrtausend.

Wanderer

Ich schwöre Ihnen, erwiderte Ulrich ernst, daß weder ich noch irgendwer weiß,
was der, die, das Wahre ist; aber ich kann Ihnen versichern,
daß es im Begriff steht, verwirklicht zu werden!
Der Mann ohne Eigenschaften

Abrupt ist gerade* das zwanzigste Jahrhundert zu Ende gegangen. War es die Epoche der Weltrevolution oder war es, wie ein konservativer Geist meinte „der europäische Bürgerkrieg“, gleichviel: vorbei ist es so oder so.
.
Eine neue Zeit bricht an, und nirgends so stürmisch wie bei den Deutschen. Ein normales Volk unter den Völkern in einem normalen Staat unter den Staaten, das hatten wir noch nie. Und immer noch in der Mitte Europas. Ganz ungewohnt: Wir werden uns nicht mehr mit uns und mit dem Naheliegenden begnügen können. An unsere Geschichte müssen wir jetzt wieder in der ersten, statt bloß in der dritten Person denken. Die Welt ist nicht mehr, was sie war, und wir auch nicht. Unsern Platz müssen wir, wie die andern Völker auch, selbst bestimmen.

Der Pädagogenstand, Mehrer des Fortschritts und Wahrer guter Gesinnung, hat von alldem noch nichts gemerkt. Er zehrt weiter, schlecht oder recht, am Vermächtnis des Jahres Achtundsechzig. Sind aber nicht gerade die Kinder, mehr noch als die andern, Kinder ihrer Zeit? „Weiter so“ ist schon an ruhigen Tagen keine Losung, die der Pädagogik zu Gesicht stünde. Doch im Moment der Zeitenwende macht sie sich damit ganz unmöglich.

Nicht das Kapital ist zusammengebrochen. Seine zivilisatorische Mission war wohl noch nicht erschöpft: Der Welt-Markt liegt erst noch vor uns.

Das nachindustrielle Zeitalter läßt auf sich warten, die Postmoderne ist schon wieder vorbei. Die Welt, in der wir leben, stellt sich neuerlich dar, als was sie ist: bürgerliche Gesellschaft.

Durchbruch

Doch der Charakter der bürgerlichen Zeit ist Krisis. Sie ist das Tor, das aus der Naturnotwendigkeit hinausführt ins Reich der Freiheit – oder in die Barbarei. Die Krisis ‚äußert’ sich als Revolution in Permanenz: Jede noch verbliebene Naturschranke wird beiseite geschoben, noch die letzte Naturfessel wird abgestreift wie eine Schlangenhaut, eine nach der andern.

Ihre nacheinander eingerichteten Gesellschaftsbildungen haften der Menschheit an wie Häute, in denen sich ihre Anpassung an die – je durch Arbeit modifizierte – Natur materialisiert hat zu so und sovielen Bedürfnissen und „Eigenschaften“ der Menschen selbst. Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden. Aber die Menschen machen ihre Geschichte selbst. Sie können sich häuten, wenn und weil sie es wollen.
Der Charakter der bürgerlichen Epoche ist Revolution in Permanenz. Theoretisch ausgesprochen hat sie ihn in der Wissenschaftslehre – als der „pragmatischen Geschichte“ davon, wie ‚das Ich’ sich immer wieder „selbst setzt“ im ‚praktischen Erzeugen einer gegenständlichen Welt’ – als seinem Spiegel. [1]
.
 

Die Geschichte davon, wie es ein ‚Selbst’ wird, indem es die Welt zu seiner Aufgabe macht; wie es seine Zukunft zu dem macht, was ihm zukommt.

Je dringender aber die bürgerliche Welt nach ihrer Zukunft fragt, umso unabweisbarer wird ihr ihre Herkunft zum Problem. Führt ein gerader Weg von ihrem Woher zu ihrem Wohin? Waren die Bewegungsgesetze ihrer Gegenwart schon die Bildungsgesetze ihrer Entstehung? Nur wenn ihre Entwicklungslogik immanent, und wenn die bürgerliche Verkehrsweise in sich selbst begründet ist, läßt sich aus ihrem Heute auch ihr Morgen hochrechnen. Anderfalls bleibt ihre Zukunft in der Schwebe.

Jene Selbstreflexion der bürgerlichen Gesellschaft auf ihre Ursprünge war die Kritik der politischen Ökonomie gewesen – als Durchführung des Programms der Wissenschaftslehre am Spezialfall der Bildung des Kapitalverhältnisses. Sie beschrieb nicht einfach, wie das ‚System’ der bürgerlichen Ökonomie „funktioniert“, sondern sie zeigte, daß sein Funktionieren auf einer sachlichen Bedingung beruht, die durch das System nicht begründet werden kann, weil sie es selbst begründet: die Trennung des Arbeitsvermögens von den Arbeitsmitteln, alias „die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“. Es ‚basiert’’ auf einem historischen Faktum, nicht auf einem Gesetz.[2] Aber Fakta sind vergänglich.

Und weiter!

Da sie so aus ihren heutigen Bewegungsregeln ihre zukünftige Entwicklungsrichtung nicht einfach extrapolieren kann, kommt sie sich nach vorn hin offen vor. Ihre Krisis erscheint ihr als Progressus in infinitum. Sie weiß zwar, daß es irgendwo „hin“ geht. Aber sie weiß nicht, wo das liegt. Sie fühlt sich unterwegs, aber sie weiß nicht die Richtung. Sie weiß nur, daß da irgendeine „sein muß“.

Das Hier und das Jetzt der bürgerlichen Gesellschaft heißen immer: plus ultra.

Für den Einzelnen bedeutet das: Er muß sein Leben führen – denn es versteht sich nicht mehr von selbst. Und wenn es nach vorne offen ist, muß er seine Bestimmung suchen – nämlich da, wo er nicht ist.
Ist ihm sein Ziel nicht ‚gegeben’, so kann er es auch nicht sehen – nicht einmal als ‚Idee’; nicht, wie es aussieht, noch wo es liegt. Er ahnt nur, daß eins da sein muß. Darum steht er nicht einmal, sondern immer vor der Frage: Wo soll ich hin? Wie geht es weiter? Und das heißt immer bloß: Was ist der nächste Schritt? An einem spanischen Kloster steht die Inschrift: No hay caminos; hay que caminar. Oder wie der Tatmensch Oliver Cromwell das ausgedrückt hat: Einen Mann trägt sein Roß nie weiter, als wenn er nicht weiß, wohin er reitet. – Sein Ziel ist dann nämlich nur: weiter vorn.

Ein ewig gegenwärt’ges Nun

Doch „wenn man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man sich befindet“[3]. So schlägt die Permanenz der bürgerlichen Krisis sich erlebenswirklich nieder als permanente Selbstreflexion – das ewige Fragen nach Wo, Woher und Wohin. Es ist die unablässige Neugeburt des transzendentalen Subjekts: Es ist nur in actu, es ist immer wieder „frei und neu in jedem Nun“[4]. Ansonsten ‚ist’ es nur formale Möglichkeit.

Es dauert nicht in Raum und Zeit. Es kann sich nicht ‚rechtfertigen’ durch bleibende Werke. Es muß sich bewähren stets aufs neue. Es ‚ist’ nicht erbrachte Leistung, sondern höchstens stete Bereitschaft, zu leisten. Es rechtfertigt sich „allein aus dem Glauben“, als daz fünklîn,[5] das nur leuchtet, wenn ich es anschaue. „’Ich bin’ heißt, ich befinde mich in allgemeiner Relation, oder ich wechsle – es ist das Glied des Wechsels überhaupt: erstes Spiel.“[6]

Ein ‚Ziel’ – ein Unbedingtes, bei dem er stehenbleiben; ein Absolutes, bei dem er sich beruhigen könnte – ist dem modernen Menschen nicht „sichtbar“; ist nicht im Raum noch in der Zeit. Und doch soll es ihm „irgendwie“ präsent sein! Nämlich als Maßstab seines jeweiligen Handelns, hier und jetzt. „Moral ist die Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand.“[7] Aber er kanns nicht behalten und kanns nicht vergessen, und faßt er es ganz, so kann ers nicht messen. „Das einzig mögliche Absolute, das uns gegeben werden kann“, ist „die unendlich freie Tätigkeit in uns“. Es „läßt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, daß durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen“. [8] Und mit den Worten des Cherubinischen Wandersmanns: Je mehr du nach ihm greifst / je mehr entwird er dir.

 Als ob
 
„Ich glaube nicht, daß Gott da war, sondern daß er erst kommt. Aber nur, 
wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher.“
Se. Erlaucht wies das mit den würdigen Worten zurück: „Das ist mir zu hoch.“
Der Mann ohne Eigenschaften

Dieses Paradox wird gewöhnlich veranschaulicht durch die Metaphern „Ideal“ und „unendliche Annäherung“. Aber solche Bilder verdunkeln mehr, als sie erhellen.

Da ist kein ‚Punkt’, dem es näherzukommen gälte, früher oder später, mehr oder weniger. Sondern da ist ein Wert, der gilt – jetzt und überhaupt. Man ‚hat’ ihn nicht als Aktivposten, sondern wie einen Stachel. Er gilt, indem ich jederzeit so handle, als ob die Welt „jetzt schon“ nach einem göttlichen Heilsplan eingerichtet wäre. Wenn alle so handelten, als ob es eine göttliche Weltregierung gäbe, dann – gäbe es eine göttliche Weltregierung.

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Und so kann ich auch nicht messen, wie weit mich mein Handeln jenem idealen Zustand „nahegebracht“ hat. Ich kann nur wissen, daß ich so gehandelt habe, als ob… Wenn aber das Resultat kläglich ausfiel, dann wird mich das bekümmern; doch reuen muß es mich nicht.

Mehr noch als die Geschichte der Gattung ist so der Lebensplan jedes Einzelnen Sinngebung des Sinnlosen. Die Welt ist ‚alles, was der Fall ist’. Ein Sinn ist darin noch keiner. Mein Leben in der Welt dagegen ist so, wie es sein soll – oder nicht. Anderer Sinn wird sich in der Welt nicht auffinden lassen.

Das Unbefriedigende daran ist, daß man das Ende nie zu fassen kriegt. Immer greift man ins Leere. Da ist kein Stoffliches, vulgo „Inhalt“, in dieser Moral, woran man sich halten könnte. Sie ist die Ausbreitung einer einzigen Tautologie – zu einem Paradox.

Durch einander

Die ganze Philosophie ist aber so eine Tautologie. Sie besteht nur in der Auflösung eines tautologischen Satzes in einen Gegensatz. Jener Satz heißt a = a, oder „was ist, ist“, und ist landläufig als ‚Satz der Identität’ bekannt. Einen Sinn hat er freilich nur, wenn damit „eigentlich“ eine – Nichtidentität gemeint ist. Dann heißt er so: Das Eine ist ‚es selbst’ durch ein Andres; soll gelten als das Andre.[9] Etwa so: Das Unendliche soll endlich sein; oder: Das Unbedingte soll bedingt werden; oder auch, Was ist, soll einen Sinn haben. – Dann ist er nicht Feststellung einer Tatsache, sondern Stellung einer Aufgabe.

In der Geschichte der abendländischen Philosophie ist jene Aufgabe als das Problem der „Einheit von Subjekt und Objekt“ formuliert und formalisiert worden. Aber so, als ob seine Lösung irgendwann einmal gelingen müßte. Doch kann ich den „Gegensatz des Bewusstseins“ lediglich ‚praktisch’ als gegenstandslos behandeln – nämlich im Moment der Tat selbst, wo im Vollzuge ‚Subjekt’ und ‚Objekt’, Sinn und Sein, das Gegebene und die Aufgabe, der ‚Stoff’ und die ‚Form’ wirklich in einem Punkt zusammenfallen. Die Lösung ‚gelingt’ immer nur actu: während der Tat, doch schon nicht mehr in ihrem Produkt; und hernach ist alles so offen wie je zuvor. Die Lösung der Aufgabe ist immer wieder nur die Aufgabe selbst.

Der dialektische Schein

Und wenn ich es recht bedenke, ist der ‚Gegensatz des Bewußtsein’ auch theoretisch ein bloßer Schein. Im wirklichen Leben kommen überhaupt nur Handlungen vor. Ohne das wäre ein ‚Objekt’ uns ebensowenig gewärtig wie ein ‚Subjekt’. Die Handlungen sind das Reale am wirklichen Leben. Was aber „in Begriffen dargestellt wird, ruht“[10]. ‚Subjekt’ und ‚Objekt’ sind theoretische Bestimmungen, die eine abstrahierende Reflexion im nachhinein in meine Anschauung hineingetragen hat. Sie stammen nicht aus dem natürlichen Bewußtsein, sondern sind selbst schon Wissenschaft.

Doch reden wir hier ja nicht vom natürlichen Bewußtsein „überhaupt“, sondern von der Gemütslage des modernen, des bürgerlichen Menschen. Und den zeichnet es allerdings aus, daß er eben – reflektiert. Es ist ihm ja nichts mehr selbstverstündlich, kein Gegebenes und kein Aufgegebenes. Die beseufzte „Verwissenschaftlichung des Alltags“ hat diesen Grund: Er muß fragen – nach einem Wozu. Und prompt zerfällt ihm die Wirklichkeit in ein Ich und in ein Nichtich. Um die Unschuld ists geschehn.

Der antiquierte Mensch ist mit sich selbst im Reinen und in jeder Nische zuhaus, wo es sich wohlsein läßt. Das ist die Gattung des Philisters. Sie ist zwar noch zahlreich, aber schon veraltet.

Sie ahnen es, und seither werden sie ihrer Unzufriedenheit nicht mehr Herr:

Es scheint, daß der brave, praktische Wirklichkeitsmensch die Wirklichkeit nirgends restlos liebt und ernst nimmt. Als Kind kriecht er unter den Tisch, um das Zimmer der Eltern, wenn sie nicht zu Hause sind, durch diesen genial einfachen Trick abenteuerlich zu machen; als Knabe sehnt er sich nach der Uhr; als Jüngling mit der goldenen Uhr nach der zu ihr passenden Frau; als Mann mit Uhr und Frau nach der gehobenen Stellung; und wenn er glücklich diesen kleinen Kreis von Wünschen zustande gebracht hat und ruhig darin hin und her schwingt wie ein Pendel, scheint sich sein Vorrat unbefriedigter Träume um nichts verringert zu haben. Wenn er sich erheben will, so gebraucht er dann ein Gleichnis – denn es kommt ihm anscheinend nur darauf an, etwas zu dem zu machen, was es nicht ist; was wohl ein Beweis dafür ist, daß er es nirgends lange aushält, wo immer er sich befinde.[11]

Der Philister ist eine aussterbende Spezies.

Eine komische Existenz

ArlecchinoDer moderne Mensch ist ein Wanderer: An seinem Platz ist er immer fremd. Setzt er sich fest, fällt er aus seiner Bestimmung.[12] Das Endliche, das er nur immer hat, wird zur greifbaren Figur erst vorm Hintergrund des Unendlichen, das er haben soll und nicht haben kann. Gewärtig ist ihm das Endliche bloß als ein (zu kleines) Stücklein vom Absoluten. „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“[13] In seiner Welt ist er jenseits. Er ist selber das Paradox: Seine Gottheit ist diesseitig, sein Jenseits hier und jetzt, sein Alltag ist seine Offenbarung, seine Erkenntnis Ironie, denn „jeder Philosoph, der die Immanenz gegen die empirische Person geltend macht, ist ein Ironiker“[14]. Er partizipiert an der Ewigkeit, indem er weiß, daß er nur vorläufig ist.

Es ist die Anschauung des hier-und-jetzt-Gegebenen sub specie aeterni – so „als ob“ es ein Unbedingtes zu vergegenwärtigen habe -, die die Romantiker Ironie genannt haben. „Der Humor, als das umgekehrte Erhabene, vernichtet nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee.“[15] Gemessen an der ‚unendlichen Aufgabe’ wird alles Reale, jedes einmal fertige Produkt, das im Raum und in der Zeit vorkommt, komisch: Verglichen mit dem, was es vorstellen soll, wirkt es gemein – und rührend zugleich.

„Ironie ist die Form des Paradoxen“, sie repräsentiert den „unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und Bedingten“[16]. Durch sie erst „wird das eigentümlich Bedingte allgemein interessant und erhält objektiven Wert“[17]. „Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst hinweg.“ [18]
Wo das empirische Ich aus sich heraustritt, sich über sich hinwegsetzt und von dort aus – auf sich zurückblickt: dort reden wir von Reflexion. Permanente Reflexion ist der Charakter der bürgerlichen Existenz. Sie ist deren reale Ironie, auch bei einem, dem aller Humor abgeht.

Mann ohne Eigenschaften

Was immer er erreichen will, es ist immer nur der nächstbeste Schritt auf seinem Weg ins Unendliche. Und hat er was erreicht, kehrt es sich gegen ihn als die nächste Schranke auf seinem Weg. Es hält ihn auf, es hält ihn fest, es schmiedet ihn an… das Endliche. Das richtige war es nur, solange er es nicht hatte. Kaum hält er es in Händen, da ist es schon falsch. „Das Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite.“[19] Was immer er hat, es ist nicht genug. Immer ist er auf dem Weg zu einem andern Ufer. Und wo er sich niederläßt, da – schwebt er nur.

Was er je geworden ist – gemessen an dem, was er alles nicht ist, ist es viel zu wenig. Alle Eigenschaften, die er haben kann, sind ebensoviele Einschränkungen seiner Möglichkeiten: weniger Reichtum als Mangel. Seiner Bestimmung gerecht wird er erst als Mann ohne Eigenschaften. „Kinder sind deshalb am schönsten“, meint Hegel, weil „das Kind in seiner Lebhaftigkeit als die Möglichkeit von allem erscheint“.[20]

Das Kind ist das Urbild des modernen Menschen: Es hat noch keine Eigenschaften. Es fühlt sich im Möglichen nicht minder zuhaus als im Wirklichen; eher mehr. Sein – um mit Robert Musil zu reden – Möglichkeitssinn ist ihm präsenter als sein Wirklichkeitssinn: „Alles könnte auch ganz anders sein.“ Darum wurde das Kind zur großen Entdeckung der Romantik: „Der frische Blick des Kindes ist überschwänglicher als die Ahndung des entschiedensten Sehers“, und „ein Kind ist weit klüger als ein Erwachsener: das Kind muß durchaus ironisches Kind sein“.[21]

Aber auch als Urbild ist es doch bloß ein Bild.

Mögen es sein frischer Blick und der „leichte Sinn für das Zeitliche“ (Fichte) auch auf vertrauten Fuß mit dem Unendlichen setzen – aber es ‚strebt’ ja nicht in der Welt, die „der Fall ist“. Sein Überschwang hält sich in den Grenzen einer ‚Welt’ ad usum Delphini: einer Kunstwelt des harmlosen Scheins. Da kostet es nichts, sich alles „ganz anders“ zu denken. Es ist Gedanken-Spielerei.

Unternehmer an der Grenze

Wirkliches Streben in der Welt der Tatsachen ist Arbeit, nicht Spiel. Der Mensch, der bloß arbeitet, wird zum Philister. Er arbeitet, um sich an seiner Statt einzurichten. Er strebt, um zu haben. Er ist Krämer. Ein Unternehmer ist der, dem am Gewinnen noch mehr gelegen ist als am Gewinn.

Der eine mag typisch sein für unsere lausigen bürgerlichen Zustände; nämlich sofern alles beim Alten bleibt. Der andere ist charakteristisch für das bürgerliche Geschehen – insofern nämlich, als alles neu werden muß. Der Unternehmer ist ein Spieler in der Welt der Tatsachen. Er hält die Revolution permanent. Er ist der Romantiker, der sein Sach auf Nichts gestellt hat: der „auf eigne Faust lebende Mensch“[22].
.
 

Wo er nicht ist, dort ist sein Glück, und dahin ist er immer unterwegs. Er hat alles stets noch vor sich. Er lebt an einer Grenze, die nur da ist, damit er sie übertritt.

So weit als die Welt
So mächtig der Sinn
So viel Fremde er umfangen hält
So viel Heimat ist ihm Gewinn.[23]

Das ist das Menschenbild, das der Erziehung an der Jahrtausendwende vorzuschweben hat; als Stachel, nicht als zu erfüllendes Maß. Nicht als Vorbild, wonach der Pädagoge seinen Zögling modelt, sondern als ein Gleichnis, in dem er sich selbst erkennt. 

Wenn nicht einmal die Pädagogen Unternehmer wären – ja wer denn dann?


*) gechrieben im Mai 1991


________________________________________________________
[1] Fichte, J. G., Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, Hbg. 1979; ders., Wissenschaftslehre 1805, Hbg. 1984; Marx, K., und Friedrich Engels, Werke, Bd. 3; Erg.-Bd. I; Berlin 1983; 1968
[2] Marx, K., und Friedrich Engels, Werke, Bde. 23-25, Berlin 1970-74 ; Bd. 42, Berlin 1983
[3] Bachelard, G., Poetik des Raumes, Ffm. 1987, S. 188
[4] Eckart, Meister Johannes E. : Deutsche Predigten und Traktate (Hg. J. Quint) München 1979, S. 160
[6] Novalis, Werke, Bd. I, Zürich. 1945, S. 208
[7] Musil, R., Der Mann ohne Eigenschaften, Hbg. 1960, S. 869
[8] Novalis, aaO, S. 172
[9] Fichte 1984, S. 39
[10] Schelling, F. W. J., Werke, Bd. I, Ffm 1985, S. 193
[11] Musil aaO, S. 138f
[12] ebd., S. 234
[13] Novalis aaO, Bd. II, S. 10
[14] Marx 1968, S. 221
[15] Jean Paul (Richter, F.), Werke Bd. IV, Leipzig-Wien o.J. (Bibl. Inst.), S. 173
[16] Schlegel. Fr., Werke Bd. I, Berlin-Weimar 1980, S. 172, 182
[17] Novalis aaO, Bd. II, S. 17
[18] Schlegel aaO, S. 182
[19] Meister Eckart aaO, S. 196
[20] Hegel, G. W. F., Ästhetik Bd. I, Berlin-Weimar 1955, S. 153
[21] Novalis aaO, Bd. III, S. 63, 263
[22] Musil ebd., S. 130
[23] Brentano, Cl., Godwi, In: Werke (Hg. Kemp), Bd. 2; München 1963-68; S. 17