Montag, 31. Januar 2011

"Chinesische Mütter"


aus Neue Zürcher Zeitung, 31. 1. 2011


Wie viel Drill braucht ein Kind?
 
In den USA propagiert ein Bestseller eine erzieherische Härte, von der sich China gerade verabschiedet


Wo sich der Westen gegenüber China auf dem Abstieg glaubt, kommen Zweifel an der Qualität der eigenen Pädagogik auf. Die Sinoamerikanerin Amy Chua plädiert für Härte und kritisiert die liberale Methode als zu weich - während man in China dabei ist, die eiserne Disziplin als kreativitätstötend in Frage zu stellen.

Von Wei Zhang

Seit kurzem erregen sich die Amerikaner über eine provokative These, die durch einen Artikel von Amy Chua im «Wall Street Journal» vorgetragen wurde: «Warum sind die chinesischen Mütter überlegen?» Mit dieser Frage lancierte die sino-amerikanische Autorin ihr Buch «Battle Hymn of the Tiger Mother», in dem sie ihre Erziehungsmethoden als «chinesische Mutter» darlegt. Mit überlegener chinesischer Pädagogik, eiserner Disziplin und hartem Drill will die Juraprofessorin aus ihren beiden Töchtern das Maximum herausgeholt haben. Stets waren diese die Klassenbesten, und sie spielen hervorragend Musikinstrumente, da sie nie fernsehen und am Computer surfen durften. Amerikanische Mütter, behauptet Chua, seien nicht willens, in der Erziehung strenge Regeln durchzusetzen. Mit ihrem Pamphlet hat Chua den Nerv einer Nation getroffen, die sich, in kollektiver Krisen-Depression vereint, gegenüber dem aufstrebenden Asien auf dem absteigenden Ast glaubt.


 
Missionarische Überzeugung


Die 48-jährige Amy Chua kam in den USA zur Welt, kurz nachdem ihre chinesischstämmigen Eltern aus den Philippinen immigriert waren. Ihr grösster Wunsch wäre es gewesen, einmal wie ihre Eltern am MIT unterrichtet zu werden, so Chua. Sie schaffte es immerhin nach Harvard, wo sie Rechtswissenschaft studierte, und dozierte anschliessend in Yale. Insofern handelt es sich um eine recht typische Erfolgsgeschichte einer «ABC» (American born Chinese). Chua beschloss, an ihren Kindern, die heute erwachsen sind, trotz deren amerikanischem Vater die «chinesische» Erziehungsmethode in Vollendung zu praktizieren.

Was ist davon zu halten? Ist das Ganze mehr als eine Provokation, um einen Bucherfolg landen? Die Ironie beginnt bereits damit, dass Amy Chua sich «chinesischer» verhält, als eine jede Chinesin dies tun würde, zumal sie gegenüber gewissen chinesischen Traditionen völlig unkritisch ist. So stehen die unverhohlene Direktheit, das aggressive Auftreten und der Öffentlichkeitsdrang der Autorin gerade im Widerspruch zu chinesischem Verhalten, welches den Leuten Zurückhaltung auferlegt. Chuas Prahlerei und ihre missionarische Überzeugung muten sehr amerikanisch an.

Im Gegensatz zu Amy Chuas selbstgefälligen Erfolgsrezepten hegen heutzutage viele gebildete Chinesen ausgeprägte Selbstzweifel an der sogenannten chinesischen Erziehung. Seit der Einführung des Beamtenprüfungssystems in der Song-Dynastie galt es in der Bildung als das A und O, das Wissen und die erworbenen Kenntnisse zur Perfektion zu steigern. Dann wurde das daraus entstandene Erziehungssystem in der Kulturrevolution als «feudalistisch» und «mörderisch» denunziert, indem die Studenten ihre Lehrer von den Kathedern verjagten. Erst nach dem Tode Maos wurde 1977 die Eintrittsprüfung für die Hochschulen wieder eingeführt. In der Folge riefen die Bildungssysteme der erfolgreichen Nachbarn Japan, Südkorea und Taiwan, die ihrerseits tiefgreifend vom traditionellen chinesischen Bildungssystem beeinflusst waren, den Chinesen das ihre als Erfolgskonzept in Erinnerung. Heute gelten in Chinas Schulen Drill und Auswendiglernen als einzige Methode, um ans Ziel zu kommen. Alles dreht sich nur noch um Noten, Ranglisten und Studienplätze an Eliteschulen. Die Konkurrenz ist brutal. Das Loblied, das auf die wenigen Erfolgreichen gesungen wird, lässt die unzähligen Opfer dieses Systems ausser acht.

Es ist kein Wunder, dass viele heutige chinesische Schüler über effiziente Lerntechniken verfügen, mit denen sie sich den Stoff schnell aneignen können, wovon auch das hervorragende Abschneiden Chinas bei den Pisa-Tests zeugt. Die hohen Erwartungen tragen das ihre dazu bei, die Jugendlichen ans Ziel zu peitschen. Indes werden allmählich auch die Grenzen dieses Systems sichtbar. Mit sturem Auswendiglernen und simplem Reproduzieren von Wissen geben sich viele nicht länger zufrieden. Vielmehr wünscht man sich mehr freies Denken, Entdeckerfreude und Kreativität. Jeder Chinese möchte einmal im Leben zum Studium ins Ausland, um dort nachzuholen, was er im chinesischen Bildungssystem verpasst zu haben glaubt. Man sucht also den Ausgleich zur angestammten Lernkultur und bestätigt damit, dass der Westen vieles besser macht.


 
Eine andere Art von Bindung

Doch gibt es überhaupt «chinesische Mütter», wie Amy Chua behauptet? Viel eher müsste man von «chinesischen Eltern» sprechen, denn die chinesischen Väter sind heutzutage mindestens so sehr involviert und investieren ebenso viel Zeit in die Erziehung ihres Nachwuchses wie die Mütter. Was ist nun das Besondere daran, chinesische Eltern zu haben? Vielleicht lässt diese Frage sich dahingehend beantworten, dass die Bindung zwischen Eltern und Kindern ein wenig anders interpretiert wird. Man sagt in China, weil ein Kind aus dem Leib der Mutter sei, bleibe es auch sein Leben lang leiblich mit den Eltern verbunden. Das «Ich» des Kindes steht in China nicht gleichermassen im Zentrum wie im Westen. Man feiert daher auch keine Kindergeburtstage, sondern erinnert im Gegenteil das Kind daran, welchen Schmerz es der Mutter bei der Geburt verursacht hat. Das Gebot der kindlichen Pietät den Eltern gegenüber wird damit begründet, dass die Eltern ihm auf eigenes Risiko das Leben geschenkt haben. Dieses Verständnis erlaubt es den Eltern, ihre Kinder auch über die Kindheit hinaus als Teil ihres eigenen Ichs zu verstehen. Die Familie ist ein verschmolzenes Wir. Auch wenn das Kind von den Eltern abgenabelt ist, bleibt es ein Teil von ihnen.

Was die Eltern von sich fordern, dürfen sie daher auch von den Kindern verlangen, wobei allerdings die Eltern die Pflicht haben, die Kinder bestmöglich zu unterstützen. Weil die Kinder gleichsam auf den Schultern der Eltern stehen, sollen sie nicht dieselben Fehler begehen müssen. Von daher spielt in der chinesischen Kultur der Vatermord keine Rolle, denn der Vater ist kein Rivale, den man überwinden müsste, sondern ein Partner, der einem hilft, auf eigenen Beinen zu stehen.


 
Die Familie als Team

Aus einer solchen Beziehung schöpfen die Kinder den Vorteil, Teil eines Teams zu sein, dessen Solidarität sich in guten wie in schlechten Zeiten erweist. Das Familienteam übernimmt alle kniffligen Handlungen immer zugunsten des Kollektivs, wodurch der Einzelne viel Energie und auch Kosten spart. In einem solchen Team ist nun einmal ein schwaches Mitglied besonders im Vorteil, denn es gewinnt dadurch von Anfang an eine bessere Ausgangslage. Auf die kindliche Psyche wirkt ein solches enges Familienteam segensreich, weil das Kind lernt und weiss, dass es bei einem Scheitern nicht fallengelassen wird.

Was die Erziehung zur Kreativität angeht, hat China grossen Aufholbedarf. Zwar hat das Land international erfolgreiche Künstler wie Lang Lang, Ai Weiwei oder Tan Dun sowie zahlreiche brillante Wissenschafter aufzuweisen, doch gibt es in der chinesischen Erziehung einen blinden Fleck, der dazu führt, dass die Kinder zwar vollkommen zielorientiert sind, ihre Persönlichkeit aber vernachlässigt wird. So werden quasi serienmässig erfolgreiche Spezialisten herangezogen, diese aber haben - auch aus ideologischen Gründen - nicht gelernt, frei zu denken. Die Kinder werden letztlich zu sehr von den Interessen der Eltern vereinnahmt, machen kaum eigene Erfahrungen, sind vor allem zu wenig selbständig und entdeckungsfreudig. Ohne Anleitung fühlen sie sich rasch verloren.

Eine Stärke moderner chinesischer Eltern besteht heutzutage darin, dass sie ihre Erziehungsmethoden reflektieren. Sie schauen mit weniger Skepsis in die Welt als früher und fragen sich, ob die Jahrtausende alte Tradition ihrer Eltern noch ihre Berechtigung habe. Sie sind keineswegs rechthaberisch. Von daher ist aber Amy Chua trotz ihrem offensichtlichen eigenen akademischen Erfolg und dem ihrer Kinder schon fast eine Parodie ihrer selbst, denn sie verkörpert ironischerweise den amerikanischen Westen statt ihr ethnisches Herkunftsland, wo man Erfolg nie als «vollkommen» betrachten würde. Der volle Eimer macht keinen Lärm, nur der halbvolle ist laut, sagt man in China.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Lob der Erziehungswissenschaft.

 
Erwachsen also unter lauter Wortkrämerei und tätiger Lüge, lernt der Knabe nur eine Wahrheit kennen, die er auch von ganzem Herzen glaubt, nämlich: ‘Krieche wie die, so vor dir sind, durchs Leben, genieße und schwätze viel, tue aber wenig, alles nur für dich, damit du dir nichts abbrechest, und fröne deinen Lüsten.’

Johann Gottfried Herder
in: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele

Donnerstag, 20. Januar 2011

Der Humbug um "Theorie und Praxis".

Die Verwissenschaftlichung der Schulen

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Die vorgebliche Verwissenschaftlichung unserer Schulen seit den sechziger Jahren war ein Desaster. Es wurde der Glaube verbreitet, in der Pädagogik käme es auf Methoden, Technik und Theorien an, und jeder könne sie lernen.

Die unvermeidliche Folge ist, dass die Lehrer heute nichts mehr von sich selber erwarten.

Joachim Patinier, St. Christopher

Dabei weiß jeder, dass es bei der Pädagogik um die Leute geht.
J. E. 




na, der hier weiß es nicht:


aus Neue Zürcher Zeitung, 19. 1. 2011



Die schulische Praxis braucht ein Fundament
 
Eine Antwort auf die Kritik an der «Verakademisierung» der Lehrerbildung


Sind die jungen pädagogischen Hochschulen zu kopflastig? Nein, erst eine wissenschaftsbezogene Ausbildung mache Lehrpersonen praxistauglich, legt der folgende Beitrag dar.

Von Hans-Rudolf Schärer

Mit Aussagen wie den folgenden aus Positionspapieren der grössten politischen Partei [der Schweizerischen Volkspartei] sind die 14 pädagogischen Hochschulen (PH) in der Schweiz derzeit konfrontiert: «Die verakademisierte Lehrerausbildung hat das Praxis-Versagen vieler Lehrkräfte verstärkt.» - «Die Kopflastigkeit der Lehrerausbildung trägt bei zu eigentlichen Zerfallserscheinungen in der Volksschule.» - «Die Schule muss als Experimentierfeld für eine akademische Elite herhalten, die von der Praxis keine Ahnung hat.» - «Die pädagogischen Hochschulen haben als Lehrerbildungsanstalten die Qualitäten der früheren Lehrerseminare bei weitem nicht erreicht.»





Mehr Praxis als früher


Wie begründet ist der Vorwurf tatsächlich, die Lehrerbildung an pädagogischen Hochschulen sei viel zu kopflastig und ziele fahrlässig an den Bedürfnissen der Praxis vorbei? Im Jahr 2007 wurden in der Zentralschweiz die letzten seminaristischen Diplome ausgestellt. Wer auf dem seminaristischen Weg Primarlehrer wurde, absolvierte eine fünfjährige Ausbildung auf der Sekundarstufe II, die Allgemeinbildung und Berufsbildung zugleich vermittelte. Die praktische Ausbildung betrug insgesamt 12 bis 14 Wochen - Frage: Gab es je einen ähnlich anspruchsvollen Beruf wie den Lehrberuf, für dessen Erlernen eine lediglich dreimonatige praktische Ausbildung als ausreichend erachtet wurde?

Heute verbringen künftige Primarlehrkräfte im Rahmen des dreijährigen PH-Studiums 20 bis 30 Prozent ihrer Ausbildungszeit direkt im Klassenzimmer. Doch nicht nur in quantitativer, auch in qualitativer Hinsicht hat sich die Praxisausbildung gewandelt. Die Frage nach dem «Was» und dem «Wie» des Unterrichts wird ergänzt durch die Frage nach dem «Warum» und dem «Wozu»; die nachahmende Aneignung des pädagogisch-didaktischen Handwerks wird erweitert durch reflexives Lernen. Und die Praxisausbildung an pädagogischen Hochschulen ist auch neu «getaktet». War die seminaristische Ausbildung auf der Sekundarstufe II vereinfacht gesagt durch eine zeitliche Abfolge von Allgemeinbildung, berufstheoretischer Ausbildung und berufspraktischer Ausbildung gekennzeichnet, so setzt die PH-Lehrerbildung die Allgemeinbildung voraus (in der Regel auf dem Niveau der gymnasialen Maturität).




Der Trank der Theorie


Auf dieser Grundlage konzentriert sie sich von Beginn weg auf die systematische Verknüpfung von berufstheoretischer und berufspraktischer Ausbildung. Die Studierenden üben schon ab der zweiten Woche des ersten Semesters den «Ernstfall» und stehen wöchentlich einen halben Tag in sogenannten Kooperations- oder Praxisschulen vor einer Schulklasse. Die dabei gemachten Praxiserfahrungen werden an einem zweiten Wochen-Halbtag unter der gemeinsamen Leitung eines erfahrenen Praxislehrers und eines Didaktikdozenten der PH (der neben einer akademischen Ausbildung immer auch über ein Zielstufendiplom und Lehrerfahrung auf der Volksschule verfügt) reflektiert und ausgewertet.

Kennzeichnend für dieses Modell ist ein schönes Bild, das Heinz Wyss, ehemaliger Direktor des Seminars Biel und Förderer der Lehrerbildung an pädagogischen Hochschulen, geprägt hat: Der Trank der Theorie sei dann zu vermitteln, wenn der Durst durch die Praxis entstehe - oder konkret: Je früher und intensiver eine Studentin Praxiserfahrungen mit einem Kind macht, das unter Lernschwierigkeiten leidet, umso stärker ist sie für die Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Frage motiviert, worin Lernschwierigkeiten bestehen, wie genau sie entstehen und welche Massnahmen man gegen sie ergreifen kann.




Forschung und Lehrerbildung


Damit ist die Wissenschaftsorientierung («Verakademisierung») der PH-Lehrerbildung angesprochen. Das Anerkennungsreglement der Erziehungsdirektorenkonferenz sorgt hier vor: Es verlangt, dass die Ausbildung «Theorie und Praxis sowie Lehre und Forschung verbindet». Dabei schränken die PH-Gesetze der einzelnen Kantone das Forschungsspektrum ein, indem sie festlegen, dass die Forschung «anwendungsorientiert» bzw. «berufsfeldbezogen» zu sein habe. Derzeit wenden die PH für Forschung und Entwicklung durchschnittlich rund 10 Prozent ihres Gesamtbudgets auf. Ein beträchtlicher Teil dieser Mittel dient der Herstellung von Steuerungswissen für bildungspolitische Entscheide. Bildungsverwaltungen zählen denn auch zu den Hauptkunden der PH-Forschungsabteilungen.

Es ist offenbar populär, Lehrerbildung und Wissenschaftsorientierung gegeneinander auszuspielen. Zu behaupten, die pädagogischen Hochschulen «schichteten Millionen von Franken von der Lehrerausbildung in die Forschung um» («NZZ am Sonntag» vom 7. 11. 10), stellt allerdings die Tatsachen auf den Kopf. Vielmehr ist der Wissenschaftsbezug notwendiger Bestandteil einer qualitativ hochstehenden Lehrerbildung - und dies aus drei Gründen:

Erstens gewährleistet der Wissenschaftsbezug Innovation. Die letzten Schülerinnen und Schüler einer PH-Studentin, die im Jahr 2011 diplomiert wird und in der Folge ein Berufsleben lang unterrichtet, werden in 50 Jahren in ihr Erwachsenenleben übertreten. In diesen 50 Jahren wandelt sich die Welt und entwickeln sich die Bildungswissenschaften, die Fachdisziplinen und die Fachdidaktiken. Werden Lehrpersonen in ihrer Aus- und Weiterbildung nicht zum wissenschaftlichen Denken angeleitet und dazu befähigt, sich selbständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu erschliessen, so sind sie auf Dauer nicht imstande, ihre Schülerinnen und Schüler zeitgemäss zu unterrichten.
 
Zweitens stärkt die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen die Selbstverantwortung der Lehrpersonen, indem sie eine Grundlage bietet, um gegenüber den zunehmend disparaten Vorstellungen und Ansprüchen der Schulpartner (Bildungspolitik, Bildungsbehörden, Eltern, interessierte Öffentlichkeit) selbständig zu begründen, weshalb man als Profi so und nicht anders handelt. Und die Wissenschaftsorientierung erleichtert auch den Dialog im Lehrerteam, indem sie Argumente bereitstellt für gemeinsam zu treffende Entscheide.
 
Drittens dient die Wissenschaftsorientierung in der Lehrerbildung der Redlichkeit und der kritischen Selbstkontrolle. Nenne deine Quelle! Manipuliere keine Daten! Unterdrücke nicht dir entgegenstehende Überzeugungen! Sei möglichst frei von Vorurteilen und mache dir deine Vor-Auffassungen, deine eigene Erfahrungsgeschichte und deine Gefühle bewusst! Dem erkenntnistheoretischen Anspruch auf Wahrheit entspricht ethisch die Verpflichtung auf Wahrhaftigkeit - ein genuin pädagogisches Postulat, mit dem Schülerinnen und Schüler durch angemessen ausgebildete Lehrpersonen nicht früh genug vertraut gemacht werden können.

Hans-Rudolf Schärer ist Rektor der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz Luzern.



Das schrieb einer vor gut zweihundert Jahren:

Unterscheiden Sie zuvörderst die Pädagogik als Wissenschaft von der Kunst der Erziehung. Was ist der Inhalt einer Wissenschaft? Eine Zusammenfassung von Lehrsätzen, die ein Gedankenganzes ausmachen, die womöglich aus einander, als Folgen von Grundsätzen, und als Grundsätze aus Prinzipien hervorgehen. Was ist eine Kunst? Eine Summe von Fertigkeiten, die sich vereinigen müssen, um einen gewissen Zweck hervorzubringen. Die Wissenschaft also erfordert Ableitung von Lehrsätzen aus ihren Gründen, philosophisches Denken; die Kunst erfordert stetes Handeln[...], sie darf während ihrer Ausübung sich in keine Spekulation verlieren; der Augenblick ruft ihre Hilfe, tausend widrige Begebnisse fordern ihren Widerstand herbei.(XI,66)

In der Schule der Wissenschaft wird für die Praxis immer zugleich zu viel und zu wenig gelernt, und eben daher pflegen alle Praktiker in ihren Künsten sich sehr ungern auf eigentliche, gründlich untersuchte Theorie einzulassen. SieOdysseus und die Sirenen lieben es weit mehr, das Gewicht ihrer Erfahrungen und Beobachtungen gegen jene geltend zu machen. Dagegen ist dann aber auch schon bis zur Ermüdung oft und weitläufig bewiesen, auseinandergesetzt und wiederholt worden, daß bloße Praxis eigentlich nur Schlendrian und eine höchst beschränkte, nichts entscheidende Erfahrung gebe; daß erst die Theorie lehren müsse, wie man durch Versuch und Beobachtung sich bei der Natur zu erkundigen habe, wenn man ihr bestimmte Antworten entlocken wolle. Das gilt denn auch im vollsten Maße von der pädagogischen Praxis. (XI, 67)

Daher, wer ohne Philosophie an die Erziehung geht, sich so leicht einbildet, weitgehende Reformen gemacht zu haben, indem er ein wenig an der Manier verbesserte! Nirgends ist philosophische Umsicht durch allgemeine Ideen so nötig als hier, wo das tägliche Treiben und die sich so vielfach einprägende individuelle Erfahrung so mächtig den Gesichtskreis in die Enge zieht. Nun schiebt sich aber bei jedem noch so guten Theoretiker, wenn er seine Theorie ausübt, zwischen die Theorie und die Praxis ganz unwillkürlich ein Mittelglied ein, ein gewisser Takt nämlich, eine schnelle Beurteilung und Entscheidung, die nicht, wie der Schlendrian, ewig gleichförmig verfährt, aber auch nicht sich rühmen darf, bei strenger Konsequenz und in völliger Besonnenheit an die Regel, zugleich die wahre Forderung des individuellen Falles ganz und gerade zu treffen.

Eben weil zu solcher Besonnenheit [...] ein übermenschliches Wesen erfordert würde, entsteht unvermeidlich in dem Menschen, wie er ist, aus jeder fortgesetzten Übung eine Handlungsweise, welche zunächst von seinem Gefühl abhängt, worin er mehr der inneren Bewegung Luft macht, mehr ausdrückt, wie von außen auf ihn gewirkt sei, mehr seinem Gemütszustand als das Resultat seines Denkens zu Tage legt. Es ist nötig, daß der Takt in die Stelle eintrete, welche die Theorie leer ließ, und so der unmittelbare Regent der Praxis werde.[...] Die große Frage nun, an der es hängt, ob jemand eine guter oder schlechter Erzieher sein werde, ist einzig diese: wie sich jener Takt bei ihm ausbilde? (XI,68f.)

Er bildet sich erst während der Praxis. Er bildet sich durch die Einwirkung dessen, was wir in dieser Praxis erfahren, auf unser Gefühl. [...] Auf diese unsere Stimmung sollen und können wir wiederum durch Überlegung wirken. [...] Durch Überlegung, durch Nachdenken, Nachforschung, durch Wissenschaft soll der Erzieher vorbereiten – nicht sowohl seine künftigen Handlungen in einzelnen Fällen, als vielmehr sich selbst, sein Gemüt, seinen Kopf und sein Herz zum richtigen Aufnehmen, Auffassen, Empfinden und Beurteilen der Erscheinungen, die seiner warten, und der Lage, in die er geraten wird. [...]

Es gibt eine Vorbereitung auf die Kunst durch die Wissenschaft. Im Handeln nur erlernt man die Kunst, erlangt man Takt, Fertigkeit, Gewandtheit, Geschicklichkeit. Aber selbst im Handeln lernt die Kunst nur der, welcher vorher die Wissenschaft gelernt [...] und die künftigen Eindrücke, welche die Erfahrung auf ihn machen sollte, vorbestimmt hatte. (XI,69f; XI,66-70)

 
Johann Friedrich Herbart
Sämmtliche Werke, hg. v. G. Hartenstein, Hamburg u. Leipzig 1883ff.,Bde X u. XI (= Schriften zur Pädagogik)