aus FAZ.NET, 18. August 2011 Geburtenrate in Deutschland
Jede Frau hat im Schnitt 1,39 Kinder
Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilt, betrug die durchschnittliche Kinderzahl je Frau im vergangenen Jahr 1,39 - und ist damit so hoch wie seit dem Jahr 1990 nicht mehr. Allerdings sinkt die Zahl gebärfähiger Frauen stetig.
Von Axel Wermelskirchen
In Deutschland lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau im Jahr 2010 bei 1,39. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag weiter mitteilte, ist das der höchste Wert seit dem Jahr 1990, als die durchschnittliche Kinderzahl je Frau 1,45 betrug.
Das statistische Bundesamt definiert die durchschnittliche Kinderzahl so: „Bei der Berechnung der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau werden alle Kinder berücksichtigt, die im Laufe eines Jahres geboren werden. Diese durchschnittliche Kinderzahl je Frau, die auch als zusammengefasste Geburtenziffer bezeichnet wird, wird zur Beschreibung des aktuellen Geburtenverhaltens herangezogen. Sie gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommen würde, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre wie das aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im jeweils betrachteten Jahr“.
Der Trend geht zum zweiten und dritten Kind
Anders ausgedrückt: Würden die Fünfzehnjährigen des Jahres 2010 sich in ihrem Geburtenverhalten nach dem Durchschnitt dieses Jahres richten, bekämen sie, bis sie 49 Jahre alt sind, statistisch gesehen 1,39 Kinder. Im Englischen wird die durchschnittliche Kinderzahl je Frau als Total Fertility Rate bezeichnet. Für die Bestandserhaltung einer Bevölkerung ist eine durchschnittliche Kinderzahl je Frau von 2,1 nötig. Die niedrigste durchschnittliche Kinderzahl je Frau der vergangenen zwei Jahrzehnte in Deutschland wurde 1994 mit 1,24 verzeichnet.
Zum Thema
Im Jahr 2010 kamen in Deutschland nach Angaben des Bundesamts insgesamt etwa 678.000 Kinder zur Welt, etwa 13.000 mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig sank die Zahl der gebärfähigen Frauen - bislang ist die Obergrenze mit 49 Jahren definiert - von 18,7 Millionen auf 18,4 Millionen. Für die Statistiker besonders auffallend war, dass mehr Frauen zweite und dritte Kinder bekamen. Die Zunahme war nach den Angaben in dieser Gruppe stärker als bei den Geburten erster Kinder. Im Westen lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau 2010 bei knapp 1,39, im Osten stieg sie auf 1,46. Aus der Statistik lässt sich auch ablesen, dass die Frauen in den neuen Bundesländern jetzt merklich später Kinder bekommen als früher: Im Jahr 1990 hatten noch die damals 23 Jahre alten Frauen die höchste durchschnittliche Kinderzahl, im Jahr 2010 waren es die Dreißigjährigen.
Die Zahl gebärfähiger Frauen sinkt stetig
Einige Nachrichten-Überschriften zur aktuellen Meldung der Wiesbadener Statistiker („Deutschlands Frauen bringen wieder mehr Kinder zur Welt“) können leicht in die Irre führen. Auch wenn die durchschnittliche Kinderzahl je Frau 2010 so hoch war wie seit 1990 nicht mehr: Im gleichen Zeitraum sank in Deutschland die Zahl der lebendgeborenen Kinder von 905.675 auf 677.947. Dass die durchschnittliche Kinderzahl je Frau trotzdem steigen kann, liegt daran, dass die Zahl gebärfähiger Frauen stetig sinkt. Die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge („Baby-Boomer“) aus den sechziger Jahren fallen jetzt aus dem gebärfähigen Alter heraus, und es kommen, salopp gesagt, wenige nach. In Europa liegt Deutschland damit auf den hinteren Rängen; Frankreich etwa hat eine durchschnittliche Kinderzahl je Frau von 2,0 aufzuweisen (2009).
In vielen Ländern der Dritten Welt dagegen zeigt sich, dass eine hohe durchschnittliche Kinderzahl je Frau nicht generell erstrebenswert ist. Mit dem daraus resultierenden schnellen Bevölkerungswachstum hält die Entwicklung dort dann nicht Schritt. Für die Hungerregionen am Horn von Afrika etwa nennt der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen folgende durchschnittliche Kinderzahl je Frau: Somalia 6,35, Äthiopien 6,02, Eritrea 4,48 und Kenia 4,19. Die Regierungen der Entwicklungsländer und Hilfsorganisationen (in Deutschland etwa die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung) versuchen, die Zahlen zu senken.
Nota.
Es hat sich die Vorstellung eingebürgert, bei stetig wachsendem Wohlstand müsse die Zahl der Geburten mit Notwendigkeit stetig sinken. Darauf gibt es in der Historischen Demographie keinerlei Hinweis: Eine Epoche stetig wachsenden Wohlstands hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Die Historische Demographie lehrt nur eines: dass es auf ihrem Feld keine überzeitlichen Gesetze gibt.
Es hat sich die Vorstellung eingebürgert, bei stetig wachsendem Wohlstand müsse die Zahl der Geburten mit Notwendigkeit stetig sinken. Darauf gibt es in der Historischen Demographie keinerlei Hinweis: Eine Epoche stetig wachsenden Wohlstands hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Die Historische Demographie lehrt nur eines: dass es auf ihrem Feld keine überzeitlichen Gesetze gibt.
Was aus der gegenwärtigen Überalterung unserer Gesellschaften noch wird, muss sich erst zeigen.
Merke: In den USA hat sich die Fruchtbarkeitsrate seit vierzig Jahren - seit dem Pillenknick - nicht mehr verändert und bleibt bei knapp über 2,0 bis 2,5.
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J. E.
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