Heute feiern wir, wenn ich nicht irre, ein historisches Jubiläum. Vor 290 Jahren wurde zum ersten Mal in einem Land der Erde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Das war hier bei uns in Preußen unter dem berüchtigten Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Der wollte, dass seine Rekruten ihren Katechismus und das Dienstreglement selber lesen konnten. Doch war es mehr als nur eine Alphabetisierungs-Maßnahme. Zum ersten Mal in der Welt waren nun Kinder nicht mehr das alleinige Privateigentum von Eltern, Gutsherren und Lehrmeistern, sondern erhielten eine eigene gesellschaftliche Stellung zugewiesen. Noch nicht als Subjekte ihrer Lebensführung, sondern als Objekte der Obrigkeit, aber immerhin.
Allerdings brauchte es noch hundert Jahre mehr, dass Pädagogik in den Rang einer Wissenschaft erhoben wurde. Man mag Fragen, ob ihr das am Ende bekommen ist, aber zunächst war es eine gewaltige Aufwertung der Kindheit, als 1806 Johann Friedrich Herbarts "Allgemeine Pädagogik" erschien. Sie gilt als Gründungsakte der Erziehungswissenschaften. Freilich war Herbart zeitlebens ein erklärter Gegner der Schule. Und zwar aus denselben Gründen, die heute noch gelten.
Jedes Kind bräuchte einen Lehrer, der auf seine ganz eigenen Möglichkeiten und Lebensumstände eingeht. Der Unterricht in einem großen Klassenverband wird sich immer an einem Durchschnitt orientieren müssen – und zwangsläufig das Mittelmaß belohnen (der Grund, warum Mädchen schon immer bessere Schüler waren als Jungen). Individuelle Abweichungen werden diskriminiert. Zweitens fördert die künstliche massenhafte Zusammenballung vieler Kinder nicht deren gute Eigenschaften, sondern ihre schlechten, die sie bekanntlich auch haben. Folglich ist der Lehrer viel zu sehr von Ordnungs- und Disziplinierungsarbeiten in Anspruch genommen, um sich seiner pädagogischen Aufgabe angemessen zu widmen. Schließlich, aber nicht zuletzt neigen die Institution Schule und der Berufsstand, den sie hervorbringt, dazu, ihre besondern Eigeninteressen zu entwickeln, die den Erziehungszwecken regelmäßig in die Quere kommen.
Jedes Kind bräuchte einen Lehrer, der auf seine ganz eigenen Möglichkeiten und Lebensumstände eingeht. Der Unterricht in einem großen Klassenverband wird sich immer an einem Durchschnitt orientieren müssen – und zwangsläufig das Mittelmaß belohnen (der Grund, warum Mädchen schon immer bessere Schüler waren als Jungen). Individuelle Abweichungen werden diskriminiert. Zweitens fördert die künstliche massenhafte Zusammenballung vieler Kinder nicht deren gute Eigenschaften, sondern ihre schlechten, die sie bekanntlich auch haben. Folglich ist der Lehrer viel zu sehr von Ordnungs- und Disziplinierungsarbeiten in Anspruch genommen, um sich seiner pädagogischen Aufgabe angemessen zu widmen. Schließlich, aber nicht zuletzt neigen die Institution Schule und der Berufsstand, den sie hervorbringt, dazu, ihre besondern Eigeninteressen zu entwickeln, die den Erziehungszwecken regelmäßig in die Quere kommen.
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings ist auch heute noch nicht klar, was die Alternative wäre. So hat schließlich auch Herbart die Kröte schlucken und die Schule als ein unvermeidliches Übel akzeptieren müssen. Aber das ist, nicht wahr, immerhin ein ganz anderer Ausgangspunkt für die Entwicklung eines pädagogischen Diskurses, als es die fortschreitende Verstaatlichung des Heranwachsens durch eine totalitäre, machtgierige Behörde. "Leviathan bei den Kleinen" müsste eine empirische Beschreibung der heutigen Kindheit, wie der Stern sie begonnen hat, überschrieben sein.


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