Sonntag, 25. Dezember 2011

Online teaching: Abschied von der Schule?


















SÜDWESTRUNDFUNK 
SWR2 AULA – Manuskriptdienst

Lernen mit allen Sinnen 
 
Warum Online-Teaching eine gute Entwicklung ist. 

Reihe: Wissen 2.0 – Wie das Internet die Bildung verändert (6)


Autor und Sprecher: Michael Maier* 
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 20 März 2011, 8.30 Uhr, SWR 2


Intellektuelle stellen das Internet gerne unter Generalverdacht. Sie sehen überall Gefahren und Bedrohungen. Sie fragen sehr besorgt: Macht uns das Internet dumm? Jeder kann sich zu Wort melden – wie furchtbar. Denkmäler werden reihenweisevom Sockel gestoßen – wie pietätlos. Und: Das Wort der bewährten Hüter derWeisheit gilt nicht mehr – überall Widerspruch, Aufbegehren und Revolution!

 
Als besonders verhängnisvoll galt manchen Kritikern des Internet seine, wie sie sagen, zersetzende Wirkung. Es zerstöre den Verstand. In den USA klagte ein Intellektueller: Er könne Tolstois „Krieg und Frieden“ nicht mehr lesen. Durch die tägliche Kurzatmigkeit des Emailens außer Atem geraten, könne er keine längeren Texte mehr verdauen. Lehrer berichten von Schülern, die nicht mehr stillsitzen. Handys müssen vom Schulhof verbannt werden. Alles gerät durcheinander. Eigentlich muss man dieses verdammte Internet wieder abschalten. Wir laufen doch geradewegs auf eine Katastrophe zu. Oder?
 
Ja! Genau das tun wir! Doch nicht, weil das Internet die Kinder dümmer und die erwachsenen Autoritäten schutzloser macht. Wir laufen auf eine Katastrophe zu, rasen geradezu in sie hinein, weil die globalen Probleme immer größer werden. Gerade eben haben wir eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hinter uns gebracht. Worin bestand die eigentlich? Sie war nichts anderes als ein sehr erfolgreiches Spiel von einigen global tätigen Kriminellen. Diese haben sich die neue große Unübersichtlichkeit ausgenützt. Haben Finanzprodukte erfunden, die keiner mehr verstehen konnte. Sie haben diese Produkte – mithilfe der neuen Technologien– in Lichtgeschwindigkeit auf den globalen Märkten in Umlauf gebracht. Die weltweit agierenden Finanzjongleure haben die Möglichkeiten des Internet perfekt genutzt. Jedoch nicht zur Transparenz, sondern zur Verschleierung.
 
Gino Yu ist Professor für digitales Entertainment und Gaming-Entwicklung an der Polytechnischen Universität von Hong Kong. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Frage: Wie kann all das, was die Kinder bei ihren Computer-Spielen treiben, für die„erwachsene“ Gesellschaft genutzt werden? Er hat einen bemerkenswerten Zusammenhang offengelegt: Alle Probleme der Erde – Finanzen, Klima, Bevölkerung, Nahrungsmittel, Ölverbrauch – wachsen exponentiell. Und die einzige Industrie, die ebenfalls exponentiell wächst, ist die digitale Industrie.
 
Wir können also kaum mehr Schritt halten mit den Entwicklungen. Unsere kulturellen Bordmittel reichen nicht aus. Die Fragen, die wir zu beantworten haben, sind mitnichten akademisch. Es geht um das Überleben der Menschheit. Wir alle spüren das. Es wird uns schwindlig, weil sich das Rad immer schneller dreht. Wir wundern uns, welche Probleme wir auf einmal haben! Probleme, die wir bis vor kurzem noch als ganz und gar „exotisch“ eingestuft haben.
 
Doch halt! Sehen wir nicht auch, dass Lösungen, die wir bisher als ganz und gar„exotisch“ eingestuft haben, plötzlich auch in Deutschland funktionieren? Merken wir nicht, wie neue Mechanismen rasend schnell auch hierzulande Wirkung entfalten? Wir blicken gebannt nach Nordafrika. Sind wir doch ehrlich: Bis vor kurzem noch haben wir die Menschen in diesen Ländern nicht gekannt. Sie haben uns nicht einmal interessiert. Wir haben uns ihnen überlegen gefühlt. Und auf einmal: Mit Facebook, Twitter und Youtube fegen die jungen Leute einen Diktator nach dem anderen hinweg. Wir sehen die Bilder von zehntausenden jubelnden Helden, die mit bloßen Händen und nichts als den Waffen des Internet eine politische Umwälzung herbeigeführt haben, die dem Umbruch in Europa im Jahr 1989 in nichts nachsteht.
 
Vor einigen Monaten war uns zum ersten Mal der Mund offen geblieben vor Staunen: Die Plattform Wikileaks veröffentlichte im Internet streng geheime Dokumente aus den Unterlagen der US-amerikanischen Diplomatie. Ein paar freche Underdogs haben die Welt der Mächtigen gekapert. Haben für sich neu definiert, was geheim sein soll und was nicht. Sie haben erschütternde Videos zu Tage gefördert, die Gräueltaten von amerikanischen Soldaten dokumentierten. Sie haben damit eine globale, öffentliche Debatte über eine selbstherrliche Weltmacht-Politik eröffnet, eine Politik, die sich konsequent der Kontrolle entzieht.
 
Wo soll das alles hinführen? Zum Guten? Zum bösen, ja schrecklichen Ende? DerSchriftsteller H.G. Wells schrieb in seiner monumentalen „Outline of History“ im Jahr 1920: „Die menschliche Geschichte wird mehr und mehr zu einem Wettrennen zwischen Erziehung und der Katastrophe.“ H.G. Wells war optimistisch und meinte, dass die Welt trotz aller Bedenken Fortschritte machen werde.
 
Es fällt zwar manchmal schwer, das zu glauben. Wir sehen die weltgeschichtlichen Rückfälle in die immer gleichen Barbareien. Ausgerechnet die Erziehung soll es sein, die die Katastrophe abwendet?
Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, wie Recht H.G. Wells hatte: Der Freiheitswillen der Völker in den arabischen Ländern konnte sich nur artikulieren, weil die Menschen dort doppelt erfolgreich gelernt haben. Sie mussten für etwaskämpfen. Und sie wussten, wie sie es tun müssen. Demokratie, Freiheit, Menschenrechte - in Tunesien, Libyen oder Ägypten gab es keine freie Presse, keine humanistische Erziehung, kein Parteiensystem, kein Schulsystem. Niemand hat den jungen Leuten gesagt, welche Werte begehrenswert sind. Über Facebook, Google und Twitter haben sie die Vorzüge der Demokratie kennen- und so schätzen gelernt, dass sie dafür auf die Straße gingen, ihr Leben riskierten. Für Ideen, von denen sie virtuell erfahren haben. Zugleich mussten sie lernen und verstehen, wie man die Werkzeuge des Internet bedient, um sie zu beherrschen. Dann erst konnten sie sich zusammenschließen, organisieren und sich Gehör verschaffen. Wie wir in Nordafrika gesehen haben, ist Technologie für diese Jugendlichen kein Luxus, kein Spielzeug. Sie haben das Internet verwendet, um der Forderung nach Menschenrechten und Demokratie zum Durchbruch zu verhelfen.
 
Die erfolgreichen Revolutionen in der arabischen Welt beruhen auf einem einfachen Prinzip. Dieses wird auch in den modernsten Formen der Pädagogik weltweit praktiziert wird. Es geht um das Lernen von den Gleichaltrigen, den Freunden, den Gesinnungsgenossen. Peer-To-Peer, „Freund zu Freund“, nennt sich dieses Prinzip. Einer lernt vom anderen. Nicht vom Lehrer, nicht vom Erzieher. Nein – mein Mitschüler ist mein Lehrer, und ich unterrichte ihn. Wir können dieses Konzept besser verstehen, wenn wir den Blick über Europa hinaus richten. Zwei Drittel der Welt sind heute immer noch von Armut bedroht. In weiten Teilen der Erde ist Bildung ebenso Mangelware wie Wasser. Die elementaren Probleme sind jedoch so groß, dass jeder Strohhalm ergriffen werden muss. Die neuen Technologien spielen genau die Rolle dieses Strohhalms. „Erziehung plus Technologie gleich Hoffnung“, sagt der britische Erziehungsexperte Charles Leadbeater. Er nennt Beispiele aus den Slums in Nairobi in Kenia. Dort lernen die Kinder über das Internet, wie sie sich am besten gegen eine HIV-Infizierung schützen können. Sie lernen es von den Mitschülern. In Brasilien bringen Jugendliche einem Gleichaltrigen bei, wie er seine kommerziellen Erfolge als Drogendealer und seine Computerkenntnisse aus dem Gefängnis für eine erfolgreiche zivile Karriere als Unternehmer verbinden kann.
 
Der aus Indien stammende Wissenschaftler Sugata Mitra ist ein leidenschaftlicher Vertreter dieser „Kind-bezogenen Erziehung“. Er forscht im englischen Newcastle. Seine Spezialität: Zu beweisen, dass Kinder zwischen 6 und 12 Jahren ohne jegliches formale Training den Computer beherrschen können und so ihr Wissen vermehren. Sein „Loch in der Wand“ genanntes Projekt machte Mitra weltberühmt:
 
Im Jahr 1999 baute er einen Computer mit Internet-Anschluss in eine Wandnische in. Das sah aus wie ein Geldautomat, der über Nacht in einem Slum in Delhi platziert wurde. Zu seiner großen Freude fand Mitra heraus: Die Kinder, die den Computer fanden und die noch nie zuvor mit einem solchen Gerät in Berührung gekommen waren, lernten ohne Hilfe von Erwachsenen, das außerirdische Gerät zu bedienen. Ihre Englisch- und Mathematik-Kenntnisse machten Riesensprünge. Das Experiment wurde schließlich zur Vorlage des mit einem Oscar preisgekrönten Films „Slumdog Millionaire“.
 
Mitra hat diese Methode weiterentwickelt und an den unterschiedlichsten Orten der Welt getestet. Lehrer stellen den Kindern eine präzise Frage. In Vierergruppen setzen sich die Kinder vor den Computer, um eine Antwort zu finden. Mitra kommt stets zu denselben Ergebnissen: Mit Hilfe ihrer Mitschüler tasten sich die Kinder an die richtigen Antworten heran. Die Lernerfolge sind nachhaltig. Denn nach einigen Wochen werden die Kinder wiederum befragt, diesmal jeder für sich. Und siehe: Alle wussten die Antwort. Jeder hatte also im strengen Sinn etwas gelernt.
 
Ein anderes, faszinierendes Projekt wurde von Corrado Petrucco, einem Erziehungswissenschaftler in Padua, durchgeführt. Schüler wurden – gemeinsam mit ihren Lehrern! – ausgeschickt, um sich als Lehrer für die Öffentlichkeit zu betätigen. Sie sollten Beiträge für die Online-Enzyklopädie Wikipedia verfassen. Thema: Historische Stätten in unserer Region. Kinder und Lehrer führten gemeinsam Interviews mit den Dorfältesten und Experten, studierten historische Dokumente und legten Foto-Galerien an. Professor Petruccos Fazit: „Die Kinder lernten nicht nur unglaublich viel über die lokale Geschichte und die Gemeinschaft, in der sie leben. Sie bekamen auch einen Einblick in das Innenleben der Wikipedia und sahen, dass Amateure wertvolle Inhalte erstellen können. Sie begannen darüber hinaus zu verstehen, wie wichtig es ist, sich auch über den Wahrheitsgehalt einer Informationzu vergewissern.“

Dieses gewagte und doch so logische und einfache Experiment zeigt: Es sind viele neue Dimension, die wir mit der Erziehung über das Internet erschließen. Nicht nur, dass es vollkommen ungewöhnlich ist, dass Lehrer und Schüler sich auf dasselbe Niveau begeben – als Fragende, Suchende und Forschende auf Augenhöhe. Es geht um Macht und Kontrolle. Jenny Lane hat in Perth in Australien ein Projekt gestartet, das den schönen Titel trägt: „Heute die Lehrer für das Morgen vorbereiten“. Es gibt in diesem Projekt keine Richtlinien. Alles wird über digitale Medien und soziale Netzwerke abgewickelt. Alle müssen permanent lernen: Die Lehrer, denen die digitalen Medien naturgemäß sehr fremd sind, und die Schüler – die ihre heißgeliebten sozialen Netzwerke erstmals für etwas anderes einsetzen müssen als für Chat, Tratsch oder Flirt mit den Gleichaltrigen.

 
Peer-To-Peer gibt es auch für die Erwachsenen. Eine der erfolgreichsten Websites im Bereich der Online-Erziehung ist die Seite „Teacher-Training-Videos“. Auf dieser Seite erklärt ein britischer Erziehungsexperte mit großer Akribie, wie man die einzelnen Werkzeuge des Internet verwenden kann. iTunes, Twitter, Wikis und Blogs werden mit kleinen Video-Sequenzen vorgestellt. Ganz neue kollaborative Methoden werden erklärt. Peer-To-Peer („Freund zu Freund“) ist eine Geisteshaltung, eines jeder typischen Kulturgüter, entstanden aus dem Internet. Man behält Wissen nicht für sich oder rückt es nur gegen Bezahlung raus. Wissen ist dann am wertvollsten, wenn es weitergegeben wird. Wer teilt, bekommt wieder etwas. So entstehen die berühmten Communities im Internet. Das sind nicht bloß Schwatzbuden, sondern lose, unvorhersehbare Zusammenschlüsse von Experten, Freunden, Sympathisanten. Die Internet-Experten im Erziehungsbereich sehen sich nicht als Beamte oder als Halbgötter. Sie sind stets Lernende und genau darauf stolz. Hier schlägt nicht Lehrer Lempel den Takt und auf die Fingerkuppen. Mit kindlicher Begeisterung werden Fundstellen zugänglich gemacht. Fast immer ist Weihnachten.
 
Die Lust am Teilen, wie sie durch das Internet stimuliert wird, ist nicht nur auf die Experten beschränkt. Sugata Mitra, unser indischer Experte mit dem Computer in der Wand, hat noch ein anderes Projekt ins Leben gerufen. Mit ihm schöpft er die Möglichkeiten des Internet in unnachahmlicher Weise aus. Er bat 200 ältere Damen in England, an der sogenannten „Granny Cloud“, also der „Wolke der Großmütter“, teilzunehmen.
 
Der Name „Cloud“ kommt vom Begriff „Cloud Computing“ und bedeutet: Daten werden nicht mehr einzeln auf den individuellen Festplatten gespeichert, sondern liegen irgendwo im weiten World Wide Web. Der Nutzer kann stets darauf zugreifen– und hemmungslos teilen! Wissen wird so über Kontinente und Generationen verknüpft.
 
Für jeweils eine ehrenamtliche Stunde in der Woche sind unsere 200 Großmütter aus England die Lehrer für Kinder in Indien. Sie unterrichten Schulklassen über das Internet. Die über eine Videokonferenz-Software miteinander Verbundenden treten in einen faszinierenden Dialog. Auf der einen Seite stets die vornehme, englische Dame mit der typischen Queen-Frisur. Ihr gegenüber, viele tausend Kilometer entfernt, die Kinder aus Indien, lebendig, aufgeregt, voll bei der Sache. Natürlich ist die Technik die Basis. Die Internet-Verbindung ermöglicht erst die Kommunikation. Doch viel wichtiger ist der kulturelle Ansatz: Großmütter, so erklärt Mitra, sind deswegen so gute Lehrer, weil sie ihre Enkel wirklich bewundern. Sie haben keine pädagogische Mission außer der Freude über den Lernerfolg ihrer Kinder.
 
Diese modernen Methoden klingen doch ganz anders als alles, was wir von unseren klassischen Erziehungs- und Wissensvermittlungssystemen so kennen. Wir schätzen und fürchten die Fundamente unseres Systems: feste Lehrpläne, Frontalunterricht, autoritäre Lehrer. Im Zuge der Aufarbeitung der Segnungen der 68er Jahre müssen sich im Moment alle Reformschulkonzepte neu legitimieren. Bücher über Erziehungs-Disziplin werden zu Bestsellern, egal, ob sie von heimischen Internats-Fürsten geschrieben wurden oder chinesischen Tiger-Müttern. Es scheint, als würde das Pendel der Erziehung eher wieder in die Richtung „Zucht und Ordnung“ ausschlagen.
 
Hier ist entschiedener Widerspruch geboten. Erstens ist die ganze „Zucht-und-Ordnung“-Nostalgie nichts als Verklärung. In den meisten Fällen waren doch die Lehrer am autoritärsten, die am wenigsten verstanden – von ihrer Materie und erst recht von den Kindern. Die besten Lehrer waren immer schon die, die so sehr in sich ruhten, dass sie mit einem Kind – mit einem Kind! – in einen Dialog treten konnten. Interaktion führte immer am ehesten zur Motivation. Natürlich kann es noch lange dauern, bis sich das in unseren traditionsreichen Bildungseinrichtungen herumgesprochen hat.
 
Bei der alljährlich in Berlin stattfindenden größten Online-Bildungs-Konferenz, der Online-Educa, sagte kürzlich Adrian Sannier vom Pearson eCollege: Eigentlich sei die Einführung von Technologie in die Erziehung gescheitert. Man sei im Grunde doch nie über den alten Ansatz hinaus gekommen: eine Klasse, ein Lehrer, der Lehrer ist der Chef, in der Klasse hat jeder für sich selbst zu lernen. Aus, basta.
Sannier glaubt, dass es einen grundlegenden kulturellen Wandel geben muss. Er fordert, dass Lernen als Mannschaftssport begriffen werden muss, dass Methoden, Ergebnisse und Prozesse mit genau diesem Spirit durchtränkt sein müssen.
 
Wie Recht er hat! Die eigentliche Bruchlinie verläuft nicht zwischen dem melodramatischen „Entweder Erziehung oder die Katastrophe!“. Die Herausforderung besteht darin, dass jene fundamentalen Werte, ohne die es das Internet nicht gäbe, Teil der Erziehung werden. Nur wenn die Methoden des Internet – Partizipation, Interaktion, Peer-To-Peer – in die Erziehungs-Prozesse einsickern, werden sich auch die Inhalte ändern.
 
Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu beobachten, dass die wirklichen Innovationen in diesem Bereich nicht von den Bildungs-Eliten des reichen Westens kommen. Sie kommen aus Asien, Afrika, Lateinamerika. Sie kommen von Völkern, in denen das Wachstum besonders stark ist. Wo viele Kinder nachdrängen, ist Bildung ein natürliches Anliegen. Überalterte Gesellschaften wie Deutschland oder Frankreich neigen eher dazu, konservativ zu sein: Wenn es wenige Kinder gibt und die Alten immer länger das Heft in der Hand halten, dann ist der Druck zu Veränderung scheinbar nicht besonders groß.
In jungen und schnell wachsenden Gesellschaften dagegen ist Bildung und Erziehung nur über jene Werte zu vermitteln, die das Internet groß gemacht haben.

Es ist beeindruckend, wie etwa die Türkei in diesem Bereich zur Avantgarde zählt. Bildung ist dort „Big Business“. Zahlreiche Unternehmen befinden sich im Wettbewerb und betreiben Schulen überall auf der Welt – auch in Deutschland. In vielen dieser Schulen gibt es ganz selbstverständlich für jeweils zwei Schüler einen Computer. Die Kinder lernen Englisch, um sich im World Wide Web zurechtzufinden. Vergleichbares gilt für Indien oder Korea.

 
Interaktion bedeutet: Lernen ist keine Einbahnstraße. Im Internet ist Lernen immer Geben und Nehmen. Mitschüler, Lehrer und all die Generationen, die schon vor uns ihr Wissen offengelegt haben – mit ihnen allen kommunizieren wir. Wichtig ist, dass die Motivation stimmt. Charles Leadbeater sagt, dass Motivation aus erziehungswissenschaftlicher Hinsicht die zentrale Triebfeder für erfolgreiches Lernen ist. Lernen müsse Spaß machen, unterhaltend sein, verspielt und dochzugleich fordernd und anstrengend. Die besten Schulen erkennt man daran, dass die Kinder hart lernen und dabei doch Spaß haben. In Venezuela gibt es das Projekt El Sistema. Jedes Kind sollte ein Instrument lernen. Um die Kinder bei der Stange zu halten, wurden überall im Land klassische Orchester gegründet. Die Kinder waren mit unvorstellbarer Begeisterung bei der Sache. Das Projekt hat mittlerweile zahlreiche Musiker von Weltrang hervorgebracht – wie etwa den international gefeierten Dirigenten Gustavo Dudamel.
 
Technologie treibt den Transformationsprozess voran. Nicht nur die Beherrschung der verschiedenen Werkzeuge ist wichtig. Auch die Erkenntnis, dass der technologische Rahmen die Substanz des Wissens verändert. Nehmen wir doch einmal das gute alte Buch. Was ist es – technisch gesehen? Im besten Fall eine kompetente Momentaufnahme. Ein  gelungenes, ideelles Standbild, in dem alle Zusammenhänge gefrieren und so ein Stück Kontext sichtbar wird. Im Internet dagegen wird Wissen immer als dynamische, sich dauernd verändernde Datenbank verstanden. Die ständige Ergänzung und Erweiterung von Wissen ist keine Sache der Kultusministerien, sondern eine res publica – ein Anliegen für alle – geworden.
 
Quellentreue spielt in einem solchen Prozess eine besondere Rolle. Die gerne vorgebrachte Behauptung, das Internet sei in erster Linie ein geistiger Selbstbedienungsladen, ist falsch. Die Diskussionen über den Schutz des geistigen Eigentums sind erst durch das Internet über die Kreise der Experten hinausgedrungen. Im Internet gilt seit jeher: Der größte Wert in der Nennung einer Quelle ist der direkte Link zur Quelle!
 
Das Desaster um die Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg war maßgeblich durch Aktivisten des Internet hervorgerufen: Sie hatten auf der Website „Guttenplag“ akribisch jeden gestohlene Stelle aus der Dissertation markiert, das Original im Wortlaut danebengestellt. So kam der Minister zu Fall. Seit Guttenberg überlegt sich jeder zweimal, ob er abschreibt. Das Modell „Guttenplag“ – eine kollaborative Plattform zur gemeinschaftlichen Erstellung von Inhalten – wird Schule machen. Das gilt für den politischen Raum ebenso wie für den der Schulen und anderer Erziehungseinrichtungen.
 
Natürlich wird auch der Begriff der Quelle neu zu definieren sein: Inhalte werden nicht mehr bloß in Lehrbüchern vermittelt, sondern in lebenden Organismen, wie zum Beispiel im Kurznachrichtendienst Twitter. Dieser kann von ganzen Schulklassen projektbezogen eingesetzt werden. Inhalte werden in einem viel früheren Stadium gemeinschaftlich erstellt. Dies wird zwangsläufig zu einer Neubewertung von individuellen Leistungen führen. Denn anders als im klassischen Schul- und Erziehungsbetrieb wird die Leistung des einzelnen unter Umständen sogar höher bewertet, wenn sie dazu führt, dass die Gruppe profitiert. Kollaboration ist das Gegenteil von Faulheit. Hier geht es nicht um die Allianz der Drückeberger. Künftig wird ein Schüler dann gut benotet, wenn er sein Wissen in die Gemeinschaft einbringt. Nicht immer ist das eigene Werk das beste. Der entscheidende Hinweis zu einem Werk, das fehlende Puzzle in einer Recherche – darauf kann es ankommen. So kann u. U. die Klasse als Gemeinschaft ein Werk schaffen, wie es der Klassenbeste allein nie fertig gebracht hätte.
 
Das Internet erweitert auch unsere Ausdrucksformen. Heute sind es in erster Linie Texte. In Zukunft wird der nonverbale Aspekt eine große Rolle spielen. In einer globalisierten, vielsprachigen und multikulturellen Welt werden wir diese neuen Ausdrucksformen dringend brauchen.
 
Viele Konflikte in der Welt werden heute nur deshalb nicht gelöst, weil die Ereignisse von den Kontrahenten zu unterschiedlich wahrgenommen und dargestellt werden. Jeder fühlt sich im Recht – und drückt seine Meinung in einer Sprache aus, die nur er versteht. Übersetzungen bieten Abhilfe nur an der Oberfläche. Der Hirnforscher Wolf Singer vom Max-Planck-Institut träumt daher von einer „Friedenskonferenz, bei der versucht wird, mit allen verfügbaren Ausdrucksmitteln – also nicht nur Sprache, sondern auch Musik, Gesang, Tanz und Bildern – zu erklären, welches die Ängste und Nöte sind, eine Art Jam-Session ausdruckskompetenter Vermittler. Wenn solche Ausdrucks- und damit auch Rezeptionskompetenz früh gepflegt und eingeübt würde, hätte dies vermutlich segensreiche Auswirkungen auf unsere Sozialgefüge.“
 
Warum also nicht Schularbeiten als Video abliefern? Warum nicht als Online-Game? In der multimedial geprägten Welt, in der Verständigung über die Sprachgrenzen hinweg zu einem Alltags-Problem geworden ist, werden nonverbale Fähigkeiten von großem gesellschaftlichem Wert sein.
 
Die Veränderung der Welt, die wir erleben, kennt keine nationalen Grenzen. Die neuen Werkzeuge und Spielregeln werden nicht mehr nur von den deutschen Schulbehörden, Elternvereinen oder Lehrergewerkschaften bestimmt werden.
 
Wir müssen nicht nach Indien gehen: Schon heute sehen wir, dass viele Konflikte an deutschen Schulen deshalb nicht gelöst werden, weil man mit Mitteln von gestern an die Sache herangeht. Migrationsthemen, Mehrsprachigkeit und unterschiedliche soziale Herkunft machen Erziehung und Schule zu Kampffeldern, auch zu einem Krieg der Kulturen, den keiner will. Aber moralische Appelle oder politische Sonntagsreden helfen hier überhaupt nicht. Mal abgesehen davon, dass die öffentlichen Kassen leer sind und alle Bildungseinrichtungen unter den Restriktionen stöhnen, unter denen sie leiden: Es geht hier um eine kulturelle Revolution, die nicht von oben verordnet werden kann. Die revolutionären Elemente werden von denen eingebracht, die bisher nur Objekte der erzieherischen Bemühungen waren. Durch die partizipatorische Natur des Internet rücken nun die Kinder in den Mittelpunkt. Es besteht die Chance, dass sie endlich zu Subjekten werden, die das Tempo bestimmen. Dies geschieht in ihrem eigenen Interesse. Die spielerischen und nonverbalen Möglichkeiten des Internets können dazu beitragen, dass soziale Unterschiede nivelliert werden, ohne dass deswegen automatisch das Niveau sinkt. Vielfalt und Buntheit können über das sich ständig neu erfindende Medium Internet als Tugenden erkannt und eingesetzt werden.
 
Am Ende werden die profitieren, um die es hier wirklich geht: die Kinder. Genauer gesagt: jedes einzelne Kind. Denn gegenüber den klassischen Lehrmitteln hat das Internet einen substanziellen Vorteil: Es funktioniert nur durch Mitmachen. Auf diesem Weg werden die kognitiven Fähigkeiten gestärkt und deren Entwicklung vorangetrieben. Am berühmten Massachussetts Institute for Technology (MIT) gab es dazu einmal ein sehr aufschlussreiches Experiment, mit welchem die Forscher nachgewiesen haben, welche dramatischen Unterschied die aktive Beteiligung auch für die Denk-Entwicklung konkret hat:
Die Forscher setzten zwei Kätzchen in ein Karussell. Das eine hatte die Pfoten auf dem Boden und konnte durch sein Laufen das Karussell bewegen. Das andere saß in der Gondel und wurde passiv transportiert. Beide sahen natürlich genau das Gleiche. Die spätere Bestimmung der kognitiven Leistungen der beiden Tiere zeigte, dass nur das aktive Tier etwas gelernt hatte, das passive Kätzchen dagegen war nahezu blind und in seiner Koordination schwer gestört. Nur-Zuschauen genügt also nicht. Selbermachen ist für jeden Lernvorgang entscheidend. Nur dann gibt es jenen interaktiven Dialog mit der Umwelt, der für die Optimierung von Entwicklungsprozessen unabdingbar ist.
 
Die Forschung geht weiter: Nicht nur unsere eigenen Erfahrungen bringen uns weiter. Das Peer-To-Peer-Konzept hat nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklungen unserer Denkfähigkeit. In einem anderen wissenschaftlichen Experiment wurde dies mit Oktopussen nachgewiesen: Ein Tier wurde in einen Glasbehälter gesteckt. Danach ließ man einen Teddybären vor seiner Nase baumeln und versetzte ihm gleichzeitig einen Elektroschock. Nach einigen Versuchen hatte der Oktopus messerscharf kombiniert, dass der Teddybär – in Form desElektroschocks – für ihn eine Gefahr bedeutete. Sobald das Stofftier auftauchte, wich der Oktopus aus, um dem Elektroschock zu entgehen. Zugleich stellte man einen zweiten Glasbehälter daneben. Von dort aus beobachtete ein anderer Oktopus das Geschehen. Der hatte Glück: Er sollte nur zuschauen, es gab keinen Elektroschock. Als schließlich jedoch der Teddybär vor seiner Nase auftaucht, reagierte er mit derselben Abwehrhandlung wie sein Artgenosse. Diese Art des „sozialen Lernens“ erfährt durch das Internet ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Dank des menschlichen Nachahmungstriebs können alle voneinander profitieren.
 
Wir sehen also: Das Internet als Mittel zur Wissensermittlung ist nicht nur einfach pragmatisch nützlich. Er verändert unsere Kultur. Vieles in der Erziehung läuft heute schon online und ist so selbstverständlich, dass davon kein öffentliches Aufheben mehr wird. Deutschland hat hier in einigen Bereichen noch erheblichen Nachholbedarf. Aber: Die deutschen Kinder sollten nicht in die Rolle des unglücklichen Kätzchens gedrängt werden, welches nur zuschauen darf. Es könnte zwar reichen, dass man wie der schlaue Oktopus einfach zusieht, wie es andere machen. Doch die Zeit ist knapp: Die Dynamik, mit der weite Teile der Welt mit Hilfe des Internet wissensmäßig aufrüsten, kann uns Bewunderung entlocken. Schnell kann jedoch aus der Bewunderung eine gefühlte Bedrohung werden. 

Neu an dieser Situation: Der Staat kann uns nicht helfen. Was zählt sind Bürgersinn, privatwirtschaftliche Initiativen und der individuelle Wille, wirklich Verantwortung zu übernehmen.
 
Die Erde steht vor gewaltigen Problemen. Verursacht wurden diese Probleme durch die Eltern und Großeltern, die sich’s haben gutgehen lassen. Das Minimum, das nun erwartet werden darf: Zeigt Euren Kindern und Enkeln alle Werkzeuge, mit denen sie die große Katastrophe abwenden können. Macht Euch zu ihren Peers, zu ihren wahren Freunden. Die jüngsten Zahlen sind ermutigend: Die am stärksten wachsende Nutzergruppe von Facebook in Deutschland sind die über 55-Jährigen. Wir dürfen also hoffen, dass wir es auch diesmal wieder schaffen.


* Zum Autor:
Dr. Michael Maier (früher Chefredakteur „Die Presse“/Wien, „Berliner Zeitung“,„Stern“ und „Netzeitung“) leitet das Team der Fachinformation „Blogform Professionell Information“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus der unübersehbaren Anzahl ständig neuer Quellen in den neuen Medien unabhängig in die Tiefe gehende Informationen und Analysen aus gesellschaftlichen relevanten Bereichen anzubieten. Er hat an der Hebräischen Universität Jerusalem zum Thema„Antisemitismus in den Medien der DDR“ und als Fellow am Joan Shorenstein Center for the Press, Politics and Public Policy der Kennendy School of Government an der Harvard Universität zum Thema „Umweltjournalismus in Bürgermedien“ geforscht. Er ist Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Management und Kommunikation in Wien.

Buchtipp:
Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können. Pendo Verlag. 2008.


Nota. 

Die digitale Revolution ist die größte kulturelle Umwälzung - nein, nicht seit der Industrialisierung, nein, nicht seit der Erfindung des Buchdrucks, sondern: - seit  der Sesshaftwerdung der Menschen und der Erfindung des Ackerbaus, seit dem Aufkommen der Arbeitsgesellschaft. Seit rund zwölftausend Jahren. Alles, was uns seit dieser Zeit vertraut, normal und selbstverständlich vorkommt, wird sich neu bewähren müssen.

Das Institut Schule, wie wir es heute kennen, mit seinem normierenden Anspruch und seiner hoheitlichen Würde, ist, na sagen wir, vielleicht dreihundert Jahre alt. Wer außer denen, die sich häuslich darin eingerichtet haben, kann erwarten, dass ausgerechnet die Schule die digitale Revolution unbeschadet überdauern wird?

Die Schule war eine Notwendigkeit für das Aufkommen und den Bestand der industriellen Zivilisation. Aber selbst als solche war sie keine glücklich gefundene Lösung, sondern ein Notbehelf

Sie perfektionieren zu wollen, glich schon im industriellen Zeitalter dem Versuch, das Meer auszulöffeln. Aber im Angesicht der sich unter unsern Augen beschleunigenden digitalen Revolution wird es zu einer eigensüchtigen Bosheit. "Praktisch" und "positiv" sind da nicht die unablässigen, wissenschaftlich ausgefeilten Improvisationen in den nächsten Tag hinein, sondern große Antworten auf eine große Frage. Praktisch und positiv ist nicht das Reformgewurschtel, sondern der radikale Neuentwurf. Nicht länger flickschustern, sondern ein neue Baugrube ausheben!

J. E.

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