aus Neue Zürcher Zeitung, 9. 2. 2011
Mindestens jedes zweite ADHS-Kind könnte von einer speziellen Diät profitieren, wie eine Studie zeigt. Bei ihnen scheint die Verhaltensstörung durch einzelne Nahrungsmittel bedingt zu sein.
Von Alan Niederer
Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob gewisse Nahrungsmittel bei Kindern und Jugendlichen eine sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auslösen können. Waren bisher viele Fachleute skeptisch, könnte eine Studie aus den Niederlanden und Belgien die Diskussion neu beleben. Laut den Forschern führte eine individuell angepasste Diät bei über 60 Prozent der ADHS-Kinder zu einer deutlichen Besserung der Verhaltensstörung.¹
Erreicht wurde dies mit einem Ansatz, den der deutsche Arzt Joseph Egger 1985 mit einer Untersuchung an 76 hyperaktiven Kindern bekanntmachte: mit der «oligoantigenen Diät». Der Münchner Professor hatte festgestellt, dass nicht nur einzelne Nahrungsbestandteile wie künstliche Farb- und Konservierungsstoffe oder Zucker, sondern jedes Nahrungsmittel bei entsprechender Veranlagung Verhaltensauffälligkeiten auslösen kann. Bei Kindern mit ADHS sollten deshalb nur die wenigen Nahrungsmittel eingesetzt werden, von denen man weiss, dass sie praktisch nie eine nahrungsmittelbedingte Allergie oder Unverträglichkeit auslösen. Darunter fallen insbesondere Reis, Fleisch, Gemüse, Birnen und Wasser. Aber auch Kartoffeln, Früchte und Weizen sollen eher unproblematisch sein.
Schon Eggers Studie zeigte, dass die Spezialernährung bei 62 der 76 hyperaktiven Kinder die ADHS-Symptomatik verbesserte; bei 21 wurde das Verhalten sogar als normal bezeichnet. Dass die Ernährungsumstellung nicht längst Standardtherapie ist, hat laut Jan Buitelaar vom Radboud University Nijmegen Medical Centre in den Niederlanden damit zu tun, dass nicht alle nachfolgenden Studien Eggers gute Ergebnisse reproduzieren konnten. Dabei hätten aber auch methodische Probleme eine Rolle gespielt, betont der Forscher. So seien die Kinder in früheren Studien oft nach strengen Kriterien selektioniert worden, was die Übertragbarkeit der Resultate in die medizinische Praxis erschwere.
Buitelaars Team wählte deshalb einen anderen Ansatz. Unabhängig vom Schweregrad und vom ADHS-Typ suchten sie 100 Kinder zwischen 4 und 8 Jahren, bei denen die Diagnose ADHS erst vor kurzem gestellt worden war. Die meisten Kinder hatten noch kein Medikament wie Ritalin erhalten; falls doch, wurde es vor Studienbeginn abgesetzt.
Aufgeteilt in zwei Gruppen, wurden die einen Kinder einer individuell angepassten oligoantigenen Diät unterzogen, während die Eltern der anderen Kinder nur eine Instruktion über gesunde Ernährung erhielten. Diese Phase dauerte fünf Wochen. In dieser Zeit wurde das Verhalten der Kinder von den Eltern, dem Lehrer und einem auf ADHS spezialisierten Kinderarzt protokolliert - wobei nur der Pädiater nicht wusste, was das jeweilige Kind zu essen bekam.
Dass 64 Prozent der Probanden auf die Diät mit einer positiven Verhaltensänderung reagierten, wertet Buitelaar als grossen Erfolg. Der Effekt sei vergleichbar mit dem, was man von Medikamenten wie Ritalin erwarten könne. Zudem seien die angewendeten Kriterien, was als klinisches Ansprechen gelte, in vielen Medikamentenstudien weit weniger streng, betont der Forscher.
Er schlägt vor, bei Kindern mit neu entdeckter ADHS als Erstes eine oligoantigene Diät durchzuführen. Dann wisse man, ob die Verhaltensstörung durch Nahrungsmittel ausgelöst werde oder nicht. Bei Kindern, die auf die Diät ansprechen, kann in einem zweiten Schritt versucht werden, ein Nahrungsmittel nach dem andern wieder auf den Speiseplan zu setzen - wie das schon Egger propagierte. In der niederländischen Studie erhielten die Kinder nach den fünf Wochen Radikaldiät alle zwei Wochen ein zusätzliches Nahrungsmittel. Aufgrund des Verhaltens konnten die Forscher bei 63 Prozent der Probanden eine Verschlechterung der ADHS-Symptome erkennen, die sich auf bestimmte, individuell unterschiedliche Nahrungsmittel zurückführen liess. Wie Blutanalysen (IgE- und IgG-Messungen) zeigten, war die Unverträglichkeit aber nicht das Resultat einer Allergie. Auf welchem Weg das Essen Gehirn und das Verhalten beeinflussen, bleibt daher unklar.
Für die Ärztin Eveline Breidenstein aus Ottenbach, die sich seit Jahren mit ADHS beschäftigt, ist Buitelaars Studie eine Bestätigung ihrer eigenen Arbeit. Sie habe schon einige Kinder erlebt, die dank der oligoantigenen Diät ohne Medikamente «durchkämen», sagt sie. Aber auch solche, die Diät und Ritalin erfolgreich kombinierten. Breidenstein gibt aber auch zu bedenken, dass die Ernährungsumstellung aufwendig und einschneidend sei, weshalb sie nicht für alle Eltern machbar sei. Zudem müsse die Diät ärztlich begleitet werden, damit das Kind nicht mangelernährt werde.
¹ The Lancet 377, 494-503 (2011).

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